{"id":1066124,"date":"2026-06-03T05:54:21","date_gmt":"2026-06-03T05:54:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1066124\/"},"modified":"2026-06-03T05:54:21","modified_gmt":"2026-06-03T05:54:21","slug":"spitzenkueche-fine-dining-in-hannover-jawohl-das-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1066124\/","title":{"rendered":"Spitzenk\u00fcche: Fine Dining in Hannover? Jawohl, das geht"},"content":{"rendered":"<p>Kulinarisch ist die nieders\u00e4chsische Landeshauptstadt l\u00e4ngst nicht so blass wie ihr Ruf. Die Bandbreite der Hochgen\u00fcsse reicht von franz\u00f6sischer Klassik \u00fcber deutsch-britischen Crossover bis zum Dessert-Men\u00fc. Veganer kommen auch auf ihre Kosten.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Unter dem Plenarsaal des nieders\u00e4chsischen Landtags in Hannover befinden sich kein muffiges Archiv, kein historisches Kellergew\u00f6lbe und auch keine tristen B\u00fcror\u00e4ume, sondern zwei der besten Lokale der Stadt. Oben wird geredet, unten gehandelt. Im Sinne des Genusses. Im \u201eSchorse\u201c fr\u00f6nt K\u00fcchenchef Maik Neumann franz\u00f6sischer K\u00fcche. Er bereitet Froschschenkel und Weinbergschnecken zu oder zeigt bei Kaninchen nach k\u00f6niglicher Art, wie verf\u00fchrerisch klassisches K\u00fcchenhandwerk sein kann. \u00a0<\/p>\n<p>Im angrenzenden Zwei-Sterne-Restaurant \u201eVotum\u201c \u00fcbersetzt K\u00fcchenchef Benjamin Gallein verwegene Ideen in zug\u00e4ngliche Kreationen. Er haucht Sauerbraten mit Zitronengel Sommerfrische ein oder tischt seine Interpretation eines Caesar Salad auf \u2013 als Vordessert. Dazu schichtet er Romanasalat und Zitronen-Vanille-Gel, \u00fcberzieht alles mit Sardellen-Muschel-Lack, dazu krosse Kopfsalatchips in Ahornsirup, fruchtiges Oliven\u00f6l und Zitronensorbet. Klingt sperrig. Schmeckt geschmeidig.<\/p>\n<p>Wer will, kann die Nachspeisen sogar am sp\u00e4ten Abend in einem eigenen Dessert-Men\u00fc am Tresen probieren. Es l\u00e4sst sich aber auch im Wortsinn ein Gang zur\u00fcckschalten und ein Drei-G\u00e4nge-Men\u00fc f\u00fcr unter 100 Euro genie\u00dfen. Demokratischer Genuss im Landtag, wenn man so will. Vor den Fenstern rauschen Leine und Verkehr in stetem Fluss vor\u00fcber. Doch Zeit zum Zur\u00fccklehnen haben Genussreisende in Hannover l\u00e4ngst nicht mehr. Daf\u00fcr ist hier zu viel in Bewegung geraten \u2013 und das in einer Stadt, die eigentlich f\u00fcr ihr beh\u00e4biges Image bekannt ist.<\/p>\n<p>Noch um die Jahrtausendwende spottete Nighttalker Harald Schmidt, Hannover sei die \u201eAutobahnabfahrt zwischen G\u00f6ttingen und Walsrode\u201c. Die Schm\u00e4hung wurde in der nieders\u00e4chsischen Kapitale eher schulterzuckend zur Kenntnis genommen, deckte sich der Spruch doch mit dem kollektiven Stadtgef\u00fchl der Durchschnittlichkeit. Die Selbstschrumpfung Hannovers ging so weit, dass im Jahr 2021 das Tourismusmarketing mit dem Slogan \u201eAufregend unaufgeregt\u201c warb.<\/p>\n<p>Die gute Nachricht ist, dass zahlreiche K\u00f6che begonnen haben, ihre Geschichte selbst zu schreiben. In Grenzen von Ma\u00df und Mitte kann schlie\u00dflich keine K\u00fcche wachsen. \u00dcber sich hinauswachsen schon gar nicht. Auch bei j\u00fcngerem Publikum kommt die neue K\u00fcchenszene gut an. Da fand neulich etwa eine junge Influencerin den Weg in den \u201eSupperclub34\u201c. Sie kam, sie a\u00df, sie bezahlte. Und bescherte einem tellergro\u00dfen Zuckerwatte-Kissen mit Popcorneis-F\u00fcllung \u00fcber eine Viertelmillion Views.<\/p>\n<p>Seither trauen sich auch mal sp\u00e4tabends Studentinnen und Studenten \u00fcber die T\u00fcrschwelle, weil sie in den Genuss der viralen S\u00fc\u00dfspeisen-Eskalation kommen wollen. \u201eDas freut uns. Wir verstehen uns ja auch als entspannte Dining-Bar mit offener Showk\u00fcche\u201c, sagt Sommelier und Restaurantleiter Oliver Fabris. Die Preise sind im \u201eSupperclub34\u201c moderat kalkuliert. Da sind der Produktqualit\u00e4t im Einkauf zwar Grenzen gesetzt, aber Sprungbretter ins gehobene Fine Dining der Stadt muss es eben auch geben.<\/p>\n<p>Geheimtipp im Gew\u00f6lbe<\/p>\n<p>Im \u201eMarie\u201c kocht Sven Holthaus pfiffige Feinschmeckerk\u00fcche. Wer mag, isst nur drei G\u00e4nge am Chef\u2019s Table. Im \u201eHandwerk\u201c bringt Thomas Wohlfeld pr\u00e4zise und reduzierte Produktk\u00fcche auf die Teller. Beide Restaurants sind mit einem Stern im \u201eGuide Michelin\u201c ausgezeichnet. Andere Lokale werden von dem Gourmetf\u00fchrer immerhin empfohlen, wie das \u201eThe Wild Duck\u201c von Viet Anh Nguyen oder das \u201eEssKultur\u201c von Sascha Werhahn, der seit 2024 St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die K\u00fcchenqualit\u00e4t steigert.<\/p>\n<p>Als Geheimtipp gilt das \u201eBasil\u201c in einem historischen Backsteingew\u00f6lbe, einst die Pferdest\u00e4lle des k\u00f6niglichen Milit\u00e4r-Reitinstitutes. Seit letztem Jahr steht hier Deniel Nicolas Haas am Herd \u2013 ein Genusshandwerker par excellence. Aufschauen l\u00e4sst auch die erlesene Weinauswahl zu fairen Preisen. Ist ein Stern das Ziel? Haas hadert. Allein das legt Zeugnis ab vom neuen Selbstbewusstsein junger K\u00f6chinnen und K\u00f6che, bei denen die Auszeichnung nicht zwingend das Lebensziel ist: \u201eIch will, dass die Atmosph\u00e4re entspannt bleibt\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Was sich in der Gourmetszene in Deutschland im Gro\u00dfen tut, spielt sich in Hannover im Kleinen ab. Leger soll es sein. Men\u00fcs werden verschlankt, Abend- auf Mittagsangebote erweitert. Und klar, w\u00e4ren Gourmetrestaurants voll bis unter die Decke, w\u00e4re das alles nicht n\u00f6tig \u2013 das gehobene Restaurant \u201eSenses\u201c, erst im vergangenen Jahr er\u00f6ffnet, musste bereits wieder schlie\u00dfen. Aber sei es nun der anhaltenden Krise, einer neuen Ausgehmentalit\u00e4t, der zunehmenden Fine-Dining-Konkurrenz oder allen Punkten ein bisschen geschuldet: Zum Schaden der G\u00e4ste ist diese Entwicklung nicht.<\/p>\n<p>Mit allerlei Konzepten versuchen Restaurants, sich von der Konkurrenz abzusetzen und die Schwelle zu senken: Im \u201eRichards\u201c setzt Nico Kuckenburg seit Anfang des Jahres auf deutsch-englische K\u00fcche. Jahrelang war er der stellvertretende K\u00fcchenchef von Benjamin Gallein. Jetzt versucht er sich am Sonntagsbraten-Revival. Im \u201eFr\u00fchen Vogel\u201c, dem Zweitrestaurant von Sternekoch Thomas Wohlfeld, werden Fr\u00fchst\u00fccksklassiker in Premiumversion serviert. Ja, es ist tats\u00e4chlich was los im St\u00e4dtchen.<\/p>\n<p>Eleganter Snack am Tresen<\/p>\n<p>Erst im April hat sich sogar das mitunter beste Haus am Platz erweitert. Im \u201eJante Studio\u201c (unter demselben Dach zu Hause wie das Zwei-Sterne-Restaurant \u201eJante\u201c) braucht es keine Reservierung. Man kommt spontan, f\u00fcr ein oder zwei Stunden und isst ein oder zwei Snacks am Tresen oder Hochtisch. Aalbr\u00f6tchen mit Kimchi etwa. Leberk\u00e4se mit Tr\u00fcffeln. Dazu ein Bier oder ein Glas Champagner \u2013 oder mehr? Alles ist hier drin. Nat\u00fcrlich auch Tony Hohlfelds Sterne-Men\u00fcs im angrenzenden Restaurantareal. Wachsweiche Forelle verbindet er dort etwa mit dem Schmelz von Muschelcreme und dem zarten Biss von hauchd\u00fcnnem Rhabarber, dazu Forellenkaviar, der kurz erw\u00e4rmt am Gaumen nicht zart platzt, sondern herzhaft knackt \u2013 eine Kreation, so vibrierend wie Hohlfelds ganze K\u00fcche, die zu den eigenst\u00e4ndigsten Deutschlands geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Dennoch rieben sich viele Hannoveranerinnen und Hannoveraner verwundert die Augen, als das Lokal im Jahr 2020 den zweiten Stern verliehen bekam. Auszeichnung und K\u00fcchenstil waren in Hannover tats\u00e4chlich kulinarisches Neuland. Ende der 80er-Jahre gab es zwar kurz acht Einsterne-Restaurants. Doch wer sich \u00fcberhaupt noch an diese Bl\u00fctezeit erinnerte, dachte an klassische Gourmetk\u00fcche zur\u00fcck. An dicke So\u00dfen. Terrinen. Dann kam das \u201eJante\u201c und bat die Stadt zu Tisch \u2013 auf der H\u00f6he der Zeit.<\/p>\n<p>Sogar in der veganen K\u00fcche tut sich etwas. Im \u201eR\u00fcpel\u201c macht Lennart R\u00f6bbel Fine Dining zur \u00dcberzeugungstat: regional, saisonal, pflanzlich. Das Lokal ist ein flaschengr\u00fcn gestrichener Gastraum in Linden, dem eher alternativen und multikulturellen Stadtteil Hannovers. An vier Tagen in der Woche gibt es hausgebackenes Brot mit herzhafter Sonnenblumenkerncreme. Gegrillte Maronenbratlinge werden mit Pilzjus glasiert.<\/p>\n<p>Die Region hat R\u00f6bbel l\u00e4ngst von seiner Gem\u00fcsek\u00fcche \u00fcberzeugt, gerne w\u00fcrde er nun auch in Restaurantf\u00fchrern deutlicher in Erscheinung treten. Mit jedem Jahr kommt er diesem Ziel etwas n\u00e4her. Damit steht er exemplarisch f\u00fcr die kulinarische Aufbruchsstimmung in der Stadt \u2013 f\u00fcr die das Tourismus-Marketing seit einigen Monaten auch mit einem neuen Slogan wirbt: \u201eUnboxing Hannover\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kulinarisch ist die nieders\u00e4chsische Landeshauptstadt l\u00e4ngst nicht so blass wie ihr Ruf. 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