{"id":1075918,"date":"2026-06-07T05:40:20","date_gmt":"2026-06-07T05:40:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1075918\/"},"modified":"2026-06-07T05:40:20","modified_gmt":"2026-06-07T05:40:20","slug":"deep-tech-finanzierung-wie-eine-luecke-im-innovationssystem-geschlossen-werden-soll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1075918\/","title":{"rendered":"Deep Tech-Finanzierung: Wie eine L\u00fccke im Innovationssystem geschlossen werden soll"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland steckt Milliarden in Forschung \u2013 doch der Weg zum marktreifen Produkt bleibt oft blockiert. Ein neues Fondsmodell soll genau diese L\u00fccke schlie\u00dfen und Innovationen endlich aus dem Labor in den Markt bringen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es ist ein Satz, der im Gespr\u00e4ch fast beil\u00e4ufig f\u00e4llt und doch den Kern trifft: \u201eWir sind sehr gut darin, viel Geld in Forschung zu stecken \u2013 aber daraus auch wirtschaftliche Ergebnisse zu machen, das gelingt uns deutlich schlechter.\u201c Chris Heyer sagt ihn. Er ist General Partner bei Marvelous, einer Berliner Investmentplattform, die Geld in junge Technologieunternehmen steckt und jetzt gemeinsam mit der Hamburger Joachim Herz Stiftung neue Wege geht, um das Problem zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Heyer beschreibt eine L\u00fccke, die in Deutschland seit Jahren beklagt wird. W\u00e4hrend es f\u00fcr die Forschung zahlreiche F\u00f6rderm\u00f6glichkeiten gibt und sich Investoren mit hohen Summen in gut laufende Tech-Start-Ups einkaufen, gibt es kaum Kapitalgeber f\u00fcr den schwierigen \u00dcbergang von der Idee zum Produkt, vom Labor in den Markt. Dort scheitern in Deutschland und Europa viele Innovationen. In der Forschung entstehen neue Materialien, neue Verfahren, neue Technologien, doch h\u00e4ufig fehlt das Geld, um daraus ein marktreifes Produkt zu entwickeln. <\/p>\n<p>Denn f\u00fcr Investoren ist die Phase wenig interessant. Es gibt zwar einen wissenschaftlichen Durchbruch, aber noch kein fertiges Produkt, keine belastbaren Ums\u00e4tze und kein erprobtes Gesch\u00e4ftsmodell. \u201eDie meisten Venture-Capital-Investoren konzentrieren sich auf sp\u00e4tere Phasen\u201c, sagt Heyer. \u201eIn den fr\u00fchen Stadien k\u00f6nnen sie das Risiko oft noch nicht einsch\u00e4tzen.\u201c<\/p>\n<p>Diese L\u00fccke ist nicht nur ein Problem f\u00fcr Investoren. Sie betrifft ebenso die Seite der Wissenschaft \u2013 und damit die Arbeit von Sabine Kunst. Sie ist Vorstandsvorsitzende der Joachim Herz Stiftung. Die promovierte Ingenieurin und Politikwissenschaftlerin kennt das Wissenschaftssystem aus nahezu allen Perspektiven: Sie war Professorin, Pr\u00e4sidentin der Universit\u00e4t Potsdam und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes \u2013 und sp\u00e4ter Ministerin f\u00fcr Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg. Zuletzt leitete sie mehrere Jahre die Berliner Humboldt-Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Heute verantwortet sie die Programmarbeit einer der gro\u00dfen gemeinn\u00fctzigen Stiftungen. Die Gr\u00fcndung der Stiftung 2008 erfolgte aus dem Verm\u00f6gen des \u00a0Unternehmers Joachim Herz. Dieses Verm\u00f6gen wird am Kapitalmarkt angelegt, um mit den Gewinnen Technologieforschung und Wissensvermittlung zu f\u00f6rdern. So geh\u00f6rt die Stiftung etwa zu den Unterst\u00fctzern der Hamburger Initiative Impossible Founders, die Wissenschaftler ermutigen und in die Lage versetzen will, aus ihrer \u2013 meist naturwissenschaftlichen oder technischen \u2013 Forschung heraus Produkte an den Markt zu bringen. Dabei f\u00f6rdert die Stiftung die Arbeit der Vermittler bei den Impossible Founders. Direkt in die Gr\u00fcnder investieren darf sie nach deutschem Stiftungsrecht nicht. Jedenfalls nicht im klassischen Sinn.<\/p>\n<p>Nach der Gr\u00fcndung gibt es schwer F\u00f6rdergelder<\/p>\n<p>\u201eWir f\u00f6rdern wissenschaftliche Teams in fr\u00fchen Entwicklungsphasen und unterst\u00fctzen Transfer und Entrepreneurship\u201c, sagt Kunst. \u201eAber in dem Moment, in dem sie tats\u00e4chlich gr\u00fcnden, sind uns die H\u00e4nde gebunden.\u201c Der Grund liegt im Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht: Stiftungen d\u00fcrfen Forschung und Bildung f\u00f6rdern, aber nicht ohne Weiteres Unternehmen am Markt unterst\u00fctzen. \u201eGenau dieser \u00dcbergang stellt Stiftungen vor besondere rechtliche und steuerliche Herausforderungen \u2013 und das macht die Arbeit schwierig.\u201c<\/p>\n<p>Ein Beispiel macht das greifbar. In einem Exzellenzcluster, das von der Joachim Herz Stiftung gef\u00f6rdert wird, entstehen neue Materialien auf Basis von Pilzmycelien \u2013 schnell wachsend, vielseitig einsetzbar, eine m\u00f6gliche Alternative zu erd\u00f6lbasierten Stoffen, etwa bei D\u00e4mmstoffen oder f\u00fcr Verpackungsmaterialien. Ein Projekt wird gef\u00f6rdert, entwickelt sich gut \u2013 und eines Tages entscheidet sich das Team zur Gr\u00fcndung. \u201eUnd dann stehen wir vor der Frage: Wie k\u00f6nnen wir eine solche Idee weiter begleiten, wenn wir es \u00fcber die klassische F\u00f6rderung nicht mehr k\u00f6nnen?\u201c, sagt Kunst. Die Folge: Genau dann, wenn es ernst wird \u2013 wenn aus Forschung ein Unternehmen werden soll \u2013, bricht die F\u00f6rderung durch Stiftungen in Deutschland bisher ab.<\/p>\n<p>Die Joachim Herz Stiftung versucht nun, diese L\u00fccke mit einem neuen Ansatz zu schlie\u00dfen \u2013 und erweitert daf\u00fcr ihre Kapitalanlagestrategie. Statt nur die Ertr\u00e4ge ihres Verm\u00f6gens f\u00fcr ihre F\u00f6rderarbeit einzusetzen, investiert sie erstmals einen Teil des Stiftungskapitals in Venture Capital. Investiert wurde bisher etwa in Beteiligungen, Immobilien und Aktien. <\/p>\n<p>Dazu kommt nun ein Fonds, der sich an Start-ups aus der Forschungswelt beteiligen soll. 20 Millionen Euro flie\u00dfen in einen Fonds, den Marvelous managt. Der entscheidende Unterschied: Dieses Geld ist keine F\u00f6rderung, sondern eine Kapitalanlage. Die Stiftung setzt darauf, dass sich das Geld langfristig vermehrt, w\u00e4hrend es gleichzeitig in junge Technologieunternehmen flie\u00dft.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist dieser Fonds anders aufgebaut als viele andere Risikokapitalfonds. \u00dcblicherweise haben solche Fonds eine feste Laufzeit \u2013 oft rund zehn Jahre. Danach wird das investierte Geld samt Gewinnen an die Geldgeber zur\u00fcckgef\u00fchrt. Hier ist das anders: Der Fonds ist langfristig angelegt, Gewinne werden nicht zwangsl\u00e4ufig ausgesch\u00fcttet, sondern k\u00f6nnen auch wieder in innovative Ausgr\u00fcndungen investiert werden, ein festes Laufzeitende gibt es nicht. Das passt zur Logik einer Stiftung, die ihr Verm\u00f6gen dauerhaft real erhalten und vermehren muss.<\/p>\n<p>Ein Fonds ist dabei vereinfacht gesagt ein gemeinsamer Geldtopf, aus dem mehrere Start-ups finanziert werden. Das verteilt das Risiko: Scheitern einzelne Projekte, k\u00f6nnen andere erfolgreich sein. Marvelous \u00fcbernimmt die Rolle des Investors. Die Berliner Plattform funktioniert wie ein klassischer Risikokapitalgeber und trifft eigenst\u00e4ndig Entscheidungen dar\u00fcber, welche Unternehmen finanziert werden. Gleichzeitig setzt sie auf einen zus\u00e4tzlichen Ansatz. \u201eWir investieren nicht nur Kapital, sondern arbeiten eng mit Industrie und Mittelstand zusammen, um Technologien zu validieren\u201c, sagt Heyer.<\/p>\n<p>Das bedeutet: Die Start-ups werden nicht nur finanziert, sondern direkt mit m\u00f6glichen Kunden und Partnern aus der Industrie vernetzt. So l\u00e4sst sich fr\u00fch kl\u00e4ren, ob eine Idee tats\u00e4chlich im Markt bestehen kann. \u201eWir haben exzellente Wissenschaft und hervorragende Universit\u00e4ten\u201c, sagt Heyer. \u201eAber genau der n\u00e4chste Schritt \u2013 die \u00dcberf\u00fchrung in den Markt \u2013 fehlt oft.\u201c Viele Projekte scheiterten nicht an der Technologie, sondern daran, dass sich kein tragf\u00e4higes Gesch\u00e4ftsmodell entwickle.<\/p>\n<p>Das System zwischen Stiftung als Kapitalgeber und Marvelous als Fondsmanager ist bewusst strikt getrennt. Zwischen beiden Bereichen besteht keine operative Verbindung: Die Stiftung f\u00f6rdert Projekte in einer fr\u00fchen Phase, in der es um Forschung und Vorbereitung von Gr\u00fcndungen geht. Der Fonds hingegen investiert sp\u00e4ter nach eigenen Kriterien \u2013 ohne Einfluss der Stiftung und ohne Bevorzugung von Projekten, die von der Stiftung gef\u00f6rdert worden sind.<\/p>\n<p>Oder anders gesagt: Es handelt sich nicht um eine Verl\u00e4ngerung der F\u00f6rderung mit anderen Mitteln, sondern um zwei getrennte Systeme mit unterschiedlichen Logiken. Auf der einen Seite steht die gemeinn\u00fctzige F\u00f6rderung ohne Renditeerwartung. Auf der anderen Seite ein Investment, das sich am Markt bew\u00e4hren muss und Renditen erzielen soll.<\/p>\n<p>Geld kommt derzeit oft aus dem Ausland<\/p>\n<p>In den USA ist das Zusammenspiel von Forschung, Kapital und Unternehmertum sehr viel eingespielter. Universit\u00e4ten, Investoren und Unternehmen arbeiten enger zusammen, Ausgr\u00fcndungen sind selbstverst\u00e4ndlicher Teil wissenschaftlicher Karrieren. \u201eDort wird deutlich selbstverst\u00e4ndlicher auch Geld aus Stiftungen in wirkungsorientierte Kapitalanlagen investiert\u201c, sagt Kunst.<\/p>\n<p>In Deutschland und Europa dagegen funktioniert dieser \u00dcbergang schlechter. \u201eWir produzieren Weltklasse-Wissenschaft \u2013 aber wir machen zu wenig daraus\u201c, sagt Heyer. Viele Ideen blieben im Labor stecken oder schafften es erst sp\u00e4t in die wirtschaftliche Anwendung. Wenn sie erfolgreich seien, dann h\u00e4ufig nicht mit europ\u00e4ischem Kapital. \u201eSehr gute Ideen arbeiten am Ende oft mit amerikanischem Geld\u201c, sagt Kunst. Gerade in der entscheidenden Wachstumsphase fehlten in Europa die Mittel. \u201eWenn es um die Skalierung geht, passiert hier oft zu wenig.\u201c<\/p>\n<p>Das hat Folgen f\u00fcr die Wertsch\u00f6pfung. Wird ein vielversprechendes Unternehmen von ausl\u00e4ndischen Investoren finanziert oder \u00fcbernommen, liegt der wirtschaftliche Erfolg h\u00e4ufig nicht mehr dort, wo die Idee entstanden ist. Technologien werden in Europa entwickelt \u2013 aber anderswo gro\u00df gemacht. F\u00fcr Heyer ist das ein strukturelles Problem: \u201eDiese eingespielten Systeme, wie sie die USA haben, fehlen uns.\u201c Investoren, die technologische Risiken einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, langfristiges Kapital und eine engere Verzahnung von Forschung und Markt \u2013 all das sei in Europa deutlich schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kunst hat der Fonds deshalb eine Bedeutung, die weit \u00fcber das einzelne Investment hinausgeht. Es geht ihr nicht nur darum, einzelne Start-ups zu finanzieren \u2013 sondern darum, ein System zu ver\u00e4ndern. \u201eWir haben seit Jahren einen Kreis von Stiftungen, die sich f\u00fcr dieses Thema interessieren\u201c, sagt sie. \u201eAber es ist keine von ihnen bisher den Weg gegangen, den wir jetzt gehen.\u201c Dabei k\u00f6nnten viele dieser Stiftungen dem Beispiel der Joachim Herz Stiftung folgen. Sie verf\u00fcgten \u00fcber erhebliche Verm\u00f6gen und investierten ohnehin am Kapitalmarkt. Der Einstieg in junge Unternehmen mit Geld aus dem Stiftungskapital erfordere jedoch eine sorgf\u00e4ltige rechtliche und organisatorische Ausgestaltung.<\/p>\n<p>Modell k\u00f6nnte Nachahmer finden<\/p>\n<p>Auch innerhalb der eigenen Stiftung sei der Weg lang gewesen, erz\u00e4hlt Kunst. \u201eDas war f\u00fcr uns ein gro\u00dfer Schritt\u201c, sagt sie. Intensive Diskussionen und rechtliche Pr\u00fcfungen seien n\u00f6tig gewesen, um sicherzustellen, dass das Modell mit dem Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht vereinbar ist. Gerade deshalb versteht sie den Fonds als Signal. Wenn sich zeigt, dass er funktioniert, k\u00f6nnte das andere Stiftungen ermutigen, nachzuziehen. \u201eWenn sieben oder acht gro\u00dfe Stiftungen diesen Weg gehen w\u00fcrden, h\u00e4tte das einen erheblichen Hebel.\u201c Denn bislang arbeitet der gr\u00f6\u00dfte Teil dieses Kapitals klassisch \u2013 in Immobilien, Aktien oder Fonds. Die Idee, dieses Geld gezielt in Innovation zu lenken, ist neu. \u201eAm Ende m\u00fcssen die Stiftungen sagen k\u00f6nnen: Es ist uns nichts passiert. Und es hat uns auch in der Verm\u00f6gensaufstellung nicht geschadet.\u201c<\/p>\n<p>Noch ist das Modell ein Experiment. Aber eines, das an einer entscheidenden Schwachstelle ansetzt: dort, wo aus einer Idee ein Unternehmen werden soll. Oder, wie Heyer es formuliert: \u201eEs reicht nicht, gute Forschung zu haben. Entscheidend ist, ob daraus auch etwas wird.\u201c<\/p>\n<p><b>Redakteurin<\/b><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/julia-witte\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/julia-witte\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b> Julia Witte genannt Vedder<\/b><\/a><b> arbeitet in der <\/b><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b>Hamburg-Redaktion<\/b><\/a><b> von WELT und WELT AM SONNTAG.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Deutschland steckt Milliarden in Forschung \u2013 doch der Weg zum marktreifen Produkt bleibt oft blockiert. 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