{"id":1028432,"date":"2026-05-18T14:50:19","date_gmt":"2026-05-18T14:50:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1028432\/"},"modified":"2026-05-18T14:50:19","modified_gmt":"2026-05-18T14:50:19","slug":"europa-feminismus-in-der-tuerkei-eine-unterschaetzte-kraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1028432\/","title":{"rendered":"Europa: Feminismus in der T\u00fcrkei: eine untersch\u00e4tzte Kraft"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten zwei Jahrzehnten hat die T\u00fcrkei einen tiefgreifenden autorit\u00e4ren Wandel durchlaufen. Unter der seit 2002 regierenden AKP (\u201ePartei f\u00fcr Gerechtigkeit und Entwicklung\u201c) hat sich der politische Handlungsspielraum der Opposition stetig verengt: Die Pressefreiheit wurde ausgeh\u00f6hlt, zivilgesellschaftliche Organisationen wurden geschlossen oder kooptiert, und der Rechts- und Wahlrahmen wurde zunehmend auf Machtkonsolidierung ausgerichtet. Wie dieser Umbau funktioniert, ist inzwischen gut bekannt. Dabei geht es nicht nur um offene Unterdr\u00fcckung. Die Opposition wird systematisch geschw\u00e4cht: Indem sie zersplittert und ihre F\u00fchrung diskreditiert wird, wird organisierter Widerstand gezielt als gef\u00e4hrlich oder aussichtslos dargestellt. In diesem Kontext ist es \u00e4u\u00dferst schwierig, irgendeine Form politischer Opposition aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Gerade deshalb ist die feministische Bewegung zu einer der wirksamsten oppositionellen Kr\u00e4fte des Landes geworden.\u00a0Sie ist eine best\u00e4ndige, sichtbare und wachsende politische Kraft geblieben, die in der Lage ist, Zehntausende von Frauen auf die Stra\u00dfe zu holen und Forderungen zu artikulieren, die tiefe politische Gr\u00e4ben \u00fcberbr\u00fccken. Die feministische Bewegung in der T\u00fcrkei hat einen alternativen politischen Raum ge\u00f6ffnet und beweist damit, dass Opposition nicht die Macht widerspiegeln muss, der sie sich widersetzt. Und dass gemeinsame Erfahrungen st\u00e4rker verbinden k\u00f6nnen als ideologische Lager. Auch wenn der autorit\u00e4re Druck zunimmt, kann kollektive Organisierung weiterhin gelingen. In einer politischen Landschaft, in der die Frage, wie die Opposition \u00fcberleben kann, immer st\u00e4rker in den Vordergrund r\u00fcckt, ist das, was die feministische Bewegung in der T\u00fcrkei geschaffen hat, nicht nur eine lokale Geschichte. Es zeigt, dass selbst unter autorit\u00e4ren Bedingungen neue Formen politischer Handlungsf\u00e4higkeit entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Der Feminismus erreicht auch Menschen au\u00dferhalb der Anti-AKP-Opposition, weil er seine Kritik nicht auf die staatliche Politik beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die feministische Bewegung in der T\u00fcrkei begann sich in den 1980er Jahren zu organisieren. Haupts\u00e4chlich von Frauen aus linken Bewegungen getragen, wurde sie vom gemeinsamen Widerstand gegen patriarchale Gewalt zusammengehalten. In ihrem Verst\u00e4ndnis von Feminismus positionierten sie sich auch gegen andere Unterdr\u00fcckungssysteme wie Rassismus, Nationalismus und Kapitalismus. Die Bewegung nahm eine kampagnenbasierte Organisationsform an, die es ihr erm\u00f6glichte, dezentralisiert zu bleiben. Diese dezentrale Struktur entstand zwar nicht als bewusste Antwort auf autorit\u00e4ren Druck, sondern aus dem politischen Selbstverst\u00e4ndnis der Bewegung. Im t\u00fcrkischen Kontext hat sie jedoch einen unbeabsichtigten strukturellen Vorteil hervorgebracht: Eine Bewegung, die kein einzelnes Machtzentrum hat, l\u00e4sst sich schwer zerschlagen. Gerade deshalb kann sich die Bewegung auch unter den heutigen schwierigen Bedingungen schnell organisieren und je nach Thema in unterschiedlichen Konstellationen zusammenarbeiten. Diese Widerstandsf\u00e4higkeit schw\u00e4cht auch die Wirksamkeit der Delegitimierungsstrategie der AKP: Sie zielt darauf ab, soziale Bewegungen zu zersplittern und zu diskreditieren, indem sie zentralisierte Strukturen und sichtbare F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten ins Visier nimmt.<\/p>\n<p>Von Anfang an hat die konservative Agenda der AKP, die sich gegen Frauen richtet, gro\u00dfe Wut hervorgerufen. Als direkte Reaktion antworteten die Frauen mit eindeutig feministischen Positionen. Gerade in Zeiten umfassenderer politischer Repression wurde die feministische Bewegung zu einer wichtigen Form des Widerstandes. Der Feminismus erreicht l\u00e4ngst auch Menschen au\u00dferhalb der Anti-AKP-Opposition, gerade weil er seine Kritik nicht auf die staatliche Politik beschr\u00e4nkt. Er benennt ein System m\u00e4nnlicher Dominanz, das \u00e4lter ist als die AKP, das politische Grenzen \u00fcberschreitet und das das Leben von Frauen unabh\u00e4ngig von ihrer politischen Zugeh\u00f6rigkeit pr\u00e4gt. Frauen finden nicht trotz ihrer Unterschiede zur feministischen Politik, sondern gerade durch sie zueinander.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Freiheiten wurden eingeschr\u00e4nkt, und der Spielraum f\u00fcr zivilgesellschaftliches Handeln wurde immer kleiner.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Im Laufe der Jahre, insbesondere in den sp\u00e4ten 2010er Jahren, hat die AKP einen zunehmend autorit\u00e4ren Kurs eingeschlagen. Freiheiten, insbesondere die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, wurden eingeschr\u00e4nkt, und der Spielraum f\u00fcr zivilgesellschaftliches Handeln wurde immer kleiner. Die St\u00e4rke der feministischen Bewegung beruht in diesem Kontext auch auf dem Widerstand, den Frauen in ihrem eigenen Leben gegen m\u00e4nnliche Dominanz entwickelt haben. Die AKP hat darauf gesetzt, die Opposition zu diskreditieren. Dabei hat sie von einer tiefen Polarisierung profitiert und diese noch verst\u00e4rkt. Auch Feministinnen wurden gezielt marginalisiert und delegitimiert. Doch die Sprache des Feminismus \u2013 eine, die alle Frauen anspricht, die sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten anerkennt und Forderungen sowie eine Form des Widerstands, in der sich viele wiederfinden k\u00f6nnen, formuliert\u00a0\u2013 ist dagegen immun. Was die feministische Sprache von anderen Formen des oppositionellen Diskurses unterscheidet, ist nicht, dass sie strategisch alle Frauen anspricht. Vielmehr trifft sie einen gemeinsamen Nerv, weil sie ein System benennt, das Frauen auf unterschiedliche, aber miteinander verbundene Weise betrifft \u2013 unabh\u00e4ngig von Klasse, politischer Zugeh\u00f6rigkeit oder Region. Frauen finden sich nicht trotz ihrer Unterschiede in der feministischen Politik wieder\u00a0\u2013 sie finden einander durch diese Unterschiede.<\/p>\n<p>Die Gewalt gegen Frauen, Femizide und die Straffreiheit m\u00e4nnlicher T\u00e4ter bestehen weiter fort. Gleichzeitig verfolgt der Staat eine Politik, die Frauen vor allem \u00fcber ihre Rolle in der Familie definiert und ihnen die Verantwortung f\u00fcr Sorgearbeit aufb\u00fcrdet. Damit nicht genug: Die Wiederaufnahme von Debatten \u00fcber Themen wie Unterhalt, Abtreibung und Erbschaft sch\u00fcrt die Wut der Frauen noch weiter. Diese Reaktion beschr\u00e4nkt sich nicht auf Frauen, die in der AKP-Opposition sind, sondern wird auch von denen geteilt, die politisch mit der AKP verbunden sind. Das Aufkommen von GONGOs\u00a0(government-organised non-governmental organisations, also regierungsnahe Nichtregierungsorganisationen)\u00a0als Versuch, die organisierte Pr\u00e4senz von Frauen zu kanalisieren, anstatt sie zu unterdr\u00fccken, zeugt von der St\u00e4rke dieser Wut. Selbst diese staatlich gef\u00f6rderte Alternative konnte sich der politischen Energie, die der Feminismus erzeugt hatte, nicht entziehen. Sogar Frauenorganisationen, die als GONGOs gegr\u00fcndet wurden, um die Geschlechterideologie der AKP zu verbreiten\u00a0\u2013 eine Ideologie, die Gleichheit durch das religi\u00f6s gepr\u00e4gte Konzept des \u201eFitrat\u201c ersetzt \u2013, haben zeitweise Positionen eingenommen, die der Politik, die sie eigentlich unterst\u00fctzen sollten, kritisch gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Die feministische Bewegung in der T\u00fcrkei leistet etwas, wozu derzeit nur wenige andere oppositionelle Kr\u00e4fte in der Lage sind: Sie verwandelt allt\u00e4gliche Erfahrungen mit patriarchaler Unterdr\u00fcckung in kollektive politische Sprache und gemeinsames Handeln. Frauen aus unterschiedlichen sozialen und regionalen Kontexten tragen feministische Forderungen weiter, pr\u00e4gen andere politische Bewegungen und finden darin etwas, das organisierte Politik nur selten bietet: die Erkenntnis, dass das, was sich lange pers\u00f6nlich angef\u00fchlt hat, in Wirklichkeit strukturell bedingt ist.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der feministischen Bewegung in den letzten zwei Jahrzehnten bietet mehr als nur eine spezifisch t\u00fcrkische Fallstudie. In einer Zeit, in der autorit\u00e4re Konsolidierung zu einem globalen Muster geworden ist, wirft sie eine konkrete Frage auf: Welche Formen von Organisierung sind autorit\u00e4ren Systemen wom\u00f6glich gerade deshalb \u00fcberlegen, weil sie sich nicht zentral kontrollieren lassen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In den letzten zwei Jahrzehnten hat die T\u00fcrkei einen tiefgreifenden autorit\u00e4ren Wandel durchlaufen. Unter der seit 2002 regierenden&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1028433,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[220762,331,332,52560,548,663,158,3934,3935,11393,220764,220763,13,11532,14,15,2512,139,152584,12,143,13467],"class_list":{"0":"post-1028432","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-akp","9":"tag-aktuelle-nachrichten","10":"tag-aktuelle-news","11":"tag-autoritaer","12":"tag-eu","13":"tag-europa","14":"tag-europaeische-union","15":"tag-europe","16":"tag-european-union","17":"tag-feminismus","18":"tag-fitrat","19":"tag-geschlechterideologie","20":"tag-headlines","21":"tag-kontrolle","22":"tag-nachrichten","23":"tag-news","24":"tag-opposition","25":"tag-regierung","26":"tag-repression","27":"tag-schlagzeilen","28":"tag-tuerkei","29":"tag-widerstand"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116596141410510602","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1028432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1028432"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1028432\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1028433"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1028432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1028432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1028432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}