{"id":1082583,"date":"2026-06-10T00:06:23","date_gmt":"2026-06-10T00:06:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1082583\/"},"modified":"2026-06-10T00:06:23","modified_gmt":"2026-06-10T00:06:23","slug":"kunst-im-schloss-bellevue-hilfe-wir-haben-den-praesidenten-geschrumpft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1082583\/","title":{"rendered":"Kunst im Schloss Bellevue: Hilfe, wir haben den Pr\u00e4sidenten geschrumpft"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph article__item\">Hallo! Haaallo! HAAALLO! Irgendwer ruft da, immer wieder t\u00f6nt ein suchendes, schon ziemlich heiseres Hallo durch das Foyer von Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespr\u00e4sidenten in Berlin. Es kommt aus der hinteren linken Ecke der Eingangshalle, aus genau jener Ecke also, wo sich auch die T\u00fcr zum Amtszimmer von <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/frank-walter-steinmeier\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Frank-Walter Steinmeier<\/a> befindet. Braucht da jemand Hilfe? Der Bundespr\u00e4sident selbst?\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Wer dem \u00bbHallo\u00ab folgt, bemerkt, dass es durch ein kleines Gitter am Boden schallt, aus den Heiz- und Bel\u00fcftungseingeweiden des Schlosses. Nur ein sehr kleiner Bundespr\u00e4sident w\u00fcrde da hineinpassen. Tats\u00e4chlich ist unter dem Gitter ein Lautsprecher versteckt, der die Tonspur eines Films abspielt, mit dem der K\u00fcnstler Jochen Gerz 1972 eine seiner Performances dokumentiert hat: Rufen bis zur Ersch\u00f6pfung lautet der Titel dieses Werks, der den fast zwanzigmin\u00fctigen Vorgang auch passend beschreibt. Gerz ist eines von zwanzig Mitgliedern der <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/berliner-akademie-der-kuenste\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Berliner Akademie der K\u00fcnste<\/a>, die ab dem 13. Juni f\u00fcr zwei Wochen ihre Kunst im Schloss Bellevue zeigen. Es ist eine sogenannte Pop-up-Ausstellung, eine Zwischennutzung der repr\u00e4sentativen R\u00e4ume des Amtssitzes, bevor das Schloss f\u00fcr acht Jahre saniert und renoviert wird. Der Eintritt in den <a href=\"https:\/\/freiraum-kunst.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">\u00bbFreiraum Kunst\u00ab<\/a>, so hei\u00dft die Ausstellungsaktion, ist gratis und der Ansturm auf die Onlinetickets so gro\u00df, dass er kurz die Server zusammenbrechen lie\u00df. Angezogen wird das Publikum vermutlich nicht nur von der Kunst eines Jochen Gerz, sondern von der M\u00f6glichkeit, einmal dort herumlaufen zu d\u00fcrfen, wo sonst K\u00f6nige und Pr\u00e4sidentinnen empfangen werden.\u00a0\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">In dem gr\u00f6\u00dften Saal hingen bislang zwei gigantische Kissenbilder von Gotthard Graubner, abstrakte Farbfl\u00e4chen in Lila und Gelb, die der Maler 1988 vor Ort im Auftrag des damaligen Bundespr\u00e4sidenten Richard von Weizs\u00e4cker gemalt hatte. Jetzt sieht man an den W\u00e4nden nur noch Bohrl\u00f6cher und leichte Verdunklungen, die den Umriss der volumin\u00f6sen Bilder erahnen lassen. Projiziert wird auf diese Wand, vor der Kanzler ernannt und Minister entlassen wurden, die Videoarbeit Capable von Ay\u015fe Erkmen. Erkmen hat schon 2019 mit einer Bitmoji-App Avatare ihrer selbst produziert, man sieht ihr Comic-Ich Dinge tun, die ihr wahres Ich nicht beherrscht. Beispielsweise Tuba spielen. Oder auf einem Teppich fliegen. Im Schloss Bellevue beantwortet ihr Avatar die Frage nach dem \u00bbWhy\u00ab, dem gro\u00dfen Warum \u2013 indem das Erkmen-Emoji entschuldigend die H\u00e4nde hebt.\n<\/p>\n<p>                            Frank-Walter Steinmeier verteidigte am Montag vor der Presse die Freiheit der Kunst \u2013 in seinem R\u00fccken Monica Bonvicinis Collage \u00bbHard String\u00ab von 2017.            \u00a9\u00a0Courtesy the artist\/\u200b VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Markus Schreiber\/\u200bAP\/\u200bdpa<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Denn darum geht es hier, sagt Anh-Linh Ngo, der als Vizepr\u00e4sident der Akademie der K\u00fcnste die kurzfristig einberaumte Ausstellung mitkuratiert hat: Die Kunst soll und kann keine eindeutigen Antworten, keine Erkl\u00e4rungen und keine politischen Parolen liefern. Diese Ausstellung, bei der die leer ger\u00e4umten S\u00e4le des Schlosses mindestens ebenso wichtig sind wie die Kunst selbst, m\u00f6chte vielmehr ein Augentraining sein, der Versuch, den von der Politik verlassenen Raum einmal anders zu betrachten. Die Kunst darf wieder das leisten, so der Wunsch der Kuratoren, was sie am besten kann: die Urteilskraft st\u00e4rken. Durch blo\u00dfes Anschauen und Dar\u00fcberreden.\n<\/p>\n<p>                            Da war Bellevue noch m\u00f6bliert: Wolfgang Tillmans Foto \u00bbSchlossbesuch, 2026\u00ab h\u00e4ngt nun an einer der kahlen W\u00e4nde.<br \/>\n            \u00a9\u00a0Courtesy the artist\/\u200b VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Wolfgang Tillmans<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Einen der kahlen R\u00e4ume, aus denen die bisher hier h\u00e4ngenden Gem\u00e4lde, die Teppiche und M\u00f6bel eingelagert wurden, hat der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/26\/wolfgang-tillmans-centre-pompidou-paris-kunstmuseum-ausstellung\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Fotograf Wolfgang Tillmans<\/a> \u00fcbernommen. Auch er zeigt \u2013 neben seinen abstrakten Farbspielen auf Fotopapier \u2013 zwei Szenen von einem Strand am Teufelssee im Berliner Grunewald, wo sich die Menschen und Geschlechter friedlich auf einer gr\u00fcnen Wiese lagernd mischen. Auf einem gro\u00dfformatigen Abzug portr\u00e4tiert Tillmans dazu einen Bund Spargel, doch anders als auf den ber\u00fchmten Spargelgem\u00e4lden von \u00c9douard Manet aus dem Jahr 1880 ist der Spargel bei Tillmans gr\u00fcn, krumm gewachsen und wird von einem zarten, pinken Gummiband zusammengehalten. Auch dieses Spargelbild kann als Gesellschaftsportr\u00e4t gelesen werden, schaut man es nur lang genug an. Genauso wie die in Bronze gegossene japanische Sexpuppe, die Alexandra Bircken auf eine Stahlkonstruktion mit Eisenr\u00e4dern gesetzt hat und als eine feministische Kritik an der Zurichtung von Frauenk\u00f6rpern durch den Blick von M\u00e4nnern verstanden werden kann.\n<\/p>\n<p>                            Alexandra Bircken hat \u00bbTrolley I mit Eva\u00ab, eine Installation von 2026 mit einer in Bronze abgegossenen Sexpuppe, in den pr\u00e4sidialen Amtssitz gestellt.            \u00a9\u00a0Courtesy the artist\/\u200b VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Tobias Timm\/\u200b DIE ZEIT<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">In dem einzigen Raum, der in den kommenden Wochen eventuell noch f\u00fcr offizielle Termine genutzt werden soll und deshalb urspr\u00fcnglich frei von Kunst bleiben sollte, hat die K\u00fcnstlerin Karin Sander einen \u2013 hallo! \u2013 tats\u00e4chlich sehr kleinen Bundespr\u00e4sidenten auf einen Sockel gestellt: Frank-Walter Steinmeier im Ma\u00dfstab 1:5. Die repr\u00e4sentative Staatsmacht im Puppenformat. Doch ist Steinmeier hier schon total ergraut, nicht nur das Haar, sondern der gesamte K\u00f6rper in Graustufen 3D-gedruckt. Wom\u00f6glich soll diese Farbwahl an Marmor erinnern, der kleinen Figur einen ironisch-monumentalen Touch geben. Die Farblosigkeit wirkt aber auch wie ein ziemlich b\u00f6ser Kommentar auf Steinmeier selbst.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">\u00bbEine Demokratie ohne freie Kunst verliert die F\u00e4higkeit zur Selbstkritik. Und eine Kunst ohne Freiheit verliert ihre gesellschaftliche Relevanz\u00ab, sagte Steinmeier am Montag bei der Pressevorbesichtigung der Ausstellung. \u00bbWir haben niemandem Vorschriften gemacht\u00ab, bekr\u00e4ftigte der Akademiepr\u00e4sident Manos Tsangaris, die K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler h\u00e4tten v\u00f6llige Freiheit gehabt. Die Freiheit der Kunst leide \u00fcbrigens auch dann, so Tsangaris, wenn sie nur noch als \u00bbIllustrationsmittel\u00ab f\u00fcr gesellschaftspolitische Thesen missbraucht werde.\n<\/p>\n<p>                            Mitarbeiter des K\u00fcnstlers Christian Awe gestalteten das weithin sichtbare Dach von Schloss Bellevue um.            \u00a9\u00a0Bernd von Jutrczenka\/\u200bdpa<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ein wenig also wie die Arbeit des K\u00fcnstlers Christian Awe.\u00a0Als \u00fcberdeutliche Illustration der Freiheit der Kunst hat er das Dach von<br \/>\nBellevue mit einer blauen Plane \u00fcberziehen lassen. Neben einigen<br \/>\nRiesenfarbklecksen schm\u00fccken jetzt die Worte: \u00bbFreiraum Kunst\u00ab das weithin<br \/>\nsichtbare Dach. Awe geh\u00f6rt mit dem Street Artist El Bocho und dem pastos<br \/>\nmalenden Christopher Lehmpfuhl zu den urspr\u00fcnglichen Ideengebern der<br \/>\nKunstzwischennutzung in Bellevue \u2013 die drei sind keine Mitglieder der Akademie,<br \/>\nsie waren als Initiatoren quasi gesetzt f\u00fcr die Auswahl. Leider erinnert Awes<br \/>\nPlane in ihrer \u00c4sthetik jetzt an die Fassadenwerbung eines Mobilfunkunternehmens.<br \/>\nWom\u00f6glich zeigt sie aber auf ganz eigene Art Wirkung auf dieser Baustelle der<br \/>\nDemokratie: als Abdichtung n\u00e4mlich. Irgendwo, so h\u00f6rte man, soll es ins Schloss<br \/>\nBellevue reinregnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hallo! Haaallo! HAAALLO! 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