{"id":1062650,"date":"2026-06-01T20:44:28","date_gmt":"2026-06-01T20:44:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1062650\/"},"modified":"2026-06-01T20:44:28","modified_gmt":"2026-06-01T20:44:28","slug":"tiergesundheit-in-der-wilhelma-der-tiger-kam-nicht-mehr-hoch-und-war-kurz-drauf-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1062650\/","title":{"rendered":"Tiergesundheit in der Wilhelma: Der Tiger kam nicht mehr hoch \u2013 und war kurz drauf tot"},"content":{"rendered":"<p>Lass uns weitergehen\u201c, sagt eine Frau, \u201edas ist ja ekelhaft.\u201c Einige Kinder finden es lustig und rufen \u201eder frisst sein Kacka\u201c. Tats\u00e4chlich \u2013 ein Bonobo futtert gen\u00fcsslich seine Exkremente. Er ist nicht der Einzige im Affenhaus der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Wilhelma\" title=\"Wilhelma\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wilhelma<\/a>. Auch seine Genossen scheinen es normal zu finden, das, was sie eben ausgeschieden haben, oben wieder in sich hineinzustopfen. <\/p>\n<p>An sich gibt es kaum Sch\u00f6neres als einen Ausflug in den <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Zoo\" title=\"Zoo\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zoo<\/a>. Es ist k\u00f6stlich, wenn die Seel\u00f6wen tolle Kunstst\u00fccke zeigen und Elefanten ihre R\u00fcssel schwenken. Und doch l\u00e4sst sich am Zoo deutlich das komplizierte Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Tier ablesen, weshalb er enorm polarisiert.<\/p>\n<p> Die Wilhelma bekommt auf Internetportalen sehr gute Bewertungen f\u00fcr die Pflanzenpracht oder das historische Flair. Aber es gibt auch reichlich Kritik \u2013 an den \u201eBunkern aus Beton und Edelstahl\u201c und den \u201ewinzigen Gehegen\u201c. \u201eAlles versifft und mit Kot voll\u201c, hei\u00dft es da, \u201eman merkt, dass es den Tieren nicht gut geht\u201c. Schlimmer noch: \u201eDie meisten waren verhaltensgest\u00f6rt und liefen nur auf und ab an den Gittern oder den Scheiben entlang. Absolute Tierqu\u00e4lerei\u2009.\u2009.\u2009.\u201c <\/p>\n<p>Aber k\u00f6nnte man Tiger, Flusspferde oder Gorillas so halten, dass Peta, Deutschlands gr\u00f6\u00dfte Tierrechtsorganisation, die Strafanzeige gegen die Wilhelma zur\u00fcckziehen w\u00fcrde, die die Staatsanwaltschaft <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> derzeit besch\u00e4ftigt? \u201eMan kann alle <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Tiere\" title=\"Tiere\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Tiere<\/a> halten, wenn man es richtig macht\u201c, meint Volker Gr\u00fcn. Er ist in der Wilhelma Leiter des Fachbereichs Zoologie und mit verantwortlich daf\u00fcr, dass die rund 1000 verschiedenen Tierarten und 100 000 Individuen hier auch richtig gehalten werden. <\/p>\n<p>Wie gut geht es den Tieren im Zoo? <\/p>\n<p>Aber wie gut geht es den Tieren? Das ist eine Frage, die Tobias Knauf-Witzens, der leitende Wilhelma-Tierarzt, nicht so leicht beantworten kann. Denn seine Patienten machen ihm das Leben schwer. \u201eTiere verbergen Krankheiten\u201c, sagt er und kann nur hoffen, dass Pfleger entdecken, wenn sich ein Tier ungew\u00f6hnlich verh\u00e4lt. Oft ist das zu sp\u00e4t. Ein Tiger kam an einem Morgen nicht mehr hoch \u2013 am Abend war er tot. Ein Tumor war ins Gehirn durchgebrochen.<\/p>\n<p>In den vergangenen Monaten musste die Wilhelma immer wieder den Tod von Tieren vermelden, die \u00fcberraschend gestorben waren \u2013 wie zwei junge Koalas und ein \u00e4lteres Weibchen, das an schwerer Blutarmut gelitten hatte und wie die Jungtiere von einem Bakterium befallen war. Eine Erkrankung, die bei in Europa gehaltenen Koalas bisher nicht bekannt war. Mehr, als die F\u00e4lle zu dokumentieren, konnte man da nicht mehr tun. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/media.media.b60a5097-b259-4559-a367-aa2265e217dc.original1024.media.jpeg\"\/>     Bei den Pavianen wird schon wieder gestritten \u2013 bis der \u201eCheffe\u201c eingreift, wie ihn eine Besucherin nennt.    Foto: Lichtgut\/Leif Piechowski    <\/p>\n<p>Ausgerechnet die Koalas. Dabei will man mit \u201eReservepopulationen\u201c deren \u00dcberleben sichern. Beliebt sind sie auch: Ein kleiner Junge fotografiert emsig und \u00fcberlegt, ob er \u201eden Baum am Computer ausradieren kann\u201c, der ihm den Blick auf das putzige B\u00e4rchen verstellt. Ihm geht es beim Zoo-Besuch offenbar in erster Linie um gute Fotos. <\/p>\n<p>Die Erwartungen an Zoos sind vielf\u00e4ltig. Kinder interessieren sich vor allem f\u00fcr die Tierbabys und rufen st\u00e4ndig \u201edie Mama hat ein Baby.\u201c Zwei junge Frauen, die gerade den Blutbrustpavianen zuschauen, haben dagegen schon viele Fragen, die sie sp\u00e4ter googeln wollen. Sind Paviane immer so aggressiv? Denn es wird schon wieder gestritten \u2013 bis dann endlich der \u201eCheffe\u201c eingreift, wie ihn jemand nennt, \u201edas ist wie bei uns im B\u00fcro.\u201c<\/p>\n<p>Auch die Infotafeln spiegeln die unterschiedlichen Vorstellungen, was ein Zoo zu leisten hat. Auf \u00e4lteren Schildern findet man Fachbegriffe und Hinweise zu komplizierten Systematiken \u2013 Informationen, die sich kein Mensch merken kann. Heute will die Wilhelma zwar auch ein \u201eLernort\u201c sein, sieht ihre die edelste Aufgabe aber darin, die Diversit\u00e4t zu erhalten und bedrohte Arten zu retten. Da Jaguars als potenziell gef\u00e4hrdet gelten, kann Teo also im Grunde froh sein, dass er nicht bangen muss, von Wilderern erschossen zu werden. Seine Fleischration bekommt er geliefert wie unsereiner seine Pizza. <\/p>\n<p>Trotzdem kann einen Unbehagen ergreifen, wie er endlos auf und ab geht und grimmig schaut. \u201eWillst du einen als Haustier?\u201c, fragt ein Vater den Sohn. Ein Witz, aus dem doch das Streben des Menschen spricht, sich die Natur untertan zu machen. Auch die Stofftiere, die zu Tausenden im Wilhelma-Shop verkauft werden, sch\u00fcren die Vorstellung, dass Schlange und B\u00e4r, Tiger und L\u00f6we nichts anderes wollen, als mit dem Menschen kuschelnd in Freundschaft und Harmonie zu baden.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/media.media.ea5d5a68-e54f-41f2-80c2-b8304322bb2a.original1024.media.jpeg\"\/>     Mu\u00dfestunde    Foto: Lichtgut\/Leif Piechowski    <\/p>\n<p>Doch so einfach ist es in der Realit\u00e4t nicht. Die Tiere m\u00f6gen hier \u00e4lter werden als in der Natur, aber im Grunde sind Zoos Experimentierstationen, bei denen man meist aus Schaden klug wird. Jedes Tier, das stirbt, wird seziert, um Hinweise zu erhalten, ob es falsch ern\u00e4hrt, falsch gehalten wurde oder eine Krankheit hatte, die man bisher nicht kannte. So erfuhr man auch, dass das Bonobo-Baby vor zwei Jahren an Unterern\u00e4hrung gestorben ist. Die Mutter hatte statt Milch nur Wasser produziert. \u201eEin Ph\u00e4nomen, das sich selbst Humanmediziner nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen\u201c, sagt Tobias Knauf-Witzens. <\/p>\n<p>Er st\u00f6\u00dft als Zootierarzt immer wieder auf Fragen, \u201edie niemand beantworten kann, aber man entwickelt sich weiter\u201c, wie er sagt. Deshalb wurde der Gorilla-Kindergarten vor 13 Jahren abgeschafft, in dem Gorilla-Babys in Windeln und Stramplern mit der Flasche aufgezogen wurden. Heute kann man im Affenhaus lesen, dass die Aufzucht von Menschenhand \u201enur eine Notl\u00f6sung\u201c sein k\u00f6nne. <\/p>\n<p>Es ist auch nicht so lange her, erz\u00e4hlt Tobias Knauf-Witzens, dass die Affen Linsen und Sp\u00e4tzle a\u00dfen. Heute versucht man, das Futter \u201enach den neuesten Erkenntnissen\u201c zusammenzustellen. Sie haben stets Zugang zu Wasser \u2013 was in der Natur nicht immer gew\u00e4hrleistet ist.<\/p>\n<p>Die Tiere leben im Zoo nicht artgerecht, aber sie sollen tiergerecht gehalten werden. Deshalb werden Elefanten nicht mehr durchs Gel\u00e4nde gef\u00fchrt, obwohl ihnen Bewegung guttut. Stattdessen ersinnen die Pfleger Tricks, um die Tiere in Bewegung und bei Laune zu halten und Verhaltensauff\u00e4lligkeiten zu verhindern. Trotzdem ist einer der L\u00f6wen schon so oft im Kreis gelaufen, dass ein Trampelpfad entstanden ist. Auch hier versucht man, gegenzusteuern und zum Beispiel einen Busch zu pflanzen. Und doch wird der L\u00f6we neue Wege wieder und wieder ablaufen. Was soll er auch anderes tun?<\/p>\n<p> Einzeln gehaltene Exemplare sind nicht zwangsl\u00e4ufig ungl\u00fccklich <\/p>\n<p>Volker Gr\u00fcn zieht gern Vergleiche zum Menschen heran. Der bewege sich auch weniger, wenn Nahrung allerorts verf\u00fcgbar sei und wolle als Senior im Heim unterhalten sein. Und n\u00fcchtern betrachtet l\u00e4sst sich die Frage nicht so leicht beantworten, ob ein ausgemergelter Tiger, der Kilometer weit laufen muss, um Wasser oder Nahrung zu finden, besser dran ist als sein Kollege, der gut gen\u00e4hrt und sicher im Zoo lebt. <\/p>\n<p>Volker Gr\u00fcn ist \u00fcberzeugt, dass es den Tieren \u201erelativ egal ist, ob ihr Gehege aus Kunstfelsmauern oder Stahlbeton ist.\u201c Die Anlagen werden heute nur deshalb so naturnah gestaltet, damit die Besucher die Illusion haben, die Tiere h\u00e4tten es sch\u00f6n im Zoo. Auch seien einzeln gehaltene Exemplare nicht zwangsl\u00e4ufig ungl\u00fccklich, meint Gr\u00fcn. \u201eDa projizieren wir unsere W\u00fcnsche auf die Bed\u00fcrfnisse der Tiere.\u201c <\/p>\n<p>W\u00fcssten die Besucher, wie man sich an der \u201eSozialzusammenstellung in der Natur\u201c orientiert, w\u00fcrden sie vielleicht anfangen, die eigenen Vorstellungen von lebenswertem Leben zu hinterfragen. Man ben\u00f6tigt heute keine Zoos mehr, um zu erfahren, was ein Jaguar wiegt. Lehrbuchwissen l\u00e4sst sich googeln \u2013 und man kann ohnehin nicht ann\u00e4hernd begreifbar machen, wie das Leben im fernen Irgendwo ist, wo sich \u201eHaremsgruppen anderen Silberr\u00fccken\u201c anschlie\u00dfen oder \u201eEukalyptus vom Inferno profitiert\u201c. <\/p>\n<p>Als ernst zu nehmender \u201eLernort\u201c sollten Zoos lieber beginnen, die eigene Rolle offensiv und selbstkritisch zu thematisieren \u2013 und auch erkl\u00e4ren, warum die Bonobos ihren Kot fressen: eine Reaktion auf Gefangenschaft. Denn letztlich ist der Zoo der ideale Ort, um das ambivalente Zusammenleben von Mensch und Tier auf dieser Erde besser zu verstehen und die komplexe Gemengelage aus \u00dcbermacht, Verantwortungsgef\u00fchl und Sehnsucht mehr zu durchdringen. <\/p>\n<p> Falsche Kuscheltier-Romantik <\/p>\n<p>Dabei ist falsche Kuscheltier-Romantik allerdings so wenig hilfreich wie die Forderung, Zoos zu schlie\u00dfen. Denn wo sollte man hin mit all den Tieren, die nie gelernt haben, sich in der Wildbahn durchzuschlagen? Auch das geh\u00f6rt zu dem komplexen Thema: Dass in der Wilhelma so viel Nachwuchs produziert wird, dass jede Woche ein Tier an einen anderen Zoo abgegeben wird. Und damit sie dort gesund leben k\u00f6nnen, m\u00fcssen sich die Tiere \u201eunnat\u00fcrlich\u201c verhalten, den Menschen vertrauen und auf Kommando kommen, wenn eine Wunde behandelt oder Blut abgenommen werden muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Lass uns weitergehen\u201c, sagt eine Frau, \u201edas ist ja ekelhaft.\u201c Einige Kinder finden es lustig und rufen \u201eder&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1062651,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1830],"tags":[1634,3364,29,30,12265,7174,1441,1886,12378,6500],"class_list":["post-1062650","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-stuttgart","tag-baden-wuerttemberg","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-koala","tag-reportage","tag-stuttgart","tag-tiere","tag-wilhelma","tag-zoo"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116676805939710314","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1062650","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1062650"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1062650\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1062651"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1062650"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1062650"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1062650"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}