{"id":1063760,"date":"2026-06-02T07:25:17","date_gmt":"2026-06-02T07:25:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1063760\/"},"modified":"2026-06-02T07:25:17","modified_gmt":"2026-06-02T07:25:17","slug":"ukraine-krieg-warum-prostitution-an-der-front-zunimmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1063760\/","title":{"rendered":"Ukraine-Krieg: Warum Prostitution an der Front zunimmt"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nKramatorsk ist der wichtigste Ort in der ostukrainischen Donbass-Region, der noch unter Kontrolle der ukrainischen Armee steht. Die Stadt, die vor der Vollinvasion rund 150.000 Einwohner z\u00e4hlte, ist von so gro\u00dfer strategischer Bedeutung, dass Russland es zu einer Bedingung f\u00fcr einen Waffenstillstand gemacht hat, dass die ukrainischen Streitkr\u00e4fte von dort abziehen. Russische Drohnen greifen Kramatorsk immer h\u00e4ufiger an, es wird t\u00e4glich gef\u00e4hrlicher dort.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDoch Kramatorsk ist nach mehr als vier Jahren des vollumf\u00e4nglichen russisch-ukrainischen Krieges auch etwas anderes: Eine Hochburg der Prostitution. \u00dcberraschend ist das nicht: In vielen Kriegen der Weltgeschichte waren Prostituierte in der N\u00e4he der Front anzutreffen. Im konkreten Fall suchen ukrainische Soldaten in St\u00e4dten wie Kramatorsk die M\u00f6glichkeit, sich ein paar Tage lang vom Fronteinsatz zu erholen und abzuschalten. Die lokale NGO Oberih beobachtete bereits kurz nach dem Ausbruch des urspr\u00fcnglichen Donbass-Krieges 2014 einen Anstieg der Zahl der Prostituierten in Frontn\u00e4he um rund 20 Prozent.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung0\" class=\"jumpLabel\"><strong>Gut bezahlte Soldaten und arme Frauen <\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Zeiten haben sich seitdem ver\u00e4ndert \u2013 auch, was das Budget der potentiellen Kunden betrifft.\u00a0Inzwischen verdienen ukrainische Soldaten, die direkt an der Frontlinie, der sogenannten Null, eingesetzt werden, ohne Bonuszahlungen bis zu umgerechnet fast 2000 Euro. Gerade f\u00fcr M\u00e4nner aus der ukrainischen Provinz ist das viel Geld, zumal sie an der Front kaum Ausgaben haben. Oft genug gehen sie zudem davon aus, dass es f\u00fcr sie kein Morgen gibt. In Russland ist der Sold noch deutlich h\u00f6her. Daher ist der Boom der Prostitution auf beiden Seiten der Front kaum \u00fcberraschend.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Entwicklungen sind aber auf dem von Kiew und von Moskau kontrollierten Gebiet etwas unterschiedlich. Wie ukrainische Medien berichten, sind es auf der ukrainischen Seite \u00fcberwiegend lokale Frauen und Binnenfl\u00fcchtlinge, die den entsprechenden Markt bedienen. Schon vor dem Kriegsbeginn im Donbass 2014 war die wirtschaftlich abgeh\u00e4ngte Region eine Hochburg der Prostitution. Seit Beginn der Kampfhandlungen hat sich die Lage versch\u00e4rft, die Arbeitslosigkeit ist weiter angestiegen. Viele Frauen, die Kinder zu versorgen haben, treibt die Not in die Prostitution.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nIn einigen F\u00e4llen fahren Ukrainerinnen aus anderen Landesteilen ins Frontgebiet, um dort sexuelle Dienstleistungen anzubieten, &#8222;Es gibt viele Frauen aus Dnipro und ich bin hier auch auf ein M\u00e4dchen aus Wynnyzja gesto\u00dfen&#8220;, erz\u00e4hlt etwa Maryna, eine 47-j\u00e4hrige Prostituierte aus der Frontstadt Kramatorsk, der Online-Zeitung Ukrajinska Prawda.\u00a0&#8222;Ich frage sie, und sie sagen mir dann: In Kramatorsk gibt es viele Milit\u00e4rangeh\u00f6rige und hier l\u00e4uft alles irgendwie.&#8220; Die M\u00e4dchen w\u00fcrden sogar teilweise so viel arbeiten und so gut verdienen, dass sie in der Lage sind, sich binnen weniger Monate eine Wohnung zu kaufen. Der absolute Gro\u00dfteil der Kunden seien Milit\u00e4rs, erkl\u00e4rt ihre Kollegin Olena der ukrainischen Redaktion von Radio Swoboda: &#8222;Von Hundert Menschen sind drei oder vier Kunden Einheimische&#8220;. Und diese seien schon lange Stammkunden.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung1\" class=\"jumpLabel\"><strong>Trotz Prostitutionsverbot bl\u00fcht das Gesch\u00e4ft<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nSo hat sich trotz des Verbots der Prostitution, das in der Ukraine gilt, rund um Kramatorsk in den letzten Jahren ein gro\u00dfes Netzwerk an sogenannten &#8222;Massagesalons&#8220; entwickelt. Dort werden in der Regel erotische Massagen mit einem &#8222;gl\u00fccklichen Ende&#8220; angeboten. Eine Stunde kostet rund 30 Euro, zu einem direkten Geschlechtsverkehr kommt es dabei nicht. Daf\u00fcr muss man umgerechnet 100 Euro zahlen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDoch Sex ist oft gar nicht das, was sich die Kunden w\u00fcnschen:\u00a0 Wegen des enormen Stresses ist es auf beiden Seiten der Frontlinie keine Seltenheit, dass die Frauen nur deswegen gebucht werden, um mit jemanden die Zeit zu verbringen und sich auszusprechen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nF\u00fcr die ukrainischen Beh\u00f6rden hat die Verfolgung von Prostitution derzeit keine Priorit\u00e4t, die Strafen f\u00fcr Sexarbeiterinnen sind ohnehin symbolisch: So wird beim ersten Vorsto\u00df ein Bu\u00dfgeld von bis zu 170 Hrywnja f\u00e4llig (rund 3,30 Euro). Auch beim zweiten Versto\u00df ist die Strafe nicht viel h\u00f6her, Haftstrafen drohen lediglich den Zuh\u00e4ltern. Daher nehmen die Sexarbeiterinnen die m\u00f6glichen Strafen schlicht in Kauf.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung2\" class=\"jumpLabel\"><strong>Hohe Risiken f\u00fcr die Frauen<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDas bedeutet allerdings nicht, dass die Prostitution im Frontgebiet ungef\u00e4hrlich ist. Einerseits sind da der russische Beschuss und die Kampfhandlungen \u2013 zumal einige Frauen fast bis zur Frontlinie fahren, um ihre Freier zu bedienen. Doch die eigentliche Gefahr geht von den Freiern selbst aus: Rund 70 Prozent der in Frontn\u00e4he t\u00e4tigen Prostituierten berichten, dass das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, seit Februar 2022 deutlich zugenommen habe.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Die fr\u00fcheren Kunden sind weg \u2013 und die Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen sind ganz anders, sagt Julija Dorochowa, Direktorin der NGO Legalife, die sich unter anderem f\u00fcr die Legalisierung der Prostitution in der Ukraine einsetzt. &#8222;Einige leiden unter posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen und Alkoholmissbrauch. Dies f\u00fchrt zu Gewalttaten. Au\u00dferdem sind die M\u00e4nner ja ohnehin bewaffnet.&#8220; Auf den Schutz der Beh\u00f6rden k\u00f6nnen die Frauen nicht hoffen \u2013 schlie\u00dflich ist ihre T\u00e4tigkeit illegal.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAuch die Gefahr von <a href=\"https:\/\/www.brisant.de\/gesundheit\/krankheiten\/hiv-heilung-112.html\" title=\"AIDS Therapie: Kann eine Stammzellen Transplantation HIV Infizierte heilen?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Geschlechtskrankheiten wie HIV<\/a> ist wohl deutlich gestiegen. Dazu liegen zwar keine aktuellen Zahlen vor, doch schon im urspr\u00fcnglichen Donbass-Krieg war eine deutlich h\u00f6here Zahl der HIV-Positiven in der Region zu beobachten.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung3\" class=\"jumpLabel\"><strong>Angereiste Sexarbeiterinnen auf russischer Seite<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nAuch im russisch besetzten Gebiet im Donbass hat sich der Markt extrem schnell ver\u00e4ndert \u2013 und das obwohl es russischen Soldaten durch die Armeef\u00fchrung verboten ist, sexuelle Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Zudem ist Prostitution auch in Russland illegal. Doch auch dort scheinen die zust\u00e4ndigen Stellen wegzuschauen. Gab es Anfang 2023 der Recherche des russischsprachigen Exil-Mediums Wjorstka zufolge h\u00f6chstens Dutzende von Frauen, die als Prostituierte arbeiteten, sind heute vorsichtigen Sch\u00e4tzungen zufolge allein in der Stadt Luhansk mehr als 300 Prostituierte t\u00e4tig. Neben Luhansk sind Donezk und Mariupol die wichtigsten Hotspots f\u00fcr die Prostitution im besetzten Gebiet. Die drei Gro\u00dfst\u00e4dte sind alle recht weit von der Frontlinie entfernt.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nLaut Wjorstka h\u00e4tten russische Sexarbeiterinnen recht schnell bemerkt, dass sich dort derart viel Geld verdienen l\u00e4sst, dass sie bereit sind, die dazugeh\u00f6rigen Risiken in Kauf zu nehmen. So kann eine Stunde bis zu umgerechnet 230 Euro kosten, f\u00fcr eine Nacht berechnen sie bis zu 1.400 Euro. Am Ende kommt eine Summe zusammen, die h\u00f6her ist als alles, was in Russland zu holen w\u00e4re. Daher gibt es gen\u00fcgend Frauen, die aus Russland anreisen, um im Frontgebiet ihre Dienste anzubieten \u2013 manche sogar nur wenige Kilometer von der Frontlinie entfernt.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAllerdings ist das Risiko auch hier hoch: Beinahe jede der von Wjorstka befragten Prostituierten kennt inzwischen eine Frau, die von Soldaten vergewaltigt oder geschlagen worden sei. Eine Sexarbeiterin, die sich Mariana nennt und die ihren eigenen Angaben zufolge haupts\u00e4chlich in Moskau und Sotschi unterwegs ist, schildert ihren Arbeitsmodus im Frontgebiet so: &#8222;Ich nehme bis zu sechs Personen pro Tag an und fahre dann erstmal weg, um mich zu erholen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kramatorsk ist der wichtigste Ort in der ostukrainischen Donbass-Region, der noch unter Kontrolle der ukrainischen Armee steht. 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