{"id":1075766,"date":"2026-06-07T03:58:18","date_gmt":"2026-06-07T03:58:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1075766\/"},"modified":"2026-06-07T03:58:18","modified_gmt":"2026-06-07T03:58:18","slug":"es-geht-seinen-gang-bertram-kobers-fotos-treffen-erich-loests-grossen-roman-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1075766\/","title":{"rendered":"Es geht seinen Gang: Bertram Kobers Fotos treffen Erich Loests gro\u00dfen Roman \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Wer wissen will, wie sich die DDR von innen anf\u00fchlte, der kann auch heute noch mit Gewinn die B\u00fccher von Erich Loest lesen. Auch sein gnadenlos ern\u00fcchterndes Buch \u201eEs geht seinen Gang\u201c, dessen \u201eHeld\u201c und Erz\u00e4hler kein Held sein will und auch keine Karriere machen. Nicht aufsteigen in diesem Funktion\u00e4rsland, in dem Bewegung und Fortschritt zur hohlen Phrase verkommen sind. Der ern\u00fcchternde Befund \u201eEs geht seinen Gang\u201c war 1978, als \u201eEs geht seinen Gang oder M\u00fchen in unserer Ebene\u201c beim Mitteldeutschen Verlag erschien, allgegenw\u00e4rtig. Bertram Kober hart diese Welt fotografiert.<\/p>\n<p>Kober ist einer der bekanntesten Fotografen aus Leipzig. Seine Bildb\u00e4nde halten das Zeitgeschehen fest, sind aufmerksamste Stra\u00dfen- und Alltagsfotografie. Die Leidenschaft f\u00fcrs Fotografieren hat Kober schon fr\u00fch gepackt, lange vor seinem Studium an der HGB, wo ihn Evelyn Richter und Arno Fischer pr\u00e4gten. Was ihn nun in die Lage versetzte, auch Fotografien aus Leipzig beizusteuern zu diesem Band, die den erlebten Stillstand, der auch Leipzig zusehends zerm\u00fcrbte, ab dem Jahr 1977 ins Bild bringen.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/02e6108b0fdf49bbbb23c4762f3c34d7.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/06\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/06\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>So \u00fcberlappen sich die Fotos zeitlich mit dem Erscheinen des Romans, auch wenn dessen Handlung rund zehn Jahre vor dem Hauptteil der Fotos spielt, die Bertram Kober hier ausgew\u00e4hlt hat. Denn was Loest in \u201eEs geht seinen Gang\u201c schon f\u00fcr die 1970er Jahre antizipierte, galt umso mehr auch f\u00fcr die 1980er Jahre, aus denen der Gro\u00dfteil der von Bertram Kober ausgew\u00e4hlten Fotos stammt. Es sind Bilderstrecken, die auch ohne Worte zeigen, was hinter dem letztlich erm\u00fcdenden Spruch \u201eEs geht seinen Gang\u201c steckte, wie sich der Stillstand direkt im Stadtbild zeigte und das Gef\u00fchl allgegenw\u00e4rtig war, dass man eigentlich nur noch im gewohnten Trott unterwegs ist. Die gro\u00dfen Visionen haben sich in Luft aufgel\u00f6st, auch jene Hoffnungen, die sich in den 1970er Jahren noch mit dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker verbunden hatten.<\/p>\n<p>W\u00fclffs Eigensinn<\/p>\n<p>Aber was wird aus einem Land, in dem sich die gro\u00dfen Visionen in langweilige Losungen und billige Transparente verwandelt haben? Wie wirkt das auf Menschen, die eigentlich nicht aushalten, dass immerfort eine triumphierende Zukunft gemalt wird, w\u00e4hrend der Alltag von Mangel und Tristesse gezeichnet ist? So wie es W\u00fclff in Loests Roman geht. Eigentlich lebt W\u00fclff, der zum Zeitpunkt der Romanhandlung 26 Jahre alt ist, ein \u201eLeben wie aus dem DDR-Bilderbuch\u201c, wie die damalige FAZ-Literaturkritikerin Sabine Brandt schrieb, \u201ew\u00e4re da nicht der Eigensinn, mit dem Wolfgang obrigkeitliche Einwirkung auf seine Lebensgestaltung abwehrt.\u201c<\/p>\n<p>Ihre Kritik erg\u00e4nzt den Fotoband und f\u00fchrt die Leser, die Loests Buch noch nicht kennen, in W\u00fclffs Geschichte ein.<\/p>\n<p>W\u00fclff will nicht in der Hierarchie zum Diplomingenieur aufsteigen. So wenig, wie er damals Offizier werden wollte. Er riskiert ganz bewusst auch den Bruch seiner Ehe mit Jutta, die \u00fcberhaupt nicht versteht, dass er so gar keinen Ehrgeiz hat. Und auch noch alles mies macht. Der Sozialismus siegt doch fortw\u00e4hrend, oder?<\/p>\n<p>Die Romanausschnitte, die die Bilderfolgen in diesem Band auflockern, erz\u00e4hlen etwas anderes. Sie erz\u00e4hlen von einem Mann, der sich keine Illusionen macht \u00fcber die Gesellschaft, in der er lebt. Gepr\u00e4gt hat ihn sowieso die Leipziger Beatdemo von 1965, auf der er am eigenen Leib erlebte, wie gnadenlos die Staatsmacht auf jugendlichen Protest reagierte. Seitdem misstraut er der Macht, will mit ihr nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>Bilder aus dem realen Leipzig<\/p>\n<p>Und so wurde dieser Loest-Roman nicht nur zu einem Schl\u00fcsselroman \u00fcber den inneren Zustand der DDR und die Zerrissenheit von Menschen wie Wolfgang W\u00fcllff, die darin versuchten, ein anst\u00e4ndiges Leben zu leben, ohne sich f\u00fcr die Macht zu verbiegen. Auch die gab es. Loest schrieb ihnen ja geradezu aus dem Herzen. Menschen, die all die blumigen Phrasen satt hatten. Die regelrecht mit Wut auf die \u00dcbergriffigkeit kleiner und gro\u00dfer Funktionstr\u00e4ger reagierten. Dabei ist er ein Mensch voller Mitgef\u00fchl, rastet im Schwimmbad regelrecht aus, als er die martialischen Methoden sieht, mit denen die Kinder schwimmen lernen sollen.<\/p>\n<p>Das liest sich noch immer gegenw\u00e4rtig. Denn diese Schieflagen zwischen falscher Macht und frustriertem Mitgef\u00fchl, die gibt es auch heute noch. Die tauchen in jeder Gesellschaft auf, in der Hierarchien bestimmen, wer was zu sagen hat, und R\u00fccksichtslosigkeit der \u00fcbliche Umgang geworden ist. Aber der Bildband besticht nat\u00fcrlich dadurch, dass er jene Welt, die Eich Loest beschrieb, in Fotos umsetzt, Bilder vom realen Leipzig, in dem ja auch die W\u00fclff-Geschichte handelt. Ganz im Zentrum: das Neubaugebiet um die Stra\u00dfe des 18. Oktober, wo W\u00fclff lebt und wo Kober aufgewachsen ist in einem der noch existierenden alten H\u00e4user, die damals unsaniert waren. Ein riesiger Kontrast. Aber so typisch f\u00fcr das Leipzig der 1980er Jahre, als die Planer ganze Gr\u00fcnderzeitviertel abrei\u00dfen wollten, um darauf dann die Einheitswohnblocks zu bauen, die damals die Neubaugebiete der DDR pr\u00e4gten.<\/p>\n<p>Und weil das alles nicht so schnell ging, rissen mitten in den Wohnquartieren gro\u00dfe Brachen auf, Schlammw\u00fcsten, leer ger\u00e4umte Stra\u00dfenz\u00fcge, wo alte Autos vor sich hinrosteten und grelle Plakatw\u00e4nde von einer bl\u00fchenden Zukunft erz\u00e4hlten. Gr\u00f6\u00dfer konnten die Kontraste gar nicht sein. Aber Kober fotografierte auch die Menschen. Sie waren ja nicht verschwunden. Manchmal f\u00fcllten sie \u2013 wie zur Er\u00f6ffnung des neuen Gewandhauses \u2013 den ganzen Augustusplatz, manchmal feierten sie in den Jugendklubs der Stadt das Leben so wild, wie sie nur wollten, manchmal turnten sie \u00fcber das Kriegsger\u00e4t, das zu den LVZ-Zeitungsfesten aufgefahren wurde. Manchmal geht der Blick auch \u00fcber die Grenzen der Stadt hinaus, kommt die beklemmende Kohlelandschaft im Leipziger S\u00fcden ins Bild.<\/p>\n<p>Die blumigen Ziele anderer Leute<\/p>\n<p>Es ist die Zeit, in der sich nicht nur die Architekten zu fragen begannen: \u201eIst Leipzig noch zu retten?\u201c Denn es ist ja un\u00fcbersehbar, dass dem Land die Kraft fehlte, den zunehmenden Verfall der Stadt aufzuhalten. Gar die Stimmung zu drehen. Die Menschen auf den Stra\u00dfen scheinen sich abgefunden zu haben, das Provisorische ihres Lebens zu akzeptieren. Es geht eben seinen Gang. Aber die Zukunft ist v\u00f6llig aus dem Blick verschwunden. Und nicht nur W\u00fclff hatte keine Lust mehr, sich zu falscher Euphorie befehlen zu lassen. Dann schon lieber ein einfaches Leben f\u00fchren, ohne gro\u00dfe Anspr\u00fcche, und halbwegs ehrlich mit sich selbst sein. Schwer genug in einer Gesellschaft, die immerfort Anspr\u00fcche an ihre B\u00fcrger stellte.<\/p>\n<p>Und das liest sich eben nicht nur wie eine Zeitreise in ein vergangenes Kapitel DDR-Geschichte. Es l\u00e4sst auch Gegenw\u00e4rtiges anklingen. Denn die Herausforderung steht f\u00fcr alle W\u00fclffs zu allen Zeiten: Wie sehr verbiegt man sich, um mit den W\u00f6lfen heulen zu k\u00f6nnen? Oder ist das tiefe Gef\u00fchl st\u00e4rker, dass man sich weder f\u00fcr Karriere noch Geld verbiegen lassen will? Sich also nicht vernutzen lassen will f\u00fcr die blumigen Ziele anderer Leute? Eine h\u00f6chst aktuelle Frage, denn genau diesen Vorwurf machen ja blasierte Politiker heute nur zu gern der jungen Generation.<\/p>\n<p>Es ist eine immer neu zu beantwortende Frage: Wie sehr l\u00e4sst man sich verbiegen f\u00fcr Versprechen von Aufstieg und Erfolg? Oder hat der Mensch nicht das unverbriefte Recht, zu alledem \u201eNein\u201c zu sagen? Konsequent und mit Konsequenzen. Es ist eine Geschichte aus einem widerspr\u00fcchlichen Land \u2013 mit Bertram Kobers ebenso widerspruchsvollen Fotos eben nicht nur illustriert, sondern erg\u00e4nzt und erweitert. Wer das erstarrte Leipzig damals nicht kennengelernt hat, kann es in Kobers Fotografien sehen. Und sich so auch bildlich sehr gut hineinversetzen in die Welt des Wolfgang W\u00fclff.<\/p>\n<p><strong>Bertram Kober \u201eEs geht seinen Gang. Fotografien 1977 \u2013 1990\u201c<\/strong>, Romanausz\u00fcge von Erich Loest, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 28 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer wissen will, wie sich die DDR von innen anf\u00fchlte, der kann auch heute noch mit Gewinn die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1075767,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[3364,29,67922,1885,30,71,859],"class_list":["post-1075766","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-de","tag-deutschland","tag-erich-loest","tag-fotografie","tag-germany","tag-leipzig","tag-sachsen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116706824101633503","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1075766","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1075766"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1075766\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1075767"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1075766"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1075766"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1075766"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}