{"id":1040709,"date":"2026-05-23T11:46:14","date_gmt":"2026-05-23T11:46:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1040709\/"},"modified":"2026-05-23T11:46:14","modified_gmt":"2026-05-23T11:46:14","slug":"als-gruenau-noch-schlammhausen-hiess-vernissage-und-gespraech-mit-harald-kirschner-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1040709\/","title":{"rendered":"Als Gr\u00fcnau noch \u201eSchlammhausen\u201c hie\u00df: Vernissage und Gespr\u00e4ch mit Harald Kirschner \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Viele Leipzigerinnen und Leipziger erinnern sich noch an die Zeit, in der Menschen nach Leipzig-Gr\u00fcnau zogen und au\u00dfer den neuen H\u00e4usern haupts\u00e4chlich Schlamm, Dreck und eine Riesenbaustelle vorfanden. Mit Gummistiefeln an den F\u00fc\u00dfen ging es vom Haus zum Trabi oder zur Stra\u00dfenbahn, dort war dann der Schuhwechsel. Das ist schon lange her, seit dem 21. Mai erinnert eine Fotoausstellung im KOMM-Haus daran.<\/p>\n<p>Der Leipziger Fotograf Harald Kirschner hat Momente aus dieser Zeit festgehalten und zeigt einige seiner Werke. Die Ausstellung l\u00e4uft noch bis zum 18. September 2026 und wir haben die Vernissage genutzt um mit Harald Kirschner nicht nur \u00fcber die Bilder zu sprechen. <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/26e7091f19b941749c928a2ab493d6ef.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/kultur\/ausstellungen\/2026\/05\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/kultur\/ausstellungen\/2026\/05\/1\"\/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-658012\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Blick-auf-die-Ausstellung-im-Flur-des-KOMM-Hauses.-Foto-Thomas-Koehler.jpg\" alt=\"\" width=\"3694\" height=\"2463\"  \/>Blick auf die Ausstellung im Flur des KOMM-Hauses. Foto: Thomas K\u00f6hler<\/p>\n<p>Harald Kirschner, geboren 1944, ist gelernter Fotograf, erwarb sein Diplom 1973 an der HGBK Leipzig an der er bis 1981 auch als Assistent t\u00e4tig war. Seit 1981 war er als freischaffender Fotograf in Leipzig t\u00e4tig und er wohnte in Gr\u00fcnau als es noch \u201eSchlammhausen\u201c hie\u00df.<\/p>\n<p><b>Herr Kirschner, haben Sie als 1976 der Grundstein f\u00fcr Gr\u00fcnau gelegt wurde sofort angefangen dort zu fotografieren?<\/b><\/p>\n<p>Nein, da habe ich dort noch nicht fotografiert, ich war nur ein- oder zweimal in Gr\u00fcnau, ich glaube das war 79. Das Problem war, wir wohnten in der S\u00fcdvorstadt, in der Kurt-Eisner-Stra\u00dfe, hatten aber keine richtige Wohnung, sondern eine Ladenwohnung. Das war eigentlich auch zu DDR-Zeiten illegal. Aber wir hatten zwei wunderbare Schaufenster, in denen wir unsere Arbeiten ausstellen konnten. Meine Frau ist ja Grafikerin, da haben wir unsere Arbeiten vorgestellt das war eigentlich sehr sch\u00f6n. Wie es bei so einer Ladenwohnung war, hatten wir kein, kein Bad und nur eine provisorische K\u00fcche. Da unser zweites Kind unterwegs war, mussten wir uns aber eine neue Wohnung suchen. Wie es zu DDR-Zeiten war, lief die Wohnungssuche, beziehungsweise die Vergabe \u00fcber Betriebe und die kommunale Geb\u00e4udewirtschaft, die GWL, bei uns war der Verband Bildender K\u00fcnstler zust\u00e4ndig. Unser Antrag lief da schon vier Jahre als wir pl\u00f6tzlich die Nachricht bekamen: Wir haben eine Wohnung f\u00fcr euch, 132 Quadratmeter, eine Maisonett-Wohnung in der 15. und 16. Etage. Die war aber nicht in der S\u00fcdvorstadt oder im Altbau, sondern in Gr\u00fcnau. Wir waren erst mal entt\u00e4uscht. Wir wollten nicht nach Gr\u00fcnau ziehen, weil wir uns in der S\u00fcdvorstadt sozial wohlgef\u00fchlt haben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-658028\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Baustelle-als-Kinderspielplatz.-Foto-Harald-Kirschner.jpg\" alt=\"\" width=\"3779\" height=\"2519\"  \/>Baustelle als Kinderspielplatz. Foto: Harald Kirschner<\/p>\n<p><b>War das so eine Maisonett-Wohnung wie es sie auch im Musikerviertel gab?<\/b><\/p>\n<p>Genau so eine war das. Wir standen vor der Frage: Was machen wir? Kollegen sagten, da k\u00f6nnt ihr unm\u00f6glich rausziehen, da habt ihr keine Verbindung mehr zur Kultur und so weiter. Andere meinten, wenn ihr das nicht macht seid ihr bl\u00f6d. Ihr k\u00f6nnt ja die Wohnung dann eventuell tauschen. Das w\u00e4re sicherlich nicht so einfach gewesen, weil es daf\u00fcr Auflagen vom Verband gab. Ja, dann haben wir uns doch entschlossen. Wir ziehen raus, wir versuchen es.<\/p>\n<p><b>Das war 1981, mitten in der Schlammhausen-Phase. Haben Sie sich da gleich die Kamera geschnappt und losgelegt?<\/b><\/p>\n<p>Nicht gleich, wir mussten erst mal unsere Wohnung tapezieren und malern. Das war alles roh, weil keine Arbeitskr\u00e4fte da waren. Mein Schwergebiet in der Fotografie war die sozialdokumentarische Fotografie, also die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen. Da lag letztendlich das Thema von meiner Haust\u00fcr. Dieses Umfeld, was man da gesehen hat und mit dem man pl\u00f6tzlich klarkommen musste, es war ja alles nur im Bauzustand. Baumaschinen standen herum, Baumaterial lag herum, keine Infrastruktur, keine Stra\u00dfen, keine B\u00fcrgersteige und so weiter.<\/p>\n<p><b>Ich kann mich erinnern, dass die erste Kaufhalle eher da war als der B\u00fcrgersteig.<\/b><\/p>\n<p>Eine Kaufhalle hatten wir dann in der N\u00e4he, aber fast keine anderen L\u00e4den. Was Kultur anbetraf, es gab kein Kino, keine Galerie, also fast nichts. Und das Einzige war sp\u00e4ter kam waren die beiden Kirchen, die f\u00fcr uns wirklich auch ein kulturelles, nicht nur ein religi\u00f6ses, Zentrum waren. Da konnte man Konzerte h\u00f6ren, es gab auch Lesungen, beziehungsweise freie Gespr\u00e4che f\u00fchren. Eine Sache, die zu DDR-Zeiten wirklich keiner glauben konnte war, dass pl\u00f6tzlich, der ehemalige Westberliner B\u00fcrgermeister Heinrich Albertz zu einem Vortrag nach Gr\u00fcnau in die Pauluskirche kam. Er hat \u00fcber sein Leben, \u00fcber seine politische Arbeit als B\u00fcrgermeister von Westberlin, gesprochen. Vor allen Dingen \u00fcber die der politischen und polizeilichen Auseinandersetzung w\u00e4hrend des Schah-Besuches. Also \u00fcber die Vorg\u00e4nge w\u00e4hrend denen Benno Ohnesorg gestorben ist. Er erz\u00e4hlte \u00fcber seine Konflikte und \u00fcber seine Probleme sowohl als B\u00fcrgermeister, als auch als Pfarrer.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-658029\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Karussell-auf-der-Baustelle.-Foto-Harald-Kirschner.jpg\" alt=\"\" width=\"3478\" height=\"2319\"  \/>Karussell auf der Baustelle. Foto Harald Kirschner<\/p>\n<p><b>Gr\u00fcnau ist ja dann sehr schnell gewachsen. Es ging dann relativ z\u00fcgig, mit WK1, WK2 und weiteren. Es wurden Fu\u00dfwege, Schulen, Kinderg\u00e4rten gebaut. Dann war es pl\u00f6tzlich f\u00fcr viele ein begehrtes Wohngebiet. Wie haben Sie das erlebt?<\/b><\/p>\n<p>Gr\u00fcnau war auf alle F\u00e4lle auch f\u00fcr uns dann ein gutes Wohngebiet, beziehungsweise man musste es sich erarbeiten. Mit den Mitmenschen kommunizieren, gemeinsam heimisch werden, also ein Gemeinwesen werden. Das ist sehr wichtig gewesen. In unserem Haus, in dem 16-Geschosser, gab es eine gute soziale Durchmischung. Viele kinderreiche Familien, auch viele Rentner, aber auch viele Menschen mit interessanten Berufen und auch mit K\u00fcnstlerberufen. Es wohnten neben uns auch Schauspieler, Grafiker, sogar Gewandhausmusiker dort. Wir versuchten eine gute Hausgemeinschaft zu werden. Auch wenn das politisch von oben so gewollt war, man musste das politische Ad acta legen, es war wichtig gemeinsame Projekte in Angriff zu nehmen.<\/p>\n<p><b>War die DDR-Hausgemeinschaft so schlecht wie ihr heutiger Ruf?<\/b><\/p>\n<p>Die Hausgemeinschaft war ja wirklich eine Gemeinschaft. Wir haben Kinderfeste und Hausfeste veranstaltet, wir hatten uns einen Tischtennisraum angelegt, sogar eine W\u00e4schemangel hatten wir uns zugelegt, so ein ganz altes Ding. Wir haben versucht, uns gegen\u00fcber der GWL durchzusetzen. Zum Beispiel, es war nicht gestattet sich auf den Dachgarten aufzuhalten. Da haben wir uns durchgesetzt. Ich bekam einen Schl\u00fcssel und jeder der hoch wollte, kam zu mir, bekam den Schl\u00fcssel und konnte dort ein Familienfest machen oder sich sonnen. Wir selbst waren auch immer oben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-658030\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Kultursommer-Foto-Harald-Kirschner.jpg\" alt=\"\" width=\"3608\" height=\"2405\"  \/>Kultursommer in Gr\u00fcnau. Foto: Harald Kirschner<\/p>\n<p><b>Wenn Sie, wenn Sie heute auf die alten Fotos schauen. Wie ist das f\u00fcr Sie?<\/b><\/p>\n<p>Sozialfotografie war ja ein Schwergebiet der DDR-Fotografie. Viele DDR-Fotografen haben das gemacht und zwar nicht im Auftrag von irgendeiner Institution oder einer Zeitung, sondern im Eigenauftrag. Auch meine Gr\u00fcnau-Fotos sind im Eigenauftrag entstanden. Ich konnte auf drei Ausstellungen einige Bilder zeigen, auch in der Galerie des Kulturbunds in der Leibnizstra\u00dfe. Aber im Nachhinein ist wichtig: Fotografien erzeugen Geschichte und erz\u00e4hlen Geschichten.<\/p>\n<p><b>Jetzt gibt es in den n\u00e4chsten Monaten die Ausstellung hier. Gibt es die Fotografien auch in Buchform?<\/b><\/p>\n<p>Ja, es sind drei B\u00fccher herausgekommen. Das erste bei Pro Leipzig \u201eGr\u00fcnau \u2013 Fotolesebuch\u201c, das war 2006. Dann das n\u00e4chste 2015 \u201e<a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2014\/12\/die-fruehen-gruenauer-jahre-fotos-von-harald-kirschner-58608\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Vom Heimischwerden: Leipzig-Gr\u00fcnau 1981 bis 1991<\/a>\u201c beim Mitteldeutschen Verlag, mit einem Textbeitrag von Wolfgang Kil. Und zuletzt \u201e<a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2021\/10\/abenteuer-platte-bilder-ungezaehmter-kindheit-in-der-wildnis-von-schlammhausen-413393\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Abenteuer Platte<\/a>\u201c 2021, auch beim Mitteldeutschen Verlag. Aber alle B\u00fccher sind vergriffen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-413395\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/kirschner.jpg\" alt=\"Harald Kirschner: Abenteuer Platte. Foto: Ralf Julke\" width=\"1499\" height=\"1000\"  \/>Harald Kirschner: Abenteuer Platte. Foto: Ralf Julke<\/p>\n<p><b>Das ist schade, eine Neuauflage w\u00e4re eine gute Idee zum 50-j\u00e4hrigen Gr\u00fcnau-Jubil\u00e4um gewesen. Herr Kirschner, ich w\u00fcnsche viel Erfolg mit der Ausstellung, Ihnen und Ihrer Frau alles Gute und vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/b><\/p>\n<p>Die im Artikel enthaltenen Ausstellungsfotos sind Kopien der Postkartenmotive, die beim Besuch der Ausstellung erworben werden k\u00f6nnen. Verwendung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Harald Kirschner.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Viele Leipzigerinnen und Leipziger erinnern sich noch an die Zeit, in der Menschen nach Leipzig-Gr\u00fcnau zogen und au\u00dfer&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1040710,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[2076,3364,29,1885,30,16112,2134,3009,71,859,34669],"class_list":["post-1040709","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-ausstellung","tag-de","tag-deutschland","tag-fotografie","tag-germany","tag-gruenau","tag-interview","tag-jubilaeum","tag-leipzig","tag-sachsen","tag-vernissage"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1040709","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1040709"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1040709\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1040710"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1040709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1040709"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1040709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}