{"id":1036000,"date":"2026-05-21T14:09:23","date_gmt":"2026-05-21T14:09:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1036000\/"},"modified":"2026-05-21T14:09:23","modified_gmt":"2026-05-21T14:09:23","slug":"neue-dauerausstellung-im-dokuzentrum-wie-kamen-die-reichsparteitage-nach-nuernberg-bayern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1036000\/","title":{"rendered":"Neue Dauerausstellung im Dokuzentrum: Wie kamen die Reichsparteitage nach N\u00fcrnberg? &#8211; Bayern"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">\u00dcblicherweise ist es ja so: Ein Museum \u00f6ffnet, satte Besucherzahlen werden prognostiziert, wenig sp\u00e4ter folgt Ern\u00fcchterung. Beim Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgel\u00e4nde in <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/N%C3%BCrnberg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">N\u00fcrnberg<\/a> war es genau andersherum. Mit ein paar Zehntausend Interessierten pro Jahr hatte man schon gerechnet bei der Er\u00f6ffnung 2001. <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/projekte\/artikel\/bayern\/nuernberg-ns-reichsparteitagsgelaende-baustelle-opernhaus-e702841\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Klar, es gibt eben nur ein solches Areal, das gr\u00f6\u00dfte noch erhaltene Ensemble von NS-Herrschaftsarchitektur.<\/a><\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Als man das Dokuzentrum\u00a0\u2013 jedenfalls dessen Kern\u00a0\u2013 dann aber absperrte vor f\u00fcnf Jahren, um Funktionsr\u00e4ume und Dauerausstellung zu erneuern, stand da diese Zahl: mehr als 300 000 Besucher j\u00e4hrlich. Ein Vielfaches dessen, was man erwartet hatte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/9dc4a506-5339-4729-98ff-a4fe2d80cb28.jpg\"   alt=\"Der Eingang des Dokuzentrums, hier im Jahr 2017.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Der Eingang des Dokuzentrums, hier im Jahr 2017. Foto: Johannes Simon<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Die alte Ausstellung ist viel gelobt worden und das nicht allein wegen des Andrangs. Immerhin hatte sich N\u00fcrnberg mit dem Dokuzentrum deutlich fr\u00fcher auf den Weg \u00f6ffentlicher Aufarbeitung gemacht als etwa die \u201eHauptstadt der Bewegung\u201c, zu der die Nazis M\u00fcnchen erkl\u00e4rt hatten. Und wer eine angemessene Zurschaustellung dunkler Stadtgeschichte f\u00fcr eine pure Selbstverst\u00e4ndlichkeit h\u00e4lt im 21. Jahrhundert, der muss dieser Tage nur nach Bayreuth blicken.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">In der Stadt von Wagner und Hitler\u00a0\u2013 <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/bayern\/bayreuther-festspiele-dokumentationszentrum-nationalsozialismus-ideologiegeschichte-richard-wagner-houston-stewart-chamberlain-1.6323003\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">und dem Verbindungsglied Houston Stewart Chamberlain<\/a>\u00a0\u2013 haben sie jahrelang an einer Idee laboriert, diese braunen Bez\u00fcge in einem Dokuzentrum darzustellen. Bis der Stadtrat k\u00fcrzlich zur Einsch\u00e4tzung kam: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/bayern\/bayreuth-ns-dokuzentrum-richard-wagner-chamberglain-planung-studie-li.3467733\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">leider kein Geld da f\u00fcr die gro\u00dfe L\u00f6sung<\/a>.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Was, angesichts der Vorreiterschaft N\u00fcrnbergs, bei aller positiven Wahrnehmung mitunter zu kurz kam: Die Pr\u00e4sentation im Dokuzentrum war 20 Jahre lang alles andere als barrierefrei\u00a0\u2013 inakzeptabel, gerade angesichts der NS-Geschichte. Und f\u00fcrs internationale Publikum hielt man Objektbeschriftungen ausschlie\u00dflich in deutscher Sprache bereit, peinlich. Vor allem aber war die Dokumentation, den Wissensstand betreffend, einfach nicht mehr State of the Art, sagt Imanuel Baumann, der Leiter des Hauses.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/d2291817-dd9b-4cac-9949-8717ee06fb5e.jpg\"   alt=\"Imanuel Baumann leitet das Dokuzentrum.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Imanuel Baumann leitet das Dokuzentrum. Foto: Matthaeus<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">2022 haben zwei Hausmitarbeiter der SZ beschrieben, wie sich das Dokuzentrum \u2013 nicht zuletzt w\u00e4hrend der Pandemie, als viele ihre Keller ausmisteten \u2013 <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/bayern\/nuernberg-dokumentationszentrum-reichsparteitagsgelaende-ns-devotionalien-1.5502613\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">zur Sammelstelle f\u00fcr private NS-Hinterlassenschaften entwickelt hat.<\/a> Geplant war das so nicht. Im Lauf der Jahre aber wuchs die Zahl derer, die den geerbten Nazikram einfach loswerden wollten. Im Dokuzentum sprechen sie von einer \u201eWin-win-Situation\u201c. NS-Devotionalien gelangen nicht in den pervertierten Sammlermarkt. Das Haus muss kein Geld aufwenden f\u00fcr Dokumentationsobjekte. Und bekommt Quellenmaterial.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Auch diese Quellen aus privaten Best\u00e4nden machen die neue Ausstellung so wertvoll. Man sieht eben nicht allein jene hinl\u00e4nglich bekannten Abbildungen vom Massenaufmarsch auf dem Gel\u00e4nde\u00a0\u2013\u00a0 und damit eine erw\u00fcnschte Perspektive der NS-Propagandisten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/e8b1fecc-573b-4920-b6d6-74a95a544767.jpg\"   alt=\"Aufmarsch auf dem Zeppelinfeld im Jahr 1938 ...\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Aufmarsch auf dem Zeppelinfeld im Jahr 1938 &#8230; Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgel\u00e4nde<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/82bb9e0c-766f-44f5-b0b5-845fe384025f.jpg\"   alt=\"... und zwei Jahre zuvor.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>&#8230; und zwei Jahre zuvor. Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgel\u00e4nde<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Zu entdecken, in gleicher Gr\u00f6\u00dfe, ist auch ein realistischer Blick auf das Areal aus dem privaten Blickwinkel eines der beteiligten NS-Parteig\u00e4nger. Auf diesem Bild ist die Sicht eingeschr\u00e4nkt. Man sieht zwar sehr viele Menschen. Aber auch den M\u00fcll.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/2a0e9467-ff70-423d-a640-7888f2e1ad2e.jpg\"   alt=\"Private Aufnahme des Reichsparteitags von 1933.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Private Aufnahme des Reichsparteitags von 1933. Foto: Dokuzentrum Reichsparteitagsgel\u00e4nde DZ-Ph 14.4, Lizenz CC BY-ND 4.0<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Das freilich sind schon die Details. Als Einstieg in die neue Ausstellung \u201eN\u00fcrnberg und die Reichsparteitage\u201c, die von diesem Freitag an vorerst im Probebetrieb ge\u00f6ffnet ist, haben sich die beiden Kuratorinnen Melanie Wager und Martina Christmeier f\u00fcr eine maximal direkte Frage entschieden: \u201eWarum N\u00fcrnberg? Why N\u00fcrnberg?\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Die Frage also, warum die mehrt\u00e4gigen Massenaufm\u00e4rsche genau in dieser Stadt stattgefunden haben. Und in keiner anderen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/5b17635e-dddf-4bc8-a6d6-36cb3dcbf26d.jpg\"   alt=\"Martina Christmeier und ...\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Martina Christmeier und &#8230; Foto: Matthaeus Photographer<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/70a46bad-c374-4a8a-891b-ab72019e6153.jpg\"   alt=\"... Melanie Wager haben die neue Pr\u00e4sentation konzipiert.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>&#8230; Melanie Wager haben die neue Pr\u00e4sentation konzipiert. Foto: Matthaeus<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Am Ende der Pr\u00e4sentation ist dokumentiert, wie sich schon ihre Vorg\u00e4nger an dieser Frage abgearbeiteten haben. Und auch nicht den einen Grund daf\u00fcr gefunden haben, eher ein Kaleidoskop an Faktoren. Wohl spielte die verkehrsg\u00fcnstige Lage eine Rolle, auf dem Weg zwischen M\u00fcnchen und Berlin. Mit dem Park am Luitpoldhain stand ein geeignetes Areal zur Verf\u00fcgung. Und der Ruf der Stadt als \u201edes Reiches Schatzk\u00e4stlein\u201c und Ausrichtungsort mittelalterlicher Hof- und Reichstage bot auch erw\u00fcnschte Ankn\u00fcpfungspunkte. Offenkundig sollte der imperatorische Glanz des Kaisers aus dem ersten Reich aufs angebliche \u201eDritte Reich\u201c abf\u00e4rben.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Schuldlos freilich war N\u00fcrnberg sicher nicht. Unter Chefhetzer Julius Streicher verf\u00fcgte die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/NSDAP\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">NSDAP<\/a> fr\u00fch schon \u00fcber eine stabile Parteistruktur in N\u00fcrnberg. Rechtsextremisten hatten dort bereits in den 1920er-Jahren aus ihrer Sicht erfolgreiche Massenveranstaltungen ausgerichtet. Und der \u00f6rtliche Polizeichef zeigte sich v\u00f6lkischen Umtrieben ausgesprochen aufgeschlossen. Auf dem Weg von der \u201eHauptstadt der Bewegung\u201c in die Reichshauptstadt war Franken den Nazis die willkommene braune Br\u00fccke.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Man kann zwei Stunden in dieser Neupr\u00e4sentation verbringen und wird dann exzellent orientiert sein. Empfehlenswerter freilich w\u00e4ren eher zwei Tage, um Preziosen wie die Postkarten zu entdecken, mit denen Reichsparteitagsg\u00e4nger ihre Lieben zu Hause versorgten. Jene etwa, in der ein Professor Schmidt seine Potsdamer Kollegen dar\u00fcber in Kenntnis setzt, alle \u201eF\u00fchrer ausser G\u00f6ring\u201c schon \u201eganz nahe gesehen\u201c zu haben, den Hitler gar zweimal.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Oder die \u2013 dreifach unterstrichenen \u2013 Leits\u00e4tze, mit denen der \u201eTraditionsgau M\u00fcnchen-Oberbayern\u201c seine Parteig\u00e4nger ausstattet. Wichtigste Punkte: \u201eUnbedingter Gehorsam, verbunden mit echter oberbayerischer Fr\u00f6hlichkeit\u201c. \u201eW\u00e4hrend des Parteitages bist Du im Dienst\u201c. Und: \u201eBetrinke Dich nie!\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\"><a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/bayern\/ulrich-maly-kommunalwahl-social-media-nuernberg-interview-li.3461523\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Alt-Oberb\u00fcrgermeister Ulrich Maly<\/a> hat als Vorsitzender des Kuratoriums alle inhaltlichen Debatten um die neue Schau erlebt. Die Vehemenz etwa, mit der Historikerinnen des Hauses darauf gedr\u00e4ngt haben, die Herkunft s\u00e4mtlicher Quellen auch in der Schau akribisch zu dokumentieren\u00a0\u2013 als Zeichen gegen digitale Fake-Fotos. Oder die Diskussion, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/bayern\/bayern-nuernberg-dissertation-propaganda-rechtspopulismus-1.4689519\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">wie viel ausgestellte \u201eSt\u00fcrmer\u201c-Hetze dokumentarisch sinnvoll\u00a0und, entsprechend einordnend, eben doch vertretbar und sogar notwendig ist.<\/a> Das Ergebnis findet Maly nun extrem gelungen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/418f70d7-8e6b-4b7f-8b27-e8f1aa26b191.jpg\"   alt=\"Blick in den Ausstellungsraum \u201eMedienereignis Reichsparteitag\u201c.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Blick in den Ausstellungsraum \u201eMedienereignis Reichsparteitag\u201c. Foto: Dokuzentrum Reichsparteitagsgel\u00e4nde<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Farblich setzt sich der Weg durch die neue Pr\u00e4sentation jetzt deutlich gegen das omnipr\u00e4sente Rotbraun des NS-Baus ab, es ist heller als zuvor. Im vorletzten, dunkleren Raum aber kann man Besucher dabei beobachten, wie sie ob der Niedrigkeit der NS-Architektur an dieser Stelle reflexartig den Kopf einziehen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">In dem beklemmenden Raum werden Geschichten von Menschen erz\u00e4hlt wie jene des N\u00fcrnbergers Arthur Brunner, der im Alter von zwei Jahren eine Hirnsch\u00e4digung erleidet. In einer Patientenakte wird er als gutm\u00fctig beschrieben, stets zu Scherzen aufgelegt. 1941 wird er in einer Gaskammer ermordet.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Ein Stockwerk tiefer gibt es nach dem Umbau ein inklusiv betriebenes Caf\u00e9. Mit Verweis auf die Geschichte Brunners hei\u00dft es \u201eArthur\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00dcblicherweise ist es ja so: Ein Museum \u00f6ffnet, satte Besucherzahlen werden prognostiziert, wenig sp\u00e4ter folgt Ern\u00fcchterung. 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