{"id":1064971,"date":"2026-06-02T18:48:54","date_gmt":"2026-06-02T18:48:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1064971\/"},"modified":"2026-06-02T18:48:54","modified_gmt":"2026-06-02T18:48:54","slug":"erst-hofiert-dann-verfolgt-museum-zeigt-gerettete-schaetze-des-juedischen-familienateliers-abram-mittelmann-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1064971\/","title":{"rendered":"Erst hofiert, dann verfolgt: Museum zeigt gerettete Sch\u00e4tze des j\u00fcdischen Familienateliers Abram Mittelmann \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Ein Fotoatelier, wenige Minuten vom Neuen Rathaus entfernt, in Nachbarschaft zum Polizeipr\u00e4sidium. Die Gesellschaft gibt sich die Klinke in die Hand, Hochzeitsfotos entstehen. Damen posieren mit ihren H\u00fcndchen. Portr\u00e4tfotos werden gefertigt und Familienalben gef\u00fcllt. Ab und an betreten Herren in Uniform den Laden, lassen schnittige Fotografien von sich anfertigen, in Autogrammkarten-Qualit\u00e4t. Das Gesch\u00e4ft von Abram Mittelmann ist eine angesehene Adresse, sein K\u00f6nnen als Fotograf in der Stadt bekannt. \u201cWer nicht selbst entwickeln kann, wende sich an Mittelmann\u201d ist der Slogan zum Erfolg.<\/p>\n<p>Aus der S\u00fcdvorstadt in den Tod<\/p>\n<p>Das Haus, Peterssteinweg 15, ein mond\u00e4ner Gr\u00fcnderzeitbau, beherbergt nicht nur Atelier und Labor, sondern auch die gro\u00dfz\u00fcgige Wohnung der Familie Mittelmann. Im Jahr 1938 endet die Erfolgsgeschichte. Im Stadtgeschichtlichen Museum ist jetzt deren Rekonstruktion zu sehen, der Blick in einen unglaublichen Fotoschatz der Zeitgeschichte. Begleitet vom unfassbaren Leid durch die Shoah.<\/p>\n<p>Abram Mittelmann wird aus Deutschland vertrieben, die Aufl\u00f6sung der Firma obliegt seinem Sohn Siegfried und dessen Schwester. Die Familie wird zerrissen, nach der Besetzung Westeuropas deportiert und ermordet. Der angesehene Fotograf, von dem sich Leipzigs Nazis haben portr\u00e4tieren lassen, wird w\u00e4hrend einer Razzia in Br\u00fcssel erschossen. Den <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/tag\/Holocaust\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Holocaust<\/a> \u00fcberleben nur Siegfried, sein Bruder Leon und dessen Frau und Kinder.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/01_Fotoatelier-Mittelmann_Haus-Petersteinweg_c-SGM.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-659362\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/01_Fotoatelier-Mittelmann_Haus-Petersteinweg_c-SGM.jpg\" alt=\"\" width=\"3208\" height=\"2500\"  \/><\/a>Sie waren Nachbarn. Das Haus Peterssteinweg 15. Foto: Stadtgeschichtliches Museum<\/p>\n<p>Ringen um Fundst\u00fccke<\/p>\n<p>50 Jahre nach dem grausamen Ende der Atelier-Geschichte entdeckt eine Leipziger Fotografin auf einem Dachboden mehrere Kartons. Sie enthalten Umschl\u00e4ge mit Glasplatten. Negative von Bildern. Auf einigen stehen Namen. Nicht auf allen. 1989 gibt es anl\u00e4sslich des 50. Jahrestages der faschistischen Pogromnacht eine Ausstellung in der <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/tag\/uni-leipzig\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Leipziger Universit\u00e4t<\/a>. Ein Begleitbuch erscheint, die Finderin des Fotoschatzes steuert Bilder des Ateliers Mittelmann bei. Eines der Bilder, zu denen kein Name gefunden werden konnte, er\u00f6ffnet die Dokumentation auf der ersten Innenseite. Ein kleiner Junge in zu gro\u00dfer Jacke mit Strolchm\u00fctze.<\/p>\n<p>Am 3. November 2021 besucht Nadia Vergne Leipzig. Vor dem Haus, in dem sich das Atelier ihrer Familie befand, werden <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/tag\/stolpersteine\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eStolpersteine\u201c<\/a> verlegt. In das Stra\u00dfenpflaster eingelassene Erinnerungsmale, die der Opfer der Nazidiktatur am Haus ihres letzten Wohnortes gedenken. Durch Zufall reicht der Mittelmann-Enkelin jemand das zu diesem Zeitpunkt schon selbst historische Buch. Sie \u00f6ffnet es \u2013 und erblickt das Kinderfoto ihres Vaters.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/vaterbild.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-659360\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/vaterbild.png\" alt=\"\" width=\"1536\" height=\"1024\"  \/><\/a>Wer mag dieser Junge sein? Die Aufl\u00f6sung ist einem Zufall zu verdanken. Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig\/Fotoarchiv Mittelmann<\/p>\n<p>2022 wurden die Glasplatten-Negative an Nadia Vergne, Enkelin Abram Mittelmanns, von der Finderin \u00fcbergeben. Viele Jahre hatte die Erbin vergeblich versucht, dies zu erreichen. Vermittlungsversuche, auch von prominenter Seite, scheiterten \u00fcber lange Zeit. Schlie\u00dflich suchte sie die <a href=\"https:\/\/m.bild.de\/regional\/leipzig\/leipzig-news\/leipzig-juedin-kaempft-um-ihren-fotoschatz-80243010.bildMobile.html?t_ref=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Hilfe der Medien<\/a>. Jetzt hat eine Initiative aus Nadia Vergne, dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, dem <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/tag\/ariowitsch-haus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Ariowitsch-Haus<\/a> stellvertretend f\u00fcr die Israelitische Religionsgemeinde sowie dem <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/tag\/buergerbewegung-leipzig\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Archiv B\u00fcrgerbewegung Leipzig e.V.<\/a> begonnen, den Bestand aufzuarbeiten. Das hatte letztlich die \u00dcbergabe des Fundes moderiert. 862 der Fotografien konnten konkreten Personen zugeordnet werden. Dabei gelang es, Vornamen und weitere Lebensdaten zu ermitteln oder die Identit\u00e4t auf wenige infrage kommende Personen einzugrenzen. Mehr als 730 Personen und Gruppen wurden als j\u00fcdisch identifiziert, darunter mindestens 168 Aufnahmen der Familie Mittelmann.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/IMG_20221107_111821.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-659336\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/IMG_20221107_111821.jpg\" alt=\"\" width=\"3648\" height=\"2736\"  \/><\/a>\u00dcbergabe des Fotoarchivs an Nadia Vergne. Foto: Anja Lippe\/Ariowitsch-Haus<br \/>\nEin Fotoschatz f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit<\/p>\n<p>Die Ausstellung sowie digitale Angebote zeichnen das Bild einer typischen j\u00fcdischen Familie in Deutschland nach. Rund 100 Portr\u00e4ts und Gruppenaufnahmen er\u00f6ffnen bislang unbekannte Einblicke in das j\u00fcdische Leben der Gro\u00dfstadt Leipzig \u2013 sowohl in die Zeit der Normalit\u00e4t vor 1933 als auch in dessen gewaltsame Zerst\u00f6rung. Da die Forschung zum Fotoschatz Mittelmann noch nicht abgeschlossen ist, soll die Ausstellung im November 2026 erweitert werden.<\/p>\n<p>Zur Er\u00f6ffnung fand die Enkelin von Abram Mittelmann Worte, die bewegen, Worte, die geh\u00f6rt werden sollen: \u201eF\u00fcr die Zukunft hoffe ich, dass diese Fotos vielen Menschen helfen werden, Bilder ihrer Familie wiederzufinden. Ich w\u00fcnsche mir auch, dass wir den Opfern der Shoah ein Gesicht geben k\u00f6nnen. Ein Gesicht sagt mehr als ein Name. Es erinnert uns daran, dass es Menschen waren, die ermordet wurden. Ich w\u00fcnsche mir, dass die junge Generation die Erinnerungsarbeit fortsetzt. F\u00fcr mich ist heute die Weitergabe wichtig. Die neuen Generationen m\u00fcssen verstehen, wie schrecklich Diskriminierung und Ausgrenzung sind. Die Jugendlichen sollen kritisch sein und Propaganda hinterfragen. Wichtig sind Toleranz und Respekt, damit wir in Harmonie leben k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Das Erbe ihrer Familie allen \u00f6ffnen zu k\u00f6nnen, ist das Anliegen von Nadia Vergne. Deshalb gibt es eine f\u00fcr jeden kostenlos zug\u00e4ngliche Datenbank des Stadtgeschichtlichen Museums, in der man suchen oder einfach nur bl\u00e4ttern kann. Und vielleicht findet ja noch eine Enkelin Fotos eines Mitglieds ihrer eigenen Familie. Das bisher gesicherte und erschlossene Archiv finden Sie <a href=\"https:\/\/www.fotoarchiv-mittelmann.de\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">hier im Internet<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/IMG_1384.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-659332\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/IMG_1384.jpeg\" alt=\"\" width=\"3504\" height=\"2336\"  \/><\/a>Nadia Vergne zeigt ihrem Sohn Ziggy ein Bild seines Gro\u00dfvaters Siegfried. Foto: Benjamin Weinkauf<\/p>\n<p>Die Ausstellung im <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/tag\/stadtgeschichtliches-museum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Stadtgeschichtlichen Museum<\/a> Leipzig, B\u00f6ttcherg\u00e4\u00dfchen 3, 04109 Leipzig, ist dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr ge\u00f6ffnet. Der regul\u00e4re Eintritt betr\u00e4gt 7 Euro. Erm\u00e4\u00dfigte Tickets sowie Abendkarten kosten jeweils 3,50 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Weitere Informationen sind unter der Telefonnummer +49 (0) 341 9651340 erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/AM00000077.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-659371\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/AM00000077.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"895\"  \/><\/a>Scheinbar nett und adrett. Ein SA-Mann zwischen Rassenwahn und Eitelkeit. Sturm 23, Standarte 107. Seine Ideologie hat das Leben von 6 Millionen j\u00fcdischen Menschen auf dem Gewissen. So auch die meisten Familienangeh\u00f6rigen des Fotografen, von dem er sich hier portraitieren l\u00e4sst. Foto: Stadtgeschichtliches Museum\/Fotoarchiv Mittelmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Fotoatelier, wenige Minuten vom Neuen Rathaus entfernt, in Nachbarschaft zum Polizeipr\u00e4sidium. 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