{"id":1067927,"date":"2026-06-03T23:00:18","date_gmt":"2026-06-03T23:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1067927\/"},"modified":"2026-06-03T23:00:18","modified_gmt":"2026-06-03T23:00:18","slug":"muenchen-was-eine-adhs-diagnose-in-der-zweiten-lebenshaelfte-bedeutet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1067927\/","title":{"rendered":"M\u00fcnchen | Was eine ADHS-Diagnose in der zweiten Lebensh\u00e4lfte bedeutet"},"content":{"rendered":"<p>M\u00fcnchen (dpa\/tmn) &#8211; Jahrelang vergesslich, sprunghaft, schnell \u00fcberfordert \u2013 und immer das Gef\u00fchl, sich doppelt so sehr anstrengen zu m\u00fcssen wie alle anderen. Viele Menschen f\u00fchren das auf ihren Charakter zur\u00fcck. Manche auf den Stress. Dass dahinter eine neurologische Besonderheit stecken k\u00f6nnte, die einen das ganze Leben begleitet hat, kommt ihnen unter Umst\u00e4nden gar nicht in den Sinn. Ebenso wenig ihrem Umfeld. Und ihren \u00c4rztinnen oder \u00c4rzten oft auch nicht.<\/p>\n<p>ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rung) bringen viele noch immer haupts\u00e4chlich mit Kindern in Verbindung. Dabei sind nach Sch\u00e4tzungen von Fachleuten mindestens zwei Millionen Erwachsene in Deutschland betroffen. Gerade f\u00fcr Menschen ab 40 ist die Diagnose oft noch besonders schwierig. Welche Gr\u00fcnde das hat, wie man ADHS in der zweiten Lebensh\u00e4lfte erkennt und wie eine Diagnose das Leben ver\u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>Wie zeigt sich ADHS bei Erwachsenen?<\/p>\n<p>ADHS h\u00e4ngt mit einem gest\u00f6rten Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn zusammen, in der Regel von der Kindheit an. Das bedeutet: Man kann es nicht pl\u00f6tzlich bekommen, auch nicht als Erwachsener.<\/p>\n<p>Bei Erwachsenen zeigt sich eine ADHS allerdings h\u00e4ufig subtiler als bei betroffenen Kindern und Jugendlichen, hei\u00dft es auf dem Portal \u00abgesundheitsinformation.de\u00bb. Erwachsene mit ADHS haben oft Probleme, ihren Alltag oder ihre Arbeit zu organisieren, Termine einzuhalten und sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit auf Aufgaben zu konzentrieren &#8211; au\u00dfer bei Dingen, die sie wirklich interessieren.<\/p>\n<p>\u00abDas Schwierigste bei ADHS ist diese Prokrastination\u00bb, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz, Fach\u00e4rztin f\u00fcr Psychotherapie und Psychosomatik: \u00abIch wei\u00df, was ich tun soll, aber ich kann den ersten Schritt nicht machen. Ich kann nicht anfangen.\u00bb Auch Vergesslichkeit, innere Unruhe und Gedankenspringen k\u00f6nnen typisch sein.<\/p>\n<p>Dazu komme \u00abeine enorme emotionale Auslenkbarkeit\u00bb, so die Fach\u00e4rztin, ADHS-Expertin und Buchautorin (\u00abAD(H)S in der zweiten Lebensh\u00e4lfte\u00bb): \u00abIch bin schnell gekr\u00e4nkt, reagiere heftig, f\u00fchle mich rasch angegriffen.\u00bb<\/p>\n<p>Wo Belastungen im Alltag \u00fcber l\u00e4ngere Zeit das Leben beeintr\u00e4chtigen, ist eine fach\u00e4rztliche Abkl\u00e4rung ratsam. Eine Diagnose erfordert eine ausf\u00fchrliche Anamnese und Beurteilung anhand von Leitlinien durch Fachleute &#8211; etwa Fach\u00e4rzte f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, \u00e4rztliche Psychotherapeuten oder psychologische Psychotherapeuten.<\/p>\n<p>Warum wird ADHS im Erwachsenenalter immer noch selten diagnostiziert?<\/p>\n<p>Lange hatte man beim Thema ADHS nur Kinder im Blick, so Neuy-Lobkowicz. Dieser Effekt sei bis heute zu sp\u00fcren, es gebe eine gro\u00dfe Diagnose- und Versorgungsl\u00fccke. Zwar zeigte zuletzt eine <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/inzidenz-von-adhs-spektrum-stoerungen-bei-erwachsenen-22c4cb5b-38c9-4d19-baa1-70bbc8c595b3\" target=\"_blank\" class=\"externalLink\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Studie<\/a> des Zentralinstituts f\u00fcr die kassen\u00e4rztliche Versorgung, dass mittlerweile deutlich mehr Erwachsene in Deutschland eine Erstdiagnose f\u00fcr ADHS erhalten als noch vor zehn Jahren. Dennoch gehen Fachleute von einer hohen Dunkelziffer aus.<\/p>\n<p>Zu den H\u00fcrden f\u00fcr eine korrekte Diagnose im Erwachsenenalter geh\u00f6rt unter anderem, dass viele Betroffene seelische Begleiterkrankungen haben &#8211; und in manchen F\u00e4llen nur die behandelt werden, ohne dass die Ursache etwa f\u00fcr Depressionen oder Angstst\u00f6rungen ins Auge gefasst wird.<\/p>\n<p>Es kann auch vorkommen, dass das Symptombild mit zunehmendem Alter mit anderen Erkrankungen verwechselt wird &#8211; von Betroffenen wie von Behandlern. Wenn Menschen mit Anfang 50 vergesslicher werden, sich nicht konzentrieren k\u00f6nnen und sich ausgebrannt f\u00fchlen, denkt man vielleicht an eine beginnende Demenz. \u00abAber viele von ihnen haben eine ADHS, die man gut behandeln kann\u00bb, sagt Neuy-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Zur mangelnden Diagnostik tr\u00e4gt nicht zuletzt bei, dass manche Menschen mit ADHS ihre Symptome lange kaschieren k\u00f6nnen. Gerade betroffene Frauen passen sich oft stark an, bisweilen bis zum Burnout, und bekommen h\u00e4ufig erst sp\u00e4t eine Diagnose.\u00a0<\/p>\n<p>Wie bemerkt man mit \u00fcber 40, dass man sein Leben lang von ADHS betroffen war?<\/p>\n<p>\u00abDas ist schwierig, weil ADHS keine erworbene St\u00f6rung ist \u2013 man kommt damit zur Welt und hat keinen Vergleich, weil man sich ja nie anders erlebt hat\u00bb, r\u00e4umt Astrid Neuy-Lobkowicz ein.<\/p>\n<p>Sie empfiehlt, sich gezielt bestimmte Fragen zu stellen:\u00a0<\/p>\n<ul class=\"list-normal\">\n<li>Haben Sie schon immer Probleme mit der Konzentration gehabt \u2013 au\u00dfer wenn etwas Sie wirklich interessiert?\u00a0<\/li>\n<li>Haben Sie Probleme, Ordnung zu halten, sich zu organisieren?\u00a0<\/li>\n<li>F\u00fchlen Sie sich schnell gekr\u00e4nkt und verletzt?\u00a0<\/li>\n<li>Haben Sie rasche Stimmungsschwankungen?\u00a0<\/li>\n<li>Machen Sie alles auf den letzten Dr\u00fccker?\u00a0<\/li>\n<li>Und war das schon immer so?<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00abWenn das Gef\u00fchl entsteht, dass das zutrifft: erst lesen \u2013 aber bitte nicht nur im Internet, wo 50 Prozent der Inhalte \u00fcber ADHS falsch sind\u00bb, r\u00e4t die Fach\u00e4rztin. Stattdessen empfiehlt sie B\u00fccher oder andere gepr\u00fcfte Quellen, etwa Internetauftritte von Fachgruppen wie das Portal adhs.info vom Zentralen ADHS-Netz. Auch viele Krankenkassen bieten Informationen zu ADHS im Erwachsenenalter an.<\/p>\n<p>Wie erhalte ich eine Diagnose?<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Schritt f\u00fchrt zum Facharzt f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie. Hier lohnt es sich, gezielt nach Erfahrung mit ADHS bei Erwachsenen zu fragen \u2013 nicht alle Praxen bieten das an. Bei Menschen \u00fcber 50 empfiehlt Neuy-Lobkowicz zus\u00e4tzlich eine internistische Abkl\u00e4rung, bevor etwa mit einer Medikation begonnen wird.<\/p>\n<p>Einen passenden Facharzt oder eine passende Fach\u00e4rztin f\u00fcr die Diagnostik zu finden, bleibt schwierig. \u00abViele Psychiater trauen sich nicht an \u00e4ltere Patientinnen und Patienten heran\u00bb, so Neuy-Lobkowicz. Man m\u00fcsse nachfragen und hartn\u00e4ckig bleiben. \u00abDas Interessante ist: Wenn ADHS-Betroffene sich wirklich f\u00fcr etwas interessieren, k\u00f6nnen sie auch Berge versetzen. Das erlebe ich immer wieder.\u00bb Im n\u00e4chsten Schritt k\u00f6nne man Selbsthilfegruppen aufsuchen, zum Beispiel \u00fcber die Plattform \u00abadhs-deutschland.de\u00bb.<\/p>\n<p>Dem \u00ab<a href=\"https:\/\/www.adhs.info\/fuer-erwachsene\/diagnostik-erwachsenenalter\/\" target=\"_blank\" class=\"externalLink\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Infoportal ADHS<\/a>\u00bb zufolge werden f\u00fcr die Diagnose in der sogenannten Exploration zum Beispiel aktuelle Probleme, Belastungen und einzelne Symptome genau erfragt und die Lebensgeschichte sowie die Entwicklung der Probleme bis zur Gegenwart erhoben.<\/p>\n<p>Unter Umst\u00e4nden werden auch Partner, Eltern oder andere Bekannte, die die Person lange kennen, einbezogen. Sie k\u00f6nnen berichten, wann ihnen etwas am Verhalten der Person aufgefallen ist. Daneben kommen Frageb\u00f6gen, Verhaltensbeobachtungen oder k\u00f6rperliche Untersuchungen zum Einsatz. Die Abkl\u00e4rung einer ADHS dauert \u00fcblicherweise mehrere Sitzungen.<\/p>\n<p>Was kann sich nach der Diagnose ver\u00e4ndern?<\/p>\n<p>Eine sp\u00e4te Diagnose \u00e4ndert zun\u00e4chst nichts an der Vergangenheit. Aber sie ver\u00e4ndert, wie man auf sie blickt. \u00abViele Patienten sind allein schon mit dem Wissen unglaublich entlastet\u00bb, sagt Neuy-Lobkowicz.\u00a0<\/p>\n<p>Nicht jeder Mensch mit ADHS-Diagnose braucht zwingend eine Therapie. Wo der Leidensdruck gro\u00df ist, kann eine individuell abgestimmte Kombination aus Psychoedukation, kognitiver Verhaltenstherapie und medikament\u00f6ser Unterst\u00fctzung erfolgreich sein, so Petra Beschoner, Fach\u00e4rztin f\u00fcr Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Medikamente helfen vielen Patientinnen und Patienten dabei, ihre Konzentration und Impulskontrolle zu verbessern.<\/p>\n<p>\u00abWenn die Diagnose stimmt und die Medikation passt, k\u00f6nnen wir Menschen auch mit 60 oder 70 noch einmal neu auf die Beine stellen\u00bb, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz. \u00abIch sehe immer wieder, dass auch bei tiefer Ersch\u00f6pfung und zunehmender Vergesslichkeit die Medikamente eine beeindruckende Wirkung haben. So mancher Patient steht dann wieder wie Ph\u00f6nix aus der Asche auf und findet wieder eine neue Lebensqualit\u00e4t und Lebensmut.\u00bb<\/p>\n<p>Auch im famili\u00e4ren Umfeld kann sich etwas l\u00f6sen. ADHS ist genetisch veranlagt \u2013 oft sind Kinder oder Enkelkinder ebenfalls betroffen. Hier kann neues Verst\u00e4ndnis und Raum f\u00fcr Austausch entstehen. Und manche Konflikte, die sich \u00fcber Jahre aufgestaut haben, bekommen auf einmal eine Erkl\u00e4rung. Angeh\u00f6rige, die sich nie ernst genommen f\u00fchlten, weil Dinge vergessen oder \u00fcberh\u00f6rt wurden, verstehen pl\u00f6tzlich, warum das so war. Und Betroffene k\u00f6nnen \u00abjetzt lernen, anderen eine Art Gebrauchsanweisung zu geben\u00bb, so Neuy-Lobkowicz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"M\u00fcnchen (dpa\/tmn) &#8211; Jahrelang vergesslich, sprunghaft, schnell \u00fcberfordert \u2013 und immer das Gef\u00fchl, sich doppelt so sehr anstrengen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1067928,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1827],"tags":[16181,16182,772,2632,29,9092,30,141,638,1268,13353,52611],"class_list":["post-1067927","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-muenchen","tag-adhs","tag-ads","tag-bayern","tag-brcmj","tag-deutschland","tag-diagnose","tag-germany","tag-gesundheit","tag-krankheiten","tag-muenchen","tag-psychologie","tag-tmn0355"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116688665129039210","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1067927","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1067927"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1067927\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1067928"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1067927"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1067927"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1067927"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}