{"id":1077878,"date":"2026-06-08T02:20:55","date_gmt":"2026-06-08T02:20:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1077878\/"},"modified":"2026-06-08T02:20:55","modified_gmt":"2026-06-08T02:20:55","slug":"kommt-ein-pferd-in-die-oper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1077878\/","title":{"rendered":"Kommt ein Pferd in die Oper\u2026"},"content":{"rendered":"<p><img width=\"2560\" height=\"1559\" data-tgpli-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/FlorentinerHut_KHP_20_c_Mark_Schulze_Steinen-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-19705\" data-tgpli-  data-tgpli-inited=\"\" data-tgpli-image-inited=\"\" id=\"tgpli-6a262704bb857\"\/>Sommertheater in der Semperoper: \u00bbDer Florentiner Hut\u00ab von Nino Rota. Im Bild: Piotr Buszewski (Fadinard), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny) \u00a9 Semperoper Dresden, Foto: Mark Schulze Steinen<\/p>\n<p>An einem Haus wie der Semperoper gibt es nat\u00fcrlich viel mehr als Mozart, Verdi und Wagner. Muss es an einem so gro\u00dfen Haus ja auch geben! Hin und wieder kommen dort selbst Rarit\u00e4ten auf die B\u00fchne, also nicht nur ausgew\u00e4hlte Ur-, sondern auch Erstauff\u00fchrungen wie jetzt zum Beispiel die 1955 am Teatro Massimo in Palermo uraufgef\u00fchrte Oper \u00bbDer Florentiner Hut\u00ab des italienischen Komponisten Nino Rota. Diese auf einem fr\u00fchen franz\u00f6sischen Lustspiel basierende Oper war zugleich die letzte gro\u00dfe Musiktheaterproduktion der zu Ende gehenden Spielzeit 2025\/26.<\/p>\n<p>Es war eine etwas \u00fcberraschende Produktion, obwohl es sich ja keineswegs um einen unbekannten Komponisten handelt. Denn die Musik von Nino Rota ist sicherlich vielen Menschen im Ohr, er gilt aber vor allem als Filmkomponist und weniger als ein Mann der Oper. Nino Rota hat rund 150 Filmkompositionen verfasst und vor allem f\u00fcr Federico Fellini gearbeitet (u.a. \u00bbLa Strada\u00ab, \u00bbLa dolce Vita\u00ab, \u00bb8\u00bd\u00ab), f\u00fcr Lucchino Visconti (\u00bbRocco und seine Br\u00fcder\u00ab, \u00bbIl Gattopardo\u00ab) sowie f\u00fcr Francis Ford Coppola (\u00bbDer Pate\u00ab) und viele andere. Neben diesen ber\u00fchmt gewordenen Filmmelodien schuf er aber auch Ballett- und B\u00fchnenmusiken, einige Konzertst\u00fccke sowie Kammermusik und nicht weniger als zehn Opern.<\/p>\n<p>Eine davon ist \u00bbDer Florentiner Hut\u00ab, den Nino Rota auf ein gemeinsam mit seiner Mutter Ernesta Rota Rinaldo verfasstes Libretto komponiert hat. Semperoper-Intendantin Nora Schmid hatte das St\u00fcck vor etwa drei Jahren von Regisseur Bernd Mottl an ihrer vorherigen Wirkungsst\u00e4tte Graz inszenieren lassen und diese beim Publikum wohl bestens angekommene Produktion nun als \u00dcbernahme (und Mottls Hausdeb\u00fct an der Semperoper) nach Dresden geholt.<\/p>\n<p>Ein Remake also, das nicht nur dem Spardiktat einer Gro\u00dfen Aufr\u00fcstungs-Koalition Folge leistet, sondern auch in friedlicheren Zeiten dem Gebot der Vernunft gefolgt w\u00e4re, indem eine gelungene Opernproduktion durchaus an verschiedenen Orten gezeigt werden sollte. H\u00f6rens- und sehenswert ist \u00bbDer Florentiner Hut\u00ab in der Tat, obgleich der Inhalt dieser 1944\/45 entstandenen musikalischen Farce, einer Farsa musicale, gar nicht so leicht zu beschreiben ist. Die Kurzfassung k\u00f6nnte so gehen: Kommt ein Pferd in die Oper und frisst einen Hut\u2026<\/p>\n<p>Wer aber versucht, etwas mehr in die Tiefe und ins Detail zu gehen, ger\u00e4t rasch ins Schlingern. Bei diesem Hut geht es nat\u00fcrlich um einen Florentiner Hut, einen Strohhut, wie ihn der Originaltitel \u00bbIl cappello di paglia di Firenze\u00ab bezeichnet. Diesen Hut tr\u00e4gt eine verheiratete Dame just bei einem Stelldichein mit ihrem Liebhaber, einem frechen Offizier. Wie immer schon und immer wieder, so auch heute (wir sollten endlich daraus lernen!), ist an allem \u00dcbel der Welt das tumbe Milit\u00e4r schuld.Just dieser Offizier fordert auch noch Ersatz f\u00fcr den Hut, damit der durch ihn geh\u00f6rnte Ehemann vom Betrug nichts merkt. Dummerweise hat der Besitzer des Pferdes (das in der Oper gl\u00fccklicherweise gar nicht erst auftritt), ein Mann namens Fadinard, \u00fcberhaupt keine Zeit, da am selben Tag seine Hochzeit bevorsteht. Dieser Mann aus Paris will ein M\u00e4dchen vom Lande heiraten, Elena, deren Vater ihn zwar nicht leiden kann, der aber trotzdem mit gro\u00dfem Gefolge in die Stadt kommt, vom Debakel um den Hut aber nat\u00fcrlich nichts wissen darf, da sich die betr\u00fcgerische Dame \u2013 nun allerdings ohne Hut \u2013 mitsamt dem schuldigen Offizier in Fadinards Haus aufh\u00e4lt. Soweit alles klar?<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einem Ersatz f\u00fcr den angefressenen Hut wird es aber noch sehr viel krasser. Zum b\u00f6sen Schwiegervater in spe kommen ein schwerh\u00f6riger Onkel, die Rachsucht des betrogenen Ehemanns, zudem ein Paar viel zu enger Schuhe, ein pl\u00f6tzlicher Regenguss in der Nacht, ein Aufenthalt im Gef\u00e4ngnis und um die ihren Schlaf gebrachten braven B\u00fcrger hinzu \u2026 Die ganze Florentiner Rota-Geschichte voller Geschichten kann gar nicht nacherz\u00e4hlt werden, man muss sie erleben. Und ein Besuch dieser Neuinszenierung sin unbedingt empfohlen! Denn die Semperoper hat damit eine Art Sommertheater auf die B\u00fchne gebracht, das durchweg unterhaltsam ist, wenngleich manchmal albern, dann aber gleich derart \u00fcberzogen, dass niemand pikiert davon sein sollte. Die Akteure spielen wunderbar mit, angetrieben vom Tempo der Musik, die von der S\u00e4chsischen Staatskapelle unter der Leitung des Italieners Daniele Squeo sehr mitrei\u00dfend umgesetzt wurde.<\/p>\n<p>Regie und Ausstattung \u2013 von B\u00fchnenbildner Friedrich Eggert und Kost\u00fcmbildner Alfred Mayerhofer \u2013 tragen mit dazu bei, dass diese Produktion zur Premiere so gut ankam. Die B\u00fchne ist mit \u00fcberdimensional gro\u00dfen Hutschachteln vollgestellt, die Gassen und H\u00e4user sowie Salons und Schlafzimmer darstellen. Schade nur, dass niemand darauf geachtet hat, wie stark der Blick auf die B\u00fchne von den R\u00e4ngen aus eingeschr\u00e4nkt ist. Da helfen dann auch die \u00dcbertitel dieser italienischen Oper mit dem Spielort Paris nicht sehr viel.<\/p>\n<p>Musikalisch aber hat diese Premiere umso mehr \u00fcberzeugt: Piotr Buszewski, Fadinard, ist ein liebestoller Tenor par excellence, samtig und schneidig, spielerisch \u00e4u\u00dferst agil. Die wunderbare Rosalia Cid gilt als seine Elena das M\u00e4dchen vom Lande, spielt bewusst etwas tapsig und ist stimmlich absolt brillant. Ebenso Valerie Eickhoff als betr\u00fcgende Anaide und Marie Therese Carmack als herrlich exaltierte Baronin. Gro\u00dfartig auch die beiden Buffo-Partien von Schwiegervater und geh\u00f6rntem Ehemann, da werfen sich Alexander Grassauer und Neven Crni\u0107 t\u00fcchtig ins Zeug.<\/p>\n<p>Sie werden zum Ende \u2013 nachdem in Nino Rotas Musik Anleihen aus Operette und Filmmusik, Zitate von Johann Strau\u00df, Richard Wagner und anderen zu h\u00f6ren gewesen sind \u2013 ebenso gefeiert wie die weiteren Solistinnen und Solisten, die Damen und Herren der Opernchores sowie die Komparserie.<\/p>\n<p>Alles in allem ist \u00bbDer Florentiner Hut\u00ab also ein vergn\u00fcgliches, nicht gerade tiefsinniges, dennoch aber sehr unterhaltsames und kurzweiliges Opernereignis.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.semperoper.de\/spielplan\/stuecke\/stid\/florentiner-hut\/62710.html#ni_ev_32688\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Termine: 6., 14., 19., 24. und 29. Juni.<\/a>\u00a0<\/p>\n<p>Der Filmkomponist Nino Rota ist in einem kleinen Begleitprogramm zu h\u00f6ren, wenn dessen Musik zu Federico Fellinis grandiosem Streifen \u00bbAmarcord\u00ab\u00a0am 16. Juni im Dresdner Zentralkino erklingen wird.<\/p>\n<p>Michael Ernst \/ \u00dcber den Autor<\/p>\n<p>Michael Ernst widmet sich privat, im Rundfunk sowie in Printmedien Literatur, Musik und Theater. Er ist an Opernh\u00e4usern und Musikfestspielen sowie als freier Autor t\u00e4tig gewesen und schreibt seit 2009 f\u00fcr \u00bbMusik in Dresden\u00ab.<\/p>\n<p>\t\t\t\t<a href=\"https:\/\/www.musik-in-dresden.de\/author\/michael\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mehr Beitr\u00e4ge von Michael Ernst<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sommertheater in der Semperoper: \u00bbDer Florentiner Hut\u00ab von Nino Rota. 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