{"id":1032105,"date":"2026-05-20T01:19:32","date_gmt":"2026-05-20T01:19:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1032105\/"},"modified":"2026-05-20T01:19:32","modified_gmt":"2026-05-20T01:19:32","slug":"poesie-der-peripherie-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1032105\/","title":{"rendered":"Poesie der Peripherie \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin unsichtbar.\u00ab \u00bbIch verachtete die, die mich verachteten, mich da unten.\u00ab \u00bbMit meiner Wohnung verlor ich meine Stimme.\u00ab Die Wiener Choreografin Doris Uhlich nimmt sich immer wieder Menschen in der Peripherie an. Wohnungslosigkeit ist ihr Thema in der Performance \u00bbGap\u00ab, wo sie selbst Betroffene, also k\u00fcnstlerische Laien, berichten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>\u00bbDas prek\u00e4re Leben steigt kontinuierlich an\u00ab, sagt Uhlich im kreuzer-Gespr\u00e4ch. \u00bbDas leistbare Wohnen nimmt auch in Wien ab, Wohnraum wird Luxus.\u00ab Fragen w\u00fcrden dr\u00e4ngender auch bei Menschen, die sich zur Mittelschicht z\u00e4hlen: \u00bbWas kann man sich noch leisten?\u00ab Da schwinge das generelle Tabu mit, \u00fcber Geld zu sprechen, so Uhlich. Sie fokussiert allerdings auf Menschen, die von besonderer Scham betroffen und ganz aus dem System gefallen sind.<\/p>\n<p>\u00bbWie f\u00fchlt es sich an, wenn man gar kein Auffangnetz mehr hat, auf der Stra\u00dfe zu leben? Welche Gr\u00fcnde f\u00fchren dazu, welche gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und was sagt das \u00fcber diese Verh\u00e4ltnisse aus?\u00ab Das sind ihre Fragen, wenn sie vermitteln will: \u00bbEs kann jeden treffen, das wird nur nicht offen ausgesprochen.\u00ab<\/p>\n<p>Uhlich hat f\u00fcrs Wiener Tanzquartier Workshops mit Menschen gestaltet, die Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit sammeln mussten. Dabei fanden sie Ausdruck und Sichtbarkeit f\u00fcr diese Erfahrungen. Nach den Workshops wollten sie gern weitermachen, also machten sie weiter: \u00bbWir gehen auf die B\u00fchne, ins Zentrum, ins Rampenlicht.\u00ab Und zwar mit sechs Performern, die mit transparenten Luftobjekten auf der B\u00fchne agieren. Diese aufgeblasenen Elemente wie Pyramiden, Kuben und Kegel dienen als verschiebbare \u00bbGrundbausteine der Stadt\u00ab, erkl\u00e4rt Uhlich. Sie verdeutlichen auch, dass Wohnungslose f\u00fcr ihre Umwelt Luft, unsichtbar sind.<\/p>\n<p>Die Produktion sei weder Talkformat noch Nabelschau, kein voyeuristisches Ausstellen. Die Performer sollen Erfahrungen teilen, ohne zu Objekten zu werden. Es gibt Spielszenen, Berichte und Audioaufnahmen; unter anderem von jemandem, der nicht teilnehmen kann. \u00bbEr hat wieder ein Dach \u00fcberm Kopf und w\u00fcrde gern mitmachen. Aber er ist so traumatisiert, dass er Angst hat, sein Zuhause wieder zu verlieren, wenn er rausgeht. So ist er \u00fcber die Lautsprecher dabei.\u00ab<\/p>\n<p>Sie als Choreografin interessieren die existenziellen k\u00f6rperlichen Zust\u00e4nde \u2013 und was sie im Innenleben ausl\u00f6sen. Sie m\u00f6chte, dass das Publikum andere Perspektiven einnimmt: \u00bbEtwa die Welt von unten zu sehen, wie wenn man auf der Stra\u00dfe sitzt. Dazu geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch die Widerspr\u00fcchlichkeit, dass Menschen auf der Stra\u00dfe auch eine gewisse Freiheit empfinden k\u00f6nnen, die sie in geregelten Strukturen nicht haben.\u00ab Wichtig ist dabei f\u00fcr Uhlich das Verh\u00e4ltnis von Zentrum und Peripherie. Wohnungslose und Bettelnde werden von Passanten kaum wahrgenommen und oft von den Beh\u00f6rden aus den Stadtzentren, aus der Sichtbarkeit verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>\u00bbDoris Uhlich erschafft poetische, vornehmlich das Emotio adressierende Bilder\u00ab, lobt eine Rezension in einem \u00f6sterreichischen Kulturmagazin. \u00bbSympathie und Empathie f\u00fcr die sechs auf der B\u00fchne zu empfinden, ist eine der St\u00e4rken dieses St\u00fcckes. Eine andere ist, N\u00e4he zu diesen unserer Sph\u00e4re entr\u00fcckten Leben zu erzeugen.\u00ab<\/p>\n<p>Nicht nur die Wiener Produktion wird in der Schauspiel-Residenz zu sehen sein. Uhlich h\u00e4lt eine Workshopwoche ab, um \u00bbmit Wohnungslosen hier in Kontakt zu kommen, mit ihnen \u00fcber sich zu reden, \u00fcber ihre Lage und ihre \u00dcberlebensstrategien.\u00ab Das Schauspiel Leipzig hat Interessenten organisiert, mit denen Uhlich ins Gespr\u00e4ch kommen m\u00f6chte. Zu was genau das dann f\u00fchrt, kann sie noch nicht sagen. \u00bbEs wird eine Pr\u00e4sentation zu sehen sein, die Form ist noch offen.\u00ab<\/p>\n<p>In Wien ist sie mit den Teilnehmenden in die \u00d6ffentlichkeit gegangen, hat so den \u00f6ffentlichen Raum erobert. \u00bbSie haben das Publikum an ehemalige Orte gef\u00fchrt, wo sie gelebt haben. Das macht etwas mit dem eigenen K\u00f6rper, wenn man sieht, wo ein Mensch auf der Stra\u00dfe geschlafen hat.\u00ab\u00a0Ob sie auch in Leipzig den \u00f6ffentlichen Raum zur B\u00fchne macht, wird sich zeigen. \u00bbDie Teilnehmenden teilen mit, was sie mitteilen wollen und wie sie es mitteilen wollen.\u00ab In jedem Fall sei ihre, Uhlichs, Message deutlich: \u00bbEin Absturz kann jeden treffen, das wird nur gesellschaftlich verschleiert.\u00ab <\/p>\n<p>&gt; \u00bbGap\u00ab: 28.5. (Premiere), 29.\u201331.5., 20 Uhr, Residenz<br \/>&gt; Workshop: 17.\u201322.5., Pr\u00e4sentation: 22.5., 20 Uhr, Residenz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ich bin unsichtbar.\u00ab \u00bbIch verachtete die, die mich verachteten, mich da unten.\u00ab \u00bbMit meiner Wohnung verlor ich meine&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1032106,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,71,33656,11891,28285,859,3699,33065,75766,33066,20183,33068,111151],"class_list":["post-1032105","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-leipzig","tag-obdachlos","tag-obdachlosigkeit","tag-performance","tag-sachsen","tag-veranstaltung","tag-veranstaltung-leipzig","tag-veranstaltungsbericht","tag-veranstaltungseroeffnung","tag-veranstaltungshinweis","tag-veranstaltungstipp","tag-wohnungslos"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116604276843404108","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1032105","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1032105"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1032105\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1032106"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1032105"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1032105"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1032105"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}