{"id":104781,"date":"2025-05-12T13:19:15","date_gmt":"2025-05-12T13:19:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/104781\/"},"modified":"2025-05-12T13:19:15","modified_gmt":"2025-05-12T13:19:15","slug":"aus-dem-pott-an-die-parteispitze-so-wurde-baerbel-bas-zur-heissesten-aktie-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/104781\/","title":{"rendered":"Aus dem Pott an die Parteispitze: So wurde B\u00e4rbel Bas zur hei\u00dfesten Aktie der SPD"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auf Saskia Esken folgt B\u00e4rbel Bas: Die designierte neue SPD-Chefin und Bundesarbeitsministerin hat eine erstaunliche Aufstiegsbiografie vorzuweisen &#8211; aus der sie viel Selbstbewusstsein sch\u00f6pft.<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Endlich normale Leute!&#8220;, jubelte Schauspieler Tom Gerhardt 1997 in der Proll-Kom\u00f6die &#8222;Ballermann 6&#8220; beim Anblick des Feiervolks am Mallorca-Strand. Nun wird sich die SPD-Spitze zu Recht Vergleiche mit Sauftouristen verbitten, hofft aber dennoch mit ihrer personellen Neuaufstellung auf Gerhardt&#8217;sche Begeisterung im Wahlvolk. <\/p>\n<p>F\u00fcr diese Hoffnung steht insbesondere die Personalie B\u00e4rbel Bas, deren Aufstieg vom Ruhrpott-Kind mit Hauptschulabschluss einer sozialdemokratischen Vorzeige-Biografie gleicht: Nach dreieinhalb Jahren als Bundestagspr\u00e4sidentin soll die neue Bundesarbeitsministerin zus\u00e4tzlich Vorsitzende der altehrw\u00fcrdigen Arbeiterpartei werden &#8211; die bei vielen Arbeitern schon lange nicht mehr verf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Bas&#8216; Vater war Busfahrer, die Mutter k\u00fcmmerte sich um die sechs Kinder. Nachdem der Bruder das Abitur nicht geschafft hatte, durfte es die j\u00fcngere B\u00e4rbel gar nicht erst versuchen, wie sie vergangene Woche Sandra Maischberger erz\u00e4hlte. Auf die Hauptschule mit Fachoberschulreife 1984 folgte die Ausbildung zur B\u00fcrogehilfin bei der Duisburger Verkehrsgesellschaft (DVG). Bas arbeitete sich hoch, qualifizierte sich weiter und war zuletzt Abteilungsleiterin im Personalservice, bevor sie 2009 in den Bundestag wechselte. Da hatte sie sich schon in der Duisburger SPD einen Namen gemacht, wo sie sich 1988 zu engagieren begonnen hatte &#8211; parallel zu ihrer Arbeit im DVG-Betriebsrat.<\/p>\n<p>Der eigene Vater als Ma\u00dfstab<\/p>\n<p>Als Bas im Januar 2010 erstmals im Bundestag spricht,<a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/mediathek?videoid=469132#url=aHR0cHM6Ly93d3cuYnVuZGVzdGFnLmRlL21lZGlhdGhla292ZXJsYXk\/dmlkZW9pZD00NjkxMzI=&amp;mod=mediathek\" rel=\"Follow noopener\" target=\"_blank\"> liest sie dem damaligen Gesundheitsminister Philipp R\u00f6sler die Leviten wie eine alte H\u00e4sin<\/a>. Dem FDP-Politiker h\u00e4lt sie einseitige Klientelpolitik zugunsten der privaten Krankenversicherungen vor, w\u00e4hrend in den sozialschwachen Stadtteilen Duisburgs &#8222;kein Kinderarzt mehr zu finden ist&#8220;. Bas ist erkennbar in der Materie, redet aber verst\u00e4ndlich. Sie wedelt mit zwei Geldscheinen und sagt: &#8222;Sie geben dem B\u00fcrger zehn Euro mit Steuersenkungen in die eine Tasche und nehmen ihm 20 Euro f\u00fcr die Sozialversicherung aus der anderen Tasche.&#8220; <\/p>\n<p>Ihre klare Sprache hat sich die hochgewachsene Frau beibehalten &#8211; ob als Bundestagspr\u00e4sidentin oder nun als Bundesministerin f\u00fcr Arbeit und Soziales. &#8222;Der Hauptjob ist, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben k\u00f6nnen&#8220;, umschreibt sie ihre neue Rolle. &#8222;Ich will, dass ein Busfahrer, der viele Kinder hat, auch von seinem Job, den er den ganzen Tag macht, leben kann.&#8220; Ihr eigener Vater, der fr\u00fchere Busfahrer, habe die Vereidigung als Bundesministerin am Fernseher verfolgt. Bas wei\u00df: &#8222;Das ist mir wirklich nicht in die Wiege gelegt worden, meinen Weg, den ich jetzt gemacht habe.&#8220; <\/p>\n<p>Ernsthaft und gelassen<\/p>\n<p>Ihre Nominierung zur Bundestagspr\u00e4sidentin nach dem SPD-Wahlsieg 2021 war eine \u00dcberraschung. Bis dahin hatte sich Bas vor allem als Gesundheitspolitikerin profiliert und w\u00e4hrend der Corona-Pandemie eher K\u00e4rrnerarbeit hinter den Kulissen geleistet. Bundesgesundheitsminister wurde ein anderer NRW-Genosse: Karl Lauterbach, der in der Fraktion als politisches Ein-Mann-Unternehmen verrufen war, sich via Talkshows aber eine gro\u00dfe Bekanntheit erworben hatte. <\/p>\n<p>Bas als Nachfolgerin der dezidiert intellektuell auftretenden Bundestagspr\u00e4sidenten Wolfgang Thierse, Norbert Lammert und Wolfgang Sch\u00e4uble war ein Wagnis f\u00fcr die SPD. Bas kokettiert nicht mit Zitaten gro\u00dfer Philosophen, sie ist Fan des MSV Duisburg, f\u00e4hrt Motorrad und z\u00e4hlt die Thriller von Dan Brown zu ihren Lieblingsb\u00fcchern. Die Wahl der inzwischen 57-J\u00e4hrigen gilt gemeinhin als gegl\u00fcckt: Bas f\u00fchrte den Bundestag mit einer Mischung aus gro\u00dfer Ernsthaftigkeit und gelassenem Auftreten durch eine Legislaturperiode, die von der R\u00fcckkehr des Kriegs nach Europa und einer h\u00f6chst unruhig agierenden Regierungskoalition gepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p>Bas hielt sich in ihrem Amt auch nicht mit Kritik zur\u00fcck, wenn die von der eigenen Partei gef\u00fchrte Koalition den Bundestag immer wieder mit kurzfristig vorgelegten Gesetzentw\u00fcrfen und entsprechend geringen Beratungszeiten konfrontierte. Dass Bas bei weitem nicht nur p\u00f6belnde AfD-Abgeordnete mit Ordnungsrufen und Strafgeldern belegte, <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/SPD-Abgeordneter-muss-1000-Euro-Ordnungsgeld-zahlen-article24245320.html\" rel=\"Follow noopener\" target=\"_blank\">wei\u00df der M\u00fcnchener Sozialdemokrat Michael Schrodi zu berichten<\/a>. Einmal r\u00fcffelte sie Bundeskanzler Olaf Scholz, als dieser zu Beginn seiner Rede die Begr\u00fc\u00dfung der Pr\u00e4sidentin vergisst, wie es sich geh\u00f6rt. Auch die von reichlich Emp\u00f6rung am Podium gepr\u00e4gte, gemeinsame Abstimmung von Union und AfD Ende Januar eskalierte unter Bas&#8216; ruhiger \u00c4gide nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Ich entscheide \u00fcber mein Leben selbst&#8220;<\/p>\n<p>So erwarb Bas sich als Pr\u00e4sidentin Ansehen und Bekanntheit, ohne selbst durch den katastrophalen Ruf der Ampel besch\u00e4digt zu werden. Nach der Bundestagswahl ist sie pl\u00f6tzlich eine der wenigen Sozialdemokratinnen, die gleicherma\u00dfen f\u00fcr Erfahrung und Erneuerung steht. Bas steigt auf in das neunk\u00f6pfige Verhandlungsteam ihrer Partei im h\u00f6chsten Gremium der Koalitionsgespr\u00e4che mit CDU und CSU &#8211; als einzige Vertreterin des einflussreichen Landesverbandes Nordrhein-Westfalen neben dem Veteranen Achim Post. Von da an gilt sie als kommende Ministerin &#8211; zum Leidwesen des ins Abseits gekegelten langj\u00e4hrigen Arbeitsministers Hubertus Heil, der seinen Posten in der neuen Legislatur los ist.<\/p>\n<p>Bas ist es wichtig, nicht nach oben gesp\u00fclt worden zu sein. Sie tritt beinahe demonstrativ selbstbewusst auf. &#8222;Ich sage immer, ich entscheide \u00fcber mein Leben selbst&#8220;, sagt sie bei Maischberger. Bei ihrer Vorstellung als vom Vorstand nominierte Parteivorsitzende sagt Bas: &#8222;Ich habe entschieden, der Partei das Angebot zu machen, f\u00fcr den Parteivorsitz zu kandidieren.&#8220; Und: &#8222;Ich sage immer: Wenn es leicht w\u00e4re, k\u00f6nnten es auch andere machen.&#8220; Sie wolle als Parteivorsitzende f\u00fcr soziale Sicherheit, Bildungsgerechtigkeit, gesellschaftliche Vielfalt und den Kampf f\u00fcr den Schutz der Demokratie stehen. Letzteres leitet sie explizit aus ihren Erfahrungen als Bundestagspr\u00e4sidentin ab. <\/p>\n<p>Es werde eine &#8222;Herausforderung&#8220; f\u00fcr die SPD, als Teil der Regierung zugleich Zugest\u00e4ndnisse an den Koalitionspartner zu machen und das Profil der SPD zu sch\u00e4rfen. Auf kaum einem anderen Ministerposten wird dieser sozialdemokratische Spagat so schwierig wie auf ihrem eigenen. Die Union will das B\u00fcrgergeld weitgehend r\u00fcckabwickeln. Bas sagt, die allermeisten Menschen wollten arbeiten. Unn\u00f6tige, dem\u00fctigende H\u00e4rten f\u00fcr Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, gelte es zu vermeiden. Sanktionen f\u00fcr Menschen, die an der Vermittlung in Arbeit nicht mitwirken, trage sie dagegen mit. Wer einen Termin im Arbeitsamt habe, m\u00fcsse den auch einhalten.<\/p>\n<p>Das muss noch nicht der H\u00f6hepunkt sein<\/p>\n<p>Noch in der ersten Woche ihrer Amtszeit geht Bas in den ersten Konflikt mit der Union. Es m\u00fcsse gepr\u00fcft werden, ob mittelfristig auch Beamte wieder in die gesetzlichen Sozialkassen einzahlen sollen. CDU-Kanzleramtschef Torsten Frei l\u00e4sst daraufhin wissen, er sehe hierf\u00fcr keine Grundlage im Koalitionsvertrag. Doch, kontert Bas: &#8222;Nat\u00fcrlich gibt es eine Grundlage im Koalitionsvertrag, n\u00e4mlich in der Tat die Rentenkommission.&#8220; Dieser vereinbarte Arbeitskreis zur gro\u00dfen Sozialreform m\u00fcsse auch die Einbeziehung von Beamten, Selbstst\u00e4ndigen und Politikern pr\u00fcfen. Ihre Forderung sei aber ausdr\u00fccklich nicht als &#8222;Provokation&#8220; der Union gedacht gewesen, schiebt Bas bei ihrer Vorstellung als Parteivorsitzkandidatin nach. <\/p>\n<p>Die Parteilinke Bas kann sich jetzt schon auf ein besseres Wahlergebnis einstellen als ihr Co-Vorsitzender Lars Klingbeil. Der hatte noch am Abend der Wahlschlappe die Verantwortung f\u00fcr den weiteren Weg der SPD \u00fcbernommen &#8211; oder wie Klingbeil-Kritiker sagen w\u00fcrden: die Macht an sich gerissen. Co-Parteichefin Saskia Esken fand sich hingegen pl\u00f6tzlich recht allein im Abseits wieder und war Ziel teils scharfer Attacken aus den eigenen Reihen. Nicht nur dem Juso-Vorsitzenden Philipp T\u00fcrmer war das bitter aufgesto\u00dfen, schlie\u00dflich steht Klingbeil nicht minder in der Verantwortung f\u00fcr das schlechteste Bundestagswahlergebnis der SPD-Geschichte. <\/p>\n<p>Dass es Klingbeil dennoch gelungen ist, der faktisch alternativlosen schwarz-roten Koalition einen sozialdemokratischen Stempel aufzudr\u00fccken, eine gro\u00dfe Zustimmung der Parteibasis zum Koalitionsvertrag einzuwerben und ein spannendes, fast vollkommen neues SPD-Personaltableau im Kabinett auf die Beine stellen, macht den Niedersachsen zum starken Mann in der Partei. Er ist derzeit der vielleicht m\u00e4chtigste SPD-Vorsitzende in ihrer langen Geschichte. <\/p>\n<p>Als neuer Vize-Kanzler und Bundesfinanzminister ist Klingbeil logischer Anw\u00e4rter auf die Kanzlerkandidatur 2029. Doch Bas an seiner Seite hat nun ebenfalls alle M\u00f6glichkeiten, sich f\u00fcr noch h\u00f6here Aufgaben zu empfehlen. Zumal 2027 noch eine Spitzenkandidatin f\u00fcr die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gesucht wird. Alles bekanntlich keine einfachen Jobs, die jeder machen k\u00f6nnte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Auf Saskia Esken folgt B\u00e4rbel Bas: Die designierte neue SPD-Chefin und Bundesarbeitsministerin hat eine erstaunliche Aufstiegsbiografie vorzuweisen &#8211;&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":104782,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[32036,32981,29,30,13,14,15,16,12,184,10,8,9,11],"class_list":{"0":"post-104781","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-baerbel-bas","9":"tag-bundesarbeitsministerium","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-headlines","13":"tag-nachrichten","14":"tag-news","15":"tag-politik","16":"tag-schlagzeilen","17":"tag-spd","18":"tag-top-news","19":"tag-top-meldungen","20":"tag-topmeldungen","21":"tag-topnews"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114495066412946946","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104781","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104781"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104781\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/104782"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=104781"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=104781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}