{"id":1039290,"date":"2026-05-22T21:38:23","date_gmt":"2026-05-22T21:38:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1039290\/"},"modified":"2026-05-22T21:38:23","modified_gmt":"2026-05-22T21:38:23","slug":"heimsuchung-film-der-grosse-abschied-des-volker-schloendorff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1039290\/","title":{"rendered":"\u201eHeimsuchung\u201c Film: Der gro\u00dfe Abschied des Volker Schl\u00f6ndorff"},"content":{"rendered":"<p>Mit 87 kehrt der Regisseur der \u201eBlechtrommel\u201c nach Cannes zur\u00fcck. Mit der Verfilmung eines Erpenbeck-Bestsellers. Volker Schl\u00f6ndorff macht ein Haus am See bei Berlin zur B\u00fchne eines deutschen Jahrhunderts \u2013 und zieht damit die Summe eines Regielebens.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der traditionelle Arte-Empfang auf einem Boot, das neben dem Palais des Festivals vert\u00e4ut liegt, nimmt ein j\u00e4hes Ende: Die Besucher m\u00fcssten jetzt bittesch\u00f6n gehen, hei\u00dft es entschuldigend, es gebe noch einen Folge-Event: die Premierenparty von \u201eHeimsuchung\u201c, dem neuen Film von Volker Schl\u00f6ndorff.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Literaturverfilmer des deutschen Kinos kehrt mit 87 Jahren zur\u00fcck nach Cannes, dahin, wo seine Geschichte einst begonnen hat. Als Schl\u00f6ndorff Mitte der Sechzigerjahre mit \u201eDer junge T\u00f6rless\u201c erstmals nach Cannes eingeladen wurde, fuhr er im VW-Bus \u00fcber die Alpen \u2013 lange bevor der Brenner zur reibungslosen Transitstrecke wurde. Seinen Triumph feierte Schl\u00f6ndorff dann 1979: F\u00fcr die Verfilmung der \u201eBlechtrommel\u201c gewann er die Goldene Palme.<\/p>\n<p>In diesem Jahr l\u00e4uft \u201eHeimsuchung\u201c nach dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck in einer Nebenreihe. Schl\u00f6ndorff sieht das gelassen, wie er vor ein paar Tagen der \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/kino-fernsehen-streaming\/volker-schloendorff-der-meister-der-deutschen-literaturverfilmungen-darueber-habe-ich-auch-oft-mit-max-frisch-gestritten-ld.10006619\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/kino-fernsehen-streaming\/volker-schloendorff-der-meister-der-deutschen-literaturverfilmungen-darueber-habe-ich-auch-oft-mit-max-frisch-gestritten-ld.10006619&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">NZZ<\/a>\u201c erz\u00e4hlte: \u201eIch hatte mich zuvor mit Gilles Jacob besprochen.\u201c Der inzwischen 95-j\u00e4hrige franz\u00f6sische Filmkritiker und vormalige Pr\u00e4sident der Filmfestspiele tr\u00f6stete den Freund: \u201eDu kannst doch nicht in den Wettbewerb gehen in deinem Alter, du hast doch die Palme schon.\u201c Schl\u00f6ndorff fand das \u201esehr gut\u201c.<\/p>\n<p>\u201eHeimsuchung\u201c erz\u00e4hlt die Geschichte eines Hauses am Scharm\u00fctzelsee nahe Berlin. Es wird zum Dreh- und Angelpunkt deutscher Geschichte, im Vorkrieg, im Dritten Reich, der DDR, zuletzt der Bundesrepublik \u2013 stets \u00fcberw\u00f6lbt von einem von den Zeitl\u00e4uften unbeeindruckten m\u00e4rkischen Himmel. Das Haus bleibt \u00e4u\u00dferlich genauso unbewegt, aber unsichtbar t\u00fcrmen sich in seinem Inneren und in seinem sch\u00f6nen Garten im Laufe der Jahrzehnte Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen wie Sedimentschichten. Menschen kommen, bauen, lieben, verdr\u00e4ngen, fliehen, werden vertrieben, enteignet, sterben.<\/p>\n<p>Los geht es in den fr\u00fchen Drei\u00dfigerjahren. Nach einer unehelichen Schwangerschaft enterbt ein z\u00fcrnender Bauer (Detlef Buck) die Tochter, f\u00fcr die das Grundst\u00fcck vorgesehen war. Stattdessen errichtet ein Architekt f\u00fcr seine Geliebte ein modernes Refugium: warmes Holz, raffinierte Einbauten \u2013 darunter ein versteckter begehbarer Kleiderschrank, der noch eine wichtige Rolle spielen wird \u2013, diskrete Eleganz, die ganze optimistische Utopie der Moderne. <\/p>\n<p>Lars Eidinger spielt diesen Mann mit seiner latent raubtierhaften Geschmeidigkeit. Er ist kein fanatischer Nazi, eher der Typ kultivierter Opportunist, den das deutsche B\u00fcrgertum des 20. Jahrhunderts in so erschreckender Zahl hervorgebracht hat. Einer, der es gut versteht, H\u00e4user und zugleich sich selbst in jedes System einzurichten. Die Bewerbung des Ehrgeizlings im B\u00fcro Albert Speer scheitert. Was er als Ungl\u00fcck und pers\u00f6nliche Ungerechtigkeit erlebt, erweist sich sp\u00e4ter als Segen, wenn die Russen den Kriegsheimkehrer als politisch unbescholten laufen lassen.<\/p>\n<p>Dabei hat er sich schamlos das Nachbargrundst\u00fcck angeeignet, als sich die Chance dazu bot. Ein j\u00fcdischer Tuchh\u00e4ndler, gespielt von Ulrich Matthes, verkauft es weit unter Wert, um die Ausreise seiner Familie zu finanzieren. W\u00e4hrend Eidinger mit h\u00f6flicher Schl\u00fcpfrigkeit agiert, legt Matthes in jede Bewegung eine stille, ersch\u00f6pfte W\u00fcrde. In seinem Blick liegt fr\u00fch das Wissen, dass alles zu sp\u00e4t ist. Als der Brief mit der Aufforderung kommt, f\u00fcr acht Tage zu packen und sich zwecks Umsiedelung nach Polen zu begeben, f\u00fcgt er sich klaglos in sein Schicksal.<\/p>\n<p>Seine Enkelin, deren Tage auch gez\u00e4hlt sind, schickt den Gro\u00dfeltern Briefe. Es kommt nie eine Antwort. Jahrzehnte sp\u00e4ter entdecken die neuen Bewohner hinter einer Holzvert\u00e4felung eben jene Briefe des Kindes. Die Mutter, die wohl ebenso ahnte wie der Gro\u00dfvater, was gespielt wird, hat sie nie abgeschickt. So findet sich die perfide B\u00fcrokratie des nationalsozialistischen Massenmords in dem scheinbar unschuldigen Haus gewisserma\u00dfen postlagernd wieder.<\/p>\n<p>\u201eHeimsuchung\u201c kennzeichnet eine eigent\u00fcmliche Statik. Schl\u00f6ndorff inszeniert den Film mit ruhiger Eleganz. Doch gelingt es den Bildern nicht, sich vom Rei\u00dfbrett der Konstruktion zu l\u00f6sen, als w\u00e4ren sie festgetackert an Eidingers Zeichenpult. Erpenbecks Roman wird f\u00fcr seine strenge, fast mathematische Architektur ger\u00fchmt. Wegen seiner Kraft, mit der er deutsche Geschichte in einem winzigen Punkt konzentriert, ist er inzwischen Schullekt\u00fcre. Schl\u00f6ndorff versucht, die Abstraktion zu konkretisieren. Der Stoff dr\u00e4ngt aber stark zum Generischen zur\u00fcck. <\/p>\n<p>So f\u00fchlen sich die Familien, die das Haus nacheinander bewohnen, besonders an und zugleich wie idealtypische Rollenmodelle. Das Didaktische, Erkl\u00e4rerische lastet schwer auf den Bildern. Und die Geschichte wirkt arg vorhersehbar, weil sie sich entlang historischer Wegmarken bewegt, die kulturell allzu bekannt codiert sind. So viele deutsche Familien kennen Fluchterfahrung aus dem Osten, die gl\u00fccklich verpasste, weil sp\u00e4ter versenkte \u201eWilhelm Gustloff\u201c oder den fanatischen Glauben an einen neuen Menschen der DDR.<\/p>\n<p>Am st\u00e4rksten wird \u201eHeimsuchung\u201c immer dann, wenn der Film die historische Konstruktion einen Moment zu vergessen scheint und ganz den Schauspielern vertraut. Besonders die Szenen zwischen Eidinger und Susanne Wolff als seine Frau ragen heraus. In ihrem Wunsch nach Sch\u00f6nheit und Privatsph\u00e4re liegt die absichtliche moralische Blindheit ihres Milieus. Das Haus erscheint wie Verdr\u00e4ngung, zu Stein erstarrt.<\/p>\n<p>Gro\u00dfartig auch die Episode, als die Rote Armee das Haus f\u00fcr ein paar N\u00e4chte requiriert. Susanne Wolffs Figur ist nicht geflohen, hat nur rasch mit dem G\u00e4rtner das Tafelsilber und das Meissener Porzellan in Kisten verpackt im See versenkt. Sie selbst verbirgt sich in dem begehbaren Kleiderschrank hinter der doppelten T\u00fcr. Ein junger Soldat entdeckt sie doch. Die Vergewaltigung bekommt die Ambivalenz echter N\u00e4he. Er berichtet ihr von den schrecklichen Gr\u00e4ueltaten der Nazis in seiner ukrainischen Heimat, die auch seine Familie nicht verschont haben. Und doch verr\u00e4t er sie nicht, l\u00e4sst ihr sogar etwas Brot da. Dann kommt bald Eidinger zur\u00fcck. Sein Blick f\u00e4llt auf das Brot. Er fragt noch, woher sie es denn habe. Und ahnt es in derselben Sekunde schon. In solchen Szenen ist der Film am st\u00e4rksten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Schl\u00f6ndorff, der Erpenbeck schon lange kennt \u2013 einst versuchte er ihr erfolglos beim Zugang zum Regiestudium zu helfen \u2013, mag sich das Projekt fast so autobiografisch angef\u00fchlt haben wie f\u00fcr die Autorin der Vorlage, die wohl auch am Drehbuch beteiligt war. Im ersten Kriegsjahr 1939 geboren, ist Schl\u00f6ndorff einer der letzten gro\u00dfen Humanisten des europ\u00e4ischen Kinos. In die Lehre ging er bei den Regisseuren der franz\u00f6sischen Nouvelle Vague. Noch mehr bewunderte er die Amerikaner der Folgejahre. Seine ganze Karriere kreist um die Geschichte des 20. Jahrhunderts, in Form adaptierter Romane von Grass, Frisch, Musil und Proust. Seit Langem lebt auch er in einem Haus an einem brandenburgischen See, dem Griebnitzsee nahe Potsdam. In gewissem Sinne zieht \u201eHeimsuchung\u201c die Summe eines Regielebens.<\/p>\n<p>Wo Erpenbeck Geschichte aber als erbarmungslosen geologischen Prozess beschreibt, sucht Schl\u00f6ndorff nach dem Menschen darin, nach W\u00fcrde und Moral. Schlie\u00dflich, nach Gerichtsprozessen, die mit einer R\u00fcckgabe an die Familie der aus der DDR geflohenen Besitzer enden, liegt das Haus in Tr\u00fcmmern. Bagger kommen, es einzurei\u00dfen. Wom\u00f6glich eine mehr oder weniger bewusste Metapher f\u00fcr Schl\u00f6ndorffs eigenes Werk, das einer verschwindenden Epoche angeh\u00f6rt. Die erfolgreiche DDR-Schriftstellerin (Martina Gedeck), eine der letzten Bewohnerinnen, die ihr Privileg, darin zu leben, lange genauso leugnete wie die Untaten ihres Staats, ertr\u00e4nkt sich im See.<\/p>\n<p>Man verl\u00e4sst das Kino mit gemischten Gef\u00fchlen. Vielleicht hat ein internationales Publikum mehr von dieser Geschichtslektion in Streiflichtern als ein deutsches, das das alles viel zu gut kennt. Auch k\u00fcnftige Generationen m\u00f6gen es interessanter finden.<\/p>\n<p>Am Tag nach dem Arte-Empfang war der Autor auf dem Weg zu einem Interview, als er auf der Croisette einen Mann mit K\u00e4ppi und buntem Hemd bemerkte, einen unscheinbaren Angeh\u00f6rigen der Massen, die sich den Strand entlang w\u00e4lzen. \u201eMorgen fahren wir zur\u00fcck\u201c, sprach er beim Vor\u00fcbergehen in sein Telefon. Ein kleiner, gro\u00dfer Moment: Volker Schl\u00f6ndorff nimmt Abschied von Cannes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit 87 kehrt der Regisseur der \u201eBlechtrommel\u201c nach Cannes zur\u00fcck. Mit der Verfilmung eines Erpenbeck-Bestsellers. 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