{"id":1043088,"date":"2026-05-24T13:37:38","date_gmt":"2026-05-24T13:37:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1043088\/"},"modified":"2026-05-24T13:37:38","modified_gmt":"2026-05-24T13:37:38","slug":"stadtwandel-bewegt-sich-zwischen-systemversagen-und-inseln-des-gelingens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1043088\/","title":{"rendered":"Stadtwandel bewegt sich zwischen Systemversagen und Inseln des Gelingens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Klimareporter\u00b0: Herr Schneidewind, Sie waren Pr\u00e4sident des Wuppertal Instituts f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie und sind dann Oberb\u00fcrgermeister in der Stadt geworden, unterst\u00fctzt von CDU und Gr\u00fcnen. Im vergangenen Herbst endete Ihre Amtszeit. Wie ist das Experiment ausgegangen, die wissenschaftlichen <a href=\"https:\/\/klimareporter.de\/gesellschaft\/wohlstand-ist-etwas-anderes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Erkenntnisse<\/a> zur n\u00f6tigen Transformation der St\u00e4dte\u00a0\u2013 Umwelt, Klima, Soziales, Kultur\u00a0\u2013 in die Praxis umzusetzen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"add-placeholder-rectangle\">\u00a0<\/p>\n<p><strong>Uwe Schneidewind:<\/strong> Der Wechsel in das Oberb\u00fcrgermeisteramt war eigentlich nicht als Experiment angelegt. Er war von dem Wunsch getragen, in meiner Wahlheimat Wuppertal langfristig wirkende Impulse zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung zu setzen. Dieses Ziel habe ich weit weniger erreicht, als ich selbst und viele, die mich gew\u00e4hlt haben, gehofft hatte.\u00a0<\/p>\n<p>Dem vielf\u00e4ltigen Ursachengeflecht daf\u00fcr sp\u00fcre ich <a href=\"https:\/\/www.socialnet.de\/rezensionen\/34385.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">in dem Buch &#8222;Dienstschluss&#8220;<\/a> nach. Denn es zeigt sich, dass es tiefer liegende, weit \u00fcber Wuppertal hinausreichende Gr\u00fcnde gibt, warum sich St\u00e4dte mit umfassenden Transformationsprozessen so schwertun. Sie liegen auf politischer, administrativer, finanzieller und nat\u00fcrlich auch auf pers\u00f6nlicher Ebene. Insofern kann man die vergangenen f\u00fcnf Jahre als Experiment interpretieren, auch wenn es nicht so intendiert war.<\/p>\n<p><strong>Gab es einen Moment, in dem Ihnen besonders klar wurde: So hatte ich mir die Gestaltungsmacht eines Oberb\u00fcrgermeisters nicht vorgestellt?<\/strong><\/p>\n<p>Im Buch beschreibe ich ja gleich am Anfang an einem plastischen Beispiel, dass mich die Logik <a href=\"https:\/\/content.e-bookshelf.de\/media\/reading\/L-28751278-5a7207e19d.pdf#page=13\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">&#8222;Machtpolitik vor Sachpolitik&#8220;<\/a> von Anfang an begleitet hat. Das bedeutet, dass guten Sachargumenten in der Politik in der Regel nur gefolgt wird, wenn sie helfen, die Machtposition eines Politikers oder einer Partei zu st\u00e4rken. Wenn das nicht der Fall ist, werden Sachargumente schnell infrage gestellt, relativiert oder es wird eine &#8222;vertiefte Pr\u00fcfung&#8220; gefordert. F\u00fcr mich als Wissenschaftler war das besonders herausfordernd.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Wie hat der Wechsel in die Politik Ihren Blick auf St\u00e4dte ver\u00e4ndert\u00a0\u2013 sind Kommunen aus Ihrer Sicht eher Orte gro\u00dfer Gestaltungskraft oder vor allem Orte struktureller \u00dcberforderung?<\/strong><\/p>\n<p>Das Buch stand unter dem Arbeitstitel &#8222;Stadtwandel zwischen Systemversagen und Inseln des Gelingens&#8220;. Das &#8222;Systemversagen&#8220; dr\u00fcckt aus, wie St\u00e4dte heute in ihren politischen und administrativen Mechanismen und ihren <a href=\"https:\/\/kommunal.de\/kommunalfinanzen-defizite-stadtwerke-gewinne-tochterunternehmen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">immer weiter schrumpfenden<\/a> finanziellen M\u00f6glichkeiten mit den eigentlich notwendigen Transformationsprozessen \u00fcberfordert sind.<\/p>\n<p>Die &#8222;Inseln des Gelingens&#8220; sind die Mechanismen, die dazu f\u00fchren, dass St\u00e4dte trotzdem funktionieren und <a href=\"https:\/\/klimareporter.de\/gesellschaft\/staedter-als-versuchskaninchen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">vieles vorangeht<\/a>. Das liegt insbesondere an engagierten Menschen in der Verwaltung und an vielen Akteuren\u00a0\u2013 aus Unternehmen und Zivilgesellschaft\u00a0\u2013, die dazu beitragen, dass St\u00e4dte oft &#8222;trotz Politik&#8220; funktionieren. Da das eigentlich ein unbefriedigender Zustand ist, beleuchte ich im dritten Teil des Buches, wie das Zusammenspiel zwischen beiden Sph\u00e4ren besser funktionieren kann.<\/p>\n<p><strong>Wuppertal steht wie alle St\u00e4dte vor der Aufgabe, Klimaschutz, Mobilit\u00e4tswende, W\u00e4rmewende und soziale Fragen gleichzeitig zu bew\u00e4ltigen. Und die Zeit daf\u00fcr wird immer knapper. Wo liegen aus Ihrer Erfahrung die gr\u00f6\u00dften Blockaden bei der Umsetzung solcher Transformationsprojekte?<\/strong><\/p>\n<p>Ich fand es besonders belastend, dass St\u00e4dte faktisch nicht strategief\u00e4hig sind. Durch ihre politischen Mechanismen gibt es ein &#8222;K\u00fcmmern vor Konzept&#8220;, das hei\u00dft eine Dominanz der kurzfristigen Themen an der Oberfl\u00e4che. Das macht langfristige Strategien schwierig. Diese strategische L\u00fccke muss kompensiert werden\u00a0\u2013 durch kluge Zusammenarbeit mit Unternehmen, Zivilgesellschaft oder \u00fcber gro\u00dfe Dachprojekte, etwa im Falle Wuppertals die 2022 auf den Weg gebrachte Bundesgartenschau 2031.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Als Wissenschaftler haben Sie viele Jahre \u00fcber nachhaltige Transformation <a href=\"https:\/\/klimareporter.de\/gesellschaft\/wohlstand-ist-etwas-anderes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">geforscht<\/a>. Welche Ihrer damaligen Annahmen \u00fcber Umwelt- und Klimapolitik haben sich im kommunalen Alltag best\u00e4tigt\u00a0\u2013 und welche nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe gemerkt, dass wir in der Transformationsforschung der Kraft bestimmter Mechanismen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Dazu geh\u00f6ren die beschriebenen Logiken &#8222;Macht- vor Sachpolitik&#8220; oder &#8222;K\u00fcmmern vor Konzept&#8220;, aber auch die Erfahrung, wie schwer es ist, in der \u00dcberladung des Oberb\u00fcrgermeister-Amtes konsequent strategisch Kurs zu halten.<\/p>\n<p>Klimaschutz in St\u00e4dten bedeutet oft ganz <a href=\"https:\/\/klimareporter.de\/gebaeude\/die-wachsende-stadt-soll-sich-an-vorhandene-stadtteile-anschmiegen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">konkrete Konflikte<\/a>: weniger Parkpl\u00e4tze, mehr Fl\u00e4chen f\u00fcr Radwege, Sanierungen, neue W\u00e4rmenetze. Wie l\u00e4sst sich verhindern, dass solche Projekte als Zumutung empfunden werden? Viele dieser Themen sind heute auch auf kommunaler Ebene zu Kulturkampf-Themen geworden.<\/p>\n<p>Im Buch zeige ich daher auf, wie wichtig es ist, &#8222;mit den Energien&#8220; zu gehen. Das bedeutet, Themen elegant zu verkn\u00fcpfen\u00a0\u2013 zum Beispiel st\u00e4dtische Lebensqualit\u00e4t mit neuer Mobilit\u00e4t oder Katastrophenschutz mit dezentraler Energieversorgung\u00a0\u2013 und themenbezogen immer wieder neue B\u00fcndnisse zu schlie\u00dfen. Nur so lassen sich Blockaden \u00fcberwinden.\u00a0<\/p>\n<p>Wuppertal hat eine einzigartige Schwebebahn, aber viele \u00e4hnliche Probleme wie andere deutsche St\u00e4dte in der Transformation. (Bild: <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/schwebebahn-wuppertal-sicher-wupper-1537148\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Peggy Anke\/\u200bPixabay<\/a>)<\/p>\n<p><strong>Viele Kommunen bekennen sich zu Klimaneutralit\u00e4t, sto\u00dfen aber bei Personal, Geld, Planungskapazit\u00e4ten und Zust\u00e4ndigkeiten an Grenzen. Ist die kommunale Ebene derzeit \u00fcberhaupt in der Lage, die Klimaziele zu erreichen, die Bund und L\u00e4nder formulieren?<\/strong><\/p>\n<p>Auch angesichts der <a href=\"https:\/\/klimareporter.de\/finanzen-wirtschaft\/mehr-geld-fuer-die-kommunen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">katastrophalen Finanzausstattung<\/a> der Kommunen sind St\u00e4dte mit der Einhaltung der Klimaziele faktisch \u00fcberfordert. Die ambitionierten Klimaneutralit\u00e4tsziele f\u00fcr 2035 oder gar 2030, die sich viele St\u00e4dte <a href=\"https:\/\/germanzero.de\/presse\/sechs-staedte-in-sechs-wochen-beschliessen-bis-spaetestens-2035-klimaneutral-zu-werden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">gegeben<\/a> haben, haben sich fast \u00fcberall als unrealistisch <a href=\"https:\/\/www.wams.de\/regionales\/nrw\/article69f0a9731a47b291b95f38f2\/klimaziele-vielen-staedten-geht-auf-ihrem-weg-zur-klimaneutralitaet-das-geld-aus.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">erwiesen<\/a>.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Was m\u00fcsste sich an der Finanz- und Verwaltungsstruktur \u00e4ndern, damit St\u00e4dte nicht nur Pflichtaufgaben abarbeiten, sondern wirklich Zukunftsinvestitionen stemmen k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Da die \u00f6ffentlichen Finanzen auf allen Ebenen unter erheblichem Druck sind, werden \u00f6ffentliche Investitionen f\u00fcr eine zukunftsf\u00e4hige Stadtgestaltung nicht ausreichen. Es braucht vielmehr eine kluge Verkn\u00fcpfung von privaten und \u00f6ffentlichen Investitionen. Daf\u00fcr sind politischer Mut und Klarheit notwendig\u00a0\u2013 bei den Rahmenbedingungen f\u00fcr die W\u00e4rmewende, den Ausbau erneuerbarer Energien und eine nachhaltige Mobilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Genau daran mangelt es derzeit. Statt Investitionssicherheit f\u00fcr Zukunftstechnologien bleiben die Fenster f\u00fcr fossile Heizungen, Verbrennungsmotoren und <a href=\"https:\/\/www.duh.de\/presse\/pressemitteilungen\/pressemitteilung\/neue-abfrage-der-deutschen-umwelthilfe-zu-parkgebuehren-staedte-setzen-noch-immer-auf-billigpreise-un\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Minimalstgeb\u00fchren<\/a> f\u00fcr die Nutzung von Parkraum weiter offen.<\/p>\n<p><strong>Welche Unterst\u00fctzung von Bund und L\u00e4ndern w\u00e4re aus Ihrer Sicht am wichtigsten: mehr Geld, weniger B\u00fcrokratie, andere Gesetze, mehr Planungssicherheit\u00a0\u2013 oder etwas ganz anderes?<\/strong><\/p>\n<p>Mehr \u00f6ffentliches Geld alleine hilft nicht. Zudem ist es gar nicht mehr da. Daher muss der Staat in der Tat mit Planungssicherheit und massivem B\u00fcrokratieabbau sowie mehr Experimentierr\u00e4umen die Anreize f\u00fcr private Investitionen in zukunftsf\u00e4hige St\u00e4dte st\u00e4rken.<\/p>\n<p class=\"placeholder-article-bottom\">\u00a0<\/p>\n<p><strong>Nach Ihrer Zeit als Oberb\u00fcrgermeister: Welche beruflichen Pl\u00e4ne haben Sie nun? Zieht es Sie zur\u00fcck in Wissenschaft und Beratung, bleiben Sie politisch aktiv oder suchen Sie eine ganz neue Rolle zwischen Forschung, Politik und Gesellschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Nach diesen f\u00fcnf intensiven Jahren habe ich mir bewusst eine Auszeit verordnet. Aber <a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/uwe-schneidewind\/dienstschluss.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">mit dem Buch<\/a> wird schon klar, dass meine Leidenschaft f\u00fcr zukunftsf\u00e4hige Transformationsprozesse weiter da ist und ich mich mit den Erfahrungen der letzten f\u00fcnf Jahre weiter in die Debatte einmischen werde.\u00a0<\/p>\n<p>Anzeige<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<a href=\"https:\/\/klimareporter.de\/component\/banners\/click\/107\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" title=\"Umweltfestival 7. Juni. 2026\"><br \/>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1779629858_579_2026-03-30-Banner-300x250-2.jpg\" alt=\"Umweltfestival 7. 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