{"id":108453,"date":"2025-05-13T22:43:09","date_gmt":"2025-05-13T22:43:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/108453\/"},"modified":"2025-05-13T22:43:09","modified_gmt":"2025-05-13T22:43:09","slug":"buch-abundance-warum-linke-parteien-mehr-ueberfluss-wagen-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/108453\/","title":{"rendered":"Buch \u201eAbundance\u201d: Warum linke Parteien mehr \u00dcberfluss wagen sollten"},"content":{"rendered":"<p>\u201eAufbauen, verbessern, in die H\u00e4nde spucken: Das ist sozialdemokratisch. Den G\u00fcrtel enger schnallen, nur den schmaler werdenden Kuchen penibel verteilen: Das ist es nicht.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Zugegeben: Mit diesen Worten beginnt das aktuelle Buch\u00a0\u201eAbundance\u201c (deutsch: \u00dcberfluss) von Ezra Klein und Derek Thompson\u00a0nicht. Doch es h\u00e4tte so beginnen\u00a0k\u00f6nnen. Denn das etwa 300 Seiten starke und Anfang des Jahres in den USA erschienene Werk passt gut in eine Zeit, in der sich ein sozialdemokratisch gef\u00fchrtes Bundesfinanzministerium als Investitionsministerium begreift.<\/p>\n<p>Prominente progressive Stimmen aus den USA<\/p>\n<p>Die beiden Autoren sind nicht irgendwer, sie z\u00e4hlen den zu den prominentesten progressiven Stimmen der USA. Ezra Klein ist bekannt als\u00a0Kolumnist der \u201eNew York Times\u201c sowie als Sch\u00f6pfer des Podcasts\u00a0\u201eThe Ezra Klein Show\u201c mit mittlerweile einer Fantastillion Abonnent*innen.\u00a0<\/p>\n<p>Derek Thompson ist Redakteur der Monatszeitschrift\u00a0\u201eThe Atlantic\u201c, gewisserma\u00dfen des Zentralorgans des fortschrittlichen Amerikas, das es ja immerhin auch noch gibt. Und irgendwie schafft auch er es noch, ganz nebenbei Host eines ungemein erfolgreichen Podcasts zu sein \u2013 und kluge B\u00fccher zu verfassen. Kurzum: Beide Autoren sind \u201eTitanen des fortschrittlichen Lagers\u201c. Und das ist keine Lobhudellei des Rezensenten, sondern ein Zitat vom Buchumschlag. Also bitte.<\/p>\n<p>Worum geht es nun in ihrem neuen Buch? Gleich zu Beginn findet sich eine Kurzzusammenfassung: \u201eDieses Buch ist einer einfachen Idee gewidmet: Um die Zukunft zu haben, die wir wollen, m\u00fcssen wir mehr von dem bauen und erfinden, was wir brauchen. Das war\u2019s. Das ist die These.\u201d<\/p>\n<p>Wann weniger wirklich mehr ist<\/p>\n<p>Klingt das etwa nicht revolution\u00e4r genug? Irgendwie schon. Vor allem, wenn aktuelle ideologische Entwicklungen besonders klimabewegter bundesdeutscher Linker in Rechnung gestellt werden. Dort gilt mancherorts bekanntlich schon die Bejahung von Wachstum als gef\u00e4hrlich antiquiert und \u00f6kologisch massiv \u00fcbergriffig. Denn aus der Summe eines sich selbst zur\u00fccknehmenden Wenigers soll das bessere Leben entstehen. Einfacher, ehrlicher, n\u00e4her bei sich und der Natur. So ungef\u00e4hr. Wer den Originalsound vermisst: Man kann ihn ja in jeder zweiten Talkshow nachh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Nun also Klein und Thompsons Antwort: Weniger? Ja. Weniger Armut. Weniger Stagnation. Weniger Bedenken tragen. Daf\u00fcr mehr auf den Weg bringen. Es ist, wie wenn jemand die Fenster \u00f6ffnet und mal ordentlich durchl\u00fcftet. Es ist, als w\u00fcrde jemand die Fenster \u00f6ffnen und mal ordentlich durchl\u00fcften.<\/p>\n<p>Denn das Gerede vom vermeintlich erleuchteten verantwortungsbewussten Mangel hat Folgen. Und zwar vor allem f\u00fcr eine Linke, die tats\u00e4chlich noch gesellschaftliche Mehrheiten organisieren will. Sicher, es geht den Autoren nicht um blindes Wachstum in alle Richtungen. Kein \u201eMehr\u201c als Selbstzweck. Kein \u201eDrill, baby, drill\u201c. Es geht um mehr vom Guten. Und um einen Mangel, der politisch hingenommen wird. Billige Flachbildschirme ersetzen keine \u00f6ffentliche Infrastruktur, keinen Wohnungsbau und kein funktionierendes Bildungssystem.<\/p>\n<p>Ein \u00dcberfluss, der gut f\u00fcr alle ist<\/p>\n<p>Das alles wird h\u00fcbsch formuliert: \u201eDie F\u00fclle, die wir uns vorstellen, ist nicht wahllos. Es geht nicht um ein omnidirektionales Mehr.\u201c Im fulminanten Schlusspl\u00e4doyer hei\u00dft es: \u201eEs ist das Versprechen von nicht nur mehr, sondern mehr von dem, was z\u00e4hlt.\u201c Denn\u00a0das Leitbild des \u00dcberflusses sei eben kein Abfeiern des Wachstums des Falschen. \u201e\u00dcberfluss, wie wir ihn definieren, ist ein Zustand, in dem es genug von dem gibt, was wir brauchen, um ein besseres Leben zu schaffen als das, was wir hatten. H\u00e4user. Transport. Energie. Gesundheit.\u201c<\/p>\n<p>Eine St\u00e4rke des Buches ist die fehlende Polemik. Immer wieder zeigt sich bei aller Kritik der Respekt vor den \u00dcberlegungen der anderen. Und zwar sowohl nach rechts als auch nach weiter links. Das gilt auch f\u00fcr die wachstumskritische Bewegung \u201eDegrowth\u201c (Postwachstum) und deren Sichtweise. Diese habe \u201eeinen gewissen Reiz\u201c: \u201eWir alle k\u00f6nnen einen Aspekt des globalen Produktionssystems identifizieren, der verschwenderisch, unn\u00f6tig oder sch\u00e4dlich erscheint. Das Problem ist, dass nur wenige von uns die gleichen Aspekte des globalen Produktionssystems identifizieren.\u201c Wie wahr.\u00a0<\/p>\n<p>Unn\u00f6tig und sch\u00e4dlich aber erscheinen die Folgen des Backlashes, den eine \u00fcbergriffige Transformationspolitik losgetreten hat. Und hier nehmen die beiden Autoren kein Blatt vor den Mund: \u201eDie Folge des Versuchs, ,Degrowth&#8216;-Visionen in die Tat umzusetzen, w\u00e4re eine Zukunft des populistischen Autoritarismus, der den Weg zur\u00fcck zu einem falschen Wohlstand durch Bohren und Verbrennen verfolgt.\u201c<\/p>\n<p>Die Rolle des Staates<\/p>\n<p>Um diese Vision zu verhindern, brauche es Einfallsreichtum, Erfindergeist, Technikoffenheit und das \u201eGeschenk der reichlichen Energie\u201c, das auch eine Nutzung der Kernkraft umfasse.<\/p>\n<p>Sicher: Auch dem Staat kommt eine wichtige Rolle zu. Doch, und auch das ist eine St\u00e4rke des Buches, was daraus folgt, ist eben kein schon hundertmal geschriebenes Pl\u00e4doyer f\u00fcr den starken Staat, der alles richtet. \u201eSeien wir nicht naiv\u201c, hei\u00dft es an einer Schl\u00fcsselstelle: \u201eEs ist kindisch, die Regierung zum Problem zu erkl\u00e4ren. Es ist genauso kindisch, die Regierung zur L\u00f6sung zu erkl\u00e4ren. Die Regierung kann entweder das Problem oder die L\u00f6sung sein, und oft beides.\u201c<\/p>\n<p>Die Autoren befassen sich dabei immer wieder mit dem Beispiel Kaliforniens, das in der US-Debatte nicht nur in rechten Echokammern vom \u201eGolden State\u201c zu einem verlotterten Schreckensbeispiel verkommen ist. Kalifornien ist dort, wo nichts funktioniert, wo Hochgeschwindigkeitsz\u00fcge noch in der Planungsphase stecken, wenn die Architekten l\u00e4ngst das Zeitliche gesegnet haben, und das einzige Resultat ein Milliardengrab f\u00fcr Steuergelder darstellt.\u00a0<\/p>\n<p>Kalifornien: Ein Staat voller Widerspr\u00fcche<\/p>\n<p>Kalifornien ist auch dort, wo Anti-Trump-Wahlkampfschilder im millionenschweren Vorgarten erkl\u00e4ren, \u201eLiebe ist Liebe\u201c und \u201eWissenschaft ist Wissenschaft\u201c. Und wo zugleich die Obdachlosenzahl explodiert, weil die Bewohner*innen der Nobelvororte jeden Neubau in der eigenen Nachbarschaft zu verhindern wissen. Und ja: Das seit Jahrzehnten demokratisch regierte Kalifornien ist dort, wo massive Abwanderung in republikanisch regierte Bundesstaaten zu verzeichnen ist.<\/p>\n<p>Mit diesem Befund legen die Autoren keinen Finger, sondern einen ganzen Arm in eine Wunde. Sie belegen wieder und wieder, wie Vorschriften und Regularien \u00fcber das Ziel hinausschie\u00dfen, Innovation und Wachstum verhindern und mittlerweile h\u00e4ufig nur noch einen sch\u00e4dlichen Status quo zementieren.<\/p>\n<p>Doch was bedeutet das f\u00fcr linke Kr\u00e4fte, die sich bekanntlich mancherorts insbesondere dann als selbstwirksam empfinden, wenn mal wieder ein halbes Dutzend Paragrafen in Gesetzesform gegossen wurden? Tats\u00e4chlich belegen Regulierungen immer wieder den Erfolg progressiver Politik gegen die Macht des St\u00e4rkeren.<\/p>\n<p>Kann der Linke der Kurswechsel in Richtung \u201e\u00dcberfluss\u201c tats\u00e4chlich gelingen? Klar ist: Den Autoren geht es nicht um Laissez-faire, sondern um Wachstum, das den Menschen zugutekommt, also eben nicht allein dem einen oberen Prozent der Status-quo-Verteidiger*innen.<\/p>\n<p>Wie man gef\u00e4hrliche politische Bewegungen bek\u00e4mpft<\/p>\n<p>Das aber hat auch parteipolitische Dimensionen, an die die Autoren mit einer simplen Wahrheit erinnern: \u201eEine gute M\u00f6glichkeit, die gef\u00e4hrlichsten politischen Bewegungen zu marginalisieren, besteht darin, den eigenen Erfolg zu beweisen.\u201c Wie wahr.\u00a0Und zwar nicht mit leerem Gerede, sondern mit einem Aufbruch in ein besseres Leben, erm\u00f6glicht durch Investitionen, Innovationen und Inspiration.\u00a0<\/p>\n<p>\u201e\u00dcberfluss\u201c von Ezra Klein und Derek Thompson: Ein ganz und gar nicht \u00fcberfl\u00fcssiges Werk, dem viele Leser*innen zu w\u00fcnschen sind.<\/p>\n<p><strong>Ezra Klein und Derek Thompson: Abundance. How We Build a Better Future, Avid Reader Press\/Simon &amp; Schuster, 2025, 304 Seiten.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eAufbauen, verbessern, in die H\u00e4nde spucken: Das ist sozialdemokratisch. 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