{"id":1084942,"date":"2026-06-10T22:33:17","date_gmt":"2026-06-10T22:33:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1084942\/"},"modified":"2026-06-10T22:33:17","modified_gmt":"2026-06-10T22:33:17","slug":"wim-wenders-alte-filmszene-entfacht-neue-debatte-um-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1084942\/","title":{"rendered":"Wim Wenders: Alte Filmszene entfacht neue Debatte um Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p>Wim Wenders steht unter Druck. Soll er die Bettszene mit der damals 13-j\u00e4hrigen Nastassja Kinski entfernen? Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises gesteht er seine Ratlosigkeit. Dabei ist die Antwort klar.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Auf der B\u00fchne steht Wim Wenders, mittlerweile 80, der \u201eletzte der Mohikaner des Neuen Deutschen Films\u201c, wie er sich nennt, es geht ihm gut, seine j\u00fcngste Oscar-Nominierung ist gerade zwei Jahre her, sein neuster Film \u00fcber den Architekten Peter Zumthor beendet, er hat das wundersch\u00f6ne Deb\u00fct von Katharina Rivilis produziert (\u201eI\u2019ll Be Gone in June\u201c), er wird mit Ehrungen \u00fcberh\u00e4uft, und jetzt h\u00e4lt er die Lebenswerk-Lola der Filmakademie in den H\u00e4nden. <\/p>\n<p>Aber er hat etwas auf dem Herzen, etwas Ernstes, das bei solchen Jubelveranstaltungen eigentlich keinen Platz hat, und Wenders redet nicht um den hei\u00dfen Brei herum. Es geht um den Film \u201eFalsche Bewegung\u201c, den er vor mehr als 50 Jahren gedreht hat: \u201eEs gibt gegen diesen Film ein Aufbegehren\u201c, berichtet er, \u201edass man eine Szene schneiden m\u00f6ge, eine Szene mit der 13-j\u00e4hrigen Nastassja Kinski, die mit blo\u00dfem Oberk\u00f6rper gefilmt wurde.\u201c Kinski fordert das seit einigen Jahren, zun\u00e4chst diskret, dann zunehmend \u00f6ffentlich und seit Neuestem mithilfe des Anwalts Christian Schertz, des vielleicht sch\u00e4rfsten der Medienbranche. <\/p>\n<p>\u201eFalsche Bewegung\u201c ist die Verfilmung eines Peter-Handke-Romans, und der wiederum beruht auf Goethes \u201eWilhelm Meister\u201c. Ein junger Mann, der Schriftsteller werden m\u00f6chte, geht auf Reise quer durch Deutschland, um an Menschenkenntnis zu gewinnen, doch bei allen Bekanntschaften scheitert er kl\u00e4glich, weil sie sich ihm nicht wirklich \u00f6ffnen. Unter seinen Mitreisenden befindet sich eine junge Artistin namens Mignon, die jongliert und Rad schl\u00e4gt und stumm ist und ihm vielleicht gerade deshalb am n\u00e4chsten kommt; eines Nachts besucht er ihr Zimmer, in dem sie nur mit einem Slip bekleidet auf dem Bett liegt, er zieht sich bis auf die Unterhosen aus und legt sich auf sie, sie zieht ihn mit den Armen an sich, doch er entwindet sich, gibt ihr eine Ohrfeige und streichelt das Gesicht. Ende der zweimin\u00fctigen Szene, Schnitt.<\/p>\n<p>Der \u201eseri\u00f6se\u201c Film der Siebzigerjahre besch\u00e4ftigte sich gern mit Kindfrauen. In \u201eDas M\u00e4dchen am Ende der Stra\u00dfe\u201c (1976) erh\u00e4lt eine 13-J\u00e4hrige (Jodie Foster) sexuelle Avancen von einem jungen Mann (Martin Sheen), in \u201ePretty Baby\u201c (1978) lebt eine Zw\u00f6lfj\u00e4hrige (Brooke Shields) in einem Bordell wie in einer Gro\u00dffamilie. Zwei Jahre nach Wenders drehte die nun 15-j\u00e4hrige Nastassja Kinski Nacktszenen in dem Tatort \u201eReifezeugnis\u201c und im folgenden Jahr \u201eLeidenschaftliche Bl\u00fcmchen\u201c, worin f\u00fcnf Freundinnen ihre Jungfr\u00e4ulichkeit loszuwerden versuchen.<\/p>\n<p>\u201eIch bin mit den weiblichen Darstellerinnen ein Sp\u00e4tz\u00fcnder\u201c, sagt Wenders an diesem Abend mit der Lola in der Hand. \u201eIch habe als 27-j\u00e4hriger das Privileg gehabt, mit Senta Berger arbeiten zu d\u00fcrfen (in \u201eDer scharlachrote Buchstabe\u201c, ein Jahr vor \u201eBewegung\u201c, d. Red.), und ich habe es versiebt \u2026 Ich kannte die Seele einer Frau nicht.\u201c Er hat dann fast zehn Jahre lang nur mit M\u00e4nnern gedreht und deren Rollenbild infrage gestellt: \u201eDie erste Frauenrolle, bei der ich das Gef\u00fchl hatte, ihr etwas gerecht werden zu k\u00f6nnen, war Nastassja Kinski in ,Paris, Texas\u2018.\u201c Nochmals zehn Jahre sp\u00e4ter, in \u201eIn weiter Ferne, so nah!\u201c haben die beiden zum dritten Mal zusammengearbeitet, Kinski war inzwischen weltbekannt.  <\/p>\n<p>Es gab also, lange Zeit, keine Verstimmung zwischen Kinski und Wenders; im Gegenteil, \u201eParis, Texas\u201c wird als der sch\u00f6nste Film ihrer Karriere in Erinnerung bleiben. Es gab auch, lange Zeit, keine Forderung nach Entfernung der Szene aus \u201eFalsche Bewegung\u201c. M\u00f6glicherweise haben die 2013 erschienenen Erinnerungen ihrer Schwester Pola Kinski an den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater Klaus eine Rolle gespielt, Nastassjas Sicht der Dinge gesch\u00e4rft.<\/p>\n<p>\u201eAndere Sensibilit\u00e4ten\u201c<\/p>\n<p>Die Szene, sagt Wenders coram publico, \u201ew\u00fcrde ich heute nie mehr so machen. Es gibt andere Sensibilit\u00e4ten, wir leben in einer v\u00f6llig anderen Welt als vor 50 Jahren.\u201c Dem jungen Mann von vor 50 Jahren will er keinen Vorwurf machen: \u201eEr hat einen Film in seiner Zeit gedreht, und etwas anderes wollte ich nie machen, Filme, die irgendwie den Zeitgeist treffen. Aber die Frage, die sich ergibt, geht euch alle an: Wie geht man mit Filmerbe um? Darf man, kann man, soll man vielleicht eine Szene schneiden, die einer Schauspielerin wehtut?\u201c Die Antwort kann kein pauschales \u201eJa\u201c sein, sonst w\u00fcrde uns ein erklecklicher Teil der Filmgeschichte verlustig gehen.<\/p>\n<p>Wenders hat tats\u00e4chlich die Macht, diesen Schnitt zu tun, er besitzt s\u00e4mtliche Rechte an all seinen Filmen, er k\u00f6nnte den Streamern vorschreiben, welche Version sie zeigen d\u00fcrfen. Bei Amazon zum Beispiel findet sich momentan die restaurierte Fassung der Wenders-Stiftung, inklusive Nacktszene. <\/p>\n<p>Damit stellt sich allerdings gleich die weitergehende Frage: Was n\u00fctzt es? Da sind ja noch Zehntausende von DVDs, auf denen die zwei Minuten erhalten bleiben und ohne M\u00fche ins Netz zur\u00fcckbef\u00f6rdert werden k\u00f6nnen. Nichts verschwindet in unserer Zeit mehr endg\u00fcltig. <\/p>\n<p>Ziemliche Ratlosigkeit<\/p>\n<p>Es handelt sich um keine juristische Frage, selbst wenn sich ein Kniff finden sollte, damit vor Gericht zu ziehen. Der Aspekt der Kunstfreiheit w\u00e4re zu debattieren, die gewahrt bleiben muss. Wenders selbst fragt sich, ob man alte Filme \u00fcberhaupt ver\u00e4ndern darf. \u201eMein Freund Steven Spielberg hat das einmal gemacht, und das ist f\u00fcr mich ein Menetekel gewesen. Er hat in ,E.T.\u2018 all jene Szenen ver\u00e4ndert, in denen die Kinder mit schwer bewaffnetem Milit\u00e4r zu sehen waren.\u201c Die wurden digital bearbeitet, und die Soldaten tragen jetzt Funkger\u00e4te. Zehn Jahre sp\u00e4ter, so gibt Wenders Spielberg wieder, sagt der: \u201eIch kann es mir nicht verzeihen.\u201c<\/p>\n<p>Das ist tats\u00e4chlich nicht zu verzeihen. Es war eine kommerzielle Entscheidung, um den Film f\u00fcr j\u00fcngere Kinder leichter konsumierbar zu machen, es war eine woke Entscheidung, weil man glaubte, dem Publikum die schreckliche Konjunktion Waffen &amp; Kinder nicht zumuten zu k\u00f6nnen, so wenig wie den \u201eNegerk\u00f6nig\u201c bei Pippi Langstrumpf; man weigert sich, ein \u00dcbel mit Namen zu benennen und glaubt, es dadurch aus der Welt zu schaffen.<\/p>\n<p>Nun herrscht tats\u00e4chlich ziemliche Ratlosigkeit, wie man mit dem Filmerbe und Elementen darin umgehen soll, die nicht mehr heutigen Empfindlichkeiten entsprechen. Wenn Wenders daf\u00fcr das Beispiel \u201eE.T.\u201c heranzieht, ist es allerdings nicht zielf\u00fchrend, weil nicht vergleichbar. Das prim\u00e4re Problem bei \u201eFalsche Bewegung\u201c besteht nicht in der Szene selbst \u2013 Kinski k\u00f6nnte in dem Film notfalls als 16-J\u00e4hrige durchgehen \u2013, sondern in seiner Entstehung.<\/p>\n<p>\u201eFalsche Bewegung\u201c wurde zwischen September und November 1974 gedreht, Kinski im Januar 1961 geboren. \u00dcber die fragliche Szene sagt sie im \u201eSZ\u201c-Interview: \u201eObwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war.\u201c Wenders habe sie nicht besch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die \u2013 ungekl\u00e4rte \u2013 Frage lautet, wer sie h\u00e4tte besch\u00fctzen k\u00f6nnen. Sicher nicht ihr Vater, der lebte mit seiner dritten Frau in Paris und drehte in Italien einen Italowestern nach dem anderen. Auch nicht dessen zweite Frau Brigitte Tocki, Nastassjas leibliche Mutter, seit f\u00fcnf Jahren von Klaus geschieden und bei den Dreharbeiten nicht pr\u00e4sent. Vielleicht Lisa Kreuzer, Wenders\u2019 damalige Lebensgef\u00e4hrtin, die Nastassja in einer Disco entdeckt hatte und bei \u201eBewegung\u201c eine Nebenrolle spielte. Es ist unbekannt, wer au\u00dfer Handke und Wenders das Drehbuch kannte, kritisierte, absegnete und damit auch die Bettszene. Regeln f\u00fcr Kinderarbeit beim Film existierten damals nicht. Was man allerdings wei\u00df, ist, dass der Neue Deutsche Film weitestgehend eine M\u00e4nnerveranstaltung war.<\/p>\n<p>\u201eIch bin mit der Frage ziemlich allein, und ich bin auch ratlos\u201c, gesteht Wenders vor der versammelten Filmelite am Berliner Funkturm ein. Es sei ja eine moralische Frage, aber sie beziehe sich eben auch auf unsere Geschichte und wie man mit ihr umgeht: \u201eEs sind Fragen, die uns alle angehen. Angenommen, ich k\u00fcrze den Film, dann ist das ein Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr jeden, dann ist es bei allen euren Filmen sp\u00e4ter m\u00f6glich. Ich m\u00f6chte das mit euch diskutieren.\u201c <\/p>\n<p>Es ist ein Angebot an die Akademie (nicht jedoch direkt an Nastassja Kinski). \u201eWas sind die gr\u00f6\u00dferen Verantwortungen?\u201c, fragt Wenders seine Kollegen rhetorisch, und er meint die gegen\u00fcber dem Kunstwerk oder dem Zeitgeist oder dem Filmerbe oder den Beteiligten. Es sind verschiedenste Arten von Verantwortung und keine greift automatisch, von Fall zu Fall eine andere. Im Fall \u201eFalsche Bewegung\u201c hat es damals an Verantwortung gefehlt, und deshalb muss jemand diese Verantwortung heute schultern. Es w\u00e4re symbolisch richtig, wenn Wim Wenders \u2013 ohne jegliche Pr\u00e4zedenz \u2013 diese zwei Minuten entfernt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wim Wenders steht unter Druck. Soll er die Bettszene mit der damals 13-j\u00e4hrigen Nastassja Kinski entfernen? 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