{"id":1076626,"date":"2026-06-07T13:00:21","date_gmt":"2026-06-07T13:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1076626\/"},"modified":"2026-06-07T13:00:21","modified_gmt":"2026-06-07T13:00:21","slug":"premiere-schauspiel-stuttgart-die-nacht-des-langen-messers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1076626\/","title":{"rendered":"Premiere Schauspiel Stuttgart: Die Nacht des langen Messers"},"content":{"rendered":"<p>Daniela L\u00f6ffner bringt im Schauspielhaus Stuttgart Roland Schimmelpfennigs \u201eSommersonnenwende\u201c zur Urauff\u00fchrung. Ist die Inszenierung des Familiendramas gelungen?<\/p>\n<p>Alles sieht nach einer klassischen Wohlf\u00fchlkom\u00f6die aus, hollywoodtauglich sogar: Eine sommerliche Party an einem besonderen Abend, Mittsommernacht, viele Leute sind da, Kinder springen durch den Garten, Tupperware mit Fleischb\u00e4llchen werden neben der Salatbar abgelegt, die Gastgeberin Isabel, eine \u00c4rztin, ist barfu\u00df, leger und gut situiert, strahlendes L\u00e4cheln. <\/p>\n<p>Hinter den Kulissen freilich, in der K\u00fcche, wird heimlich gestritten: \u201eWieso ist der hier, ich meine, wieso sind d i e hier, beide, ich meine, alle drei, die ganze Familie, oder alle vier, die haben sogar ihren Hund mitgebracht\u201c, geifert Isabels Mann Albert (Rainer Galke). Isabel (Katharina Hauter) motzt zur\u00fcck: \u201eWieso d i e hier sind? Die sind hier, weil sie hier sind, da gibt es kein ,Wieso\u2019\u201c. Er insistiert: \u201eDas, das sind Schweine, das sind im wahrsten Sinne des Wortes Schweine.\u201c Die Schweine \u2013 das sind Isabels Bruder Victor (Marco Massafra) und Gattin Patrizia (Christiane Ro\u00dfbach), samt Sohn und Hund. <\/p>\n<p>Isabel und Albert zoffen sich am Samstag <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.schauspielpremiere-stuttgart-ein-eklat-lohnt-ein-besuch-von-bernhards-vor-dem-ruhestand-in-stuttgart.e8154a25-3807-44ca-8358-a276c3e23f20.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">auf der Stuttgarter Schauspielhausb\u00fchne<\/a> in der Urauff\u00fchrung von Roland Schimmelpfennigs St\u00fcck \u201eSommersonnenwende\u201c \u00fcber die offensichtlich uneingeladenen Verwandten. Diese stehen w\u00e4hrenddessen direkt daneben und schauen pikiert aus der schneewei\u00dfen (er) und schwarzgrauen (sie) W\u00e4sche. <\/p>\n<p>Der Garten erweist sich als Vorhof zur H\u00f6lle <\/p>\n<p>Ein furioser Start, der ahnen l\u00e4sst, da folgen mehr Wortgefechte und wom\u00f6glich wird am Ende doch wieder alles gut, zumindest besser. Doch statt eines boulevardesken St\u00fccks \u00fcber Familienstress und andere Probleme wird sich dieser Garten als Vorhof zur H\u00f6lle erweisen. Es dauert nur ein Weilchen und sie sind alle mit Schlamm besudelt, jemand hat ein langes Messer in der Hand und ist kurz davor, m\u00f6rderische Fantasien in die Tat umzusetzen. <\/p>\n<p>Dass es so weit kommt, hat mit der Gier des Menschen zu tun, mit Gier nach Geltung und Besitz. Isabel hat das Haus geerbt, Albert die Fleischfabrik. Aber in der Firma gibt es \u201eProbleme\u201c, er will zur\u00fcck ins Haus. Und seine Frau w\u00fcrde gern den gro\u00dfen Garten in einen lukrativen Bauplatz verwandeln. Isabel wiederum will ihren Bruder nicht zur\u00fcck ins Haus lassen. Nicht mal ins Gartenhaus. Dort sammelte der Vater, der \u201ezum Gl\u00fcck\u201c, wie Albert sagt, tot ist, Jagdtroph\u00e4en und Hocker aus Elefantenf\u00fc\u00dfen. Messer auch. Victor bringt eines, das ausschaut wie Papas Lieblingsmesser, als Geschenk mit. <\/p>\n<p>Obwohl Victor t\u00f6nt, \u201eFamilie ist Familie. Das ist die Grundregel aller Grundregeln\u201c, ist der Grat zwischen Zivilisation und Barbarei schmal. Es gibt keine Hoffnung, nirgends. Roland Schimmelpfennigs Abrechnung mit der Familie und der angeblichen demokratischen Verfasstheit der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ist deutlich, klar \u2013 und \u00fcberzeugend inszeniert von Daniela L\u00f6ffner. <\/p>\n<p>Von hochtouriger Nervosit\u00e4t bis zum Exzess <\/p>\n<p>Die Regisseurin vertraut Schimmelpfennigs pointenreichem Drama, in dem es nur eine Richtung gibt: von hochtouriger Nervosit\u00e4t bis zum Exzess. Sie folgt dem Autor bis zu den Regieanweisungen \u2013 keine realistische Gartenparty etwa. B\u00fchnenbildnerin Claudia Kalinski begn\u00fcgt sich mit Plastikst\u00fchlen und Blumenerde und nutzt von der Decke baumelnde Scheinwerfer als Girlanden, die mal heimelig warmes, mal operationstischhaft kaltes Licht spenden.<\/p>\n<p>Kinder und Tiere sollen nicht besetzt werden. Also lebt das Ensemble seine Spielfreude aus. An so einem Sommersonnwendeabend kann Magisches passieren. In einer hinrei\u00dfenden Szene nutzen die Akteure Katja Strohschneiders Kost\u00fcme, um sich in Elefant, Giraffe, Affe, Strau\u00df zu verwandeln. <\/p>\n<p> Schimmelpfennig w\u00fcnscht sich einen Katzenschrei \u2013 Isabel und Albert ist eine fast taube, blinde Katze zugelaufen. Schon ist Rainer Galkes Albert auf allen Vieren und st\u00f6\u00dft ein Gebr\u00fcll aus, das an eine Wildkatze denken l\u00e4sst (und an die Hollywoodkom\u00f6die \u201eLeoparden k\u00fcsst man nicht\u201c mit Katherine Hepburn und Cary Grant). Eine famose Slapstickszene, in der sich Victor auf den Boden wirft, als m\u00fcsste er sich vor einem Bombenattentat sch\u00fctzen, w\u00e4hrend Patrizia jede Menge Wein versch\u00fcttet. <\/p>\n<p>Als Isabel den Hund Loki begr\u00fc\u00dft \u201eNa, du H\u00fcbscher, jaaaaaaa, jaaaaaaaaa\u201c, nimmt Marco Massafra einen nassen Lappen und wischt beherzt an Armen, Beinen und Gesicht von Katharina Hauters Isabel herum, um zuguterletzt den Lappen \u00fcber ihrem Kopf auszuwringen.<\/p>\n<p> Immer wieder apportiert er auch im Garten vergrabene Knochen (von Tieren, Gebeinen des Vaters oder gab es wom\u00f6glich andere Leichen im Garten?). Das herrische \u201eLoki! Aus!\u201c von Christiane Ro\u00dfbach zeigt, dass sie vermutlich nicht nur \u00fcber den Hund herrscht, sondern auch \u00fcber den Herrn, ihren Ehemann Victor. <\/p>\n<p> Der Abend kippt ins Tragische <\/p>\n<p>Ins Tragische kippt der Abend, als Katharina Hauter und Marco Massafra die Kinderrollen Amina und Wilhelm \u00fcbernehmen. Victor und Patrizias Sohn Wilhelm, der Ballerspiele liebt, fragt die von Isabel und Albert adoptierte Amina, was mit ihren \u201eechten\u201cEltern ist. W\u00e4hrend er ihr im Spiel einen Eimer Wasser \u00fcber den Kopf gie\u00dft, sagt Amina: \u201eSie sind ertrunken.\u201c \u00dcberhaupt ist Amina die einzige positive Figur. Sie antwortet auf Wilhelms Frage, ob ihr \u201edas alles\u201c einmal geh\u00f6ren wird, dass es auch allen geh\u00f6ren k\u00f6nnte. Das offensichtlich etwas hyperaktive Kind nervt allerdings Onkel und Tante mit seinem Kinderspiel, einem Reim mit Choreografie (klatschen, mit den Armen wedeln). <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/media.media.9d15c8c7-89d6-4c0c-8ae9-aea8827a24fc.original1024.media.jpeg\"\/>     In bester Laune (von links): Victor (Marco Massafra), Patrizia (Christiane Ro\u00dfbach), Isabel (Katharina Hauter) und Albert (Rainer Galke)    Foto: T+T Fotografie \/ Toni Suter + T    <\/p>\n<p>Das wiederum hat der Dramatiker klug eingebaut, das Ensemble deutet Stimmungslagen durch unterschiedliche Betonungen des Abz\u00e4hlreimes an. Das \u201eA ram sam sam, a ram sam sam. Guli guli guli guli, guli \u2013 ram sam sam. A rabi, a rabi \u2013 guli guli guli \u2013 ram sam sam\u201c \u2013 klingt nach Maschinengewehr und Krieg, wenn Christiane Ro\u00dfbach es ausspeit. Be\u00e4ngstigend, bizarr wirkt es, wenn Marco Massafra und Rainer Galke nebeneinander stehen, unger\u00fchrt die Choreografie mitmachen und besprechen, wie man am einfachsten Katzen umbringt. <\/p>\n<p>Das Lachen bleibt einem in diesen 90 Minuten immer wieder im Halse stecken. Es gelingt Autor und Regie, viele Themen \u2013 Rassismus, Klassenbewusstsein, Kolonialismus, Kapitalismuskritik, ins Reaktion\u00e4re kippender Konservatismus, famili\u00e4re Abgr\u00fcnde \u2013 anzuspielen, ganz ohne moralisch p\u00e4dagogisches Zeigefingerzeigen. <\/p>\n<p>Die Kritik kommt an. Ein beherztes \u201eBuh\u201c bildet den Auftakt zum verdienten Urauff\u00fchrungsapplaus. \u201eSommersonnenwende\u201c ist keine Wohlf\u00fchlkom\u00f6die \u2013 aber im besten Sinne hollywoodtauglich.<\/p>\n<p> Info <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Dramatiker<\/strong><br \/>Roland Schimmelpfennig, 1967 in G\u00f6ttingen geboren, ist einer der international meistgespielten Gegenwartsautoren, seine Werke werden in \u00fcber 40 L\u00e4ndern aufgef\u00fchrt und haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten. In Stuttgart war von ihm zuletzt \u201e100 Songs\u201c (von ihm selbst inszeniert) und die Urauff\u00fchrung von \u201e17 Skizzen aus der Dunkelheit\u201c (Regie: Tina Lanik) zu sehen. Schon in der Intendanz von Friedrich Schirmer hat der Autor ein St\u00fcck f\u00fcrs Stuttgarter Theater geschrieben, die Urauff\u00fchrung von \u201eDie arabische Nacht\u201c war im Jahr 2001.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Termine<\/strong><br \/>Das neue St\u00fcck \u201eSommersonnenwende\u201c ist noch am 10., 16. und 18. Juni, am 5., 15. und 17. Juli im Schauspielhaus Stuttgart zu sehen. Die Inszenierung von Daniela L\u00f6ffner bleibt auch in der n\u00e4chsten Saison auf dem Spielplan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Daniela L\u00f6ffner bringt im Schauspielhaus Stuttgart Roland Schimmelpfennigs \u201eSommersonnenwende\u201c zur Urauff\u00fchrung. Ist die Inszenierung des Familiendramas gelungen? 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