{"id":1039324,"date":"2026-05-22T21:56:28","date_gmt":"2026-05-22T21:56:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1039324\/"},"modified":"2026-05-22T21:56:28","modified_gmt":"2026-05-22T21:56:28","slug":"der-brite-martin-griffiths-so-wurde-der-leadsaenger-von-beggars-opera-zum-schlossfuehrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1039324\/","title":{"rendered":"Der Brite Martin Griffiths: So wurde der Leads\u00e4nger von Beggar\u2019s Opera zum Schlossf\u00fchrer"},"content":{"rendered":"<p>Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Dr. Charles Burney.\u201c Der feine Herr mit angloschottischem Akzent neigt leicht den Kopf, der Dreispitz sitzt akkurat, die Allonge-Per\u00fccke f\u00e4llt in geordneten Locken auf die Schulter. \u201eIch bin Musikkritiker aus London, um hier dieses wunderbare Mannheimer Orchester zu erleben.\u201c Zwei Dutzend G\u00e4ste begeben sich im Schwetzinger Schlossgarten mit Martin Griffiths alias Dr. Burney auf eine Zeitreise: \u201eSteigen Sie ein in unsere Time Machine!\u201c <\/p>\n<p>Der Ausflug f\u00fchrt in den August anno 1772. Im Schlosstheater der kurf\u00fcrstlichen Sommerresidenz wird \u201eLa Contadina in Corte\u201c aufgef\u00fchrt, das \u201eBauernm\u00e4dchen bei Hofe\u201c. Eine Opera buffa von Antonio Sacchini, es spielt das viel ger\u00fchmte Mannheimer Hoforchester. Und Dr. Charles Burney ist damals mindestens so gl\u00fccklich wie der Mann, der ihn 254 Jahre sp\u00e4ter spielt: \u201eMeine Highlight-Tour, <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.familie-kage-in-weissenstein-wie-wohnt-man-in-einem-schloss.46828df2-f1d9-494e-beeb-3d4bc8f66e1b.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">eine Stunde im Schloss<\/a>, eine Stunde im Park\u201c, schw\u00e4rmt Martin Griffiths. <\/p>\n<p>Am Arionbrunnen singt er: \u201eInside my time machine, where we can dream\u2009.\u2009.\u2009. hm, hm\u2009.\u2009.\u2009.\u2009away from the world and all its cares.\u201d Bei manchen Boomern macht es sofort Klick: \u201eDas ist doch\u2009.\u2009.\u2009. \u2013 \u201eJa, das ist mein Song.\u201c<\/p>\n<p> Griffiths war Leads\u00e4nger der schottischen Art-Rock-Band Beggar\u2019s Opera. \u201eTime Machine\u201c, 1971 aufgenommen f\u00fcr das Album \u201eWaters of Change\u201c, dauert gut acht Minuten, ein St\u00fcck zwischen Pathos und Progression, getragen von Orgel, Gitarre und einer Stimme, die sich nicht scheut, gro\u00df zu sein. Bei der SWR-H\u00f6rerhitparade landete das Lied zuletzt auf Platz 202. \u201eIch bin gl\u00fccklich, dass noch so viele Leute dieses Lied kennen\u201c, sagt Griffiths. \u201eIn Zeiten wie diesen brauchen wir vielleicht solche Love Songs.\u201c<\/p>\n<p>Lehre bei Harrods <\/p>\n<p>Martin Griffiths wird in Newcastle on Tyne geboren. Der Vater Manager bei einem Lebensmittelkonzern, die Mutter Hausfrau, zwei Kinder, Martin und Schwester Nicky. Die Familie zieht bald nach Glasgow, dann nach Windsor, wo der Vater B\u00fcrgermeister wird. \u201eEr hatte immer wieder Royals zu Gast\u201c, erz\u00e4hlt der Sohns. Er selbst macht eine Lehre bei Harrods, mit 20 wird er Leiter eines Tesco-Supermarkts. Aber eigentlich will er nur Musik machen und singen. Aus seiner Schulband The System wird Beggar\u2019s Opera. Irgendwie f\u00fchlt es sich so an, als st\u00fcnde sie vor einer gro\u00dfen Karriere. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/media.media.2bdc61d3-655f-4574-8b01-169b0ea85bb1.original1024.media.jpeg\"\/>     Griffiths als Leads\u00e4nger    Foto: privat    <\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt von Mike Leckebusch und dessen Beat-Club, wo sie 1971 einen gro\u00dfen Fernsehauftritt hatten. Danach das British Rock Meeting in Speyer vor 60\u2009000 Besuchern. Mit Deep Purple, Rory Gallagher \u2013 und Beggar\u2019s Opera. \u201eVor uns spielten Fleetwood Mac, Peter Green war bei denen gerade weg, die steckten in der Krise. Wir haben abger\u00e4umt.\u201c Es war am Nachmittag, das Publikum noch nicht v\u00f6llig bekifft, erinnert sich Griffiths. Danach \u00fcbernahmen Black Sabbath mit Ozzy Osbourne die B\u00fchne: \u201eAber wir hatten mehr Applaus.\u201c Im Flugzeug ging es abends nach Wien weiter zum n\u00e4chsten Festival. Dort lie\u00df man sie dann aber pl\u00f6tzlich nicht mehr auf die B\u00fchne. Griffiths wei\u00df genau warum: \u201eWir waren zu gut.\u201c <\/p>\n<p>Daf\u00fcr griffen andere Konzertveranstalter zu: Beggar\u2019s Opera tourten durch Deutschland, \u00d6sterreich, Italien und die Schweiz. Am 6. April 1972 spielten sie in Sindelfingen im Vorprogramm von Chicken Shack, als sich Martin bei einer Tanzeinlage verletzte. Leistenbruch, der Anfang vom Ende. \u201eUnser Gitarrist Ricky Gardiner und die anderen Jungs wollten mehr Instrumentalst\u00fccke machen, nahmen eine Version von Ravels Bolero auf. \u201eIch bin aber nun mal Singer und Songwriter, wollte nicht zu Instrumentals tanzen und rumh\u00fcpfen. Das war\u2019s dann.\u201c <\/p>\n<p>Er strandet in Manchester. \u201eIch hab damals Teebeutel verkauft, hatte ein paar Gigs in Kneipen und immer noch eine treue Fanbase in Deutschland.\u201c Im Oktober 1973 will er Urlaub im Allg\u00e4u machen, zuvor geht es nach Mannheim zu Keyboarder und Krautrocker Frieder Schmitt von King Ping Meh. Die beiden spielen ein paar Titel ein, gedacht als Material f\u00fcr eine Solo-LP von Griffiths. Doch f\u00fcr die Tonb\u00e4nder interessiert sich niemand. Er landet in den Bergen bei Hindelang. \u201eWeil ich ja etwas Geld verdienen musste, wurde ich im \u201eCaf\u00e9 Horn\u201c musikalischer Alleinunterhalter. Ich habe drei Monate gejodelt und gesungen \u2013 Schneewalzer, Von den blauen Bergen kommen wir.\u201c <\/p>\n<p>Immerhin lernt er dort Jutta kennen, die ist Lehrerin f\u00fcr sprachbehinderte Kinder in Mannheim. \u201eEigentlich wollte ich damals in den Bergen mit zwei US-Amerikanern ein Hostel aufmachen, das Projekt entpuppte sich dann aber als Dorf-Bordell. Im April 1974 bin ich zu Jutta nach Dossenheim gezogen, wir haben geheiratet, im selben Jahr kam Philip zur Welt, 1980 dann Steven.\u201c<\/p>\n<p> Plattenvertrag mit Ralph Siegel <\/p>\n<p> Jutta und Martin sind noch heute zusammen. Philip hat inzwischen eine eigene Band, Poor Genetic Material, Vater Martin singt bei Bedarf nat\u00fcrlich immer gerne mit: \u201eIch kann es einfach nicht lassen.\u201c <\/p>\n<p>An der Mannheimer Volkshochschule gibt er bis Anfang der 80er Jahre Sprachkurse, nebenbei tritt als Solo-Musiker in Caf\u00e9s, Clubs und Kneipen der Region auf. Er krieg oft Lob: \u201eDu klingst echt wie der S\u00e4nger von Beggar\u2019s Opera.\u201c <\/p>\n<p>Das reicht sogar f\u00fcr Auftritte mit Gitarre und Sologesang im Vorprogramm von Klaus Doldingers Passport, von Osibisa, Golden Earring, den Scorpions \u2013 und f\u00fcr einen Plattenvertrag mit dem Produzenten Ralph Siegel. Ein Auftritt beim Eurovision Song Contest blieb Martin Griffiths zwar erspart: \u201eIch musste aber als Rocks\u00e4nger auf Disco machen, sang Soul-Klassiker wie The Dock of the Bay in Dancefloor-Versionen.\u201c <\/p>\n<p>Ehefrau Jutta unterrichtet ab 1984 an einer europ\u00e4ischen Sprachschule in Culham bei Oxford, Martin wechselt mit und gibt dort Gitarrenunterricht. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter wird Jutta Lehrerin in Varese, er zieht wieder mit, kn\u00fcpft musikalische Kontakte in Mailand. Mit Erfolg, wie er erz\u00e4hlt: \u201eIch habe die Musik zu einer Pr\u00fcgelszene im Bud Spencer-Film ,Zwei Supertypen in Miami\u2019 gemacht. Ein Honorar bekam ich daf\u00fcr nie, aber das war ja auch schon Ehre genug.\u201c <\/p>\n<p>1994 kehren Jutta, Martin und die Jungs nach Mannheim zur\u00fcck, wohnen sp\u00e4ter in Eppelheim, seit zehn Jahren sind sie in Heddesheim heimisch. Mit etwas Gl\u00fcck und ein paar Zuf\u00e4llen mehr w\u00e4re ihm vielleicht die ganz gro\u00dfe Karriere als Musiker gelungen. Griffiths ist wie so viele andere K\u00fcnstler nah dran gewesen, hadert aber nicht damit. Er macht lieber weiter Musik, schreibt Titel und freundet sich mit der Idee an, Schlossf\u00fchrer zu werden. Er besteht s\u00e4mtliche Pr\u00fcfungen, bringt seit nunmehr 20 Jahren Touristen Geschichten und Geschichte nahe. <\/p>\n<p> Die Traumhochzeit von Friedrich und Elizabeth <\/p>\n<p>Im Heidelberger <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Schloss\" title=\"Schloss\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Schloss<\/a> erinnert er am liebsten an die Traumhochzeit von Kurf\u00fcrst Friedrich V. und der englischen Prinzessin Elizabeth Stuart anno 1613: \u201eOhne diese Verbindung g\u00e4be es in Great Britain heute keine Windsors auf dem Thron.\u201c Bei den Feierlichkeiten in Heidelberg trat damals sogar Shakespeares Theatertruppe auf. Der Meister selbst sei wohl nicht vor Ort gewesen, sagt Martin Griffiths: \u201eAber es war so ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte von Heidelberg. Dass diese Story einer gro\u00dfen Liebe in einer Trag\u00f6die endet, schrecklich. Weil Friedrich die b\u00f6hmische Krone annimmt, dadurch den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg ausl\u00f6st und das kurf\u00fcrstliche Paar ins Exil in die Niederlande fliehen muss. What a Story.\u201c <\/p>\n<p>Martin Griffiths hat ein Musical daraus gemacht: The Wedding. 2013, aus Anlass der 400. Wiederkehr jener Traumhochzeit, wurde es mehrfach in der Heidelberger Stadthalle aufgef\u00fchrt. \u201eIst dann aber leider wieder in der Versenkung verschwunden\u201c, sagt der Komponist. Das Sch\u00f6ne an seinem Lebensweg sei, immer wieder tief in Erinnerungen eintauchen und etwas zu Unrecht Vergessenes entdecken zu k\u00f6nnen. Bei Radio Bremen hat er nachrecherchiert, und tats\u00e4chlich fanden sich die Lost Tapes des ARD-Auftritts von Beggar\u2019s Opera im Archiv. \u201eSie stehen seit April dieses Jahres sogar online, und Time Machine hatte nach drei Wochen schon mehr als 100\u2009000 Aufrufe.\u201c <\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr entdeckte sein alter Kumpel Frieder Schmitt beim R\u00e4umen des Studios Tonb\u00e4nder, die sie damals in Mannheim aufgenommen hatten. Jetzt sind die Aufnahmen Teil einer CD, die Martin Griffiths auf eigene Kosten produziert und gerade unter dem Titel The Beggar ver\u00f6ffentlicht hat. Eine musikalische Bilanz seines Lebens, p\u00fcnktlich zum 75. Geburtstag. Alles eigene Kompositionen, aufwendig produziert und eingespielt mit Hilfe von Maxi Sator und Alias Eye, der Band seines Sohnes Philip. <\/p>\n<p>\u201eVielleicht entdeckt man mich ja irgendwann auch mal wieder\u201c, sagt Griffiths. So wie er auf Dr. Charles Burney gesto\u00dfen ist, jenen nahezu vergessenen englischen Musikkritiker, den er jetzt als dessen Wiederg\u00e4nger verk\u00f6rpert. Und mit ihm die eigene, leidenschaftliche Begeisterung f\u00fcr Musik.<\/p>\n<p> F\u00fcr seine Rolle als Dr. Burney bei F\u00fchrungen in den Schl\u00f6ssern von Mannheim und Schwetzingen hat sich Martin Griffiths eigens ein Kost\u00fcm schneidern lassen. Die gro\u00dfe Runde in Schwetzingen dauert zwei Stunden, kostet acht Euro plus Eintritt: \u201eUnd dann steige ich mit den G\u00e4sten in meine Time machine, where we can dream.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Dr. Charles Burney.\u201c Der feine Herr mit angloschottischem Akzent neigt leicht&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1039325,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1845],"tags":[1634,222799,3364,29,548,663,3934,30,13,2096,14,15,7174,12],"class_list":["post-1039324","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-mannheim","tag-baden-wuerttemberg","tag-beggar","tag-de","tag-deutschland","tag-eu","tag-europa","tag-europe","tag-germany","tag-headlines","tag-mannheim","tag-nachrichten","tag-news","tag-reportage","tag-schlagzeilen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116620465916219089","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1039324","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1039324"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1039324\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1039325"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1039324"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1039324"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1039324"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}