{"id":1070445,"date":"2026-06-04T23:30:40","date_gmt":"2026-06-04T23:30:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1070445\/"},"modified":"2026-06-04T23:30:40","modified_gmt":"2026-06-04T23:30:40","slug":"portraetfotograf-martin-schoeller-von-angesicht-zu-angesicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1070445\/","title":{"rendered":"Portr\u00e4tfotograf Martin Schoeller: Von Angesicht zu Angesicht"},"content":{"rendered":"<p>Ob Hollywood-Stars oder Holocaust-\u00dcberlebende: Martin Schoeller fotografiert nach einer strengen Methode und versucht, Portr\u00e4ts ohne Pose zu schaffen. Dabei verfolgt er einen humanistischen Anspruch.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Wie kondensiert man das komplexe, ephemere Wesen eines Menschen in einem einzigen Bild? Portr\u00e4tfotografen versuchen das seit der Erfindung der Fotografie, die immer schon das suggestive Versprechen artikulierte, besonders authentisch zu sein. Schlie\u00dflich musste hier kein Maler mehr gegen intellektuelle Verz\u00f6gerungen und handwerkliche Grenzen anarbeiten; nun zeichnete das Licht selbst die harte Realit\u00e4t auf die Fotoplatte. Ein Irrglaube, wie sich schnell herausstellte.<\/p>\n<p>Authentizit\u00e4t im Bild herzustellen, ist, 200 Jahre und unz\u00e4hlige technische Revolutionen sp\u00e4ter, immer noch das hehre Ziel von Portr\u00e4tfotografen. Martin Schoeller ist einer der weltweit bekanntesten und begehrtesten. Sein Archiv wirkt fast wie ein Querschnitt durch die globale Gesichtsprominenz der Gegenwart. Seine Methode versucht dabei, gleiche Voraussetzungen zu schaffen, ob da nun Clint Eastwood seinen von zehn Lebensjahrzehnten gegerbten Charakterkopf vor Schoellers Kameraobjektiv h\u00e4lt oder Anne Hathaway ihr anscheinend nicht alterndes, nur immer straffer werdendes Gesicht. In einem Interview beschrieb Schoeller, wie er die Augenh\u00f6he seiner Fotomodelle misst und die Kamera entsprechend ausrichtet. Er fotografiert frontal, bei kontrollierten Lichtverh\u00e4ltnissen, und er geht ganz nah ran.<\/p>\n<p>Schoellers Methode ist das extreme Close-up: Die Gesichter seiner Studiog\u00e4ste f\u00fcllen sp\u00e4ter fast das ganze Bild. Der Raum, die Kleidung, besondere Statussymbole und erz\u00e4hlerischer Kontext verschwinden weitgehend \u2013 das Gesicht wird zum Angesicht.<\/p>\n<p>Ambivalenz zwischen Wirklichkeit und Abbild<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/martinschoeller.com\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/martinschoeller.com&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Martin Schoeller<\/a> beschreibt, dass er den Moment sucht, in dem das Gesicht noch nicht wieder eine einge\u00fcbte Pose angenommen hat. Er will hinter die einge\u00fcbte Gesichtsdarstellung kommen. Besonders bei Filmschauspielern ist das eine Herausforderung. Aber mittlerweile \u00fcben schon Siebenj\u00e4hrige ihr Fotogesicht. Authentizit\u00e4t ist im Bild eben kaum zu erreichen. So bleibt der Fotograf gl\u00fccklicherweise skeptisch gegen\u00fcber der Idee einer absoluten fotografischen Wahrheit. Denn jede mimische Regung bleibt eben auch ein St\u00fcck Inszenierung. <\/p>\n<p>Schoellers Bilder leben gerade von dieser Ambivalenz zwischen Wirklichkeit und Abbild, im Verh\u00e4ltnis von Portr\u00e4tierten und Portr\u00e4tisten und umgekehrt. Schoeller hat einmal gesagt, er verwickle seine Modelle in Gespr\u00e4che, um eine Atmosph\u00e4re zu schaffen, in der das Portr\u00e4t erst gelingen kann. Hinter der typologischen \u201eGleichheit\u201c in der Form verbirgt sich also keineswegs die Gleichbehandlung in der Portr\u00e4tsituation. Als Betrachter wissen wir freilich nicht, wie es wirklich gelaufen ist mit Adele im Studio oder mit Harry Belafonte.<\/p>\n<p>Die noch jugendlich wirkende britische S\u00e4ngerin schaut ein bisschen m\u00fcde in die Linse, hat aber noch die Kraft, eine Augenbraue leicht zu z\u00fccken. Der greise amerikanische S\u00e4nger blickt w\u00fcrdevoll und sehr bestimmt, so als wolle er durch die Kamera, durch den Fotografen direkt in die Augen des Betrachters starren. Schoeller hat eine beeindruckende Serie geschaffen: So ziemlich jeder, der in Politik, Kultur und Showgesch\u00e4ft Rang und Namen hat, hat sich in die Aufnahmesituation mit Schoeller gewagt, um mit einem Close-up belohnt zu werden. Die K\u00fcnstlerin Marina Abramovi\u0107, die die Gegen\u00fcberstellung bis zum performativen Exzess getrieben hat, ist \u00fcbrigens auch dabei.<\/p>\n<p>Die Methode auch auf Delinquenten in der Todeszelle auszuweiten und \u00dcberlebende der Schoah ebenfalls zum Close-up zu bitten \u2013 dazu geh\u00f6rt wohl mehr Verantwortung, als Schauspieler, Musikerinnen und Regierungschefs abzulichten. Noch mehr Selbstvertrauen, um das erforderliche Vertrauensverh\u00e4ltnis aufzubauen. In Zusammenarbeit mit der Internationalen Holocaust-Gedenkst\u00e4tte Yad Vashem und auf Anregung von Kai Diekmann als Vorsitzendem von deren deutschem Freundeskreis entstand die 2020 vorgestellte Serie \u201eSurvivors: Faces of Life after the Holocaust\u201c mit 75 Portr\u00e4ts. <\/p>\n<p>\u201eEs war zweifellos die emotional anspruchsvollste und bereicherndste Erfahrung meiner Karriere\u201c, erkl\u00e4rt Schoeller das Projekt, zu dem auch Interviews und Filmdokumente geh\u00f6ren. \u201eDiese Geschichten von unglaublicher Ausdauer zu h\u00f6ren und die Art und Weise, wie diese \u00dcberlebenden f\u00fcr Toleranz und Verst\u00e4ndnis eintreten, bedeutet, die menschliche G\u00fcte erneut best\u00e4tigt zu sp\u00fcren.\u201c Mit seinen Bildern hoffe er, diese Lektionen weitergeben zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Unter den Portr\u00e4tierten ist etwa Yona Amit, die 1938 in eine italienisch-j\u00fcdische Familie in Fiume, heute Rijeka, Kroatien, geboren wurde und nach der Flucht vor den Nationalsozialisten zun\u00e4chst von einer Familie versteckt und sp\u00e4ter unter falscher Identit\u00e4t in einem Kloster untergebracht wurde, ehe ihr die Flucht in die Schweiz gelang. Auch der Antwerpener Jude Maurice Gluck wurde als Kind versteckt. In der Obhut einer christlichen Familie in Br\u00fcssel \u00fcberlebte er den Naziterror. Schreiben sich ihre Lebensgeschichten und Schicksale in die Gesichter ein? Die Bilder beantworten die Frage nicht, aber sie bewahren visuell eindringlich die Aufforderung, sich ihrer zu erinnern. Die Portr\u00e4treihe wird zum Dokument der Zeugenschaft.<\/p>\n<p>Obwohl die Methode technisch, fast wissenschaftlich anmutet, sind Schoellers extreme Nahaufnahmen mehr als ein pers\u00f6nlicher Stil oder ein fotografisches Alleinstellungsmerkmal. Sie sind ein humanistisches Verfahren: die Suche nach dem Menschen hinter seinem Antlitz, nach Menschlichkeit hinter der Selbstdarstellung.<\/p>\n<p>Martin Schoeller wurde 1968 in M\u00fcnchen geboren und absolvierte eine Ausbildung zum Fotodesigner am Berliner Lette-Verein. Die typologische Tradition in der deutschen Fotografie pr\u00e4gte ihn \u2013 ob August Sanders gesellschaftlich angelegte Portr\u00e4ts oder Bernd und Hilla Bechers serielle Aufnahmen von Industriebauten. 1993 ging Schoeller in die USA und arbeitete als Assistent der Starfotografin Annie Leibovitz. Sein Durchbruch als selbstst\u00e4ndiger Fotograf kam 1998 mit einem Portr\u00e4t der Schauspielerin Vanessa Redgrave f\u00fcr \u201eTime Out New York\u201c. Bald arbeitete Schoeller f\u00fcr Zeitschriften wie \u201eRolling Stone\u201c, \u201eNational Geographic\u201c, \u201eTime\u201c und \u201eThe New York Times Magazine\u201c sowie regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr den \u201eNew Yorker\u201c, der zuvor von Richard Avedons Portr\u00e4tfotografie gepr\u00e4gt worden war. <\/p>\n<p><b>Martin Schoeller ist nominiert f\u00fcr THE POWER LIST \u2013 Germany\u2019s Top 50. POLITICO, WELT und BUSINESS INSIDER zeichnen im Rahmen der POWER LIST 2026 Pers\u00f6nlichkeiten aus, die Deutschland bewegen und an die Weltspitze bringen. Die POWER LIST steht f\u00fcr Relevanz und Zukunft. Die finale Liste wird am 3. Juni ver\u00f6ffentlicht. Alle Beitr\u00e4ge finden Sie schon vorab hier: <\/b><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/the-power-list\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/the-power-list\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b>welt.de\/the-power-list<\/b><\/a><b>.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ob Hollywood-Stars oder Holocaust-\u00dcberlebende: Martin Schoeller fotografiert nach einer strengen Methode und versucht, Portr\u00e4ts ohne Pose zu schaffen.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1070446,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,1885,30,1794,20926,51803,150210,45,215],"class_list":["post-1070445","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-kunst-und-design","tag-art-and-design","tag-deutschland","tag-entertainment","tag-fotografie","tag-germany","tag-kunst-und-design","tag-martin","tag-power-list","tag-schoeller","tag-texttospeech","tag-unterhaltung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116694445422858431","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1070445","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1070445"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1070445\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1070446"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1070445"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1070445"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1070445"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}