{"id":1029586,"date":"2026-05-19T01:45:21","date_gmt":"2026-05-19T01:45:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1029586\/"},"modified":"2026-05-19T01:45:21","modified_gmt":"2026-05-19T01:45:21","slug":"rueckkehr-nach-russland-warum-der-heimatbesuch-gefaehrlich-werden-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1029586\/","title":{"rendered":"R\u00fcckkehr nach Russland: Warum der Heimatbesuch gef\u00e4hrlich werden kann"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nNur wenige L\u00e4nder haben so viele B\u00fcrger im Ausland wie Russland. Nach Angaben der Vereinten Nationen lebten 2024 mehr als neun Millionen Russinnen und Russen au\u00dferhalb ihres Landes. Sch\u00e4tzungen zufolge verlie\u00dfen fast eine Million von ihnen ihre Heimat nach Beginn der russischen Gro\u00dfoffensive gegen die Ukraine. Rund 650.000\u00a0davon\u00a0sollen\u00a0bis heute im Ausland\u00a0leben.\u00a0Viele\u00a0Ausgewanderte\u00a0halten weiterhin Kontakt zu ihrer Heimat, besuchen Angeh\u00f6rige oder\u00a0m\u00fcssen\u00a0wegen b\u00fcrokratischer Angelegenheiten zur\u00fcckreisen.\u00a0Dabei gilt der Grenz\u00fcbertritt mittlerweile als eine der gef\u00e4hrlichsten Etappen der Reise.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung0\" class=\"jumpLabel\">Warum Russen an der Grenze ins Visier geraten<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Auch wenn es nicht offiziell erkl\u00e4rt wurde, befindet sich Russland faktisch im Krieg.\u00a0Und entsprechend gehen die Sicherheitsbeh\u00f6rden vor.\u00a0An der Grenze\u00a0gibt\u00a0es l\u00e4ngst nicht mehr nur die\u00a0\u00fcbliche Passkontrolle.\u00a0Stattdessen finden umfassende Filterma\u00dfnahmen statt&#8220;, sagt\u00a0Jewgenij Smirnow, Anwalt der Menschenrechtsorganisation First Department.\u00a0Die meisten Betroffenen\u00a0seien\u00a0keine bekannten Kritiker des Regimes, sondern ganz normale Russinnen und Russen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nBesonders hoch sei das Risiko nach l\u00e4ngeren Auslandsaufenthalten, sagt die Anw\u00e4ltin der Menschenrechtsorganisation OVD-Info, Walerija Wetoschkina. Auch ein Aufenthalt in L\u00e4ndern, die Russland als sogenannte\u00a0&#8222;unfreundliche Staaten&#8220;\u00a0einstuft und die Visarestriktionen gegen russische Staatsb\u00fcrger verh\u00e4ngt haben, k\u00f6nne Anlass f\u00fcr eine Kontrolle sein, erg\u00e4nzt Smirnow. Dazu z\u00e4hlten die meisten europ\u00e4ischen Staaten.\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;\u00dcberpr\u00fcfungen finden auch im Hintergrund statt&#8220;, sagt der Anwalt. Viele Menschen w\u00fcrden an der Grenze aufgehalten, weil bereits Material zu ihnen vorliege und entsprechende Vermerke in internen Datenbanken der Beh\u00f6rden existierten.\u00a0Dabei geht es nicht nur um Fragen zur Person oder zur Reise. Immer h\u00e4ufiger werden auch Mobiltelefone zum entscheidenden Pr\u00fcfstein: Kontakte, Fotos, Chats oder Spenden k\u00f6nnen aus Sicht der Beh\u00f6rden verd\u00e4chtig wirken. So soll es auch dem Russen Roman Jewsejew ergangen sein.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung1\" class=\"jumpLabel\">Ein Heimatbesuch wird zum Verh\u00f6r<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nVor Beginn der russischen Gro\u00dfoffensive lebte er in der sibirischen Stadt Kemerowo und arbeitete in einem Chemielabor. Aus Protest gegen den Krieg wanderte er\u00a02022\u00a0nach Georgien aus. Dort half Roman als Aktivist ukrainischen Kriegsgefl\u00fcchteten und nahm an Antikriegsprotesten teil.\u00a0Ende 2025 wollte er f\u00fcr einen Tag nach Russland einreisen.\u00a0&#8222;Besondere Risiken habe ich dabei ehrlich gesagt nicht gesehen&#8220;, erkl\u00e4rte er sp\u00e4ter den Menschenrechtlern von First Department.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nWas dann am Grenz\u00fcbergang geschah, schildert Roman folgenderma\u00dfen:\u00a0&#8222;Als ich meinen Pass vorlegte, steckte ihn der Beamte an der Kontrolle mehrmals in den Scanner, zog ihn wieder heraus, sah mich an und rief jemanden an.&#8220;\u00a0Stundenlang sei er anschlie\u00dfend von\u00a0Grenzbeamten festgehalten und durchsucht worden. Danach sollen Mitarbeiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB ihn zu seinem Aufenthalt in Georgien sowie seiner Teilnahme an Antikriegsprotesten befragt haben. Dabei sollen sie ihm mit Gewalt und einer Entsendung an die Front gedroht haben.\u00a0Als er schlie\u00dflich nach Russland einreisen durfte, wollte Roman Jewsejew nur noch eines: das Land\u00a0schnellstm\u00f6glichwieder\u00a0verlassen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nWie schwer solche Risiken einzusch\u00e4tzen sind, zeigt auch der Fall Michail Loschinin. Bei ihm wurde nicht nur die Reise selbst zum Problem, sondern vor allem das, was die Beh\u00f6rden auf seinem Telefon fanden. Loschinin reiste im Sommer 2025 mit seinem Motorrad\u00a0\u00fcber Lettland nach Russland ein. Der 48-j\u00e4hrige IT-Spezialist hatte zu diesem Zeitpunkt seit mehr als 25 Jahren nicht mehr in Russland gelebt und sich in Europa ein neues Leben aufgebaut \u2013 zun\u00e4chst in Belgien und Luxemburg, sp\u00e4ter in Deutschland.\u00a0Sein letzter Heimatbesuch hatte noch vor dem Ukraine-Krieg stattgefunden. Dieses Mal wollte er seinen kranken Vater in Sankt Petersburg sehen.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung2\" class=\"jumpLabel\">Chats, Kontakte, Appdaten: Das Handy als Risiko<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nAn der Grenze wurde Michails Telefon zur Kontrolle beschlagnahmt. Darauf sollen zahlreiche Kontakte aus der Ukraine gespeichert gewesen sein, darunter auch Verwandte, berichtet der Telegramkanal #FreeMike, der sp\u00e4ter zu seiner Unterst\u00fctzung gegr\u00fcndet wurde.\u00a0 Loschinin\u00a0wurde\u00a0festgehalten und drei Tage lang am Grenz\u00fcbergang festgesetzt.\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;An jedem Grenz\u00fcbergang gibt es spezielle kriminaltechnische Technik. Damit lassen sich innerhalb weniger Minuten einfache Sperren umgehen\u00a0und\u00a0der gesamte Inhalt eines Telefons analysieren&#8220;, sagt Smirnow. Zwar seien pers\u00f6nliche Informationen auf dem Handy formal weiterhin durch die russische Verfassung gesch\u00fctzt, betont der Anwalt. In der Praxis w\u00fcrden viele Grenzbeamte die Rechtslage jedoch ignorieren, um Zugriff auf die\u00a0Daten\u00a0von Personen zu erhalten, die in Verdacht geraten\u00a0sind.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Im Handy eines Menschen steckt eine F\u00fclle an Informationen\u00a0\u00fcber ihn:\u00a0Chats, Fotos, Banktransaktionen, Abonnements und vieles mehr&#8220;,\u00a0sagt\u00a0Wetoschkina.\u00a0&#8222;In diesen Daten k\u00f6nnen die russischen Beh\u00f6rden leider vieles finden, was sie\u00a0f\u00fcr\u00a0illegal\u00a0halten.&#8220;\u00a0Sie r\u00e4t dazu, das eigene Handy\u00a0niemals nach Russland\u00a0mitzunehmen. Stattdessen solle man ein Ersatzhandy dabeihaben, das keine sensiblen Informationen\u00a0enthalte.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAuf Michails Handy fanden die Beamten Hinweise auf Geld\u00fcberweisungen in die Ukraine. Das reichte f\u00fcr eine Anklage wegen Hochverrats gegen ihn. Seitdem sitzt Michail in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess.\u00a0Seine Geschichte ist kein Einzelfall: Allein die Menschenrechtsorganisation First Department begleitet derzeit acht Menschen, denen nach ihrer Einreise eine Haftstrafe\u00a0in Russland\u00a0droht.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung3\" class=\"jumpLabel\">Vorw\u00fcrfe von Folter und Agentenanwerbung<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nRoman Jewsejew hingegen gelang die Ausreise nach Georgien, nachdem andere FSB-Mitarbeiter in Russland versucht haben sollen, ihn als Agenten im Ausland anzuwerben.\u00a0Er berichtet, gezwungen worden zu sein, ein Dokument\u00a0\u00fcber eine geheime Zusammenarbeit zu unterschreiben und sich den Decknamen\u00a0&#8222;Iwan&#8220;\u00a0zu geben.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nSeine Schilderungen decken sich mit den Beobachtungen der Anw\u00e4ltin Wetoschkina:\u00a0Ins Visier der Sicherheitsbeh\u00f6rden gerieten an den Grenzen vor allem junge Menschen, die nach Beginn des Krieges ausgewandert seien.\u00a0&#8222;Auf ihren Handys finden die Beh\u00f6rden Fotos von Protesten oder Veranstaltungen sogenannter &#8218;unerw\u00fcnschter Organisationen&#8216;. Ihnen werden Haftstrafen angedroht und eine Zusammenarbeit angeboten\u00a0\u2013\u00a0etwa mit dem Vorschlag, nach der R\u00fcckkehr ins Ausland Informationen f\u00fcr die Beh\u00f6rden zu beschaffen.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nJewsejew entschied sich, seinen Anwerbeversuch \u00f6ffentlich zu machen. Doch auch nach seiner R\u00fcckkehr nach Georgien f\u00fchlte er sich nicht sicher und ist inzwischen nach Montenegro weitergezogen.\u00a0Michail Loschinin\u00a0schrieb\u00a0aus der Haft mehrere Briefe, die das Online-Medium &#8222;Bereg&#8220; vor Kurzem ver\u00f6ffentlicht hat. Darin berichtet er von Folter und h\u00e4lt fest:\u00a0&#8222;Ob ich bereue, dass ich hingefahren bin? Ich habe den besten Job meines Lebens verloren, mein ganzes Geld, meine Wohnung. Ich verliere gerade rapide meine Gesundheit. Der stellvertretende Leiter der Ermittlungsabteilung stellt mir eine Haftstrafe von 18 Jahren in Aussicht. Ja, ich bereue, dass ich hingefahren bin.&#8220; Die Anw\u00e4lte Wetoschkina und Smirnow raten im Ausland lebenden russischen B\u00fcrgern derzeit dringend davon ab, ohne triftigen Grund nach Russland einzureisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nur wenige L\u00e4nder haben so viele B\u00fcrger im Ausland wie Russland. 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