{"id":1053745,"date":"2026-05-29T03:14:28","date_gmt":"2026-05-29T03:14:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1053745\/"},"modified":"2026-05-29T03:14:28","modified_gmt":"2026-05-29T03:14:28","slug":"frankreichs-nationalversammlung-kippt-einstimmig-sklavereigesetz-code-noir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1053745\/","title":{"rendered":"Frankreichs Nationalversammlung kippt einstimmig Sklavereigesetz &#8222;Code noir&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Fast zwei Jahrhunderte nach der Abschaffung der Sklaverei in Frankreich blieb ein Kolonialgesetz stillschweigend in Kraft, das Menschen als &#8222;bewegliches Gut&#8220; einstufte.<\/p>\n<p>          <img decoding=\"async\" class=\"c-ad__placeholder__logo\" src=\"https:\/\/static.euronews.com\/website\/images\/logos\/logo-euronews-stacked-outlined-72x72-grey-9.svg\" width=\"72\" height=\"72\" alt=\"\" loading=\"lazy\"\/><br \/>\n          WERBUNG<\/p>\n<p>          <img decoding=\"async\" class=\"c-ad__placeholder__logo\" src=\"https:\/\/static.euronews.com\/website\/images\/logos\/logo-euronews-stacked-outlined-72x72-grey-9.svg\" width=\"72\" height=\"72\" alt=\"\" loading=\"lazy\"\/><br \/>\n          WERBUNG<\/p>\n<p>Jetzt haben die Abgeordneten erstmals Schritte zur Aufhebung dieses Gesetzes eingeleitet \u2013 ein symbolischer Akt in einem Land, das mit seinem kolonialen Erbe ringt.<\/p>\n<p>Aktivistinnen und Aktivisten sehen <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/my-europe\/2022\/12\/20\/einige-europaische-lander-haben-sich-fur-ihre-koloniale-vergangenheit-entschuldigt-reicht-\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">das Erbe der Sklaverei<\/a> bis heute in den Ungleichheiten zwischen dem franz\u00f6sischen Mutterland und den fr\u00fcheren Kolonien, die inzwischen \u00dcberseegebiete sind, sowie im anhaltenden Rassismus.<\/p>\n<p>Das nun von der Nationalversammlung verabschiedete Gesetz schafft den sogenannten &#8222;Code noir&#8220; ab \u2013 ein Edikt, das K\u00f6nig Ludwig XIV. 1685 unterzeichnete, um das Leben versklavter Menschen in allen franz\u00f6sischen Kolonien zu regeln.<\/p>\n<p>Frankreich war nach Gro\u00dfbritannien und Portugal die drittgr\u00f6\u00dfte Sklavereimacht Europas. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert verschleppten franz\u00f6sische H\u00e4ndler rund 1,4 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner auf Plantagen, deren Reichtum aus Zucker den Ausbau der Hafenst\u00e4dte Nantes und Bordeaux finanzierte. Sp\u00e4ter erstreckte sich das franz\u00f6sische Imperium \u00fcber vier Kontinente.<\/p>\n<p>Die Franz\u00f6sische Revolution schaffte die Sklaverei 1794 zun\u00e4chst ab. Doch 1802 lie\u00df Napoleon Bonaparte Truppen nach Guadeloupe entsenden, um sie wieder einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Erst 1848 wurde die Sklaverei in Frankreich endg\u00fcltig abgeschafft.<\/p>\n<p>Sklaverei seit 2001 &#8222;Verbrechen gegen die Menschlichkeit&#8220;<\/p>\n<p>Im Jahr 2001 erkannte der Staat Sklaverei und Sklavenhandel mit dem sogenannten <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/search?query=Taubira\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Taubira<\/a>-Gesetz als &#8222;Verbrechen gegen die Menschlichkeit&#8220; an.<\/p>\n<p>Eine Reihe k\u00f6niglicher Verordnungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die den Rechtsstatus versklavter Menschen in den Kolonien festschrieben und als &#8222;Code noir&#8220; bekannt sind, wurde jedoch nie ausdr\u00fccklich aufgehoben.<\/p>\n<p>Nachdem die Abgeordneten am Donnerstag einen Gesetzesvorschlag zur Aufhebung dieser k\u00f6niglichen Erlasse angenommen haben, muss nun der Senat dar\u00fcber entscheiden. Erst dann kann das Gesetz in Kraft treten.<\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Emmanuel Macron, der im kommenden Jahr nach zwei Amtszeiten aus dem Amt scheidet, hat die Abkehr von diesen Gesetzen vergangene Woche ausdr\u00fccklich unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Macron spricht von &#8222;Kr\u00e4nkung&#8220;, doch hat sich nicht entschuldigt<\/p>\n<p>Die 60 Artikel des Code noir &#8222;h\u00e4tten das Ende der Sklaverei im 19. Jahrhundert niemals \u00fcberleben d\u00fcrfen\u201c, sagte Macron vor wenigen Tagen.<\/p>\n<p>&#8222;Das Schweigen, ja sogar die Gleichg\u00fcltigkeit, die wir diesem Code noir seit fast zwei Jahrhunderten entgegenbringen, ist kein blo\u00dfes Vergessen\u201c, erkl\u00e4rte er. &#8222;Es ist zu einer Form von Kr\u00e4nkung geworden.&#8220;<\/p>\n<p>Wie seine Vorg\u00e4nger hat der derzeitige Staatschef jedoch darauf verzichtet, <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/2022\/12\/19\/niederlande-bitten-um-entschuldigung-fur-sklaverei-in-sudamerika-und-anderen-landern\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">offizielle Entschuldigungen auszusprechen.<\/a><\/p>\n<p>&#8222;Aberkennung der Menschlichkeit&#8220;<\/p>\n<p>Die Erlasse, deren erste noch unter Ludwig XIV. verfasst wurden, regelten jedes Detail im Leben versklavter Menschen in den Kolonien.<\/p>\n<p>Sie schrieben vor, dass alle Versklavten katholisch sein mussten, und untersagten ihren &#8222;Besitzern&#8220;, sie sonntags arbeiten zu lassen, wie eine Fassung auf der Website des franz\u00f6sischen Parlaments zeigt.<\/p>\n<p>Zugleich stuften sie Menschen als &#8222;bewegliches Gut&#8220; ein, das vererbt werden konnte. Sie sahen brutale Strafen bis hin zur Verst\u00fcmmelung des Ohrs f\u00fcr Fluchtversuche vor und verdammten Kinder von Sklaven zum gleichen Schicksal wie ihre Eltern.<\/p>\n<p>Max Mathiasin, Abgeordneter aus Guadeloupe, einer ehemaligen Kolonie und heutigen \u00dcberseeregion, und entschiedener Bef\u00fcrworter des Gesetzes, nannte die Aufhebung der Erlasse in der vergangenen Woche einen &#8222;starken symbolischen und politischen Akt&#8220;.<\/p>\n<p>Der Code noir &#8222;organisierte die Aberkennung der Menschlichkeit von Frauen, M\u00e4nnern und Kindern, die wegen ihrer Herkunft und ihrer Hautfarbe versklavt wurden\u201c, sagte Mathiasin.<\/p>\n<p>Bis er sich eingehender damit besch\u00e4ftigte, kannte der Abgeordnete das Dokument nicht einmal. Mathiasin hatte \u00fcber Jahre mehrere Ausgaben des Textes gesammelt, sie aber ungelesen ins Regal gestellt.<\/p>\n<p>&#8222;Als Ururenkel von Sklaven konnte ich ihn nie vollst\u00e4ndig lesen&#8220;, sagte er. &#8222;Es ist ein Gesetz, das von Menschen gemacht wurde \u2013 gegen Menschen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn ist die Abstimmung &#8222;eine Art, unseren Vorfahren Respekt zu zollen und unsere W\u00fcrde zur\u00fcckzugewinnen\u201c \u2013 in einem Frankreich, dessen Wahlspruch Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit lautet. &#8222;Es gilt, das republikanische Versprechen einzul\u00f6sen.\u201c<\/p>\n<p>Dieses Versprechen, sagt er, sei in seiner Heimat bis heute nicht erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>&#8222;In Guadeloupe\u201c, beklagt Mathiasin, &#8222;sitzen in den wichtigsten Positionen des Staates immer noch Wei\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p>Der aus Martinique stammende Aktivist Dieudonn\u00e9 Boutrin, selbst Nachfahre von Sklaven, meint, die Aufhebung des Code noir h\u00e4tte l\u00e4ngst erfolgen m\u00fcssen. &#8222;Das \u00e4ndert nichts. Schwarze werden immer noch genauso wahrgenommen\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt m\u00fcssen wir \u00fcber blo\u00dfe Symbolik hinausgehen\u201c, forderte er und verlangte ein &#8222;echtes Entsch\u00e4digungsprogramm\u201c. Dazu k\u00f6nnten etwa mehr Mittel f\u00fcr Bildungsprojekte geh\u00f6ren, die Geschichte vermitteln und<a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/2020\/06\/04\/polizeigewalt-ist-ein-strukturelles-problem-m-amjahid-zu-rassismus-in-europa\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> strukturellem Rassismus<\/a> entgegentreten sollen.<\/p>\n<p>&#8222;Dauerhafter Schaden\u201c<\/p>\n<p>Auch Serge Letchimy, ein prominenter Politiker aus Martinique, hat in einem offenen Brief an Emmanuel Macron Entsch\u00e4digungen verlangt.<\/p>\n<p>Er pocht auf ein Gesetz, das klar festh\u00e4lt, dass Sklavenhandel und Sklaverei einen dauerhaften historischen, kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Schaden verursacht haben.<\/p>\n<p>Letchimy verweist auf einen Zehn-Punkte-Plan karibischer Staaten an Europa. Er sieht unter anderem einen Erlass der Auslandsschulden sowie Unterst\u00fctzung beim Gesundheitswesen und bei der Beseitigung des Analphabetismus vor.<\/p>\n<p>Frankreich hat seine einstigen Sklavenkolonien nicht aufgegeben: Die vier \u00e4ltesten \u2013 Guadeloupe, Martinique, Franz\u00f6sisch-Guayana und La R\u00e9union \u2013 wurden 1946 zu franz\u00f6sischen \u00dcberseed\u00e9partements. Sie werden seitdem wie andere D\u00e9partements direkt von Paris aus verwaltet.<\/p>\n<p>Ihre rund 1,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, \u00fcberwiegend Nachkommen versklavter Menschen, sind franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<p>Trotz ihrer formalen Integration z\u00e4hlen die \u00dcberseegebiete zu den \u00e4rmsten Regionen des Landes. Die Arbeitslosenquote liegt dort etwa doppelt so hoch wie im Mutterland, und in Mayotte leben mehr als drei Viertel der Haushalte unter der nationalen Armutsgrenze.<\/p>\n<p>Unter den ehemaligen franz\u00f6sischen Kolonien ragt <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/search?query=Haiti\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Haiti, das \u00e4rmste Land der Karibik<\/a>, durch sein besonderes Ausma\u00df an Leid heraus.<\/p>\n<p>Haiti wurde 1804 nach einem Sklavenaufstand gegen die franz\u00f6sischen Kolonialherren in der damaligen Kolonie Saint-Domingue zur ersten unabh\u00e4ngigen schwarzen Nation Amerikas.<\/p>\n<p>1825 willigte Haiti ein, Frankreich eine enorme Summe als &#8222;Entsch\u00e4digung&#8220; zu zahlen, damit Paris seine Unabh\u00e4ngigkeit anerkannte. Um diese Forderung bedienen zu k\u00f6nnen, musste das Land Kredite zu horrenden Zinsen bei franz\u00f6sischen Banken aufnehmen.<\/p>\n<p>Diese &#8222;Doppelschuld&#8220; konnte Haiti erst 1952 vollst\u00e4ndig tilgen.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr k\u00fcndigte Macron die Einrichtung einer gemischten Kommission franz\u00f6sischer und haitianischer Historiker an. Sie soll diese Vorgeschichte aufarbeiten und Empfehlungen vorlegen.<\/p>\n<p>Geschichte der Entsch\u00e4digungsdebatte<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich des 25. Jahrestags des Taubira-Gesetzes am 21. Mai sprach Emmanuel Macron die Frage von Entsch\u00e4digungen an \u2013 ein Thema, das in Frankreich lange gemieden wurde.<\/p>\n<p>Es sei \u201e&#8220;ine Frage, der wir uns stellen m\u00fcssen\u201c, sagte er, &#8222;ohne falsche Versprechungen zu machen\u201c.<\/p>\n<p>Konkrete Geldzahlungen stellte er nicht in Aussicht. Stattdessen definierte Macron Wiedergutmachung als Prozess von Wahrheit, Bildung und historischer Aufarbeitung.<\/p>\n<p>Frankreich steht mit dieser Zur\u00fcckhaltung nicht allein. In den USA steckt ein bundesweites Gesetz zu Reparationen seit Jahrzehnten fest. Kalifornien hat sich zwar entschuldigt, aber keine finanziellen Leistungen beschlossen.<\/p>\n<p>Der Zeitpunkt von Macrons j\u00fcngster Rede wirkte jedoch ungl\u00fccklich. Zwei Monate zuvor hatte sich Frankreich zusammen mit 51 anderen Staaten enthalten, als die UN-Generalversammlung mit 123 zu 3 Stimmen den transatlantischen Sklavenhandel als schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit einstufte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Fast zwei Jahrhunderte nach der Abschaffung der Sklaverei in Frankreich blieb ein Kolonialgesetz stillschweigend in Kraft, das Menschen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1053746,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[3974],"tags":[4249,331,332,1356,548,663,3934,3980,156,13,6371,14,15,12,28082],"class_list":["post-1053745","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-frankreich","tag-rassismus","tag-aktuelle-nachrichten","tag-aktuelle-news","tag-emmanuel-macron","tag-eu","tag-europa","tag-europe","tag-france","tag-frankreich","tag-headlines","tag-kolonialismus","tag-nachrichten","tag-news","tag-schlagzeilen","tag-sklaverei"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116655691465897421","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1053745","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1053745"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1053745\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1053746"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1053745"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1053745"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1053745"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}