{"id":1059546,"date":"2026-05-31T13:33:29","date_gmt":"2026-05-31T13:33:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1059546\/"},"modified":"2026-05-31T13:33:29","modified_gmt":"2026-05-31T13:33:29","slug":"politiker-und-ihre-narrative-wer-miete-zahlen-muss-braucht-keine-positive-erzaehlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1059546\/","title":{"rendered":"Politiker und ihre Narrative: Wer Miete zahlen muss, braucht keine \u201epositive Erz\u00e4hlung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Politiker, Unternehmer, PR-Profis \u2013 alle fordern eine \u201epositive Erz\u00e4hlung\u201c f\u00fcr Deutschland. Merz, Steinmeier und Co. setzen auf das richtige Mindset. Doch an der Supermarktkasse z\u00e4hlt kein Zukunftsnarrativ, da z\u00e4hlen Preise. Was das Land wirklich braucht.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Stimmung ist nicht prickelnd im Land. Die Wirtschaft d\u00fcmpelt vor sich hin, die Steuern sind zu hoch, der Staat ist \u00fcberf\u00fcttert, und die Regierung verspricht im Rhythmus der Jahreszeiten Reformen, von denen nach viel Gezanke nur Ref\u00f6rmchen \u00fcbrig bleiben. <\/p>\n<p>Beschwingte Politiker, engagierte Unternehmer und emsige Hauptstadtjournalisten f\u00fchlen sich berufen, etwas Aufhellung herbeizureden. Sie fordern in diesen Tagen eine \u201epositive Erz\u00e4hlung\u201c, als f\u00fchre der Weg aus der Krise vor allem \u00fcber das richtige Mindset.<\/p>\n<p>Der Familienunternehmer Maximilian Viessmann fordert in einem <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/mittelstand\/familienunternehmer\/max-viessmann-umverteilung-wird-vor-das-leistungsprinzip-gestellt\/100184466.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/mittelstand\/familienunternehmer\/max-viessmann-umverteilung-wird-vor-das-leistungsprinzip-gestellt\/100184466.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Interview<\/a> \u201eein positives Narrativ\u201c. Dennis Radtke, Chef des Arbeitnehmerfl\u00fcgels der Union, w\u00fcnscht sich von seiner Partei eine <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.cda-bund.de\/aktuelles\/dennis-radtke-und-quot-wir-brauchen-eine-positive-christdemokratische-\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.cda-bund.de\/aktuelles\/dennis-radtke-und-quot-wir-brauchen-eine-positive-christdemokratische-\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201epositive christdemokratische Zukunftserz\u00e4hlung\u201c.<\/a> Und der PR-Profi Jannis Johannmeier erwartet von der politischen Mitte \u201epositive Propaganda\u201c. \u201ePositive Narrative funktionieren \u2013 wenn sie kraftvoll erz\u00e4hlt werden\u201c, sagt Johannmeier.<\/p>\n<p>Selbst Friedrich Merz gab im November auf einem Event der Finanzbranche den Erz\u00e4hltheoretiker. Deutschland brauche als Land eine <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/rede-des-kanzlers-28-euro-finance-week-2394244\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/rede-des-kanzlers-28-euro-finance-week-2394244&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">positive Erz\u00e4hlung<\/a>, sagte der Kanzler, \u201eeine Erz\u00e4hlung, die anschaulich darlegt, dass sich Investitionen in unser Land, dass sich Investitionen in die Unternehmen unseres Landes lohnen.\u201c Gehen Menschen also dann zur Wahl, wenn man ihnen zuvor nur das Richtige erz\u00e4hlt hat? Weil man sie erfolgreich eingefangen hat mit einem alles \u00fcberspannenden Narrativ?<\/p>\n<p>Wenn Politik zum Kindergarten wird<\/p>\n<p>Das klingt ein bisschen nach Kindergarten und dem ber\u00fchmten Pilzspiel. Man versammelt sich im Kreis und h\u00e4lt gemeinsam ein quietschbuntes Schwungtuch in den H\u00e4nden. Durch koordinierte Bewegungen bringt die Tigerenten-Gruppe das Tuch zum Schwingen. Auf Kommando rennen alle Kinder unter das Schwungtuch und kauern in einem wohlgeformten Kreis, w\u00e4hrend sich das Tuch zu einer Kuppel w\u00f6lbt. Von au\u00dfen sollte es nun (wenn alle brav auf die Kommandos geh\u00f6rt haben!) aussehen wie ein bunter Pilz. <\/p>\n<p>Alle Kinder erf\u00fcllen eine Aufgabe, keiner wird zur\u00fcckgelassen, keiner schert aus: die Schicksalsgemeinschaft Schwungtuch.<\/p>\n<p>Wenn das Positive ins Autorit\u00e4re tendiert<\/p>\n<p>Aber was geschieht mit jenen, die sich unwohl f\u00fchlen unter dem narrativen Kuppelzelt? \u201eWir schaffen das\u201c, sagte Angela Merkel im Sp\u00e4tsommer 2015. Die Worte der Kanzlerin waren eine gemeinsame Erz\u00e4hlung, ein positives Narrativ. Nur f\u00fchlten sich viele von diesem Wir, das die Kanzlerin formulierte, \u00fcberhaupt nicht angesprochen, sie wollte das nicht schaffen.<\/p>\n<p>Jede Erz\u00e4hlung, die von der Politik, der Wirtschaft, von NGOs und Medien \u00fcber eine Gesellschaft gelegt wird, wirkt beengend f\u00fcr jene, die sich in dieser Erz\u00e4hlung nicht wiederfinden. Die positive Erz\u00e4hlung kann ihre Beschwingtheit verlieren, wenn Menschen ausscheren und Zweifel \u00e4u\u00dfern und die tonangebende Mehrheit diese Abweichung \u00e4chtet, dann tendiert das Positive ins Autorit\u00e4re.<\/p>\n<p>Es ist ja nicht so, dass es mit der gemeinsamen Erz\u00e4hlung noch keiner probiert hat. Im Schloss Bellevue versucht Frank-Walter Steinmeier seit Jahren, von seiner politischen Vergangenheit als Au\u00dfenminister abzulenken und bundespr\u00e4sidial das gro\u00dfe Wir zu beschw\u00f6ren. <\/p>\n<p>Er redet viel und sehr langsam von Zusammenhalt, Solidarit\u00e4t und putzt am Tag des Ehrenamtes Wanderwegschilder auf der Schw\u00e4bischen Alb. Doch das scheint kaum jemanden zu interessieren, au\u00dfer den mitgebrachten Fotografen und ein paar politikjournalistischen Feinschmeckern.<\/p>\n<p>Das mag an Steinmeiers fehlendem Charisma liegen. Oder daran, dass die meisten Menschen eine eigene Vorstellung davon haben, wie ihr Leben aussehen soll. Sie wollen ihre Biografie selbst schreiben.<\/p>\n<p>Wer sich Vertrauen leisten kann \u2013 und wer nicht<\/p>\n<p>Der Wunsch nach einer gemeinsamen Erz\u00e4hlung wirkt fast r\u00fchrend. Er ist hilflos und bestimmt nicht b\u00f6sartig gemeint. Doch er zeugt von Unverst\u00e4ndnis. Wer glaubt, dem Land fehle vor allem eine gute Erz\u00e4hlung, entmaterialisiert die allt\u00e4glichen Sorgen der Menschen.<\/p>\n<p>Kann ich mir die n\u00e4chste Mieterh\u00f6hung leisten? Was mache ich bei einer Nebenkostennachzahlung, weil der Winter so kalt war?  Wie teuer ist die Betreuung meiner Kinder? Warum kann ich mir keinen Urlaub mehr leisten? Warum zahle ich so viele Sozialabgaben und bekomme trotzdem keinen Hautarzttermin, wenn ich ihn dringend brauche? Werde ich bei der n\u00e4chsten K\u00fcndigungswelle gefeuert? <\/p>\n<p>Diese Fragen lassen sich nicht mit einem Narrativ beantworten. Diese \u00c4ngste lassen sich nicht durch einen metaphysischen Zauberspruch wegzaubern: \u201eEene meene Zukunftsschreck, Probleme reden wir uns weg.\u201c Oder, um es drastischer zu formulieren: Man muss sich leisten k\u00f6nnen, an das politische System des Landes zu glauben, in dem man lebt. <\/p>\n<p>Wer in einer sch\u00f6nen Altbauwohnung wohnt, einen sicheren, gut bezahlten Job hat, im Supermarkt den Wagen volll\u00e4dt, ohne auf die Preise achten zu m\u00fcssen, wer noch Kapazit\u00e4ten hat f\u00fcr postmaterielles Metaphysik-Chi-Chi, der mag sich nach einer anschmiegsamen M\u00e4rchenerz\u00e4hlung sehnen. Aber wer sich sein Leben kaum noch leisten kann, trotz gro\u00dfer Anstrengung, verliert sein Vertrauen in die Demokratie. <\/p>\n<p>Da helfen auch keine sch\u00f6nen Erz\u00e4hlungen. It\u2019s not the story! It\u2019s the economy, stupid! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Politiker, Unternehmer, PR-Profis \u2013 alle fordern eine \u201epositive Erz\u00e4hlung\u201c f\u00fcr Deutschland. 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