{"id":1029634,"date":"2026-05-19T02:11:12","date_gmt":"2026-05-19T02:11:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1029634\/"},"modified":"2026-05-19T02:11:12","modified_gmt":"2026-05-19T02:11:12","slug":"neuer-roman-aus-leipzig-ueber-wut-protest-und-die-macht-der-bequemlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1029634\/","title":{"rendered":"Neuer Roman aus Leipzig: \u00dcber Wut, Protest und die Macht der Bequemlichkeit"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nHeinrich von Kleists Novelle &#8222;Michael Kohlhaas&#8220; erz\u00e4hlt von einem Pferdeh\u00e4ndler, der von einem windigen Adeligen und dessen Bediensteten \u00fcbers Ohr gehauen wird. Weil die Gerichte kein Recht sprechen wollen, zettelt Kohlhaas einen f\u00fcrchterlichen Kleinkrieg gegen die Obrigkeit an, der darin m\u00fcndet, dass mehrere mitteldeutsche St\u00e4dte niedergebrannt werden \u2013 manche sogar mehrfach. Kleist verbindet einen rasanten Actionfilm mit rechtsphilosophischen Abhandlungen und macht seine Novelle so zu einer spannenden Auseinandersetzung mit einem starrsinnigen B\u00fcrgertum und einem korrupten Adel.\n<\/p>\n<p>Eine Frau verl\u00e4sst die Komfortzone<\/p>\n<p class=\"text\">\nEigentlich also eine perfekte Vorlage, um sie in die Gegenwart zu verlegen. Genau das macht Heike Gei\u00dfler in &#8222;Michaela Kohlhaas&#8220;. Ihre Protagonistin ist keine Pferdeh\u00e4ndlerin sondern eine Friedhofsverwalterin, die eines Tages beschlie\u00dft, &#8222;aus den Kontexten zu wandern&#8220;. Sprich: Sie l\u00e4sst das b\u00fcrgerliche Leben mit Job und Wohnung zur\u00fcck, lebt fortan unter freiem Himmel und zieht durch Leipzig und das Umland.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDabei h\u00e4lt sie Kontakt mit der Ich-Erz\u00e4hlerin, einer Frau mit zwei Kindern, die eigentlich auch gerne alles hinter sich lassen w\u00fcrde \u2013 die Gesellschaft mit ihren Ungerechtigkeiten, dem Rechtsruck, der fehlenden Solidarit\u00e4t. Aber im Gegensatz zu Kohlhaas bleibt die Ich-Erz\u00e4hlerin, wo sie ist: Die Kinder m\u00fcssen schlie\u00dflich zum Fu\u00dfballtraining und Muffins wollen auch noch gebacken werden.\n<\/p>\n<p>Widerstand und Anpassung<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Michaela Kohlhaas&#8220; ist einmal mehr eine Auseinandersetzung mit der Idee des Widerstands gegen die Verh\u00e4ltnisse und der seltsamen Bequemlichkeit einer Klasse, die Probleme in der Gesellschaft zwar erkennt und benennt, aber doch nicht f\u00e4hig scheint, sie wirklich anzugehen, weil sonst das eigene, bequeme Leben auf dem Spiel steht.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDas ist ein Thema, mit dem Gei\u00dfler sich schon oft besch\u00e4ftigt hat. Mit jedem neuen Text untersucht sie neue Formen und Denkfiguren des Widerstands: M\u00e4rchenwelten, wie im Roman &#8222;Die Woche&#8220;; Verweigerung durch Hinlegen, wie im Essay &#8222;Liegen&#8220; und jetzt in &#8222;Michaela Kohlhaas&#8220; der radikale Ausstieg aus der Gesellschaft.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nGei\u00dfler l\u00e4sst ihre Michaela Kohlhaas auf eine Gesellschaft prallen, die wenig mitgerissen ist, von der Obdachlosen mit Planwagen, die wirres Zeug redet. Kohlhaas Widerstand verpufft, vielleicht, weil sie eine Frau ist und deshalb weniger ernst genommen wird, vielleicht, weil die Gesellschaft sich schlicht gegen jede Form des Widerstands immunisiert hat. Auch wenn Gei\u00dfler immer wieder andeutet, dass sich sp\u00e4ter dann doch eine Bewegung um Michaela Kohlhaas gebildet haben k\u00f6nnte, in dem Jahr, von dem der Roman erz\u00e4hlt, bleibt die gro\u00dfe Reaktion aus.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nKleists Michael Kohlhaas konnte noch das Volk f\u00fcr seine Sache begeistern und so die Obrigkeit unter Druck setzen. Der Widerstand in &#8222;Michaela Kohlhaas&#8220; verpufft einfach, sie bleibt lediglich ein \u00c4rgernis im \u00f6ffentlichen Raum.\n<\/p>\n<p>Fazit zum Roman: Gute Idee, z\u00e4he Handlung<\/p>\n<p class=\"text\">\nDas Ganze ist mit gro\u00dfem Spa\u00df und gro\u00dfer Spielfreude aufgeschrieben. Nur springt der Funke dieses Mal nicht so recht \u00fcber. Vielleicht liegt es daran, dass die Wanderung der Michaela Kohlhaas etwas z\u00e4h geraten ist. Sie nimmt zwar den Gro\u00dfteil des Buchs ein, aber eigentlich ist die Ich-Erz\u00e4hlerin mit ihrer Zerrissenheit zwischen eigenem, bequemem Leben, Protest und Widerstand die viel interessantere Figur.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nMichaela Kohlhaas bleibt einem als Charakter eher fern. Wer diese Frau ist, warum sie sich f\u00fcr den radikalen Bruch mit ihrem Leben entscheidet, bleibt im Dunkeln. Sie verk\u00f6rpert vor allem die Idee des radikalen Widerstands \u2013 als Hauptfigur f\u00fcr einen ganzen Roman ist das aber etwas d\u00fcnn. Vielleicht ist es aber auch ganz einfach so, dass diese Frage nach der Reaktion auf die Gegenwart nach mehreren Romanen, Essays und Theaterst\u00fccken etwas ersch\u00f6pft ist.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nMit &#8222;Michaela Kohlhaas&#8220; tritt Heike Gei\u00dfler leider vor allem kunstvoll auf der Stelle. Das ist schade. Denn zu sagen g\u00e4be es \u00fcber unseren Umgang mit der Gegenwart noch einiges.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nQuelle: MDR KULTUR (Kais Harrabi), Redaktionelle Bearbeitung: ks<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Heinrich von Kleists Novelle &#8222;Michael Kohlhaas&#8220; erz\u00e4hlt von einem Pferdeh\u00e4ndler, der von einem windigen Adeligen und dessen Bediensteten&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1029635,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[1797,3364,29,30,2989,75560,22163,108801,66,71,81,4330,1803,1795,859,13467,10471],"class_list":["post-1029634","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-buch","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-geschichte","tag-heike-geissler","tag-kleist","tag-kohlhaas","tag-kulturnachrichten","tag-leipzig","tag-mdr","tag-protest","tag-rezension","tag-roman","tag-sachsen","tag-widerstand","tag-wut"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116598819030837239","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029634","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1029634"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029634\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1029635"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1029634"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1029634"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1029634"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}