{"id":1070964,"date":"2026-06-05T04:46:15","date_gmt":"2026-06-05T04:46:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1070964\/"},"modified":"2026-06-05T04:46:15","modified_gmt":"2026-06-05T04:46:15","slug":"frueher-waren-auf-den-rock-festivals-alle-gleich-heute-spiegelt-sich-dort-die-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1070964\/","title":{"rendered":"Fr\u00fcher waren auf den Rock-Festivals alle gleich, heute spiegelt sich dort die Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Jedes Festival ist eine Insel. An diesem Wochenende etwa leben <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/bayern\/sommer-2026-open-air-festivals-die-schoensten-grossen-und-regionalen-highlights-in-bayern-114238301\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">rund 80.000 Menschen am N\u00fcrnberger Dutzendteich<\/a> und gut 90.000 am N\u00fcrburgring in der Eiffel auf ihrer jeweils eigenen. Denn beim gr\u00f6\u00dften deutschen Open-Air-Event, dem Zwilling aus \u201eRock im Park\u201c und \u201eRock am Ring\u201c, treten zwar die gleichen Bands auf, es gelten im Grunde auch die gleichen Regeln \u2013 aber die hier wie dort versammelte, von Restgesellschaft und Alltagsleben isolierte Masse gebiert sich eben doch ihren je eigenen Ausnahmezustand.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Wobei das nicht verwechselt werden sollte mit anarchischen Zust\u00e4nden, die noch in der Geburtszeit der Festivals zur Hippiezeit geherrscht haben. Ja, es gibt reichlich Szenen einer eigent\u00fcmlichen Freiheit mit wahnhaften Z\u00fcgen. Zeltpl\u00e4tze, auf denen praktisch jeder Zentimeter besetzt ist, und dann tr\u00e4gt irgendeiner irgendeine Sitzgelegenheit hoch erhoben mittendurch und voran, eine Pilgerpolonaise hinter ihm, rufend: \u201eFolgt dem Stuhl!\u201c Erwachsene Menschen, die bei Regen wie unbeaufsichtigte Kinder in Pf\u00fctzen h\u00fcpfen und dann den entstehenden Schlamm f\u00fcr Matschrutschen nutzen. Bei Bullenhitze wiederum sind manche gruppenweise in Ganzk\u00f6rperpl\u00fcschkost\u00fcmen unterwegs. Skulpturen aus leeren Bierdosen, die verteidigt werden gegen Pfandsammler (meist migrantischen). Erwachsene Menschen, die Windeln tragen, um sich fr\u00fchzeitig Pl\u00e4tze zum Auftritt der Lieblingsband in den ersten Reihen sichern und ohne Zwang zum Dixie-Klo dort ausharren zu k\u00f6nnen. Und irgendwann in der Nacht kommt irgendwoher immer ein pl\u00f6tzlicher Ruf nach einer \u201eHelga!\u201c, weil vor inzwischen Jahrzehnten ein Verirrter auf einem Festival wohl so verzweifelt wie unabl\u00e4ssig nach seiner Partnerin gesucht hat \u2026\n  <\/p>\n<p>            Rock am Park und Rock im Ringen m\u00f6gen anmuten wie Fasching<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Das mag samt Rauschquote zuweilen <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/panorama\/jacques-tilly-baut-karnevalswagen-und-geraet-wegen-putin-ins-visier-113456744\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">anmuten wie Fasching<\/a>, blo\u00df bei besserer Musik \u2013 und hat mit diesem ja tats\u00e4chlich gemein, dass f\u00fcr begrenzte Zeit \u00fcbliche gesellschaftliche Konventionen und auch die Disziplin der Alltagsexistenzen au\u00dfer Kraft gesetzt scheinen. Aber das einzig wirklich anarchische Element bei den Festivals ist inzwischen das Wetter, dem ausgesetzt zu sein noch alle eint \u2013 von Hitzewellen \u00fcber K\u00e4lteeinbr\u00fcche bis zu gef\u00e4hrlichen Gewitterfronten. Ansonsten n\u00e4mlich ist alles durch viele und vor allem sehr viel Pr\u00e4senz zeigende Sicherheitskr\u00e4fte reguliert, ist alles ein genau kalkuliertes und h\u00f6chst professionell organisiertes Milliardengesch\u00e4ft in der Entertainmentbranche.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Das macht es aber nur noch interessanter, was Zeit und Gesellschaft angeht, die sich darin spiegeln. Weil sich dadurch eben auch deren Wandel abzeichnet. Die gro\u00dfen Festivals n\u00e4mlich sind l\u00e4ngst zu einer sehr viel altersdurchmischteren Angelegenheit geworden, seit sp\u00e4testens in den Neunzigern Pop- und Rockmusik generationenpr\u00e4gend geworden sind und damit auch die heutigen Eltern und teils auch schon Gro\u00dfeltern noch immer als Fans zu den Open-Air-Events pilgern. Auch diese vormaligen Freir\u00e4ume der Jugend sind damit sinnbildlich unterwandert in einer Gesellschaft, die das (vor allem auch eigene) Altern am liebsten tilgen w\u00fcrde.\n  <\/p>\n<p>            Es gibt jedoch auch Unterschiede zwischen den \u00e4lteren und j\u00fcngeren Besuchern<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Aber den 50-plus-Besucher unterscheidet in aller Regel doch noch mindestens zweierlei von dem mit Anfang 20: Drei Tage durchzufeiern ist selbst im Ausnahmezustand mit gereiftem K\u00f6rper nicht mehr drin \u2013 daf\u00fcr kann man sich als viele Jahre Berufst\u00e4tiger jedoch etwas mehr leisten. Dieses ver\u00e4nderte und durchschnittlich zahlungskr\u00e4ftigere Publikum erm\u00f6glicht den Veranstaltern eine andere Preispolitik \u2013 die aber auch n\u00f6tig ist, bei all den Auflagen, die sie zu erf\u00fcllen, und den Kosten, die sie zu stemmen haben, vor allem auch im umk\u00e4mpften, weil begrenzten Markt an zugkr\u00e4ftigen Musikstars f\u00fcr die gro\u00dfen B\u00fchnen.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    So haben sich auf den Festivalinseln eben nach und nach Klassengesellschaften gebildet. Neben den klassisch improvisierten Lagern auf dem Zeltplatz gibt es Luxus-Camping-Angebote, gibt es Burgen aus Wohnmobilen, wo man sich die eigene Eismaschine f\u00fcr die Lieblingsdrinks und die eigenen Sanit\u00e4ranlagen zur Vermeidung der Massen-Dixie- und Dusch-Stationen g\u00f6nnt. Allein das  einfache Wochenend-Ticket <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/mindelheim\/ikarus-festival-memmingerberg-memmingen-ueberteuerter-wirbel-contra-1-114283906\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">f\u00fcr den Normal-Zeltplatz kostet bei \u201eRock im Park\u201c inzwischen 361 Euro<\/a>. F\u00fcr ein \u201eUpgrade\u201c mit reserviertem Parkplatz, Einlass \u00fcber den VIP-Eingang, Verkostung und auch leichterem Einlass in die vordersten Reihen an der Hauptb\u00fchne schlagen zudem 440 Euro zu Buche.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Noch aber str\u00f6men ja auch die Kids. Park und Ring sind f\u00fcr die diesj\u00e4hrige Ausgabe jedenfalls in Rekordzeit ausverkauft gewesen. Aus dem einst relativ homogenen Happening einer (sonst irgendwie nur im Jugendzimmer ertr\u00e4umten) Gegengesellschaft ist ein ziemlich heterogener Abenteuerkurzurlaub geworden. Aber wenn\u2019s doch Spa\u00df macht. Und solange es sich so viele leisten k\u00f6nnen. Nur so kann die Festivallandschaft wohl \u00fcberleben. So ist es auf den Inseln letztlich wie im Land, wie in der Wirklichkeit da drau\u00dfen.\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Jedes Festival ist eine Insel. 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