{"id":1047058,"date":"2026-05-26T08:44:10","date_gmt":"2026-05-26T08:44:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1047058\/"},"modified":"2026-05-26T08:44:10","modified_gmt":"2026-05-26T08:44:10","slug":"lincoln-und-das-fortwirkende-erbe-der-zweiten-amerikanischen-revolution-eine-antwort-auf-einen-kritiker-des-briefs-aus-dem-jenseits","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1047058\/","title":{"rendered":"Lincoln und das fortwirkende Erbe der zweiten Amerikanischen Revolution: Eine Antwort auf einen Kritiker des \u201eBriefs aus dem Jenseits\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"db relative center\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/37d38af0-9c4e-4c97-87fc-9b8efb3316be.jpeg\" style=\"max-height:25rem\"\/>Abraham Lincoln<\/p>\n<p>An den unzufriedenen WSWS-Leser \u201eGavan2020\u201c,<\/p>\n<p>auf die Ver\u00f6ffentlichung des \u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2026\/05\/24\/urda-m24.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Briefs aus dem Jenseits von A. Lincoln<\/a>\u201c sind bei der WSWS zahlreiche Reaktionen eingegangen. Die meisten waren positiv, einige sogar begeistert. Mehrere Leserinnen und Leser haben mich aufgefordert zu erkl\u00e4ren, woher dieser Brief stammt. Eine Leserin bat darum, mit Mr. Lincoln in Kontakt gebracht zu werden.<\/p>\n<p>Deine Reaktion, ver\u00f6ffentlicht im Kommentarbereich, geh\u00f6rt zu der kleineren Gruppe von Antworten, die den Brief als Verrat am Marxismus und als Abgleiten in Richtung Kapitulation vor der b\u00fcrgerlichen Demokratie auffassen. Diese Zuschriften, deine eingeschlossen, bringen Sorgen zum Ausdruck, die fehlgeleitet und irref\u00fchrend sind.<\/p>\n<p>Warum habe ich diesen Brief geschrieben? Ein pers\u00f6nliches Moment m\u00f6chte ich gleich zu Beginn nicht leugnen. Ich bewundere Lincoln, so lange ich denken kann. Ich habe mir die filmischen Darstellungen Lincolns durch Henry Fonda, Raymond Massey, Hal Holbrook, Sam Waterston und Daniel Day-Lewis viele Male angesehen. Holbrooks Darstellung finde ich am eindringlichsten. Ich verfolge, so gut ich kann, die umfangreiche und st\u00e4ndig wachsende biografische Literatur. Das ist unter Mitgliedern der Socialist Equality Party nicht ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Ich habe alle gro\u00dfen Reden und Briefe Lincolns gelesen und einige davon auswendig gelernt, und beim Verfassen des \u201eBriefs aus dem Jenseits\u201c habe ich versucht, etwas von der Kadenz seiner poetischen Prosa des 19. Jahrhunderts nachzuahmen. Das Ergebnis ist, wie zu erwarten, nur ein blasser Abklatsch. H\u00e4tte ich 1860 mein 21. Lebensjahr vollendet, h\u00e4tte ich mich den Wide Awakes angeschlossen, die Lincoln im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf zujubelten. Was du aus dieser hypothetischen Neigung machst, bleibt dir \u00fcberlassen. Sie hat mich jedenfalls nicht daran gehindert, 1971 der trotzkistischen Workers League (Vorl\u00e4uferin der SEP) beizutreten, und das seither vergangene halbe Jahrhundert hat mir keinen Anlass geboten, diese beiden Bindungen meiner Jugend \u2013 die eine historisch, die andere zeitgen\u00f6ssisch \u2013 als Widerspruch zueinander zu betrachten. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Es gab jedoch einen wichtigeren Grund, diesen Brief auf der World Socialist Web Site zu schreiben und zu ver\u00f6ffentlichen. Wir n\u00e4hern uns dem 250. Jahrestag der \u00f6ffentlichen Proklamation der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung \u2013 jenes Dokuments, das die Gleichheit aller Menschen und das naturgegebene Recht proklamierte, unterdr\u00fcckerische Regierungen zu st\u00fcrzen. Zu diesem Jahrestag ist die Arbeiterklasse mit einem beispiellosen Angriff auf ihre demokratischen Rechte konfrontiert. Die Vereinigten Staaten werden von einer reaktion\u00e4ren kapitalistischen Oligarchie in eine Diktatur mit offen faschistischen Z\u00fcgen verwandelt. Und dies ist nicht nur ein amerikanisches Ph\u00e4nomen; es ist die Speerspitze eines globalen Prozesses. Unter diesen Bedingungen ist es \u201erecht und billig\u201c, um Lincolns Worte zu verwenden, auf die historischen Erfahrungen der vergangenen Revolutionen Amerikas zur\u00fcckzugreifen, um die tief verwurzelten demokratischen \u00dcberzeugungen der Arbeiterklasse freizulegen und zu aktivieren.<\/p>\n<p>Du wendest dich gegen meinen Brief mit dem Argument, Lincoln sei ein b\u00fcrgerlicher Politiker gewesen, die Sklaverei \u201ekeine Lohnsklaverei\u201c, und die Berufung auf Lincolns Verm\u00e4chtnis durch eine sozialistische Publikation ein Zugest\u00e4ndnis an einen \u201eNationalismus, der zur Zeit Lincolns progressiv war, heute jedoch regressiv reaktion\u00e4r ist\u201c. Dem setzt du, mit einer gewissen rhetorischen Geste, entgegen: \u201eLincoln ist gestorben, damit die Sklaven frei sein konnten \u2013 in und mit dem Kapitalismus\u201c, Trotzki jedoch sei \u201egestorben, damit die Arbeiter frei sein k\u00f6nnten \u2013 im Sozialismus\u201c.<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr den gut gemeinten Hinweis.<\/p>\n<p>Doch deine Formulierung kappt die reale historische Beziehung zwischen den b\u00fcrgerlich\u2011demokratischen Revolutionen und der sozialistischen Bewegung, die aus ihnen hervorging und heute deren einzig legitime Erbin ist. Zu einer marxistischen Position gelangt man nicht, indem man historisch abstrakte Banalit\u00e4ten aneinanderreiht und das Ergebnis zur Theorie erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><a class=\"db avenir f6 lh-title pa1 br2 tc mw6 mw-75rem-m bg-black-05 mt3 center\" href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/special\/pages\/international-mayday-online-rally-2026.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"dn db-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1779785036_941_11d17052-6cfe-4508-a369-0296defc96b6.png\"\/><img decoding=\"async\" class=\"db dn-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1779785038_25_4b19da99-80bf-4b7c-8443-cc2e6d33b6f6.png\"\/><\/a><\/p>\n<p>Der B\u00fcrgerkrieg war die zweite Amerikanische Revolution. Sein Ergebnis \u2013 die gewaltsame Zerschlagung der Macht der Sklavenhalter und die Abschaffung der Sklaverei, bei der der Sklave pers\u00f6nliches Eigentum seines Herrn war \u2013 stellte ein welthistorisches Ereignis dar, das die Bedingungen ver\u00e4nderte, unter denen sich die Arbeiterklasse in den Vereinigten Staaten und international entwickeln und k\u00e4mpfen konnte. Marx verfolgte den Krieg mit gr\u00f6\u00dfter Aufmerksamkeit, organisierte unter britischen Arbeitern Solidarit\u00e4t mit der Union und erkannte \u2013 wie Lincoln selbst in der letzten Phase seines Lebens \u2013, dass die innere Logik des Konflikts \u00fcber die urspr\u00fcnglichen Ziele der Bourgeoisie hinausdr\u00e4ngte, die ihn begonnen hatte.<\/p>\n<p>Nach Lincolns Ermordung verfasste Marx im Mai 1865 f\u00fcr den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation eine Adresse an Pr\u00e4sident Andrew Johnson. Sie enth\u00e4lt eine W\u00fcrdigung Lincolns, die es wert ist, in Erinnerung gerufen zu werden, da du offenbar nicht mit ihr vertraut bist. Lincoln, schrieb Marx, sei \u201eeiner der seltenen M\u00e4nner, denen es gelingt, gro\u00df zu werden, ohne dass aufh\u00f6ren, gut zu sein\u201c. Er beschrieb ihn als einen Mann, \u201eden der Misserfolg nicht niederschlagen, den der Erfolg nicht berauschen konnte, der unersch\u00fctterlich seinem gro\u00dfen Ziele entgegendr\u00e4ngte, ohne es je durch blinde Hast aufs Spiel zu setzen, bed\u00e4chtig seine Schritte f\u00f6rdernd, ohne je einen zur\u00fcck zu tun\u201c, einen Mann, der \u201esein titanisches Werk ebenso einfach und bescheiden verrichtet, wie Herrscher von Gottes Gnaden kleine Dinge mit prahlerischem Glanz und Aufwand zu tun pflegen\u201c. Das ist das Urteil des Autors des \u201eKapital\u201c \u00fcber den b\u00fcrgerlichen Politiker, dessen Erw\u00e4hnung in einer sozialistischen Publikation du peinlich findest. Vielleicht m\u00f6chtest du die Sache mit ihm direkt ausmachen. Ich w\u00e4re gern behilflich, ein Gespr\u00e4ch zu arrangieren, aber ich habe Marx\u2019 aktuelle E\u2011Mail\u2011Adresse nicht zur Hand.<\/p>\n<p>Auch Lenin rief in seinem \u201eBrief an die amerikanischen Arbeiter\u201c von 1918 das Beispiel der amerikanischen Revolutionen in Erinnerung. Er schrieb:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Im amerikanischen Volke lebt eine revolution\u00e4re Tradition, die die besten Vertreter des amerikanischen Proletariats \u00fcbernommen haben \u2013 jene Vertreter, die wiederholt ihre v\u00f6llige Solidarit\u00e4t mit uns, Bolschewiki, kundgaben. Diese Tradition r\u00fchrt aus dem Befreiungskriege gegen die Engl\u00e4nder im 18. Jahrhundert und dem B\u00fcrgerkriege im 19. Jahrhundert her. 1870 stand Amerika in gewisser Hinsicht \u2013 ber\u00fccksichtigt man blo\u00df die \u201eZerst\u00f6rung\u201c einiger Zweige der Industrie und der Volkswirtschaft \u2013 weit hinter 1860 zur\u00fcck. Aber wie pedantisch, ja geradezu idiotisch m\u00fcsste ein Mensch genannt worden, der auf Grund dessen die h\u00f6chste universell-historische, fortschrittliche und revolution\u00e4re Bedeutung des amerikanischen B\u00fcrgerkrieges von 1863\u20131865 leugnen wollte.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Trotzki studierte w\u00e4hrend des russischen B\u00fcrgerkriegs den amerikanischen B\u00fcrgerkrieg und hatte die Absicht, eine Geschichte dieses Konflikts zu schreiben. Schon diese Verbindung ist aufschlussreich. Der Oberbefehlshaber der Roten Armee besch\u00e4ftigte sich mitten im Kampf um das \u00dcberleben des ersten Arbeiterstaats mit den Feldz\u00fcgen Grants und Shermans nicht aus einer antiquarischen Neigung heraus, sondern weil er \u2013 wie zuvor Marx und Lenin \u2013 begriff, dass die gro\u00dfen revolution\u00e4ren Ersch\u00fctterungen der b\u00fcrgerlichen Epoche nicht etwas der modernen Arbeiterklasse Fremdes waren, sondern einer ihrer Grundbestandteile, und dass sich die sozialistische Bewegung in den Vereinigten Staaten nicht auf der Basis von Gleichg\u00fcltigkeit, geschweige denn Feindschaft gegen\u00fcber den demokratischen und revolution\u00e4ren Traditionen entwickeln kann, aus denen die amerikanische Arbeiterklasse historisch hervorgegangen ist.<\/p>\n<p>Lincoln als eine Gestalt zu behandeln, die den demokratischen Idealen der sozialistischen Bewegung fremd ist, bedeutet, die Methode von Marx, Engels, Lenin und Trotzki zugunsten eines sektiererischen Schemas \u00fcber Bord zu werfen, in dem die Arbeiterklasse von der gesamten fr\u00fcheren Geschichte revolution\u00e4rer K\u00e4mpfe gegen Feudalismus, Sklaverei und Absolutismus abgeschnitten wird. Dieses Schema ist eine Karikatur des Marxismus. Es ist in der Vergangenheit immer wieder aufgetreten \u2013 jedes Mal zum Schaden der Bewegung, die es sich zu eigen machte.<\/p>\n<p>Die WSWS hat eine konsequente Kampagne gegen das \u201e1619 Project\u201c der New York Times gef\u00fchrt \u2013 eine Kampagne zur Verteidigung des revolution\u00e4ren Erbes der Vereinigten Staaten gegen den Versuch, die Amerikanische Revolution und den B\u00fcrgerkrieg als Ausdruck einer unver\u00e4nderlichen \u201eRassenpathologie\u201c zu verf\u00e4lschen, Lincoln aus dem Pantheon fortschrittlicher historischer Gestalten zu verbannen und rassistische Mythologie an die Stelle der Klassenanalyse der amerikanischen Geschichte zu setzen. Die Interventionen der WSWS, gest\u00fctzt auf die Arbeiten f\u00fchrender Historiker unserer Zeit, darunter James McPherson, Gordon Wood, James Oakes, Victoria Bynum und andere, zielten darauf ab, den demokratischen und revolution\u00e4ren Gehalt dieser Ereignisse gegen eine akademische und journalistische Offensive zu verteidigen, mit der er liquidiert werden sollte. Der Brief Lincolns aus dem Jenseits ist nicht nur Bestandteil dieser politischen und geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung, sondern auch des heutigen Kampfs gegen Trump und gegen die faschistische Verschw\u00f6rung der Oligarchie.<\/p>\n<p>Es ist ironisch, dass deine Kritik an dem Lincoln\u2011Brief selbst in politische Verwirrung und Opportunismus abgleitet. Du schreibst: \u201eDie Verfassung, f\u00fcr die Lincoln gek\u00e4mpft habe, kann heute nicht wiederbelebt werden, solange die Oligarchie nicht verschwunden ist.\u201c<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal wird die sozialistische Revolution und die Errichtung der Arbeiterherrschaft nicht \u201edie Verfassung wiederbeleben\u201c, die das Fundament des b\u00fcrgerlichen Staats bildet. Die sozialistische Revolution wird die wirklichen demokratischen Errungenschaften der Revolutionen von 1776\u20131783 und 1861\u20131865 verteidigen, wiederbeleben und auf eine h\u00f6here Stufe heben. Sie wird nicht die Exekutive der US\u2011Verfassung, das Zweikammerparlament, den nicht gew\u00e4hlten Supreme Court und das Electoral College bewahren. Sie wird jedoch den eigentlichen demokratischen Gehalt der Bill of Rights und die entscheidenden Rechte verteidigen, die in den 13., 14. und 15. Zusatzartikeln der Verfassung verankert sind. Zu diesen Rechten geh\u00f6rt auch das Recht auf Staatsb\u00fcrgerschaft durch Geburt auf amerikanischem Boden \u2013 eine zentrale Errungenschaft des B\u00fcrgerkriegs, die derzeit von der faschistischen Trump\u2011Regierung angegriffen wird. Und selbst dieses Prinzip wird durch die Abl\u00f6sung nationaler Staatsb\u00fcrgerschaft durch eine \u00fcbernationale Identit\u00e4t einer global geeinten Menschheit, wie sie in der \u201eInternationale\u201c vorausgesehen ist, \u00fcberholt werden. In diesem Zusammenhang ist zu erg\u00e4nzen, dass die Schaffung einer sozialistischen Verfassung stark auf die Erfahrungen der Pariser Kommune zur\u00fcckgreifen wird, die sechs Jahre nach dem Ende des Amerikanischen B\u00fcrgerkriegs gebildet wurde. Unser Ziel ist nicht ein besserer Nationalstaat, sondern sein Absterben.<\/p>\n<p>Der Brief Lincolns aus dem Jenseits ist ein Versuch, das Beste des demokratischen Erbes der Vereinigten Staaten gegen das Schlimmste ihrer gegenw\u00e4rtigen kapitalistisch\u2011imperialistischen Realit\u00e4t in Stellung zu bringen. Er ist ein Appell an die amerikanische Arbeiterklasse, die Traditionen des Kampfes um demokratische Rechte neu zu behaupten und zu begreifen, dass die Verteidigung dieser Rechte heute nur noch durch die unabh\u00e4ngige politische Mobilisierung der Arbeiterklasse auf der Grundlage eines sozialistischen Programms gegen die kapitalistische Oligarchie m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/library\/wohin-geht-amerika\/00.html\" class=\"no-underline pointer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"><img decoding=\"async\" class=\"db relative center\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/d8b1e754-dda2-4b2e-b1f0-58e6cab66628.png\" style=\"max-height:25rem\"\/><\/p>\n<p>David North (Hrsg.)<\/p>\n<p>Wohin geht Amerika? Faschismus oder Sozialismus<\/p>\n<p>Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Milit\u00e4r- und Polizeistaat nicht l\u00e4nger nur eine theoretische M\u00f6glichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Du schreibst weiter, ich w\u00fcrde mich auf Lincoln statt auf Trotzki berufen, weil der Autor \u201ef\u00fcrchtet, was da kommt: von der Sowjetmacht, durch die Sowjetmacht, f\u00fcr die Sowjetmacht, und weil die aufst\u00e4ndische Liste in der UAW weit mehr ist, als Lincoln der jungen amerikanischen Arbeiterklasse damals geben konnte\u201c.<\/p>\n<p>In mehr als 55 Jahren in der trotzkistischen Bewegung bin ich von Anti\u2011Marxisten vieler politischer Fehler bezichtigt worden, aber bis heute war mir noch nie vorgeworfen worden, die Bildung von Sowjets zu f\u00fcrchten. Tats\u00e4chlich besteht der Hauptvorwurf der \u201esektiererischen\u201c Ketzerei, der mir am h\u00e4ufigsten gemacht wird \u2013 von Gewerkschaftsfunktion\u00e4ren, von allerlei pseudo\u2011linken Tendenzen im Umfeld der Demokratischen Partei und von einer ganzen Reihe akademischer Kritiker, die sonst wenig miteinander gemein haben \u2013 darin, dass die SEP f\u00fcr den Aufbau der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (International Workers Alliance of Rank\u2011and\u2011File Committees \u2013 IWA-RFC) k\u00e4mpft, unabh\u00e4ngig von der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie und in offenem Gegensatz zu ihr.<\/p>\n<p>Die Berufung auf Lincoln und den Krieg gegen die Herrschaft der Sklavenhalter ist alles andere als ein R\u00fcckzug von der Perspektive der Arbeiterherrschaft; sie ist Teil der politischen Vorbereitung darauf. Die amerikanische Arbeiterklasse wird nicht zur Schaffung unabh\u00e4ngiger Kampf- und Herrschaftsorgane kommen, ohne die Geschichte des Landes zu studieren, in dem sie lebt, und die revolution\u00e4ren K\u00e4mpfe zu kennen, aus denen ihre demokratischen Traditionen hervorgegangen sind.<\/p>\n<p>Noch ein weiterer Punkt. Du schreibst, die WSWS sei \u201ekeine Website f\u00fcr Literatur, Romane, literarische Experimente und Wortspiele, Stilfragen, Poesie usw.\u201c, und f\u00fcgst hinzu, \u201eda der Marxismus wissenschaftlich ist, kann man beim Schreiben \u00fcber den Klassenkampf nicht oft Metaphern verwenden\u201c.<\/p>\n<p>Das ist eine vollkommen falsche Aussage \u00fcber die Publikation, die du zu lesen vorgibst. Die Kulturseiten der World Socialist Web Site haben \u00fcber mehr als ein Vierteljahrhundert hinweg umfangreiche Kritiken \u00fcber Film, Theater, Literatur, Musik, Malerei und Tanz ver\u00f6ffentlicht. Die WSWS hat Essays \u00fcber Shakespeare, Puschkin, Goethe, Tolstoi, Dostojewski, Whitman, Twain, Dreiser, Wright, Trumbo und viele andere gebracht; \u00fcber die gro\u00dfen Komponisten und das Kino des 20. Jahrhunderts; und \u00fcber den kulturellen Schaden, den die politische Reaktion der letzten Jahrzehnte angerichtet hat. Allein David Walshs Schriften \u00fcber Film bilden den umfangreichsten Korpus marxistischer Kulturkritik, der in dieser Zeit irgendwo auf der Welt entstanden ist. Ist diese Arbeit deiner Ansicht nach eine Ablenkung vom eigentlichen Zweck unserer Publikation, oder hast du dir schlicht nie die M\u00fche gemacht, sie zur Kenntnis zu nehmen, bevor du feststellst, was diese Publikation ist und was nicht?<\/p>\n<p>Die von dir vorgetragene Auffassung \u2013 wissenschaftlicher Sozialismus sei unvereinbar mit Metaphern, mit literarischer Form, mit den imaginativen Mitteln der Sprache \u2013 ist ein derart grundlegendes Missverst\u00e4ndnis, dass man kaum wei\u00df, wo man mit der Korrektur beginnen soll. Marx\u2019 Prosa z\u00e4hlt zu den gro\u00dfen literarischen Leistungen des 19. Jahrhunderts. Der ber\u00fchmte Beginn des Kommunistischen Manifests, die Figur des \u201ealten Maulwurfs\u201c im \u201eAchtzehnten Brumaire\u201c, die Passagen \u00fcber den Warenfetischismus im \u201eKapital\u201c, das polemische Feuer der Schriften gegen Proudhon und Bauer \u2013 all das sind keine Verzierungen, mit denen ein vermeintlich \u201ereiner\u201c wissenschaftlichen Kern nachtr\u00e4glich versehen wurde. Die literarische Kraft ist von der analytischen Kraft untrennbar, weil die dialektische Methode Ausdrucksformen verlangt, die dem widerspr\u00fcchlichen, sich entwickelnden, lebendigen Charakter ihres Gegenstands gerecht werden.<\/p>\n<p>Trotzki war einer der gro\u00dfen Schriftsteller \u2013 aller Sprachen \u2013 des 20. Jahrhunderts, und seine politischen Schriften \u2013 \u201eGeschichte der Russischen Revolution\u201c, \u201eMein Leben\u201c, \u201eLiteratur und Revolution\u201c, die Polemiken gegen die B\u00fcrokratie \u2013 sind ohne ihre literarische Qualit\u00e4t gar nicht denkbar. Lenin, oft als trockener Techniker der Bewegung missverstanden, schrieb mit bei\u00dfendem Witz und griff st\u00e4ndig auf bildhafte Vergleiche zur\u00fcck. Die Vorstellung, die Arbeiterklasse sei in der verflachten Idiomatik eines b\u00fcrokratischen Memorandums anzusprechen, aus der jede Metapher verbannt und jede Vorstellungskraft misstrauisch be\u00e4ugt wird, hat nichts mit Marxismus zu tun. Sie hat vor allem etwas mit der kulturellen Verarmung zu tun, die der Stalinismus der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert auferlegt hat und von der sie sich bis heute nicht erholt hat.<\/p>\n<p>Wir begr\u00fc\u00dfen auf der WSWS Poesie, literarisches Experimentieren und eine vertiefte Auseinandersetzung mit den M\u00f6glichkeiten k\u00fcnstlerischer Form, wenn sie dem Aufbau der internationalen sozialistischen Bewegung der Arbeiterklasse und der Vierten Internationale dienen. Das ist ein wesentlicher Bestandteil der politischen Aufgaben der Bewegung. Die Oktoberrevolution l\u00f6ste eine Bl\u00fcte k\u00fcnstlerischer Experimente aus, die von der stalinistischen Reaktion erstickt wurden. Die Wiederaneignung dieser Tradition und ihre Weiterentwicklung geh\u00f6ren zu den Aufgaben, denen sich die Bewegung stellen muss.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang werden die Socialist Equality Party und die World Socialist Web Site den 250. Jahrestag der Amerikanischen Revolution mit einem Online\u2011Webinar begehen, zu dem wir f\u00fchrende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Revolution eingeladen haben. Zu den Themen, die dort behandelt werden, wird Lincolns Platz in der amerikanischen und Weltgeschichte geh\u00f6ren \u2013 der Platz jenes Mannes, der das unvollendete Werk von 1776 vollendete. Die Aufgabe, sein Werk auf einer internationalen sozialistischen Grundlage zum Abschluss zu bringen, f\u00e4llt heute der Arbeiterklasse zu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Abraham Lincoln An den unzufriedenen WSWS-Leser \u201eGavan2020\u201c, auf die Ver\u00f6ffentlichung des \u201eBriefs aus dem Jenseits von A. 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