{"id":1044692,"date":"2026-05-25T07:41:23","date_gmt":"2026-05-25T07:41:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1044692\/"},"modified":"2026-05-25T07:41:23","modified_gmt":"2026-05-25T07:41:23","slug":"stuttgart-start-up-arbeitet-remote-das-ist-nicht-fuer-jeden-geeignet-chef-leitet-firma-aus-taiwan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1044692\/","title":{"rendered":"Stuttgart-Start-up arbeitet remote: \u201eDas ist nicht f\u00fcr jeden geeignet\u201c \u2013 Chef leitet Firma aus Taiwan"},"content":{"rendered":"<p> Ein gew\u00f6hnlicher Arbeitstag beginnt f\u00fcr Patrick Theobald dann, wenn seine Mitarbeiter noch tief und fest schlafen. Die ruhigen Stunden am Morgen nutzt der Chef des Stuttgarter IT-Unternehmens Peakboard f\u00fcr komplizierte Aufgaben: technische Probleme l\u00f6sen, schwierige Kundenschreiben formulieren oder Dinge erledigen, die besonders viel Konzentration erfordern. Sein eigentlicher Arbeitstag startet erst einige Stunden sp\u00e4ter. <\/p>\n<p>Denn vor knapp vier Jahren ist der 46-J\u00e4hrige nach <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Taiwan\" title=\"Taiwan\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Taiwan<\/a> ausgewandert. Zwischen ihm und seinem Team liegen mehrere Stunden Zeitverschiebung \u2013 wenn in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> Nachmittag ist, neigt sich der Tag in Taiwan schon dem Ende zu. H\u00e4ufig sitzt Theobald bis Mitternacht in Meetings. Sein Alltag folgt damit einem Rhythmus, der gar nicht so recht zu ihm passt. Denn: \u201eEigentlich bin ich ein Morgenmensch\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Nach <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Corona\" title=\"Corona\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Corona<\/a> sollte das B\u00fcro wieder zum Mittelpunkt des Arbeitsalltags werden <\/p>\n<p>Manche seiner Mitarbeiter leben direkt in Stuttgart, andere weiter au\u00dferhalb, zwei Programmierer sitzen sogar in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Armenien\" title=\"Armenien\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Armenien<\/a>. Pr\u00e4senzpflicht gibt es beim Stuttgarter Unternehmen schon lange nicht mehr. Dabei war das nicht immer so. \u201eWir hatten uns damals 2022 zum Start ein 600 Quadratmeter gro\u00dfes, fancy B\u00fcro in der Neckarstra\u00dfe in Stuttgart geholt\u201c, erz\u00e4hlt Theobald. Die Idee dahinter war klar: Nach Corona sollte das B\u00fcro wieder zum Mittelpunkt des Arbeitsalltags werden. Doch die Realit\u00e4t sah anders aus.<\/p>\n<p>\u201eEs gab zwar einzelne Tage, an denen mehrere Leute im B\u00fcro waren, aber \u00fcberwiegend hat das eigentlich alles daheim stattgefunden\u201c, blickt Theobald auf jene Zeit zur\u00fcck. Erzwingen wollte der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer die R\u00fcckkehr ins B\u00fcro nicht, stattdessen versuchte er es mit verschiedenen Anreizen. \u201eVon regelm\u00e4\u00dfigen gemeinsamen Mittagessen hin zum klassischen Obstkorb\u201c, sagt der 46-J\u00e4hrige, \u201ehaben wir bestimmt noch ein Jahr versucht, wieder eine Hybridkultur aufzubauen.\u201c<\/p>\n<p>Doch vergebens. Viele Mitarbeitende h\u00e4tten sich w\u00e4hrend der Pandemie im Umland niedergelassen, so Theobald. Wer inzwischen weiter drau\u00dfen wohnte, konnte oder wollte nicht mehr t\u00e4glich pendeln: \u201eWenn man sich in Stuttgart kein Haus leisten kann, dann kann man sich aber vielleicht eines in Sulzbach leisten. Aber wenn man in Sulzbach wohnt, dann kann man nat\u00fcrlich nicht mehr jeden Tag nach Stuttgart kommen.\u201c<\/p>\n<p>Theobald: Schon lange Wunsch gehegt, nach Asien auszuwandern <\/p>\n<p>Irgendwann fiel die Entscheidung: \u201eDann haben wir einfach gesagt: Jetzt ziehen wir es vollends durch.\u201c F\u00fcr den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer selbst wurde das Modell auch pers\u00f6nlich zum Wendepunkt. Schon l\u00e4nger habe er den Wunsch gehegt, nach Asien auszuwandern. Mit dem Entschluss, sein Unternehmen ab sofort nach dem Grundsatz \u201eremote first\u201c zu f\u00fchren, sei daraus Realit\u00e4t geworden. \u201eEs gab dann eigentlich keine Ausrede mehr f\u00fcr das Nicht-Auswandern\u201c, sagt Theobald.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/media.media.bf981d2a-12be-4ba9-8589-5e69b38ff72c.original1024.media.jpeg\"\/>     Patrick Theobald.    Foto: Peakboard    <\/p>\n<p>Ganz ohne Herausforderungen verl\u00e4uft das allerdings nicht. Gerade in stressigen Situationen w\u00fcnsche er sich manchmal das klassische B\u00fcro zur\u00fcck, so der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Wenn etwa ein wichtiges Kundenproblem schnell gel\u00f6st werden m\u00fcsse und mehrere Mitarbeitende parallel daran arbeiten, frage er sich schon mal: \u201eSitzen die jetzt wirklich derart fieberhaft vor ihrem Rechner und versuchen, das Problem mit derselben Akribie zu l\u00f6sen wie ich?\u201c <\/p>\n<p>Er versuche zwar bewusst, solche Gedanken nicht gro\u00df werden zu lassen. \u201eAber dieser Grundzweifel an diesem System, der schwingt schon immer mit\u201c, sagt er offen. Gleichzeitig betont er aber auch: Solche Zweifel gebe es nicht nur im Homeoffice. \u201eBei physischer B\u00fcropr\u00e4senz gibt es das auch, dass Leute einfach nicht so arbeiten, wie sie sollen.\u201c<\/p>\n<p> \u201eDas ist kein klassisches: Jeder hockt allein daheim\u201c <\/p>\n<p>Wichtig sei das regelm\u00e4\u00dfige Einfordern von Ergebnissen. \u201eDie Resultate m\u00fcssen eben da sein und wenn jemand sagt, das habe ich nicht hinbekommen, dann ist nat\u00fcrlich die Frage: Hat er das nicht hinbekommen, weil es nicht machbar war, oder weil er nebenher \u201aDie Simpsons\u2018 geschaut hat?\u201c<\/p>\n<p>Damit die Remote-Arbeitsweise funktioniert, setzt Theobald vor allem auf permanente digitale Kommunikation. \u201eDas erste, was jeder morgens macht, wenn er den Rechner aufklappt, ist, sich an Slack anzumelden\u201c, erz\u00e4hlt der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Danach werde eigentlich den ganzen Tag geschrieben, telefoniert oder in kleinen Gruppen diskutiert. \u201eDas ist kein klassisches: Jeder hockt allein daheim\u201c, sagt Theobald.<\/p>\n<p>Er selbst habe sich trotz der Distanz nie alleine gef\u00fchlt. F\u00fcr ihn ersetze diese Form der Kommunikation vieles, was fr\u00fcher im B\u00fcro passiert sei. Selbst jene Dinge, die im Homeoffice leicht verloren gehen, wie spontane Begegnungen oder das ber\u00fchmte Gespr\u00e4ch in der Kaffeek\u00fcche versuche man zu ersetzen: \u201eFreitagnachmittag treffen wir uns immer zum Kaffee, wo dann jeder einfach in einen Chatraum kommt und irgendetwas erz\u00e4hlt.\u201c Gleichzeitig setzt die Firma bewusst auf feste pers\u00f6nliche Treffen. Drei- bis viermal im Jahr kommt das gesamte Team in Stuttgart an einem Co-Working-Space zusammen, arbeitet mehrere Tage gemeinsam und geht abends essen. Um, wie Theobald es ausdr\u00fcckt: \u201euns wieder zu synchronisieren, auch k\u00f6rperlich.\u201c<\/p>\n<p> Remote-First irgendwann \u00fcberall Standard? <\/p>\n<p>Erst k\u00fcrzlich wurde Stuttgart von der Bertelsmann Stiftung zur \u201eHomeoffice-Hauptstadt\u201c gek\u00fcrt, deutschlandweit gibt es hier den h\u00f6chsten Anteil an Stellenanzeigen mit Homeoffice-Option. Und doch rudern gro\u00dfe Konzerne wie Bosch beim Thema Homeoffice zur\u00fcck. J\u00fcngst hatte das Unternehmen verk\u00fcndet, seine Homeoffice-Regelungen aufzuk\u00fcndigen. Fortan sollen Mitarbeiter wieder h\u00e4ufiger ins B\u00fcro kommen. Einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, die Bosch-Chef Stefan Hartung bei einer Podiumsdiskussion unserer Zeitung nannte: Man k\u00f6nne keine neuen Mitarbeiter integrieren, wenn keiner der Team-Kollegen vor Ort sei.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/media.media.58072d89-8541-47c9-8f58-03b1a57b1ec4.original1024.media.jpeg\"\/>     Bosch-Chef Stefan Hartung k\u00fcndigte j\u00fcngst die Konzernbetriebsvereinbarung \u00fcber weitreichende Homeoffice-Regelungen au.    Foto: Lichtgut\/Julian Rettig    <\/p>\n<p>Theobald hingegen sieht die Thematik gelassen. \u201eIch finde, beim Onboarding muss man nicht neben jemandem stehen. Eine fachliche und mentale Betreuung, die kann ich auch auf die Ferne machen, wenn ich das m\u00f6chte.\u201c Das sei aber nur m\u00f6glich, wenn sich die Gegenseite darauf einlasse. \u201eDas ist nicht f\u00fcr jeden geeignet. Bevor jemand bei uns anf\u00e4ngt, kommunizieren wir sehr deutlich: Du musst der Typ daf\u00fcr sein, physisch allein zu arbeiten \u2013 wenn du das Gef\u00fchl hast, jeden Tag ins B\u00fcro gehen zu m\u00fcssen, dann bist du f\u00fcr unsere Firmenkultur nicht geeignet.\u201c<\/p>\n<p>Auch wenn einige gro\u00dfe Firmen inzwischen eher wieder davon wegkommen wollen \u2013 Theobald glaubt fest daran, dass Remote-First irgendwann \u00fcberall Standard werden wird. \u201eIch denke, dass gen\u00fcgend junge Leute nachkommen werden, deren Anspruch es ist, genau so zu arbeiten. Au\u00dferdem werden die Tools immer besser und die H\u00fcrden immer kleiner werden. Ganz davon abgesehen bedeutet das f\u00fcr Unternehmen einen gro\u00dfen monet\u00e4ren Vorteil, genauso f\u00fcr die Mitarbeiter, die wohnen k\u00f6nnen, wo es billig ist, und trotzdem dort verdienen, wo es teuer ist.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein gew\u00f6hnlicher Arbeitstag beginnt f\u00fcr Patrick Theobald dann, wenn seine Mitarbeiter noch tief und fest schlafen. 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