{"id":1063525,"date":"2026-06-02T05:14:17","date_gmt":"2026-06-02T05:14:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1063525\/"},"modified":"2026-06-02T05:14:17","modified_gmt":"2026-06-02T05:14:17","slug":"stadtentwicklung-in-stuttgart-bismarckplatz-oder-marienplatz-man-kann-dort-einfach-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1063525\/","title":{"rendered":"Stadtentwicklung in Stuttgart: Bismarckplatz oder Marienplatz \u2013 \u201eMan kann dort einfach sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Orte wie der Marienplatz oder die Stadtbibliothek in Stuttgart werden in Zeiten von Einsamkeit und Spaltung wichtiger denn je. Warum, erkl\u00e4rt die Expertin Christina Simon-Philipp.<\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Der Begriff wurde vom amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg gepr\u00e4gt. Dritte Orte sind R\u00e4ume, die weder unser Zuhause noch unsere Arbeitspl\u00e4tze oder Schulen sind. Dabei geht es um mehr als nur um sch\u00f6ne Orte oder Pl\u00e4tze. Es sind \u00f6ffentliche oder halb\u00f6ffentliche Orte, an denen man sich niederschwellig und kostenlos treffen, aufhalten und kommunizieren kann \u2013 ohne Konsumzwang. In <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> sind die Stadtbibliothek am Mail\u00e4nder Platz oder der Treffpunkt Roteb\u00fchlplatz, in dem sich unter anderem die VHS befindet, gute Beispiele. Auch das Stadtpalais oder das Haus der Katholischen Kirche in der Innenstadt z\u00e4hlen dazu.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Sie sprechen von \u201eniederschwellig&#8220; und \u201eohne Konsumzwang&#8220;. Warum ist das wichtig? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Diese Orte sollen die Gesellschaft zusammenbringen und zusammenhalten. Sie bieten Raum f\u00fcr Gemeinschaft und soziale Kontakte im Quartier. Gerade angesichts zunehmender Einsamkeit \u2013 interessanterweise betrifft das nicht nur \u00e4ltere, sondern besonders auch junge Menschen \u2013 brauchen wir solche R\u00e4ume dringend. Man muss sich dort nicht rechtfertigen, nichts kaufen. Man kann einfach sein, lesen, arbeiten oder sich mit anderen austauschen.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Was macht beispielsweise den Bismarckplatz zu einem besonderen Ort? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Der Bismarckplatz ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie durch eine kleine Ma\u00dfnahme \u2013 die tempor\u00e4re Stra\u00dfensperrung als Verkehrsversuch \u2013 ein sozialer Ort entstehen kann. Dort hat sich eine richtige kleine Community entwickelt, sehr zwanglos. Es gibt die Eisdiele, aber man kann sich auch einfach hinsetzen, ohne etwas zu konsumieren. Die Nachbarschaft k\u00fcmmert sich sogar um B\u00e4ume, es h\u00e4ngen dort Gie\u00dfkannen, mit denen man die die Pflanzen, die tempor\u00e4r dort stehen, w\u00e4ssern kann. Das ist wirklich nachbarschaftlich getragen. Bald wird der Platz als klimaangepasster \u00f6ffentlicher Raum umgestaltet \u2013 beste Voraussetzungen f\u00fcr einen Dritten Ort.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/media.media.ca94d5da-ea9b-4b90-acbe-1500b40cb3fd.original1024.media.jpeg\"\/>     Christina Simon-Philip ist Professorin f\u00fcr St\u00e4dtebau und Stadtplanung an der Hochschule f\u00fcr Technik Stuttgart.    Foto: Lichtgut\/Achim Zweygarth     <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> K\u00f6nnen solche Orte gezielt geschaffen werden, oder entstehen sie eher zuf\u00e4llig? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Beides ist m\u00f6glich. Die Stadt kann solche Orte bewusst planen, wie etwa die Stadtbibliothek. Oft entstehen sie aber auch durch urbane Interventionen oder bewohnergetragene Initiativen \u2013 also eher tempor\u00e4r. Wir haben an unserer Hochschule mal einen Parkplatz mit einem sogenannten Parklet bebaut. Da entwickelte sich spontan, auch in Kooperation mit einem studentischen Verein, ein sozialer Ort, an dem Studierende lernten und sich trafen. Als wir es abbauen mussten, gab es gro\u00dfe Proteste. Erfolgreiche Projekte entstehen meist kollaborativ, also gemeinsam mit der Bev\u00f6lkerung. <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Wie unterscheidet sich der Bismarckplatz vom <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Schlossplatz\" title=\"Schlossplatz\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Schlossplatz<\/a>? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Der Bismarckplatz hat eher eine Quartiersbedeutung, w\u00e4hrend der Schlossplatz eine \u00fcbergeordnete, stadtweite Funktion hat und vor allem auch Touristen anzieht. Dritte Orte sind typischerweise Orte, zu denen man regelm\u00e4\u00dfig geht, wo man sich niederschwellig mit Nachbarn trifft. Der Schlossplatz ist wichtig, aber eher kein klassischer Dritter Ort in diesem Sinne.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Marienplatz\" title=\"Marienplatz\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Marienplatz<\/a> galt anfangs als umstritten, ist heute aber sehr belebt. Was ist dort gelungen? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Vor dem Umbau war der Marienplatz ein bisschen ein Unort, teilweise sogar ein Angstort. Heute ist er einer der belebtesten Pl\u00e4tze der Stadt in einem gemischt genutzten Quartier. Man hat den Verkehr stark reduziert, es gibt vielf\u00e4ltige Angebote \u2013 vom Edeka \u00fcber Caf\u00e9s bis zur beliebten Pizzeria und Eisdiele. Der Platz ist gut erreichbar, liegt an einem kleinen Verkehrsknotenpunkt des \u00d6PNV, er hat eine Gestaltung, die verschiedene Aktivit\u00e4ten erm\u00f6glicht: Kinder k\u00f6nnen dort Fahrradfahren \u00fcben, Menschen sich in der Sonne treffen, und die besonnten W\u00e4nde laden selbst im Winter zum Verweilen ein. Diese Mischung aus Angeboten f\u00fcr unterschiedliche Menschen \u2013 Bewohner, Arbeitende, Sch\u00fcler \u2013 hat funktioniert. Bewohner anderer Stadtteile w\u00fcnschen sich mittlerweile \u201aso etwas wie den Marienplatz\u2018 \u2013 nicht von der Gestaltung her, sondern als sozialen Ort, wo sich das Quartier trifft. Allerdings w\u00fcrde man den Marienplatz heute sicher anders planen, n\u00e4mlich mit viel mehr B\u00e4umen und Schatten.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Was kann ein Ort wie der Hangelplatz bei der Waldschule leisten? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Das ist ein tolles Beispiel! Dort trainieren Bodybuilder, Schulkinder hangeln herum, Eltern sitzen auf den Stufen \u2013 ein sehr gelungenes Miteinander verschiedener Nutzergruppen. Solche Sportangebote im \u00f6ffentlichen Raum, die mehrfach und von unterschiedlichen Altersgruppen nutzbar sind, k\u00f6nnen wichtige Dritte Orte schaffen. Der ganze Bereich um die Waldau wurde ja durch einen Rahmenplan aufgewertet, und ich finde das Ergebnis sehr gelungen.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Was ist mit der Paulinenbr\u00fccke, wo sich viele Obdachlose aufhalten? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Den Ort w\u00fcrde ich nicht als Dritten Ort bezeichnen. Es ist ein \u00f6ffentlicher Raum, der von einer bestimmten Zielgruppe in Beschlag genommen wird. Dritte Orte sollen aber f\u00fcr alle offen und einladend sein, man sollte sich dort wohlf\u00fchlen und sicher f\u00fchlen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend die Initiative \u201eStadtl\u00fccken&#8220; den Raum dort bespielt hat, h\u00e4tte ich das anders bewertet \u2013 damals war es tats\u00e4chlich ein Dritter Ort. Die Kirche St. Maria nebenan mit ihrem Vorbereich und Harrys Bude, einem Foodsharing Faiteiler, ist eher ein Beispiel f\u00fcr einen Dritten Ort. <\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Sie kuratieren den Deutschen St\u00e4dtebaupreis. Dieses Jahr steht der Sonderpreis unter dem Motto \u201eR\u00e4ume des Zusammenhalts \u2013 St\u00e4dtebau der verbindet\u201c. Warum? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Im St\u00e4dtebau sprechen wir aktuell sehr viel \u00fcber \u00f6kologische Herausforderungen \u2013 CO2-Neutralit\u00e4t, Klimaanpassung. Das ist wichtig, keine Frage. Aber St\u00e4dtebau tr\u00e4gt auch gro\u00dfe Verantwortung f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mit dem Sonderpreis 2027 wollen wir Projekte auszeichnen, die einen bedeutenden st\u00e4dtebaulichen Beitrag zur demokratischen Kultur, sozialen Vielfalt und gemeinschaftlichen Lebensqualit\u00e4t leisten.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Was sind die Herausforderungen? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr. Wir beobachten zunehmende soziale Ungleichheit, demografische Ver\u00e4nderungen, Migration, die Folgen des Klimawandels. Diese Entwicklungen werden im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen konkret erfahrbar \u2013 im Quartier, im \u00f6ffentlichen Raum, in der Nachbarschaft. St\u00e4dtebau kann als gestaltende und stabilisierende Kraft einen aktiven Beitrag zur demokratischen und sozialen Zukunftsf\u00e4higkeit unserer St\u00e4dte leisten.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Bewirbt sich auch Stuttgart mit Projekten? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Ich hoffe sehr, dass die Stadt Stuttgart Projekte einreicht. Der Bismarckplatz w\u00e4re sicher ein tolles Beispiel, wenn er fertig umgebaut w\u00e4re. Stuttgart war auch in den letzten Jahren regelm\u00e4\u00dfig mit Projekten dabei. Die Bewerbungsfrist l\u00e4uft, und ich bin gespannt, was eingereicht wird.<\/p>\n<p class=\"interviewQuestion\"> Was ist Ihr Res\u00fcmee zu Dritten Orten? <\/p>\n<p class=\"interviewAnswer\">Dritte Orte sind keine nette Dreingabe urbaner Planung, sondern unverzichtbar f\u00fcr lebendige, sozial integrierte St\u00e4dte. Sie entstehen am besten dort, wo Stadtplanung und B\u00fcrgerbeteiligung zusammenwirken und wo die Bed\u00fcrfnisse der Menschen vor Ort ernst genommen werden. In Zeiten, in denen gesellschaftlicher Zusammenhalt keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr ist, kommt ihnen eine zentrale Bedeutung zu.<\/p>\n<p> Zur Person <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Christina Simon-Philipp<\/strong><br \/>wurde 1967 in Kassel geboren und hat ihr Studium der Architektur und Stadtplanung an der Universit\u00e4t Stuttgart und der ETH Z\u00fcrich absolviert. Sie ist Architektin und Stadtplanerin, Professorin f\u00fcr St\u00e4dtebau und Stadtplanung an der Hochschule f\u00fcr Technik Stuttgart, Fakult\u00e4t Architektur und Gestaltung sowie Studiendekanin Master-Studiengang Stadtplanung. Sie forscht \u00fcber St\u00e4dtebau, <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stadtentwicklung\" title=\"Stadtentwicklung\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stadtentwicklung<\/a>, \u00f6ffentlichen Raum, Wohnungsbau sowie Planungs- und Baukultur. Forschungsschwerpunkte sind der Wohnungsbau der 1950er bis 1970er Jahre, Zentrenentwicklung, \u00f6ffentlicher Raum und soziale Prozesse sowie nachhaltige Quartierentwicklung unter besonderer Betrachtung der Mobilit\u00e4t und des Klimaschutzes. Im Mittelpunkt stehen Projekte im Schnittpunkt zwischen Forschung und Praxis unter Anwendung eines breiten Methodenportfolios. Freiberuflich nimmt sie in Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen in interdisziplin\u00e4ren Teams an st\u00e4dtebaulichen Wettbewerben teil. Sie ist als Fachpreisrichterin und Gestaltungsbeir\u00e4tin t\u00e4tig sowie in der st\u00e4dtebaulichen Planung, Beratung und Begleitung von Stadtentwicklungsprozessen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Orte wie der Marienplatz oder die Stadtbibliothek in Stuttgart werden in Zeiten von Einsamkeit und Spaltung wichtiger denn&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1063526,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1830],"tags":[1634,32774,226783,3364,29,30,226784,2134,6590,5257,226785,14655,8926,1441],"class_list":["post-1063525","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-stuttgart","tag-baden-wuerttemberg","tag-bismarckplatz","tag-christina-simon-philipp","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-hochschule-fuer-technik-stuttgart","tag-interview","tag-katholische-kirche","tag-marienplatz","tag-ray-oldenburg","tag-schlossplatz","tag-stadtentwicklung","tag-stuttgart"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116678812463704396","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1063525","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1063525"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1063525\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1063526"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1063525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1063525"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1063525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}