{"id":1037544,"date":"2026-05-22T04:40:27","date_gmt":"2026-05-22T04:40:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1037544\/"},"modified":"2026-05-22T04:40:27","modified_gmt":"2026-05-22T04:40:27","slug":"deutschland-in-der-jungsteinzeit-patchwork-statt-kernfamilie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1037544\/","title":{"rendered":"Deutschland in der Jungsteinzeit: Patchwork statt Kernfamilie"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland in der Jungsteinzeit: Patchwork statt Kernfamilie &#8211; Spektrum der Wissenschaft<a id=\"top\" class=\"jump-to-content\" href=\"#main\" title=\"Direkt zum Inhalt\">Direkt zum Inhalt<\/a>Deutschland in der Jungsteinzeit: Patchwork statt Kernfamilie<\/p>\n<p>Wer lag mit wem im Megalithgrab? Vor gut 5000\u00a0Jahren nicht immer Blutsverwandte. Wie bei zwei Steinzeitkulturen, die noch dazu die \u00e4ltesten Familienstammb\u00e4ume Deutschlands liefern.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Eine k\u00fcnstlerische Darstellung eines pr\u00e4historischen Grabh\u00fcgels in einem dichten Wald. Die Szene zeigt einen offenen Grabh\u00fcgel mit freigelegten Skeletten und Sch\u00e4deln, umgeben von Steinen und Tongef\u00e4\u00dfen. Die Umgebung ist \u00fcppig gr\u00fcn mit verschiedenen B\u00e4umen und Pflanzen, die eine dichte Waldlandschaft bilden. Die Illustration vermittelt eine mystische und historische Atmosph\u00e4re, die die Verbindung zwischen Natur und antiken Begr\u00e4bnisritualen betont.\" class=\"full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Sorsum__with_bones_susanne_beyer_UFG_Kiel_red_2_zuschnitt.jpg\" title=\"Eine k\u00fcnstlerische Darstellung eines pr\u00e4historischen Grabh\u00fcgels in einem dichten Wald. Die Szene zeigt einen offenen Grabh\u00fcgel mit freigelegten Skeletten und Sch\u00e4deln, umgeben von Steinen und Tongef\u00e4\u00dfen. Die Umgebung ist \u00fcppig gr\u00fcn mit verschiedenen B\u00e4umen und Pflanzen, die eine dichte Waldlandschaft bilden. Die Illustration vermittelt eine mystische und historische Atmosph\u00e4re, die die Verbindung zwischen Natur und antiken Begr\u00e4bnisritualen betont.\"\/><\/p>\n<p> \u00a9 Susanne Beyer, Institut UFG, CAU\u00a0Kiel (Ausschnitt) <\/p>\n<p> Im Grab von Sorsum bei Hildesheim\u00a0\u2013 hier eine Illustration\u00a0\u2013 lagen mehr als 100\u00a0Tote. Arch\u00e4ologen datieren es mithilfe der Radiokarbonmethode in die Zeit von etwa 3350\u00a0bis 3100\u00a0v.\u00a0Chr. <\/p>\n<p>Eine Gro\u00dffamilie, eine Gegend, ein Megalithgrab\u00a0\u2013 vor mehr als 5000\u00a0Jahren trugen Menschen in Europa so ihre Toten zu Grabe. Doch ein Teil des jungsteinzeitlichen Deutschlands tickte offenbar anders. In Megalithgr\u00e4bern der Wartbergkultur aus der Zeit von etwa 3400\u00a0bis 2800 v.\u00a0Chr. und in einem Grab der Trichterbecherkultur-West erwiesen sich knapp die H\u00e4lfte der Toten als nicht biologisch miteinander verwandt. Wie Genanalysen au\u00dferdem verrieten, bezeugen die \u00fcbrigen Verstorbenen Verwandtschaften verschiedenen Grades\u00a0\u2013 in einem Fall \u00fcber weite Distanzen und Kulturgrenzen hinweg: Ein Vater und sein Sohn wurden etwa 225\u00a0Kilometer voneinander entfernt bestattet, <a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.aeb2926\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">berichten Johannes M\u00fcller und Ben Krause-Kyora von der Universit\u00e4t Kiel zusammen mit ihrem Team in \u00bbScience\u00ab<\/a>. Ihre Gendaten gew\u00e4hren zudem Einblick in die Familiengepflogenheiten der sp\u00e4ten Jungsteinzeit, <a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/news\/steinzeitfamilie-maenner-blieben-daheim-frauen-zogen-fort\/2164578\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">die zum Teil bereits anderswo in Europa beobachtet wurden<\/a>: Frauen wanderten von ausw\u00e4rtigen Gemeinschaften ein, w\u00e4hrend die M\u00e4nner an ihrem Heimatort blieben\u00a0\u2013 und mehr als eine Partnerin haben konnten. <\/p>\n<p>In der Zeit von etwa 4500\u00a0bis 2800 v.\u00a0Chr. war der Bau von Megalithgr\u00e4bern in Europa weitverbreitet\u00a0\u2013 von der Iberischen Halbinsel bis nach Skandinavien. In der Trichterbecherkultur-West, die in einer Region von den \u00f6stlichen Niederlanden \u00fcber das n\u00f6rdliche Westfalen bis nach Niedersachsen siedelte, errichteten die Menschen sogenannte Ganggr\u00e4ber, bei denen die Grabkammer \u00fcber einen mit Steinplatten ausgekleideten Korridor zug\u00e4nglich war. In solchen Grablegen wurden Dutzende Menschen bestattet.<\/p>\n<p>Im Siedlungsraum dieser Kultur entdeckten die Fachleute der neuen Studie jedoch einen Ausrei\u00dfer: Das Megalithgrab im nieders\u00e4chsischen Dorf Sorsum bei Hildesheim passt nicht ins Muster. Die Anlage aus der Zeit von etwa 3350\u00a0bis 3100\u00a0v.\u00a0Chr. wurde teils als unterirdische Kammer in den Felsboden getieft. Der Grabbau erinnere damit mehr an Gepflogenheiten der Nachbarn der Wartbergkultur, die im n\u00f6rdlichen Hessen, in Ostwestfalen sowie im S\u00fcden von Th\u00fcringen verbreitet\u00a0war.<\/p>\n<p>Unterschiedliche Kulturen, aber dieselbe genetische Vergangenheit<\/p>\n<p>Um den r\u00e4tselhaften Befund zu kl\u00e4ren, entzifferte das Forschungsteam die Genome von 203\u00a0Bestatteten aus dem Grab von Sorsum und f\u00fcnf weiteren Galeriegr\u00e4bern der Wartberggruppe. Wie sich zeigte, waren die Toten von Sorsum genetisch n\u00e4her verwandt mit den Menschen der Wartberggruppe als mit solchen der \u00fcbrigen Trichterbecherkultur\u00a0\u2013 obwohl ihre Alltagsgegenst\u00e4nde, etwa Keramik und Waffen, dieser n\u00e4herstanden als der Wartbergkultur. \u00bbObgleich sich die genetischen Fingerprints der Menschen \u00e4hneln, stecken dahinter unterschiedliche kulturelle Identit\u00e4ten\u00ab, sagt Arch\u00e4ologe Johannes M\u00fcller. Nutzte eine Gruppe dieselbe Sachkultur, musste sie demnach nicht unbedingt eine gemeinsame genetische Vergangenheit haben\u00a0\u2013 und umgekehrt. <\/p>\n<p> \u00a9 Ralf Opitz, Institut UFG, CAU\u00a0Kiel (Ausschnitt) <\/p>\n<p> Jungsteinzeitliche Gro\u00dfsteingr\u00e4ber in Nordmitteleuropa (rote Punkte) | <\/p>\n<p>Mithilfe von DNA-Analysen haben Fachleute die Verwandtschaftsverh\u00e4ltnisse in sechs Megalithgr\u00e4bern der Jungsteinzeit entr\u00e4tselt, die in Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen liegen. In einem Fall zeigte sich: Vater und Sohn starben vor rund 5000\u00a0Jahren 225\u00a0Kilometer voneinander entfernt \u2013 im heutigen Sorsum (Niedersachsen) und Niedertiefenbach (Hessen). <\/p>\n<p>Zudem \u00fcberraschte die Fachleute, dass in den Grabanlagen nicht nur biologisch verwandte Menschen beigesetzt wurden. \u00bbOffenbar spielten auch soziale Bindungen eine Rolle dabei, wer zusammen in ein Grab kam\u00ab, erkl\u00e4rt Coautorin Almut Nebel von der Universit\u00e4t Kiel in einer Pressemitteilung. An Fundorten in Irland, Schweden, England und Frankreich lagen vor allem die Mitglieder biologischer Kernfamilien gemeinsam in einer Grabst\u00e4tte. \u00bbWir haben es bei den von uns untersuchten Fundstellen offenbar mit Gr\u00e4bern von Patchwork-Gemeinschaften zu tun\u00ab, deutet Nebel den Befund. Wom\u00f6glich lebte man in gemeinsamen Haushalten, erg\u00e4nzt Johannes M\u00fcller. \u00bbDie Genetik hatte nicht unbedingt etwas mit den sozialen Welten der Menschen zu tun\u00ab, so der Arch\u00e4ologe.<\/p>\n<p>Vater und Sohn lebten weit voneinander entfernt<\/p>\n<p>Andernorts in Europa scheinen die Menschen weniger weit gewandert zu sein als in der untersuchten Region. Zwar stammten die Frauen an anderen jungsteinzeitlichen Fundpl\u00e4tzen ebenfalls aus ausw\u00e4rtigen Gruppen, aber aus Gegenden wenige Kilometer entfernt. Die neuen Gendaten aus Deutschland zeigen, dass auch m\u00e4nnliche Familienmitglieder dutzende Kilometer weit fortzogen. So fanden sich in einer Megalithanlage im hessischen Niedertiefenbach die \u00dcberreste eines Mannes, dessen jugendlicher Sohn im Kollektivgrab von Sorsum begraben war\u00a0\u2013 etwa 225\u00a0Kilometer von Niedertiefenbach entfernt. Es handle sich \u00bbum die bislang l\u00e4ngste f\u00fcr das Neolithikum nachgewiesene Entfernung zwischen Verwandten ersten und zweiten Grades\u00ab, schreiben die Fachleute in ihrer Studie. Warum der Junge die weite Strecke zur\u00fccklegte, ist unbekannt. Denkbar sei, dass er als Adoptivkind oder als Handwerkslehrling nach Sorsum\u00a0kam.<\/p>\n<p>Die dortigen Menschen hatten zur\u00fcckliegende Familienbande zu den Wartbergern, obgleich ihre Sachkultur sie den Trichterbechern zuordnet. Vielleicht hatten sie durch die Grenzlage zwischen den beiden Verbreitungsgebieten allm\u00e4hlich die Ideen der Nachbarn \u00fcbernommen. F\u00fcr beide Kulturen lieferten die Gendaten zudem Hinweise auf die Familienstruktur: In Sorsum war ein Mann begraben, der f\u00fcnf Kinder mit vier Frauen gezeugt hatte, in Niedertiefenbach hatte ein anderer Mann Nachwuchs mit zwei verschiedenen Frauen. Vielleicht lebten die Menschen polygam, vielleicht f\u00fchrten die M\u00e4nner auch nacheinander Beziehungen, mutma\u00dfen die Forscher. Betrachtet man Deutschland, so sagt es Johannes M\u00fcller, seien es jedenfalls die bislang \u00e4ltesten bekannten Familienstammb\u00e4ume. <\/p>\n<p>Diesen Artikel empfehlen:<\/p>\n<p> ist promovierte Arch\u00e4ologin und Redakteurin f\u00fcr Arch\u00e4ologie, Geschichte und Anthropologie. <\/p>\n<ul class=\"columns kiosk__bar__categories medium-3 no-bullet small-12\">\n<li class=\"active kiosk__bar__category__digital\">Digitalausgaben <\/li>\n<li class=\"kiosk__bar__category__print\">Printausgaben <\/li>\n<li class=\"kiosk__bar__category__topseller\">Topseller <\/li>\n<li class=\"kiosk__bar__category__bundle show-for-medium\">Bundles<\/li>\n<\/ul>\n<p> Da Silva, N. A. et al., Science 10.1126\/science.aeb2926, 2026 <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" height=\"1\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/facb90b7f3604bd6ac04f70bb5581be8.gif\" width=\"1\"\/><\/p>\n<p>Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalit\u00e4t von Spektrum.de zu erhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Deutschland in der Jungsteinzeit: Patchwork statt Kernfamilie &#8211; Spektrum der WissenschaftDirekt zum InhaltDeutschland in der Jungsteinzeit: Patchwork statt&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1037545,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[5],"tags":[222500,6425,553,13,222498,80,222502,222503,14,222499,15,222501,12,10,8,9,11,222504],"class_list":["post-1037544","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-nachrichten","tag-archaeogenetik","tag-archaeologie","tag-familie","tag-headlines","tag-jungsteinzeit","tag-kultur","tag-megalithen","tag-megalithgraeber-trichterbecher","tag-nachrichten","tag-neolithikum","tag-news","tag-palaeogenetik","tag-schlagzeilen","tag-top-news","tag-top-meldungen","tag-topmeldungen","tag-topnews","tag-wartberg"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116616393367665613","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1037544","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1037544"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1037544\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1037545"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1037544"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1037544"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1037544"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}