{"id":1066151,"date":"2026-06-03T06:08:17","date_gmt":"2026-06-03T06:08:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1066151\/"},"modified":"2026-06-03T06:08:17","modified_gmt":"2026-06-03T06:08:17","slug":"wildtiere-in-stuttgart-die-fische-verschwinden-immer-mehr-aus-dem-stuttgarter-neckar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1066151\/","title":{"rendered":"Wildtiere in Stuttgart: Die Fische verschwinden immer mehr aus dem Stuttgarter Neckar"},"content":{"rendered":"<p>Nur noch ein Viertel der heimischen Arten gilt als ungef\u00e4hrdet. Hans-Hermann Schock vom W\u00fcrttembergischen Anglerverein pl\u00e4diert f\u00fcr radikale Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p> F\u00fcr seine manchmal drastische Wortwahl ist der Vorsitzende des <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.naturschutz-in-stuttgart-wo-wurden-im-stuttgarter-hafen-zwei-biber-gesichtet.aaa1d8e6-2d4c-4aa6-ae14-8a0f72b6e9e1.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">W\u00fcrttembergischen Anglervereins<\/a>, Hans-Hermann Schock, bekannt. Aber seine gro\u00dfe Erfahrung ist unbestritten \u2013 seit 51 Jahren ist er Mitglied und seit 28 Jahren leitet er diesen Verein, der den gesamten Stuttgarter <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Neckar\" title=\"Neckar\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Neckar<\/a> unter seiner Obhut hat. Und Schock sagt: \u201eWenn die Fische schreien k\u00f6nnten, w\u00fcrde sich vielleicht etwas \u00e4ndern.\u201c So aber interessiere sich kaum jemand f\u00fcr das Leid der Fische, dabei ereigne sich auch im Stuttgarter Neckar ein schleichendes Artensterben.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigen Studien und Z\u00e4hlungen des renommierten Tettnanger Fischbiologen Ralf Haberbosch, der etwa das Zugwiesen-Biotop am Neckar im Kreis <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Ludwigsburg\" title=\"Ludwigsburg\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ludwigsburg<\/a> wissenschaftlich begleitet hat. Er kam schon vor mehr als einem Jahrzehnt zu dem Res\u00fcmee, dass zwischen 1990 und 2010 rund 70 Prozent weniger Fische geangelt worden seien. <\/p>\n<p>\u201eSeither ist die Situation eher noch schlechter geworden\u201c, sagt er im Gespr\u00e4ch. Bei Haberboschs Befischungen hat sich herausgestellt, dass im Mittleren Neckar von 38 m\u00f6glichen Arten zwar 27 nachgewiesen werden konnten, aber nur bei 14 sei der Fortbestand der Art sichergestellt. Und nur vier Arten \u2013 D\u00f6bel, Gr\u00fcndling, Schmerle und Ukelei \u2013 k\u00e4men fl\u00e4chendeckend vor.<\/p>\n<p>Der Neckar ist ein hochgradig degradierter Fluss <\/p>\n<p>Nach der sehr neuen <a href=\"https:\/\/www.lubw.baden-wuerttemberg.de\/natur-und-landschaft\/rote-listen\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Roten Liste f\u00fcr Fische<\/a> sieht es im Neckar sogar etwas schlechter aus als im Landesdurchschnitt. Insgesamt gelten in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Baden-W%C3%BCrttemberg\" title=\"Baden-W\u00fcrttemberg\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Baden-W\u00fcrttemberg<\/a> nur 15 von 54 Arten noch als ungef\u00e4hrdet. Im Neckar stehen zudem Flussbarsch, Hasel und Hecht, die anderswo noch zu diesen 15 h\u00e4ufigen Arten geh\u00f6ren, bereits auf der Vorwarnliste.<\/p>\n<p>Diese dramatische Entwicklung hat viele Ursachen \u2013 entsprechend schwierig ist es, sie zu bek\u00e4mpfen. Der Neckar rund um <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> ist mit seinen vielen Staustufen, Wasserkraftwerken und Uferbefestigungen fast zu einem Kanal geworden, oder, wie Schock es formuliert: \u201eAus einem Flie\u00dfgew\u00e4sser wurde eine Seenplatte.\u201c Es fehlen deshalb Kiesfl\u00e4chen und Wasserpflanzen als Laichpl\u00e4tze; die Fische k\u00f6nnen nur schwer wandern, und str\u00f6mungsliebende Arten haben im Neckar kaum noch eine Chance. Auch Haberbosch sieht dies als den schwerwiegendsten Mangel an.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/media.media.0fb112e4-4580-4092-a5f6-2168c9b74bea.original1024.media.jpeg\"\/>     Hans-Hermann Schock ist seit 28 Jahren der Vorstand des W\u00fcrttembergischen Anglervereins und seit 51 Jahren Mitglied dort &#8211; er kennt die Fischwelt im Neckar fast wie kein Zweiter.    Foto: Faltin    <\/p>\n<p>Daneben ist die Verschmutzung des Wassers durch Pestizide, F\u00e4kalien oder <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.umweltschutz-in-baden-wuerttemberg-in-unseren-fluessen-schwimmen-dutzende-von-spurenstoffen.f3daef9b-0292-499b-9008-74c8bf32a321.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Spurenstoffe<\/a> weiter ein gro\u00dfes Problem, auch wenn die krassen Belastungen mit vielen Fischsterben der 1960er bis 1980er Jahre zum Gl\u00fcck der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Da hat der Ausbau der Kl\u00e4ranlagen viel bewirkt. Weiter verdr\u00e4ngen invasive Arten wie die Schwarzmundgrundel immer st\u00e4rker heimische Fische. Es wird gesch\u00e4tzt, dass heute weit mehr als die H\u00e4lfte aller Individuen im Neckar gebietsfremd sind. Hans-Hermann Schock ist der Ansicht, dass der Bau des Main-Donau-Kanals bis 1992 ein S\u00fcndenfall war \u2013 dadurch seien die zwei bis dato getrennten Flusssystem Rhein und Donau verbunden worden, so dass sich Arten in beide Richtungen ausbreiten konnten.<\/p>\n<p>Relativ eindeutig tr\u00e4gt auch die wachsende Population des Kormorans und des Fischreihers zum R\u00fcckgang der Fischmengen bei. Rolf Haberbosch hat herausgefunden, dass kaum noch Fische mittlerer Gr\u00f6\u00dfe zu finden sind: \u201eEine derart gest\u00f6rte Altersstruktur ist ein deutlicher Hinweis auf einen starken Fra\u00dfdruck durch Kormorane.\u201c Im Winter w\u00fcrden die mindestens 10.000 V\u00f6gel t\u00e4glich rund f\u00fcnf Tonnen <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Fisch\" title=\"Fisch\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fisch<\/a> vertilgen: \u201eDas geht an die Substanz.\u201c<\/p>\n<p> An den Wasserkraftwerken sterben sehr viele Fische <\/p>\n<p>Ein weiteres Problem sind Wasserkraftwerke und auch die K\u00fchlwasserentnahmen anderer Kraftwerke. Frank Hartmann vom Regierungspr\u00e4sidium Karlsruhe ist Experte in diesem Bereich und muss leider best\u00e4tigen, dass dort j\u00e4hrlich Abertausende Fische umkommen. Sehr viele werden entweder vom Sog des Wassers an den Eingangsrost gedr\u00fcckt und sterben dort vor Ersch\u00f6pfung, oder sie werden in den Turbinen zerquetscht. <\/p>\n<p>Am schiffbaren Teil des Neckars mit seinen 26 mittelgro\u00dfen Wasserkraftwerken sei es schwierig, eine fischfreundliche Technik zu verbauen, die funktioniere und trotzdem wirtschaftlich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sei, so Hartmann. Aber die Betreiber seien offen, alle wollten vorankommen. Bei einem Projekt am ehemaligen Kernkraftwerk Philippsburg hat Hartmann vor gut zehn Jahren an der Stelle, wo das K\u00fchlwasser entnommen wurde, 6,6 Millionen Fische in vier Jahren erfasst &#8211; der Gro\u00dfteil davon sei umgekommen.<\/p>\n<p>Und nicht zuletzt macht sich f\u00fcr die Fische der Klimawandel bemerkbar. In Hitzephasen steigen die Wassertemperaturen. Seen kippen um wie 2019 der Max-Eyth-See, und manche Fl\u00fcsse wie die Dreisam bei Freiburg trocknen ganz aus.<\/p>\n<p>Gerade am Neckar sei es sehr schwierig, Verbesserungen zu erzielen, betont auch Felix Hertenberger, der Referent f\u00fcr Fischerei am Regierungspr\u00e4sidium Stuttgart, da es sich eben um eine Schifffahrtsstra\u00dfe handle. Beispielsweise k\u00f6nne man nicht einfach ein Uferst\u00fcck renaturieren, da die Flussr\u00e4nder gesichert bleiben m\u00fcssten. An kleinen Stellen etwa in M\u00fchlhausen habe man es geschafft, Jungfischlebensr\u00e4ume zu schaffen. F\u00fcr Aldingen und Oberesslingen gebe es zumindest Vorplanungen, an den Schleusen eine Umgehung f\u00fcr die Fische zu bauen.<\/p>\n<p> Pl\u00e4doyer f\u00fcr radikale Ma\u00dfnahmen <\/p>\n<p>Die EU-Wasserrahmenrichtlinie schreibt zwar vor, dass bis 2027 alle Fl\u00fcsse in einen guten \u00f6kologischen Zustand zu versetzen seien. Aber am Neckar gelten wegen der Schifffahrt niedrigere Ziele. \u201eUnd selbst von denen sind wir noch weit entfernt\u201c, sagt Hertenberger. Der Bund peile derzeit eher das Jahr 2055 bis zur Erf\u00fcllung an.<\/p>\n<p>Ralf Haberbosch sieht es \u00e4hnlich. Das Projekt Zugwiesen sollte ein Pilotunternehmen sein mit dem Ziel, alle Staustufen mit einer Umgehung auszustatten. \u201eSeither hat sich aber nicht sehr viel getan\u201c, was auch an den fehlenden Fl\u00e4chen liege. Haberbosch pl\u00e4diert daf\u00fcr, zumindest die Altarme des Neckars deutlich aufzuwerten.<\/p>\n<p>Hans-Hermann Schock w\u00fcrde noch viel weiter gehen und pl\u00e4diert f\u00fcr radikale Ma\u00dfnahmen. Man m\u00fcsste alle Wasserkraftwerke schlie\u00dfen und die Wehre \u00f6ffnen, meint er, dann k\u00f6nnten die Fische frei wandern, und die Turbinen w\u00e4ren keine Gefahr mehr. Der gewonnene Strom aus den kleineren Wasserkraftwerken sei sowieso vernachl\u00e4ssigenswert. Daneben h\u00e4lt er auch die Schifffahrt auf dem Neckar f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig. Allerdings: dass es in absehbarer Zeit so weit kommen wird, ist quasi ausgeschlossen. Es sei denn, die Fische fingen doch noch an zu schreien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nur noch ein Viertel der heimischen Arten gilt als ungef\u00e4hrdet. 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