{"id":1080836,"date":"2026-06-09T07:31:19","date_gmt":"2026-06-09T07:31:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1080836\/"},"modified":"2026-06-09T07:31:19","modified_gmt":"2026-06-09T07:31:19","slug":"wie-neandertaler-gene-unsere-reaktion-auf-dna-viren-praegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1080836\/","title":{"rendered":"Wie Neandertaler-Gene unsere Reaktion auf DNA-Viren pr\u00e4gen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Rund zwei Prozent des Erbguts heutiger Europ\u00e4er stammen von Neandertalern. Die archaischen Genvarianten beeinflussen unter anderem unser Immunsystem und helfen uns dabei, RNA-Viren abzuwehren. Doch bei DNA-Viren wie dem Epstein-Barr-Virus (EBV) haben sie offenbar den gegenteiligen Effekt: Eine Studie zeigt, dass die Neandertaler-Varianten bei heutigen Menschen mit einer erh\u00f6hten Viruslast assoziiert sind. Zugleich legen die Ergebnisse nahe, dass die gleichen Varianten in fr\u00fcherer Zeit n\u00fctzlich gewesen sein k\u00f6nnten.<\/strong><\/p>\n<p>Als Menschen und Neandertaler vor mehr als 40.000 Jahren Seite an Seite lebten, kam es immer wieder zu Kreuzungen zwischen den Schwesterarten. Auf diese Weise gelangten Gene der Neandertaler in unser Erbgut. Die meisten setzten sich evolution\u00e4r nicht durch, doch manche boten unseren Vorfahren Vorteile und wurden von Generation zu Generation weitervererbt. Bis heute tr\u00e4gt ein durchschnittlicher Europ\u00e4er rund zwei Prozent Neandertaler-DNA im Erbgut. Auf \u00e4hnliche Weise haben Menschen in Ozeanien etwa zwei bis vier Prozent ihrer Genvarianten von einer weiteren Fr\u00fchmenschenart geerbt, den Denisova-Menschen.<\/p>\n<p>Fr\u00fchere Studien haben bereits gezeigt, dass einige der archaischen Genvarianten bis heute aktiv sind und unter anderem unseren Stoffwechsel und unser Immunsystem beeinflussen. Wer beispielsweise Neandertaler-Varianten in wichtigen Immungenen tr\u00e4gt, ist besser gegen RNA-Viren gewappnet, kann also Krankheiten wie Influenza und Hepatitis besser abwehren. Wie sich die archaischen Varianten dagegen auf die Immunreaktion gegen\u00fcber DNA-Viren auswirken, war bislang unklar.<\/p>\n<p>Schw\u00e4cherer Schutz statt st\u00e4rkerer Abwehr<\/p>\n<p>Um diese Frage zu beantworten, hat ein Team um Rutvi Rajpara von der Universit\u00e4t Tartu in Estland nun untersucht, inwieweit archaische Genvarianten die DNA-Viruslast beeinflussen. Viele DNA-Viren, darunter die Herpesviren, verbleiben nach einer Infektion lebenslang im K\u00f6rper \u2013 meist ohne Symptome zu verursachen. Die Viruslast gibt dar\u00fcber Aufschluss, wie gut das Immunsystem diese Viren in Schach h\u00e4lt. F\u00fcr ihre genomweite Assoziationsstudie nutzten die Forschenden Daten aus der UK Biobank, einer der weltweit gr\u00f6\u00dften biomedizinischen Forschungsdatenbanken, die Gesundheits- und Genomdaten von etwa einer halben Million Freiwilligen umfasst.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stie\u00dfen Rajpara und ihr Team auf 18 signifikante Assoziationen zwischen archaischen Genvarianten und der Belastung mit verschiedenen DNA-Viren, darunter mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) und dem Humanen Herpesvirus 7 (HHV-7). Doch anders als erwartet hatten die Neandertaler- und Denisova-Varianten keine sch\u00fctzende Wirkung, sondern waren stattdessen sogar mit einer erh\u00f6hten Viruslast assoziiert. \u201eUnsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass von Neandertalern stammende Varianten bei heutigen Menschen m\u00f6glicherweise keinen wirksamen Schutz gegen verschiedene DNA-Viren bieten\u201c, sagt Rajparas Kollege Michael Dannemann. \u201eDies steht in krassem Gegensatz zu den zuvor berichteten positiven Effekten auf die Immunit\u00e4t gegen RNA-Viren.\u201c<\/p>\n<p>Evolution\u00e4rer Wandel<\/p>\n<p>Doch warum konnten sich diese archaischen Genvarianten trotz ihres nachteiligen Effekts bis heute durchsetzen? Aus Sicht der Forschenden liegt die Erkl\u00e4rung wahrscheinlich darin, dass sich die Viren seit der Zeit der Neandertaler deutlich ver\u00e4ndert haben. \u201eDie pathogene Landschaft, mit der Neandertaler vor Zehntausenden von Jahren konfrontiert waren, d\u00fcrfte sich stark von derjenigen unterschieden haben, mit der wir heute konfrontiert sind\u201c, erkl\u00e4rt Dannemann. \u201eEine Variante, die in der Vergangenheit die Viruslast verringert hat, kann sie heute erh\u00f6hen.\u201c<\/p>\n<p>Einen Hinweis auf einen solchen Wandel fanden die Forschenden bei der n\u00e4heren Analyse einer der betroffenen Regionen im Genom. Eine der identifizierten archaischen Varianten kam noch vor etwa 10.000 Jahren doppelt so h\u00e4ufig vor wie heute. \u201eDie hohe Verbreitung vor etwa 10.000 Jahren deutet darauf hin, dass dieser Haplotyp urspr\u00fcnglich einer positiven Selektion unterlag\u201c, erkl\u00e4ren die Rajpara und ihre Kollegen. \u201eIn den letzten 10.000 Jahre hat der kulturelle \u00dcbergang zur Landwirtschaft m\u00f6glicherweise die Exposition gegen\u00fcber Krankheitserregern ver\u00e4ndert.\u201c In der Folge wurde die urspr\u00fcnglich n\u00fctzliche Genvariante eher hinderlich, was zu einer starken negativen Selektion f\u00fchrte.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Ergebnisse er\u00f6ffnen eine neue Perspektive auf die Rolle archaischer DNA bei der Pr\u00e4gung der antiviralen Immunit\u00e4t\u201c, fasst das Forschungsteam zusammen. \u201eSie legen nahe, dass sich die Merkmale der Immunantwort je nach Virustyp unterscheiden k\u00f6nnen und dass bestimmte Immunkomponenten bei den archaischen Menschen m\u00f6glicherweise besser oder schlechter daf\u00fcr ger\u00fcstet waren, mit spezifischen viralen Herausforderungen fertig zu werden.\u201c<\/p>\n<p>Quelle: Rutvi Rajpara (Universit\u00e4t Tartu, Estland) et al., Genome Biology and Evolution, doi: <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/gbe\/article\/18\/5\/evag110\/8664352\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">10.1093\/gbe\/evag110<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-meta meta-small\"> \u00a9 wissenschaft.de &#8211; Elena Bernard<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Rund zwei Prozent des Erbguts heutiger Europ\u00e4er stammen von Neandertalern. 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