{"id":1044991,"date":"2026-05-25T10:45:16","date_gmt":"2026-05-25T10:45:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1044991\/"},"modified":"2026-05-25T10:45:16","modified_gmt":"2026-05-25T10:45:16","slug":"musikhaus-lindberg-schliesst-womoeglich-abschied-vom-klangparadies-in-der-sonnenstrasse-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1044991\/","title":{"rendered":"Musikhaus Lindberg schlie\u00dft wom\u00f6glich: Abschied vom Klangparadies in der Sonnenstra\u00dfe &#8211; M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Es war immer ein gro\u00dfes Fest im kleinsten Raum. Ein Fest f\u00fcr die Sinne \u2013 nicht nur f\u00fcr die Ohren. Der ganze K\u00f6rper wurde zu Musik. Die Augen, schon nach wenigen Takten wie im Traum geschlossen, sahen einen gro\u00dfen Konzertsaal: das Publikum, entspannt im vollen Genuss des Klangs; vorne auf der B\u00fchne f\u00fcnf Herren, konzentriert und doch ihrer Kunst wegen sich selbst und den anderen zul\u00e4chelnd. Und beim zarten, filigranen Beginn des zweiten Satzes stellten sich die Haare auf vor lauter, nein: leiser Ergriffenheit.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Franz Schubert, das gro\u00dfe Quintett in C-Dur. Ein klangm\u00e4chtiger Blick ins Paradies \u2013 und in den H\u00f6llenschlund. Und das auf zwei, drei Quadratmetern in einem holzget\u00e4felten Kasten, die T\u00fcr mittig verglast. Man h\u00e4tte den Publikumswirrwarr drau\u00dfen sehen k\u00f6nnen, w\u00e4ren die Augen nicht geschlossen gewesen vor Verz\u00fcckung. Es war wieder Lindbergtag f\u00fcr Frank, gerade mal 15 Jahre alt, und f\u00fcr seinen doppelt so alten Bruder. Ein Fest f\u00fcr beide.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Es war gute, wenn auch seltene Tradition in Franks Familie, den heimischen Schallplattenvorrat durch einen Besuch bei Lindberg in der M\u00fcnchner Sonnenstra\u00dfe zu erweitern. Selten deshalb, weil 20 Mark f\u00fcr eine Schallplatte (das Wort \u201eVinyl\u201c kannte man damals kaum) viel Geld waren \u2013 nur f\u00fcr ein H\u00f6rvergn\u00fcgen. Doch wennschon, dennschon: Lindberg, inklusive Anfahrt, inklusive Gro\u00dfstadt-Eis und inklusive, manchmal nach einer besonders erfolgreichen Schallplattenjagd, Mittagessen beim Jugoslawen am Dom.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/3b291c20-0f95-4b70-afd7-e9f9739ebfad.jpeg\"   alt=\"Saxophone in gro\u00dfer Auswahl: Wie bei Gitarren, Klavieren und Ziehharmonikas bot Lindberg Instrumente in beeindruckender Vielfalt.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Saxophone in gro\u00dfer Auswahl: Wie bei Gitarren, Klavieren und Ziehharmonikas bot Lindberg Instrumente in beeindruckender Vielfalt. Stephan Rumpf<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Denkt Frank heute an diese Lindberg-Besuche mit seinem Bruder zur\u00fcck, sieht er zuerst die mit hellem Holz verkleidete Kabine: schalldicht, in einer Reihe mit baugleichen K\u00e4sten. Dass er auf dem Weg zu den etwas r\u00fcckw\u00e4rtig gelegenen Verkaufsr\u00e4umen der Tontr\u00e4ger an schier endlosen Reihen von Ziehharmonikas vorbeiging, an Dutzenden Klavieren jedweder Provenienz \u2013 das hat ihn damals schon nicht interessiert. Entsprechend ist es im Ged\u00e4chtnis kaum haften geblieben.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Dass \u201eder Lindberg\u201c damals M\u00fcnchens Platzhirsch war, wenn es um Musik ging, wurde ihm erst viel sp\u00e4ter klar, als sich \u2013 vor allem am Stadtrand \u2013 Konkurrenz lautstark bemerkbar machte. Aber er sieht noch den Verk\u00e4ufer vor sich, der aus den riesigen Regalen ein paar Schallplatten in ihren H\u00fcllen zog: allesamt voll mit Schuberts genialen, vom nahen Tod gezeichneten Kl\u00e4ngen. Eben diesem C-Dur-Quintett, nicht zu verwechseln mit dem luftig leichten, der \u201eForelle\u201c gewidmeten Werk in selbiger Formation.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">\u201eIch sch\u00e4tze vor allem die Aufnahme mit dem Amadeus Quartett und William Pleeth\u201c, sagte der Verk\u00e4ufer damals. Frank war beeindruckt. Kannte der vielleicht all die Platten in den Regalen? Ein Fachverk\u00e4ufer im besten Sinne des Wortes. Die beiden Br\u00fcder zogen sich mit f\u00fcnf Schubert-Quartetten unterm Arm und gro\u00dfer Vorfreude in eines der engen Klangkabuffs zur\u00fcck. Dort warteten ein moderner Plattenspieler und ein damals schon ausgekl\u00fcgeltes Klangsystem auf sie.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Beide waren gro\u00dfe Fans der damals sogenannten E-Musik, Klassikfreaks w\u00fcrde man heute sagen. Und Lindberg war f\u00fcr sie Tempel, Palast, Dom und Paradies. Der \u00c4ltere stand vor allem auf Richard Strau\u00df und dessen Opern, der J\u00fcngere eher auf Bach und Mozart. Er kannte fast alles auswendig. Am heimischen Klavier k\u00e4mpfte er gerade mit Bachs Italienischem Konzert, wenn er nicht dessen Einspielung mit dem jungen Friedrich Gulda h\u00f6rte. Und weil er einmal bei Mozarts Es-Dur-Konzertante (mit Isaac Stern und William Primrose, bei Lindberg gekauft) mit der Nadel des Plattenspielers unvorsichtig war, setzte er im zweiten Satz einen Kratzer. Der verk\u00fcrzte diesen um drei Rillen. Noch heute erschrickt er bei diesem Meisterwerk, wenn sie dann die \u201elange\u201c Version spielen \u2013 statt die drei Rillen auszulassen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Dass er auf \u00e4hnliche Weise sp\u00e4ter Paminas gro\u00dfe g-Moll-Arie aus der \u201eZauberfl\u00f6te\u201c-Gesamtaufnahme mit Karl B\u00f6hm (bei Lindberg gekauft) ruinierte, beweist nur: Schallplatten waren ein leicht zu besch\u00e4digendes Gut. Auch die Scheiben der Beatles, der Rolling Stones \u2013 aber f\u00fcr Frank war das damals (sp\u00e4ter nicht mehr) bestenfalls organisierter L\u00e4rm, f\u00fcr den die Bezeichnung \u201eSchallplatte\u201c ungeh\u00f6rig schien. Kurz: Die beiden Br\u00fcder waren, ungeachtet ihres Alters, Klassikprofis. Und sie konnten sich auf zwei Namen einigen: Lindberg und Schubert.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Mit aller Vorsicht setzte der \u00c4ltere den Plattenspieler in Gang. Zartes C-Dur, das gleich einer Prophezeiung ins Moll wechselt \u2013 welch vielsagender Beginn! Und dann der zweite Satz, diese hingehauchte Klangzauberei. Schnell war klar: Nur zwei Aufnahmen kamen in Frage, Amadeus- oder K\u00f6ckert-Quartett, letzteres mit Walter Nothas am zweiten Cello. Nothas gewann, er stammte ja auch aus Niederbayern.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Zur\u00fcck am Ladentisch meinte der Verk\u00e4ufer gn\u00e4dig: Ja, das sei auch eine gute Wahl. Was man als Verk\u00e4ufer halt so sagt. Die beiden Br\u00fcder packten die Troph\u00e4e ein wie einen Schatz. Und wenn die Erinnerung nicht t\u00e4uscht, gab es nach dem Lindberg-Abenteuer beim Jugoslawen am Dom eine Balkanplatte zur Feier des Tages.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Das alles ist etwa ein halbes Jahrhundert her. Die Schallplatte von damals ist l\u00e4ngst verschwunden. Im CD-Regal aber steht noch Schuberts Streichquintett in C-Dur, remastert, mit dem K\u00f6ckert Quartett und Walter Nothas. Und wenn Frank heute am Lindberg vorbeif\u00e4hrt, dem einstigen Klangparadies-Monopolisten in der Sonnenstra\u00dfe, denkt er an das helle Holz der Klangkabinen von damals, an den vollautomatischen Plattenspieler und an den Verk\u00e4ufer. Wahrscheinlich hatte er Musik studiert, war aber im Konkurrenzgew\u00fchle untergegangen und hatte bei Lindberg einen Job gefunden. Dass dabei ein bisschen Wehmut aufkommt, versteht sich von selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es war immer ein gro\u00dfes Fest im kleinsten Raum. Ein Fest f\u00fcr die Sinne \u2013 nicht nur f\u00fcr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1044992,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1827],"tags":[772,29,116091,30,1268,149,2635],"class_list":["post-1044991","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-muenchen","tag-bayern","tag-deutschland","tag-einzelhandel-in-muenchen","tag-germany","tag-muenchen","tag-sueddeutsche-zeitung","tag-wirtschaft-in-muenchen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116634814273745302","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1044991","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1044991"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1044991\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1044992"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1044991"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1044991"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1044991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}