{"id":1038270,"date":"2026-05-22T11:26:16","date_gmt":"2026-05-22T11:26:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1038270\/"},"modified":"2026-05-22T11:26:16","modified_gmt":"2026-05-22T11:26:16","slug":"wir-hungern-seit-letztem-dezember-soldaten-beschreiben-unmenschliche-zustaende-in-den-ukrainischen-schuetzengraeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1038270\/","title":{"rendered":"\u201eWir hungern seit letztem Dezember\u201c: Soldaten beschreiben unmenschliche Zust\u00e4nde in den ukrainischen Sch\u00fctzengr\u00e4ben"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspCHpa tspCHpb\">Pawlo Grytsenko ahnte schon vor Wochen, dass er bald sterben k\u00f6nnte. Und er sollte Recht behalten. Kurz vor seinem Tod schrieb der ukrainische Soldat dem Tagesspiegel \u00fcber den Messenger Telegram: \u201eMein K\u00f6rper gleicht einem Skelett, das nur noch von Haut \u00fcberzogen ist.\u201c Grytsenko, 25, k\u00e4mpfte zu dem Zeitpunkt seit mehreren Monaten nahe des Ortes Sakitne in Donezk gegen Russland. <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Seine Position: Ein Sch\u00fctzengraben an der Linie Null. \u00dcber ihm Drohnenschw\u00e4rme, die verhinderten, dass Grytsenko das erhielt, was er zum \u00dcberleben brauchte: Lebensmittel und Wasser.<\/p>\n<blockquote class=\"tspCMpv\">\n<p>Wir haben nur noch zwei kleine Flaschen Wasser und zwei Kekse f\u00fcr f\u00fcnf Menschen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"tspCMpw\"><strong>Pawlo Grytsenko, <\/strong>ukrainischer Soldat<\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Grytsenko war in seinen Nachrichten kurz angebunden. Zum Antworten brauchte er h\u00e4ufig mehrere Minuten. Er schrieb dem Tagesspiegel, dass er, bevor er an vorderster Front festsa\u00df, 90 Kilogramm gewogen h\u00e4tte. Er soll stark an Gewicht verloren haben. \u201eWir hungern seit Dezember vergangenen Jahres\u201c, schrieb Grytsenko. <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Um an Wasser zu kommen, h\u00e4tten er und seine Kameraden im Winter Schnee geschmolzen, im Fr\u00fchjahr Regenwasser abgefangen \u2013 wenn es denn geregnet hat. \u201eWir haben nur noch zwei kleine Flaschen Wasser und zwei Kekse f\u00fcr f\u00fcnf Menschen\u201c, schrieb der Soldat. Trotz allem hoffte er, so schrieb er, die Situation zu \u00fcberstehen.<\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Ein Foto, das Grytsenko dem Tagesspiegel schickte, sollte seinen Zustand zu jenem Zeitpunkt zeigen: die Wangenknochen eingefallen, sein Haar lang und verfilzt. Das war Ende April. F\u00fcnf Tage nach dem Nachrichtenwechsel informierten Angeh\u00f6rige von Grytsenkos Familie den Tagesspiegel, dass der Soldat gestorben sei. <\/p>\n<p> Angeh\u00f6rige stellten Hunger-Fotos ins Netz <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Grytsenkos Geschichte schockiert, doch sie ist nicht die einzige \u00fcber Hunger und <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/internationales\/gouverneur-der-region-cherson-unser-leben-spielt-sich-unter-der-erde-oder-unter-drohnenschutznetzen-ab-15563619.html?icid=in-text-link_15620805\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Versorgungsn\u00f6te an der Front<\/a>. Das Ombudsb\u00fcro f\u00fcr das Milit\u00e4r teilte auf Tagesspiegel-Anfrage mit, dass bis April dieses Jahres \u201emehr als 35 Beschwerden\u201c aus mindestens 20 Milit\u00e4reinheiten \u201e\u00fcber die unzureichende Versorgung von Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen an vordersten Positionen\u201c eingereicht wurden. \u00d6ffentliche Aufmerksamkeit erhielten sie Ende April, als Fotos ausgemergelter Soldaten im Netz auftauchten: <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Darauf treten ihre Rippen hervor, Sehnen und Muskeln zeichnen sich deutlich ab, ihre Haut wirkt fahl und sie blicken leer drein. Die M\u00e4nner auf den Fotos sind laut Berichten Soldaten der 14. separaten mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkr\u00e4fte. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/670631712-17865541512615110-3744328098412491346-n.jpeg\"   alt=\"Fotos von Soldaten der 14. Separaten Mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkr\u00e4fte, hochgeladen auf Threads von der Angeh\u00f6rigen eines Soldaten, Iwanna Pobereschnjuk\" aria-labelledby=\"caption-15624244\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspB2n6\"\/><\/p>\n<p class=\"tspB4ob\">Sensible Inhalte<\/p>\n<p class=\"tspB4oc\">Dieses Foto enth\u00e4lt sensible Inhalte, die einige Menschen als anst\u00f6\u00dfig oder st\u00f6rend empfinden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p> ansehen  Iwanna Pobereschnjuk ver\u00f6ffentlichte Fotos von ausgehungerten ukrainischen Soldaten\u00a0\u2013 und stie\u00df damit eine gro\u00dfe Debatte an. <\/p>\n<p class=\"tspWfh\"> \u00a9 threads.com\/@i.petrovna_ <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Sie wurden von Angeh\u00f6rigen der Soldaten in Sozialen Medien ver\u00f6ffentlicht. Sie machten auf die eklatanten Versorgungsprobleme an der Front aufmerksam und erhoben schwere Vorw\u00fcrfe gegen die Kommandof\u00fchrung. Eine der Angeh\u00f6rigen ist Anastasiia Siltschuk. Sie schrieb auf Facebook, dass einige K\u00e4mpfer angeblich acht Monate auf ihren Positionen an der Linie Null verharrten. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/670897699-17865541527615110-8937762804952966531-n.jpeg\"   alt=\"Fotos von Soldaten der 14. Separaten Mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkr\u00e4fte, hochgeladen auf Threads von der Angeh\u00f6rigen eines Soldaten, Iwanna Pobereschnjuk\" aria-labelledby=\"caption-15624261\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspB2n6\"\/><\/p>\n<p class=\"tspB4ob\">Sensible Inhalte<\/p>\n<p class=\"tspB4oc\">Dieses Foto enth\u00e4lt sensible Inhalte, die einige Menschen als anst\u00f6\u00dfig oder st\u00f6rend empfinden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p> ansehen  Das Foto zeigt mutma\u00dflich einen Soldaten der 14. Separaten Mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkr\u00e4fte, hochgeladen auf Threads von Iwanna Pobereschnjuk <\/p>\n<p class=\"tspWfh\"> \u00a9 threads.com\/@i.petrovna_ <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Iwanna Pobereschnjuk, die Tochter eines fr\u00fcheren Soldaten in der 14. Brigade, schrieb auf dem Netzwerk \u201eThreads\u201c, dass die Kommandeure der Einheit nicht auf Beschwerden reagieren w\u00fcrden. Der Post erreichte Zehntausende Menschen und l\u00f6ste Emp\u00f6rung in der ukrainischen \u00d6ffentlichkeit aus. <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Das Verteidigungsministerium reagierte auf den Post und schrieb, die Situation an der Front sei \u201eziemlich kritisch\u201c und gab Probleme in der Logistik zu \u2013 versicherte aber, diese zu l\u00f6sen. <\/p>\n<p> Armee entlie\u00df Kommandeure <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Wenige Tage nach Bekanntwerden der Vorw\u00fcrfe, entlie\u00df der ukrainische Generalstab die Kommandeure der 14. Separaten mechanisierten Brigade und des 10. Armee-Korps. In der Begr\u00fcndung hie\u00df es, sie h\u00e4tten die Missst\u00e4nde \u201everschleiert, es kam zum Verlust einer Reihe von Stellungen und es wurden eine Reihe von Fehlern bei der Versorgung der Soldaten begangen\u201c. <\/p>\n<blockquote class=\"tspCMpv\">\n<p>Ich verstehe nicht, wie die Jungs, die unser Land verteidigen, ohne Essen bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"tspCMpw\"><strong>Iryna Homon, <\/strong>Mutter eines von Hunger betroffenen Soldaten<\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Au\u00dferdem f\u00fchrte das ukrainische Milit\u00e4r eine Regel zur Rotation ein: Ein Soldat d\u00fcrfe nicht l\u00e4nger als zwei Monate auf einer Position an vorderster Front verharren. Au\u00dferdem wurden medizinische Untersuchungen, Ruhezeiten und rechtzeitige Lieferungen von Lebensmitteln vorgeschrieben. <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Und trotzdem tauchen immer wieder neue Berichte von hungernden Soldaten an der Front auf. Der Tagesspiegel erfuhr von einem Fall in der 81. Separaten Luftlandebrigade. Iryna Homon, die Mutter eines Soldaten aus dieser Einheit, k\u00e4mpfe in Donezk und habe ihr ebenfalls erz\u00e4hlt, dass er hungere. \u201eIch verstehe nicht, wie die Jungs, die unser Land verteidigen, ohne Essen bleiben k\u00f6nnen.\u201c <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Der Kontakt zu ihrem Sohn sei seit mehreren Tagen unterbrochen, sagt Homon. Sie hei\u00dft eigentlich anders, will aber aus Angst vor Konsequenzen f\u00fcr ihren Sohn, anonym bleiben. Sie sagte dem Tagesspiegel, dass sie um das Leben ihres Sohnes f\u00fcrchte. <\/p>\n<p> Versorgung in der Todeszone immer schwieriger <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Das Ombudsb\u00fcro des Milit\u00e4rs sieht den Grund f\u00fcr die teils menschenunw\u00fcrdigen Zust\u00e4nde an der Front im \u201eMangel an Personal und Mitteln\u201c. Es bezeichnete die Planung der Kommandof\u00fchrung als \u201eunzureichend\u201c und sagte, dass Soldaten zu sp\u00e4t von ihren Kampfpositionen abgezogen wurden. Zu einzelnen Beschwerden seien bereits Untersuchungen eingeleitet worden. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/img-6403-1.jpeg\"   alt=\"David Long ist ehemaliger US-Geheimdienstmitarbeiter und unabh\u00e4ngiger Milit\u00e4ranalyst. \" width=\"80\" height=\"80\" loading=\"lazy\" class=\"tspB2n6\"\/><\/p>\n<p class=\"tspCUqr\"><strong>David Long<\/strong> ist ehemaliger US-Geheimdienstmitarbeiter und unabh\u00e4ngiger Milit\u00e4ranalyst. <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Auch Russlands Truppen k\u00e4mpfen mit Engp\u00e4ssen an der Front. Laut eines Berichts der britischen Zeitung \u201eSunday Times\u201c sei es in einzelnen russischen Einheiten zu Kannibalismus gekommen. Die Zeitung beruft sich dabei auf Informationen des ukrainischen Milit\u00e4rgeheimdienstes. Unabh\u00e4ngig pr\u00fcfen lie\u00dfen sich diese nicht.<\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Der ehemalige US-Geheimdienstoffizier und Milit\u00e4rexperte David Long erkl\u00e4rt die Engp\u00e4sse mit der neuen Natur des Drohnenkriegs. Die Front ist zu einer \u201eTodeszone\u201c geworden, in der FPV-Drohnen die K\u00e4mpfe dominieren. <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Sie erfassen nahezu jede Bewegung, sei sie die eines Menschen, eines Fahrzeugs oder gegnerischer Drohnen. Diese Zone entlang der Front hat sich seit dem vergangenen Jahr von f\u00fcnf auf bis zu 60 Kilometer ausgeweitet. <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">Long spricht von einer \u201eeinzigartigen Herausforderung\u201c, denn die Logistik werde zunehmend zum Hauptziel von Drohnen. Soldaten mit Nahrung und Wasser zu versorgen, oder Verwundete zu evakuieren, werde so zu \u201eeiner der gef\u00e4hrlichsten Operationen\u201c an der Front, sagt Long. Deshalb w\u00fcrden Lieferungen vermehrt von bodengest\u00fctzten Drohnen \u00fcberbracht oder von besonders kleinen Einsatzgruppen zugestellt. <\/p>\n<p>Lesen Sie au\u00dferdem<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/internationales\/putins-unlosbares-problem-ukraine-nutzt-grosse-lucken-der-russischen-luftverteidigung-aus-15618640.html?icid=topic-list_15620805___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" data-hydrate-fingerprint=\"09740a54944caac75fd2c0c63fd5c5df\" 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Das sagte der <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/internationales\/frontlinie-und-deep-battle-schliessen-sich-nicht-aus-steht-die-ukraine-gerade-besser-da-als-russland-15594926.html?icid=in-text-link_15620805\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Milit\u00e4rexperte Mykola Bielieskow<\/a> dem Tagesspiegel vergangene Woche im Interview. <\/p>\n<p class=\"tspCHpa\">\u201eStattdessen k\u00f6nnten Fernminen und Roboterplattformen mit Maschinengewehren und Granatwerfern eingesetzt werden.\u201c Doch vorerst bleibt das eine Zukunftsvision. F\u00fcr Menschen wie Pawlo Grytsenko ist es zu sp\u00e4t. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Pawlo Grytsenko ahnte schon vor Wochen, dass er bald sterben k\u00f6nnte. Und er sollte Recht behalten. 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