{"id":1057299,"date":"2026-05-30T13:46:14","date_gmt":"2026-05-30T13:46:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1057299\/"},"modified":"2026-05-30T13:46:14","modified_gmt":"2026-05-30T13:46:14","slug":"cancel-culture-klima-der-angst-bar-wird-bedroht-weil-sie-debatte-ueber-was-ist-eine-frau-fuehren-wollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1057299\/","title":{"rendered":"Cancel Culture: \u201eKlima der Angst\u201c \u2013 Bar wird bedroht, weil sie Debatte \u00fcber \u201eWas ist eine Frau?&#8220; f\u00fchren wollte"},"content":{"rendered":"<p>Nach Protest und Druck verlor der linke \u201eClub Volantaire\u201c seinen Veranstaltungsort in Hamburg. Nun findet die Debatte \u00fcber Feminismus, Transaktivismus und biologische Geschlechtskategorien ohne Publikum statt \u2013 ein Fall, der zeigt, wie umk\u00e4mpft \u00f6ffentliche R\u00e4ume geworden sind.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Am Ende wird diese Debatte doch noch stattfinden. Aber anders, als sie gedacht war: nicht in einer Bar in Hamburg-Ottensen, nicht vor Publikum, nicht als offene Diskussionsrunde in einem \u00f6ffentlichen Raum. Sondern in einem TV-Studio. Ohne Live-Publikum.<\/p>\n<p>Was ist passiert? Das Debattenformat \u201eClub Volantaire\u201c wird an diesem Freitag \u00fcber eine Frage sprechen, die zu den derzeit gesellschaftlich aufgeladensten geh\u00f6rt: \u201eWas ist eine Frau? Feminismus au\u00dfer Rand und Band\u201c. Eingeladen sind der Autor und Transmann Till Randolf Amelung, die Frauenrechtlerin Inge Bell, die Immunologin Ilse Jacobsen und die Biologin Marie-Luise Vollbrecht. Es soll um queerpolitische Einfl\u00fcsse auf den Feminismus gehen, um biologische Geschlechtskategorien, Frauenrechte und die Grenzen gegenw\u00e4rtiger Identit\u00e4tspolitik. <\/p>\n<p>Der Club, der sich als links und liberal versteht, ist eine Art reisendes Debattenformat. Zuvor gab es Veranstaltungen in Frankfurt\/Main und M\u00fcnchen \u2013 hier zu Wokeness, Migration und Polarisierung. Die Hamburger Ausgabe sollte die dritte Veranstaltung sein. Formal steht hinter dem Format der Verein f\u00fcr konstruktiven Sozialismus.<\/p>\n<p>Doch dann gab es Probleme. Die Betreiber des geplanten Veranstaltungsorts, eine Bar in Ottensen, sagten unvermittelt ab, wie Malte Clausen vom Club Volantaire Anfang der Woche erkl\u00e4rte. Die Lokalit\u00e4t stehe wegen \u201esozialen Drucks und wirtschaftlicher Gef\u00e4hrdung\u201c nicht mehr zur Verf\u00fcgung. \u00a0Er sprach von \u201eEinsch\u00fcchterung\u201c und davon, dass demokratische Kultur gef\u00e4hrdet werde, wenn feministische Diskussionen auf diese Weise behindert w\u00fcrden. Der Betreiber habe \u201esehr viele Mails bekommen, die die Veranstaltung kritisierten\u201c. Daher habe dieser seine wirtschaftliche Existenz bedroht gesehen. <\/p>\n<p>Die Macher des Club Volantaire sehen darin einen Boykottversuch. Clausen sagt, viele Menschen trauten sich nicht mehr, an den Club zu vermieten, \u201eaus Angst vor Rufsch\u00e4digung oder wirtschaftlichem Schaden\u201c. Wer genau die Proteste anf\u00fchrt, ist nicht vollst\u00e4ndig klar. Der Hamburger Polizei liegen keine Anzeigen vor. Clausen sagt: Einige Aktivisten w\u00fcrden \u201eein Klima der Angst\u201c erzeugen, das einer vern\u00fcnftigen Meinungsbildung im Weg stehe. Der Kampf f\u00fcr das vermeintlich richtige Bewusstsein verhindere eigenst\u00e4ndiges Denken und kritische Weiterentwicklung.<\/p>\n<p>Die vier G\u00e4ste stehen f\u00fcr Positionen, die in Teilen queerer und transaktivistischer Milieus als r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt oder transfeindlich gelten. Marie-Luise Vollbrecht wurde durch die Debatte um biologische Zweigeschlechtlichkeit und einen abgesagten Vortrag an der Humboldt-Universit\u00e4t bekannt. Inge Bell vertritt eine frauenrechtliche Position, die Schutzr\u00e4ume und Frauenrechte an biologisches Geschlecht bindet. Till Randolf Amelung kritisiert als Transmann bestimmte Formen des Transaktivismus. Ilse Jacobsen geh\u00f6rt zu den Naturwissenschaftlern, die in der Debatte um Geschlecht auf biologische Kategorien verweisen. Einige von ihnen waren bereits Ziel \u00f6ffentlicher Kampagnen. Die Frage, die \u00fcber den Hamburger Fall hinausweist, lautet: Wo endet legitimer Protest, wo beginnt die Verhinderung \u00f6ffentlicher Debatte?<\/p>\n<p>Der Politikwissenschaftler Floris Biskamp von der Universit\u00e4t T\u00fcbingen, der das DFG-Projekt \u201eDie Aushandlung von Sagbarkeitsgrenzen in politischen Diskursen\u201c leitet, warnt vor zu einfachen Antworten. \u00d6ffentlichkeit sei niemals einfach ein offener Raum, in dem alle alles sagen k\u00f6nnten. Sie sei immer \u201ekuratiert\u201c. In Veranstaltungen, Bibliotheken, Talkshows oder Kulturorten entschieden jeweils bestimmte Akteure, wer wie zu welchen Themen sprechen k\u00f6nne. <\/p>\n<p>Dass auch aktivistische Gruppen Einfluss darauf n\u00e4hmen, wer \u00f6ffentlich spreche, sei deshalb zun\u00e4chst kein Ausnahmefall, sagt Biskamp, sondern Teil der \u00d6ffentlichkeit selbst. Auch Streit dar\u00fcber, was sagbar sei, h\u00e4lt Biskamp f\u00fcr normal. Grenzen w\u00fcrden nicht erst mit Absagen gezogen, sondern schon dadurch, dass bestimmte \u00c4u\u00dferungen als sexistisch, transphob, antisemitisch oder extremistisch bezeichnet w\u00fcrden. Solche Aushandlungen seien ein normaler Teil demokratischer \u00d6ffentlichkeit. Zugleich sagt er: Wenn st\u00e4ndige Veranstaltungsabsagen am Ende dazu f\u00fchrten, dass alle nur noch Meinungen h\u00f6rten, die ihnen gefielen, oder bestimmte Positionen gar nicht mehr artikuliert w\u00fcrden, w\u00e4re das sch\u00e4dlich.<\/p>\n<p>Im konkreten Fall will Biskamp nicht abschlie\u00dfend urteilen. Drohungen mit Gewalt seien f\u00fcr ihn allerdings \u201edie entscheidende Grenze\u201c legitimer Kritik. Forderungen nach Absagen und Boykottaufrufe h\u00e4lt er \u201ein der Regel f\u00fcr unangemessen und sch\u00e4dlich\u201c, meist sollte es ausreichen, den eigenen Widerspruch \u00f6ffentlich kenntlich zu machen. Biskamp betont aber: Bislang beobachte seine Forschung \u201eeine stabile Pluralit\u00e4t der \u00d6ffentlichkeit.\u201c<\/p>\n<p>Mechanismus der Einsch\u00fcchterung<\/p>\n<p>Sandra Kostner, Soziologin und Erste Vorsitzende des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, bewertet solche Vorg\u00e4nge hingegen deutlich sch\u00e4rfer: Verhinderungsversuche werden f\u00fcr sie dann zur Gefahr f\u00fcr die Debattenkultur, wenn sie erfolgreich sind \u2013 also wenn tats\u00e4chlich Veranstaltungen abgesagt werden, auf denen \u201eideologisch missliebige Argumente\u201c diskutiert werden sollen. Jeder Veranstalter, der unter moralischem Furor einknicke, sagt sie, best\u00e4rke Aktivisten in ihrer Vorgehensweise und trage zum Abbau offener Debattenkultur bei.<\/p>\n<p>Sie sieht einen Mechanismus der Einsch\u00fcchterung. Gelinge es Aktivisten, ein Thema mit einem hohen Preis f\u00fcr abweichende Perspektiven zu versehen, z\u00f6gen sich Menschen aus \u00f6ffentlichen Debatten zur\u00fcck, weil ihnen dieser Preis zu hoch sei. Sollten sich solche Kr\u00e4fte durchsetzen, drohe eine Aush\u00f6hlung von Meinungs-, Informations-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit. Die Grenze zwischen legitimem Protest und problematischer Verhinderung verl\u00e4uft f\u00fcr Kostner dort, wo Protest in Gewalt, Gewaltandrohung oder in die Androhung sozialer, institutioneller oder \u00f6konomischer Sanktionen f\u00fcr ideologischen Nonkonformismus umschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Eine abschreckende Wirkung beobachtet Kostner bereits. Veranstaltungen zu Themen oder mit Rednern, bei denen man wisse, dass man zur Zielscheibe werde, f\u00e4nden lieber hinter verschlossenen T\u00fcren statt \u2013 oder gar nicht mehr. Das Ausma\u00df sei schwer zu beziffern, weil nicht geplante Veranstaltungen auch nicht \u201egecancelt\u201c werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Alternativort angeboten<\/p>\n<p>Mitte der Woche bot sich f\u00fcr den Club Volantaire eine Alternative an: Die Diskussion sollte in das TV-Studio der Alsterfilm GmbH verlegt werden. Gastgeber ist der Medienunternehmer Holger Kreymeier, Betreiber des Online-Senders Massengeschmack-TV. Publikum gibt es dort nicht. Eine Aufnahme der Veranstaltung soll allerdings auf dem YouTube-Kanal des Club Volantaires ausgestrahlt werden.<\/p>\n<p>Kreymeier erkl\u00e4rte gegen\u00fcber WELT AM SONNTAG, dass er \u201esolch eine Form von Cancel Culture\u201c ablehne. Der Vorgang zeige, \u201edass es wohl gewisse Gruppen gibt, die andere Meinungen nicht vertragen k\u00f6nnen\u201c. Gerade beim Thema Trans seien die Fronten so verh\u00e4rtet, \u201edass jeder kritische Gedanke dazu gleich als transphob abgeurteilt wird\u201c. Genauso w\u00fcrden \u201eeher rechte Kreise gleich am Rad\u201c drehen, \u201ewenn mal irgendwo ein Mann in Frauenkleidung zu sehen ist\u201c.<\/p>\n<p>Der Club Volantaire sucht jedoch den Weg zur\u00fcck in die \u00d6ffentlichkeit und hat auch schon einen Partner gefunden: K\u00fcnftig soll er f\u00fcr Debatten den gro\u00dfen Gemeindesaal der Petri Kirche in der Hamburger Innenstadt nutzen k\u00f6nnen. Pastor Krischan Heinemann habe erkl\u00e4rt, sagt Debatten-Teilnehmerin Inge Bell, dass dann vorab die Polizei informiert und f\u00fcr eine Einlasskontrolle gesorgt werde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nach Protest und Druck verlor der linke \u201eClub Volantaire\u201c seinen Veranstaltungsort in Hamburg. 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