{"id":1041546,"date":"2026-05-23T20:39:23","date_gmt":"2026-05-23T20:39:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1041546\/"},"modified":"2026-05-23T20:39:23","modified_gmt":"2026-05-23T20:39:23","slug":"andrei-zviaguintsev-in-russland-ist-alles-moeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1041546\/","title":{"rendered":"Andre\u00ef Zviaguintsev: \u201eIn Russland ist alles m\u00f6glich\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In Cannes feiert das Meisterwerk \u201eMinotaur\u201c Premiere. Es ist der erste Film des russischen Regisseurs Andre\u00ef Zviaguintsev seit Kriegsbeginn. Im Gespr\u00e4ch erz\u00e4hlt er von den russischen Methoden.<\/p>\n<p data-external=\"Article.FirstParagraph\">\u201eWer einen Streit anf\u00e4ngt, verliert wegen seiner Dummheit\u201c, sagt Gleb (Dmitriy Mazurov), ein erfolgreicher Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer auf dem russischen Land au\u00dferhalb Moskaus, zu seinem Sohn. Doch bei diesem vern\u00fcnftigen Rat bleibt es nicht. Wenn ihn sein Mitsch\u00fcler weiter mobbe, solle er ihn fest an den Handgelenken packen und ihm eindringlich ins Gesicht sagen, was passiere, wenn er ihn noch einmal anfasse. <\/p>\n<p>\u201eMinotaur\u201c ist der erste Film des russischen Regisseurs Andre\u00ef Zviaguintsev nach zehn Jahren Pause, vor denen er bereits mit verst\u00f6renden Dramen wie \u201eLoveless\u201c und \u201eLeviathan\u201c verdiente Preise in Cannes gewann. Zviaguintsev lebt im Exil und \u00e4u\u00dferte sich von Anfang an kritisch gegen\u00fcber dem russischen Regime und dem Krieg gegen die Ukraine. Als er an Corona erkrankte, lag er elf Monate lang im Krankenhaus. Wie haben die Pandemie und der Krieg seinen Blick ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Zviaguintsev sitzt mit einer \u00dcbersetzerin, die seine russischen Antworten ins Englische \u00fcbersetzt, auf der Terrasse des Festival-Palais unter Palmen. Schon 2018 wollte er ein Remake von Claude Chabrols franz\u00f6sischem Erotikthriller \u201eDie untreue Frau\u201c von 1969 drehen, erz\u00e4hlt er, aber die Rechte habe er erst vier Jahre sp\u00e4ter erhalten. \u201eZwei Wochen nach dem Handschlag begann, was sie eine russische Teilmobilmachung nannten. Aber in Wahrheit war es eine Katastrophe f\u00fcr so viele Leben.\u201c Er nennt es \u201eSchicksal\u201c, dass sich der Krieg somit in die Liebesgeschichte seines Films einschreiben sollte. <\/p>\n<p>Doch so kritisch wie der Regisseur auf sein eigenes Land blickt, sieht er auch die anderswo waltende \u201eCancel Culture\u201c, die sogar Tschaikowsky cancele und die gesamte russische Sprache. Er selbst habe es seinen Produzenten und seinem schon bekannten Namen zu verdanken, dass sein Film gedreht wurde, aber russische Nachwuchsfilmemacher h\u00e4tten es derzeit schwer.<\/p>\n<p>Dass der in Lettland gedrehte Noir-Thriller \u201eMinotaur\u201c, eine franz\u00f6sisch-lettisch-deutsche Koproduktion, im Wettbewerb von Cannes gezeigt wird, ist in der Tat ein gro\u00dfes Gl\u00fcck. Denn der Film hebt sich von den meisten anderen Preisanw\u00e4rtern durch seine unheimliche Dringlichkeit ab. <\/p>\n<p>Wie im Original verd\u00e4chtigt der Antiheld Gleb seine Frau Galina (Iris Lebedeva), fremdzugehen, und setzt daher einen Detektiv auf sie an. Schlie\u00dflich klingelt Gleb, ohne Plan und eher einem Instinkt folgend, bei Galinas Liebhaber, einem Fotografen. Dieser bittet ihn herein, bietet ihm freundlich Kaffee und Alkohol an. Erst als Gleb Nacktfotos seiner Frau findet und einen Blick auf das ungemachte Bett erhascht, greift er in einer Kurzschlussreaktion zu der auf dem Tisch liegenden Kamera und erschl\u00e4gt den Fotografen von hinten. <\/p>\n<p>Mord, L\u00fcgen, Korruption<\/p>\n<p>Das gemeinsam mit Simon Lyashenko verfasste Drehbuch braucht vielleicht etwas zu lang, um zu diesem Wendepunkt zu gelangen, aber von da an ist jede Minute, in der Gleb beim detaillierten Spurenbeseitigen gezeigt wird, Gold wert. Zviaguintsevs minuti\u00f6ses Gesp\u00fcr f\u00fcr Details sorgt trotz der beklemmenden Grundstimmung vor dem Hintergrund eines Krieges, der Gleb dazu zwingt, 14 seiner verzichtbarsten Mitarbeiter auf die Liste eingezogener M\u00e4nner zu setzen, immer wieder f\u00fcr gro\u00dfe Heiterkeit. Selten ist die Verkn\u00fcpfung von intimer amour fou und politischer Weltlage so gut aufgegangen wie hier. <\/p>\n<p>So wie Russland sein Land, versucht Gleb seine Ehe zu retten. Aber sind im Krieg und in der Liebe, wie man so sagt, alle Mittel erlaubt? Was passiert, wenn man St\u00f6renfriede einfach so beseitigt? <\/p>\n<p>Bei einem Abendessen erz\u00e4hlt eine neu in den Bekanntenkreis integrierte Freundin einen Witz: Ein Mann mit einem 6-cm-Penis kommt zu einem Porno-Dreh. Auf die Frage, ob er an der falschen Adresse sei, antwortet er: Nein, denn jeder Film brauche Antihelden. Wer der Antiheld in \u201eMinotaur\u201c ist, ob der Ehemann, der Liebhaber oder die Ehefrau, und ob aus Schw\u00e4che oder eigenem Willen, treibt einen noch lange nach dem Abspann um. <\/p>\n<p>Als Happy End wolle er sein vom Original abweichendes Ende nicht verstanden wissen, eher als offenes Ende, betont Zviaguintsev vehement. \u201eIn Russland ist alles m\u00f6glich\u201c, seufzt er dann. \u201eMan kann f\u00fcr ein Verbrechen angeklagt und dann in den Krieg eingezogen werden und die Anklage wird fallen gelassen. Korruption ist ein gro\u00dfes Thema. Ein gro\u00dfartiger russischer Autor hat einmal gesagt: \u201aWenn ich hundert Jahre schlafe und dann aufwache und man mich fragt, was in Russland passiert, werde ich antworten: Sie trinken und sie stehlen.\u2018\u201c <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In Cannes feiert das Meisterwerk \u201eMinotaur\u201c Premiere. 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