{"id":1073298,"date":"2026-06-06T03:16:20","date_gmt":"2026-06-06T03:16:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1073298\/"},"modified":"2026-06-06T03:16:20","modified_gmt":"2026-06-06T03:16:20","slug":"genetische-spurensuche-warum-europaeer-nicht-gern-insekten-essen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1073298\/","title":{"rendered":"Genetische Spurensuche: Warum Europ\u00e4er nicht gern Insekten essen"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/heuschrecke-essen-mund-100.webp\" alt=\"Nahaufnahme eines Mundes, der eine Heuschrecke verzehrt.\" title=\"Nahaufnahme eines Mundes, der eine Heuschrecke verzehrt. | IMAGO \/ imagebroker\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>AUDIO: Genetische Spurensuche: Warum Europ\u00e4er nicht gern Insekten essen (1 Min)<\/p>\n<p class=\"topline\">Evolution<\/p>\n<p>\n                Stand: 06.06.2026 05:00 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">Proteine aus der Insektenzucht sollen das Klima retten, sto\u00dfen aber in vielen &#8222;westlichen&#8220; L\u00e4ndern, vor allem in Europa auf heftigen Widerstand. Und das hat zum Teil uralte Gr\u00fcnde. Eine spanische Forschungsgruppe hat die Geschichte der Entomophagie mittels Genanalysen und uraltem Zahnstein entschl\u00fcsselt. Das Ergebnis: Schon vor 9.000 Jahren verloren die Menschen im Norden die F\u00e4higkeit, Insektenpanzer effizient zu verdauen. Anders allerdings war das bei den Neandertalern.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von MDR Wissen \/ RR<\/p>\n<p class=\"\">Die Weltern\u00e4hrungsorganisation (FAO) dr\u00e4ngt seit Jahren auf einen Wandel: Angesichts des rasanten Bev\u00f6lkerungswachstums und der grassierenden Klimakrise gelten Insekten als die perfekte, nachhaltige Proteinquelle der Zukunft. Sie verbrauchen kaum Platz, schonen die Wasserressourcen und verursachen nur einen Bruchteil der Treibhausgase herk\u00f6mmlicher Nutztiere. Doch w\u00e4hrend in vielen Teilen der Welt Hunderte Millionen Menschen ganz selbstverst\u00e4ndlich zu Heuschrecke und Wurm greifen, reagieren westliche Gesellschaften fast durchgehend mit tiefem Ekel. Ist diese Ablehnung blo\u00df eine neuzeitliche kulturelle Marotte, oder steckt mehr dahinter?<\/p>\n<p class=\"\">Eine Studie des Instituts f\u00fcr Evolutionsbiologie (IBE) in Barcelona liefert nun eine \u00fcberraschende Antwort. Die Forscher nutzten modernste genomische Analyseverfahren, um den Insektenverzehr \u2013 in der Fachwelt als Entomophagie bezeichnet \u2013 \u00fcber die vergangenen Jahrtausende hinweg zu rekonstruieren. Die Ergebnisse zeigen, dass der westliche Widerwille gegen die Krabbelkost tief in unserer biologischen Entwicklungsgeschichte verankert ist und bis in die Steinzeit zur\u00fcckreicht.<\/p>\n<p>    Versehentliche Snacks im Zahnstein<\/p>\n<p class=\"\">Die Wissenschaftler untersuchten f\u00fcr ihre Spurensuche insgesamt 745 bis zu 33.000 Jahre alte Proben vom Zahnstein anatomisch moderner Menschen. Zahnstein fungiert in der Arch\u00e4ologie wie ein perfekt versiegeltes biologisches Archiv. Weil sich darin winzige Spuren der DNA von regelm\u00e4\u00dfig verzehrten Arten \u00fcber Jahrtausende hinweg halten, l\u00e4sst sich der Speiseplan unserer Vorfahren ziemlich exakt rekonstruieren. Das Ergebnis war eindeutig: Im Gegensatz zu Menschenaffen wie Gorillas oder westlichen Schimpansen wies der Zahnstein der fr\u00fchen Europ\u00e4er und Nordasiaten kaum genetische Spuren von Insekten auf.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/berggorillas-124.webp\" alt=\"Berggorillababy sitzt auf seiner Mutter.\" title=\"Berggorillababy sitzt auf seiner Mutter. | IMAGO \/ imagebroker\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Max-Planck-Institut Leipzig<\/p>\n<p>Wie beim Menschen leben auch Gorilla-Weibchen nach ihrer letzten Geburt noch lange weiter. Als Grund nennen Forscher des Max-Planck-Instituts f\u00fcr evolution\u00e4re Anthropologie Leipzig die sogenannte Mutter-Hypothese.<\/p>\n<p class=\"\">Wenn die Forscher doch einmal Insekten-DNA entdeckten, stammte diese meist von winzigen Insekten, die feuchte Umgebungen oder Getreidelager bevorzugen. Das deutet stark darauf hin, dass Insekten im pr\u00e4historischen Europa niemals gezielt gesammelt wurden. Sie landeten h\u00f6chstens als blinde Passagiere im Magen \u2013 etwa durch verunreinigtes Trinkwasser oder Sch\u00e4dlinge in den Vorr\u00e4ten. &#8222;Das seltene Vorkommen von Insekten auf dem Speiseplan der n\u00f6rdlichen Eurasier deutet darauf hin, dass das Fehlen von Entomophagie nicht nur auf j\u00fcngere kulturelle Faktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, sondern auch auf eine lange \u00f6kologische und evolution\u00e4re Geschichte&#8220;, schlie\u00dft Studienleiter Pablo Librado aus den Untersuchungsergebnissen.<\/p>\n<p>    Die seltsamen Vorlieben der Neandertaler<\/p>\n<p class=\"\">Eine der gr\u00f6\u00dften \u00dcberraschungen erlebte die Forschungsgruppe jedoch, als sie den Blick auf eine andere Menschenart richtete: die Neandertaler. Obwohl sie denselben eiszeitlichen und oft kargen Lebensraum in Europa bewohnten wie die fr\u00fchen modernen Menschen, sah ihr Zahnstein v\u00f6llig anders aus. In den Proben der Neandertaler fand sich eine erstaunliche F\u00fclle an Insekten-DNA. Die Mengen waren vergleichbar mit denen von wildlebenden Schimpansen, die Insekten gezielt als n\u00e4hrstoffreiche Nahrungserg\u00e4nzung nutzen, um beispielsweise extreme D\u00fcrreperioden zu \u00fcberstehen.<\/p>\n<p class=\"\">Besonders faszinierend war die Art der Funde: Die DNA stammte \u00fcberwiegend von Dipteren \u2013 also aus der Ordnung der Fliegen und M\u00fccken. Das st\u00fctzt eine noch junge, spektakul\u00e4re anthropologische Theorie. Demnach ern\u00e4hrten sich Neandertaler regelm\u00e4\u00dfig von den Kadavern gro\u00dfer Tiere, die bereits stark von Fliegenmaden befallen waren. Da zudem auffallend viele Stechm\u00fccken-Spuren gefunden wurden, halten es die Forscher f\u00fcr wahrscheinlich, dass die Neandertaler ihre Beute absichtlich in Teichen oder Sumpfgebieten versenkten, um das Fleisch k\u00fchl zu lagern und haltbar zu machen \u2013 genau dort, wo M\u00fccken bevorzugt ihre Eier ablegen.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/neandertaler-zahnarzt-102.webp\" alt=\"KI-generierte Zeichnug zeigt eine Zahnbehandlung bei Neandertalern\" title=\"KI-generierte Zeichnug zeigt eine Zahnbehandlung bei Neandertalern | Nano banana 2\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Vor fast 60.000 Jahren<\/p>\n<p>Bereits vor fast 60.000 Jahren haben Neandertaler Zahn-Karies mit Steinbohrern behandelt. Das haben Anthropologen in Russland bei der Untersuchung eines Backenzahns aus der Tschagyrskaja-H\u00f6hle im Altai nachgewiesen.<\/p>\n<p>    Ein Gen-Gef\u00e4lle von S\u00fcd nach Nord<\/p>\n<p class=\"\">Doch warum bauten die modernen Menschen im Gegensatz zu den Neandertalern eine solche Distanz zu den Krabbeltieren auf? Die Antwort liegt tief im Magen der Menschen. Um Insekten effizient als Nahrung zu nutzen, muss der K\u00f6rper in der Lage sein, Chitin aufzuspalten. Chitin ist der extrem harte, widerstandsf\u00e4hige Stoff, aus dem die Au\u00dfenskelette von Insekten bestehen. Verantwortlich f\u00fcr diesen Abbau sind zwei bestimmte Magen-Enzyme: die saure Chitinase (CHIA) und die Chitobiase (CTBS). Die Forscher stellten fest, dass die Gene f\u00fcr diese Enzyme ein extremes geografisches Gef\u00e4lle aufweisen, das exakt den Breitengraden folgt.<\/p>\n<p class=\"\">Populationen, die in der N\u00e4he der Tropen leben, besitzen bis heute genetische Varianten, die zu einer sehr starken Produktion dieser Verdauungsenzyme f\u00fchren. Je weiter man sich jedoch nach Norden bewegt, desto mehr verblassen diese Genvarianten. Manuel Pi\u00f1ero, der Erstautor der Studie, erkl\u00e4rt den Hintergrund: &#8222;Gro\u00dfe Mengen an Insekten m\u00fcssen aufgenommen werden, um den hohen kalorischen Aufwand auszugleichen, der mit ihrem Sammeln verbunden ist. In den Tropen gibt es eine gr\u00f6\u00dfere Verf\u00fcgbarkeit von Insekten wie Termiten und Heuschrecken: Ihre Biomasse und Vielfalt erm\u00f6glichen eine nachhaltige Nutzung das ganze Jahr \u00fcber&#8220;. Im kalten Norden dagegen gab es schlicht nicht genug Insektenmassen, als dass sich die aufw\u00e4ndige Suche energetisch gelohnt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>    Das biologische Erbe im modernen Westen<\/p>\n<p class=\"\">Die genetischen Daten zeigen, dass dieses S\u00fcd-Nord-Gef\u00e4lle keineswegs neu ist. Es bildete sich bereits vor mindestens 9.000 Jahren heraus \u2013 also noch vor dem Einzug des Ackerbaus in Europa \u2013 und blieb trotz gewaltiger historischer Migrationswellen stabil. Weil Insekten im Norden \u00f6kologisch bedeutungslos waren, verk\u00fcmmerte die genetische F\u00e4higkeit der Europ\u00e4er, die harten Panzer zu verdauen.<\/p>\n<p class=\"\">Bedeutet das aber das endg\u00fcltige Aus f\u00fcr Insektenburger und knusprige Grillen in westlichen Superm\u00e4rkten? Aus Sicht der Forscher nicht unbedingt. Sie betonen, dass die heutige Lebensmitteltechnologie diese biologische Barriere unserer Vorfahren l\u00e4ngst \u00fcberwunden hat. In modernen Verarbeitungsbetrieben wird das unverdauliche Chitin einfach mechanisch vom proteinreichen Gewebe getrennt. Zudem werden die Tiere meist zu feinem Pulver gemahlen, wodurch auch die optische Hemmschwelle wegf\u00e4llt.<\/p>\n<p class=\"\">Die Evolutionsgeschichte erkl\u00e4rt also zwar perfekt, warum es uns beim Gedanken an Krabbelkost schaudern kann \u2013 dank moderner Verarbeitungstechniken steht der Nutzung von Insekten als klimafreundliche Proteinquelle heute aber dennoch kaum etwas im Weg. Und ein paar Neandertaler-Gene stecken ja doch in uns.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/erste-homo-sapiens-in-europa-104.webp\" alt=\"K\u00fcnstlerische Darstellung der ersten Homo Sapiens Gruppe in Europa. Zu sehen sind drei Menschen mit dunkler Haut, die in Felle gekleidet sind. Eine Frau tr\u00e4gt ein Baby auf der Schulter. \" title=\"K\u00fcnstlerische Darstellung der ersten Homo Sapiens Gruppe in Europa. Zu sehen sind drei Menschen mit dunkler Haut, die in Felle gekleidet sind. Eine Frau tr\u00e4gt ein Baby auf der Schulter.  | Tom Bj\u00f6rklund\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Neue Studien<\/p>\n<p>In einer spektakul\u00e4ren Doppelver\u00f6ffentlichung in Nature und in Science zeigen Leipziger Forscher, dass sich moderne Menschen und Neandertaler in einer relativ kurzen Zeit vor etwa 50.000 Jahren vermischt haben.<\/p>\n<p class=\"\">Liebe Lesende,<br \/>\n <br \/>wir stellen unser Online-Angebot auf ein neues technisches System um. Auch das Kommentartool wird erneuert und steht in K\u00fcrze wieder zur Verf\u00fcgung. Wie immer erreicht Ihr uns aber weiter \u00fcber unser Kontaktformular.<br \/>\n <br \/>Eure MDR WISSEN-Redaktion<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"AUDIO: Genetische Spurensuche: Warum Europ\u00e4er nicht gern Insekten essen (1 Min) Evolution Stand: 06.06.2026 05:00 Uhr Proteine aus&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1073299,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1834],"tags":[149570,6754,25808,228445,3364,29,67342,5763,3688,663,14850,14193,134743,30,14463,228446,4507,6756,1209,91928,94653,17950,228444],"class_list":["post-1073298","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-essen","tag-ackerbau","tag-anthropologie","tag-biomasse","tag-chitin","tag-de","tag-deutschland","tag-ekel","tag-ernaehrung","tag-essen","tag-europa","tag-evolution","tag-genetik","tag-genomik","tag-germany","tag-insekten","tag-maden","tag-nachhaltigkeit","tag-neandertaler","tag-nordrhein-westfalen","tag-proteine","tag-tropen","tag-verdauung","tag-zahnstein"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116700997983543803","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1073298","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1073298"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1073298\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1073299"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1073298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1073298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1073298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}