{"id":106104,"date":"2025-05-13T01:17:26","date_gmt":"2025-05-13T01:17:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/106104\/"},"modified":"2025-05-13T01:17:26","modified_gmt":"2025-05-13T01:17:26","slug":"barbi-markovic-im-interview-ueber-ihr-buch-stehlen-schimpfen-spielen-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/106104\/","title":{"rendered":"Barbi Markovi\u0107 im Interview \u00fcber ihr Buch \u201eStehlen, Schimpfen, Spielen\u201c. \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Barbi Markovi\u0107, eine der spannendsten Autorinnen Wiens, hat sich an eine Poetikvorlesung gewagt. Warum Geniedruck kontraproduktiv ist \u2013 und sich Diebstahl in der Literatur oft lohnt.<\/p>\n<p> <b><strong>Ihr neues Buch, \u201eStehlen, Schimpfen, Spielen\u201c, ist das Produkt einer ehrw\u00fcrdigen Literaturinstitution: der P<\/strong>oetikvorlesung. Was ist Ihr Bezug dazu?<\/b> <\/p>\n<p> <strong>Barbi Markovi\u0107:<\/strong> Wer Literatur studiert, stolpert unweigerlich dar\u00fcber. Aus der \u201ePoetik\u201c von Aristoteles erf\u00e4hrt man, dass es darum geht, zu lehren, wie man schreiben soll. Wobei heutige Poetikvorlesungen nicht den Anspruch erheben, den \u201erichtigen\u201c Zugang zu haben. <\/p>\n<p> <b>Welche Poetik liegt Ihnen am Herzen?<\/b> <\/p>\n<p> Ich finde, dass Kurt Vonnegut sehr sch\u00f6n \u00fcber das eigene Schreiben geschrieben hat, auch wenn das eher Essays sind als Vorlesungen. Mich ber\u00fchrt, wie er vermittelt, dass Schreiben die Menschen erheben kann. Dabei bleibt er immer witzig, wird nie \u00fcberheblich. <\/p>\n<p> <b>Haben Sie eine klare Vorstellung davon, wie und warum Sie schreiben?<\/b> <\/p>\n<p> Ich mache mir st\u00e4ndig Gedanken dar\u00fcber, bei jedem Buch. Welches Material verwende ich, wie komme ich dazu, welche Regeln stelle ich mir auf? Es gibt unendlich viele M\u00f6glichkeiten, wie ein Text aussehen kann, und man muss sich f\u00fcr ein paar davon entscheiden. <\/p>\n<p> <b>Wie war das beim aktuellen Buch?<\/b> <\/p>\n<p> Die Regel war, dass es eine \u201eNotfallpoetik\u201c werden soll. Das hei\u00dft, dass alles hineinkommt \u2013 auch das, was auf den ersten Blick nicht hineingeh\u00f6rt. Das kam auch vom Zeitdruck. Deswegen habe ich z. B. auch \u00fcber eine Diskusverletzung geschrieben, die ich w\u00e4hrend der Arbeit an der Vorlesung hatte. <\/p>\n<blockquote class=\"fm-quote flexmodule flexmodule--quote\">\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bbEs ist immer ein Abw\u00e4gen: Wo ende ich, wo f\u00e4ngt das Andere an?\u00ab     <\/p>\n<p>                  Barbi Markovi\u0107                  <\/p><\/blockquote>\n<p> <b>Standen die drei zentralen Schreibstrategien aus dem Titel vorneweg fest?<\/b> <\/p>\n<p> Das sind einfach drei Grundprinzipien meines Schreibens. Au\u00dferdem ergeben sie zusammen eine sch\u00f6ne Alliteration. Da musste ich nicht viel nachdenken. <\/p>\n<p> <b>Ist \u201eStehlen\u201c wirklich ernst gemeint? Wer Versatzst\u00fccke aus fremden Werken nutzt, ist nicht gleich ein Dieb.<\/b> <\/p>\n<p> Mein Thomas-Bernhard-Remix \u201eAusgehen\u201c hat Grenzen ausgelotet, inwieweit man sich ein Buch aneignen kann, ohne den eigenen Ausdruck zu verlieren. Da habe ich wirklich jeden Satz aus \u201eGehen\u201c genommen und nur einzelne Variablen ge\u00e4ndert. Insofern kann man schon sagen, dass ich Bernhards Sprache und Melodie \u201egestohlen\u201c habe. Aber nat\u00fcrlich gab es immer schon Diskussionen dar\u00fcber, wie viel man aus anderen Texten verwenden darf. Es ist immer ein Abw\u00e4gen: Wo ende ich, wo f\u00e4ngt das Andere an? <\/p>\n<p> <b>In anderen Kultursparten ist das selbstverst\u00e4ndlich, siehe Coverversionen im Pop. Warum nicht in der Literatur?<\/b> <\/p>\n<p> Weil hier immer noch der Geniedruck wirkt, dass jeder einen ganz eigenen Ausdruck aus dem Nichts zaubern muss. Nat\u00fcrlich wissen alle, dass das gar nicht m\u00f6glich ist, aber viele finden diesen Umstand nicht erw\u00e4hnenswert. <\/p>\n<p> <b>Was haben Sie noch so \u201egestohlen\u201c?<\/b> <\/p>\n<p> In \u201eMinihorror\u201c habe ich ein Konzept aus einem Workshop von Donna Haraway geklaut. Da werden Menschen genetisch mit einem Tier vermischt, das habe ich anders nacherz\u00e4hlt. Die Sprache habe ich aber nicht \u00fcbernommen, da war ich eher unzufrieden mit der Ausf\u00fchrung. Und in meine Poetikvorlesung habe ich Pr\u00fcfungsfragen eingebaut, diese Idee stammt aus \u201eRobotka\u201c von Dragana Mladenovi\u0107. <\/p>\n<p> <b>Sie haben die Vorlesung 2024 gehalten, an der Paris-Lodron-Universit\u00e4t in Salzburg. Haben Sie die Pr\u00fcfungsfragen damals auch dem Publikum gestellt?<\/b> <\/p>\n<p> Ja, aber niemand hat geantwortet. Es war doch eher Frontalunterricht. <\/p>\n<p>                                     <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"figure__image lazyload\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Barbi Markovi\u0107 Schriftstellerin.webp\" alt=\"\u201eEs gibt unendlich viele M\u00f6glichkeiten, wie ein Text aussehen kann, und man muss sich f\u00fcr ein paar davon entscheiden\u201c: Barbi Markovi\u0107, Schriftstellerin.\" width=\"1000\" height=\"600\"\/>                                     <\/p>\n<p>\u201eEs gibt unendlich viele M\u00f6glichkeiten, wie ein Text aussehen kann, und man muss sich f\u00fcr ein paar davon entscheiden\u201c: Barbi Markovi\u0107, Schriftstellerin.\u2003Carolina Frank<\/p>\n<p> <b>Einer Ihrer Schreibtipps ist inspiriert von der Ordnungsberaterin Marie Kondo: \u201eIf it doesn\u2019t spark joy \u2013 weg damit.\u201c Machen K\u00fcrzungen und \u00dcberarbeitungen jeden Text besser?<\/b> <\/p>\n<p> Bei mir ist das eine Notwendigkeit \u2013 alleine schon, weil Deutsch meine Zweitsprache ist, die ich erst im Alltag nutze, seit ich 25 bin. Ohne Korrektur geht da nichts. Aber ich war fr\u00fcher auch als Lektorin in einem Verlag t\u00e4tig und habe diese T\u00e4tigkeit geliebt, weil ich gesehen habe, wie viel man aus einem Text herausholen kann, wenn man L\u00e4ngen entfernt. Ich bin als Leserin sehr leicht zu langweilen, daher streiche ich gern. <\/p>\n<p> <b>Streichungen k\u00f6nnen auch verzerren.<\/b> <\/p>\n<p> Ich glaube, es geht um die Qualit\u00e4t der Zusammenarbeit. Mein Lektor ist auch mein Mann, ich habe also einen Erstleser zu Hause, dem ich vertraue. Und auch bei Rowohlt sitzt derzeit eine tolle Lektorin. Das sind Leute, deren Korrekturvorschl\u00e4ge ich gerne annehme. Und wenn nicht, dann streiten wir. <\/p>\n<p> <b>Einmal waren Sie f\u00fcr ein Projekt Teil eines Schreibkollektivs mit Stefanie Sargnagel und anderen Autorinnen. Haben Sie sich gegenseitig lektoriert?<\/b> <\/p>\n<p> Wir waren damals auf Reise und haben dauernd geredet. Aber beim Schreiben wollten wir uns nicht einmischen, daf\u00fcr hatten wir zu viel Respekt voreinander. Von Steffi Sargnagel habe ich mir \u00fcbrigens auch etwas abgeschaut: Einen Feminismus, der eine Machtposition einnimmt, anstatt von unten zu klagen. <\/p>\n<p> <b>Wie f\u00fchlen Sie sich beim Schreiben?<\/b> <\/p>\n<p> Ich rege mich oft auf, steigere mich komplett hinein. Eine Zeit lang hatte ich eine Sportuhr und konnte sehen, wie mein Stresslevel steigt. Aber es gibt auch eine innere Stimme, die sagt: \u201eHihihi, das k\u00f6nnte ich jetzt auch noch schreiben!\u201c Es ist ein Krampf, der Spa\u00df macht. <\/p>\n<p> <b>Ihre Figuren schwanken oft zwischen Ohnmacht und Gr\u00f6\u00dfenwahn. Warum?<\/b> <\/p>\n<p> Mir war das schon bei \u201eAusgehen\u201c vertraut. Damals habe ich meiner Mutter einen inbr\u00fcnstigen Vortrag dar\u00fcber gehalten, wie revolution\u00e4r meine Idee ist, Bernhard zu remixen. Die Amplitude zwischen H\u00f6hen und Tiefen gibt es ja bei vielen Autoren: John Fante, Knut Hamsun. Ich finde das zum Teil sehr lustig, aber die Ohnmacht ist auch eine Art von Schutzpessimismus: Wer nicht zu viel hofft, wird auch nicht entt\u00e4uscht. <\/p>\n<p> <b>Sie sind in Belgrad aufgewachsen. Verfolgen Sie die aktuellen Proteste dort?<\/b> <\/p>\n<p> Ja, und ich finde sie sehr klug organisiert. Die Protestierenden sind unangreifbar, weil es keine Anf\u00fchrer gibt, alles wird im Plenum entschieden. Jetzt wollen sie Kandidaten f\u00fcr Parlamentswahlen vorschlagen. Nat\u00fcrlich reagiert die Regierung mit Repressionen, aber ich glaube, dass sie einen Weg finden. <\/p>\n<p>                    Steckbrief<\/p>\n<p><strong>Barbi Markovi\u0107<\/strong> wurde 1980 in Belgrad geboren. Seit 2006 lebt sie in Wien.<\/p>\n<p><strong>Ihr Deb\u00fct, \u201eAusgehen\u201c,<\/strong> transferiert Thomas Bernhards \u201eGehen\u201c in die Clubszene Belgrads.<\/p>\n<p><strong>2024<\/strong> wurde Markovi\u0107s Kurzgeschichtenband <strong>\u201eMinihorror\u201c<\/strong> mit dem <strong>Preis der Leipziger Buchmesse<\/strong> ausgezeichnet.<\/p>\n<p><strong>Am 13. Mai<\/strong> erscheint der Text <strong>\u201eStehlen, Schimpfen, Spielen\u201c<\/strong> bei Rowohlt. Er basiert auf einer Poetikvorlesung, die Markovi\u0107 an der Paris-Lodron-Universi\u00adt\u00e4t Salzburg gehalten hat.<\/p>\n<p><strong>Am 3. Juni<\/strong> feiert Markovi\u0107s St\u00fcck <strong>\u201eDeadly Poodles\u201c<\/strong> am Landestheater Linz Premiere.<\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Barbi Markovi\u0107, eine der spannendsten Autorinnen Wiens, hat sich an eine Poetikvorlesung gewagt. 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