{"id":1077667,"date":"2026-06-07T23:59:18","date_gmt":"2026-06-07T23:59:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1077667\/"},"modified":"2026-06-07T23:59:18","modified_gmt":"2026-06-07T23:59:18","slug":"die-grosse-saeuberung-jetzt-droht-dem-deutschen-kulturgut-der-kahlschlag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1077667\/","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe S\u00e4uberung: Jetzt droht dem deutschen Kulturgut der Kahlschlag"},"content":{"rendered":"<p>Der moralische Furor im Kulturbetrieb treibt absurde Bl\u00fcten. Nach der \u00fcberhasteten Zensur seines Fr\u00fchwerks arbeitet Wim Wenders ger\u00fcchteweise an KI-L\u00f6sungen: Eine Zimmerpflanze soll es richten.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">In diesen Tagen zeigt sich Deutschland mal wieder von seiner gef\u00fcrchtetsten Seite: der moralischen. Wim Wenders mochte f\u00fcr eine Sekunde gehofft haben, die Debatte um den Auftritt der halbnackten, minderj\u00e4hrigen Nastassja Kinski in seinem Fr\u00fchwerk \u201eFalsche Bewegung\u201c m\u00f6ge den uralten und eher mittelspannenden Film dem Vergessen entrei\u00dfen. Als Wenders neulich auf dem Deutschen Filmpreis so tat, als trage er mit der Frage, ob er die Szene nachtr\u00e4glich herausschneiden solle, die B\u00fcrde der kompletten Filmgeschichte allein auf seinen Schultern, jubelte ihm der Saal frenetisch zu.<\/p>\n<p>Anderntags sahen die Schauspieler verdutzt, dass sich die Stimmung in den sozialen Medien gedreht hatte. Es galt pl\u00f6tzlich als opportun, in den aufbrausenden Shitstorm gegen den ab sofort als feige geltenden Meisterregisseur einzuschwenken. Beim sp\u00e4ten Fr\u00fchst\u00fcck \u2013 die Party war lange gegangen \u2013 fiel einem das Telefon aus der Hand, so viel Verachtung troff aus tausend Instagram-Storys. Mit der angeborenen Geschmeidigkeit wahrer Erfolgsmenschen erkl\u00e4rte Wenders prompt, Streaming-, Fernseh- und Vertriebspartner seien angewiesen worden, den Film <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article6a2031f6639e3d502fd4a32e\/streit-um-nacktszene-wenders-zieht-film-vorerst-zurueck-und-bittet-nastassja-kinski-um-entschuldigung.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article6a2031f6639e3d502fd4a32e\/streit-um-nacktszene-wenders-zieht-film-vorerst-zurueck-und-bittet-nastassja-kinski-um-entschuldigung.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">nicht mehr \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich zu machen<\/a>. Das h\u00f6rte sich gut an, auch wenn es war, als w\u00fcrde die Bundesfachgruppe Obstbau ank\u00fcndigen, man werde Maulbeeren bei Lidl k\u00fcnftig vergeblich suchen.<\/p>\n<p>Ob Wenders sp\u00e4te Einsicht geritten haben mag oder aber die in Aussicht gestellte Anzeige durch den Medienanwalt <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article6a1d1562bf5b78f90d00a864\/wim-wnders-der-streit-um-kinski-stellt-eine-ganze-branche-vor-ein-dilemma.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article6a1d1562bf5b78f90d00a864\/wim-wnders-der-streit-um-kinski-stellt-eine-ganze-branche-vor-ein-dilemma.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Christian Schertz<\/a>, dar\u00fcber kann nur spekuliert werden. Jedenfalls durfte sich Nastassja Kinski \u00fcber einen Pyrrhussieg freuen; einerseits hatte sie sich durchgesetzt mit ihrem Anliegen der r\u00fcckwirkenden Filmgeschichtsklitterung. Andererseits haben sie nicht mal zu ihren besten Zeiten so viele Bundesb\u00fcrger nackt gesehen wie jetzt, als bei der Google-Bild-Suche fast die Transistoren durchbrannten. F\u00fcr die DVD des Films hatte sich jahrelang kein Mensch interessiert. Jetzt gingen die Schwarzmarktpreise durch die Decke. Auf den Flohm\u00e4rkten von Berlin-Mitte wird die verstaubte Silberscheibe inzwischen im Verh\u00e4ltnis eins zu drei gegen Erstpressungen von Kraftwerk oder einen Eimer handger\u00fchrten Bio-Sauerteig gehandelt.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4zedenzfall Wenders droht unterdessen, eine Lawine der Arbeitsbeschaffung im Kulturbetrieb loszutreten. In den Hinterzimmern der Filmf\u00f6rderungsanstalten rauchen die K\u00f6pfe. Man munkelt von der Gr\u00fcndung einer \u201eBundespr\u00fcfstelle f\u00fcr nachtr\u00e4gliche historische Anst\u00e4ndigkeit\u201c (BPfnhA). Erste Entw\u00fcrfe sehen vor, s\u00e4mtliche Meisterwerke des Neuen Deutschen Films einer General\u00fcberholung zu unterziehen. Bei <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article13925402\/Filmgeschichte-Rainer-Werner-Fassbinder-auf-Strich-und-Drogen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article13925402\/Filmgeschichte-Rainer-Werner-Fassbinder-auf-Strich-und-Drogen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rainer Werner Fassbinder<\/a> m\u00fcssen wohl 80 Prozent des Materials weggeschrubbt oder zumindest mit einem blinkenden Warnhinweis versehen werden: \u201eAchtung: Dieses Werk enth\u00e4lt Spuren von ungesundem Nihilismus und toxischer M\u00e4nnlichkeit.\u201c<\/p>\n<p>Wenders selbst, stets offen f\u00fcr technologische Innovationen \u2013 man denke an seine bahnbrechenden 3D-Dokumentationen \u2013, arbeitet ger\u00fcchteweise bereits an einer zeitgeistkompatiblen L\u00f6sung des Kinski-Dilemmas. Insider berichten, dass die Szene mittels K\u00fcnstlicher Intelligenz optimiert werden soll. Die halbnackte Jugendliche wird digital durch eine vollst\u00e4ndig bekleidete Version ihrer selbst ersetzt \u2013 oder durch eine stattliche Monstera-Zimmerpflanze.<\/p>\n<p>Medienanw\u00e4lte d\u00fcrften sich unterdessen die H\u00e4nde reiben. Wenn diese Form der filmischen Vergangenheitsbew\u00e4ltigung Schule macht, l\u00e4sst sich das gesamte deutsche Kulturgut der 70er und 80er Jahre juristisch r\u00fcckabwickeln. Als N\u00e4chstes sind die alten \u201eTatort\u201c-Folgen dran, in denen Kommissare noch im Dienst rauchten, Zeuginnen ungefragt duzten und abends drei Herrengedecke verputzten. Ein Eldorado f\u00fcr Unterlassungserkl\u00e4rungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der moralische Furor im Kulturbetrieb treibt absurde Bl\u00fcten. 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