{"id":1087035,"date":"2026-06-11T18:32:16","date_gmt":"2026-06-11T18:32:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1087035\/"},"modified":"2026-06-11T18:32:16","modified_gmt":"2026-06-11T18:32:16","slug":"eine-der-ersten-frauen-an-der-spitze-eines-museums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1087035\/","title":{"rendered":"Eine der ersten Frauen an der Spitze eines Museums\u00a0"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Sie galt als ebenso charmante wie energische Powerfrau der deutschen Museumslandschaft: Sabine Fehlemann wurde 1985 Direktor \u2013 die Bezeichnung Direktorin mochte sie gar nicht \u2013 des Von der Heydt-Museums und blieb es 21 Jahre lang. <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Weggef\u00e4hrten schildern sie als Frau voller Tatendrang, Lebenslust und sprudelnder Fantasie, von hoher Kompetenz sowieso, aber auch von z\u00e4her, zuweilen ruppiger Kompromisslosigkeit. \u201eSie war f\u00fcr niemanden bequem, weder f\u00fcr den zust\u00e4ndigen Dezernenten noch f\u00fcr den ebenfalls einflussbewussten Kunst- und Museumsverein\u201c, bilanzierte der fr\u00fchere Kulturdezernent Heinz Theodor J\u00fcchter zu ihrem Abschied 2006. \u201eManchmal stritt man sich sogar \u00f6ffentlich, aber meistens hatte das Museum am Schluss die Vorteile auf seiner Seite.\u201c Allerdings nur meistens, aber dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eDie Ausstellungser\u00f6ffnungen lie\u00dfen die Menschen sonntags in Scharen ins Museum str\u00f6men\u201c, schrieb Eberhard Robke, seinerzeit Vorsitzender des Kunst- und Museumsvereins, bei gleicher Gelegenheit. \u201eViele kamen nur, um Frau Dr. Fehlemanns Er\u00f6ffnungsreden zu h\u00f6ren \u2013 Essays von hohem kunsthistorischen Rang in einer f\u00fcr den kunstinteressierten Laien verst\u00e4ndlichen Sprache formuliert.\u201c <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Fotos legen nahe, dass sie diese Auftritte genoss, mit blitzenden Augen und oft kokettem H\u00fctchen steht sie vor der Besuchermenge. Doch auch die Schreibtischarbeit lag ihr, sie war eine viel besch\u00e4ftigte Autorin von Kunstkatalogen, K\u00fcnstlerportr\u00e4ts und Monografien. Etlichen Verb\u00e4nden und Kommissionen geh\u00f6rte sie an, war etwa als einzige Vertreterin der bildenden K\u00fcnste im Kulturrat der Expo 2000.<\/p>\n<p>Sie promovierte<br \/>\u00fcber Anton Hallmann      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ihr Lebenslauf liest sich wie ein gerader Weg nach oben, bis sie eine der ersten Frauen an der Spitze eines namhaften bundesdeutschen Museums war. Geboren wurde sie am 3.\u2005M\u00e4rz 1941 als viertes Kind des Orthop\u00e4die-Professors Hans Storck und seiner Frau Elisabeth. Nach dem Abitur war die Kunst als Berufsziel gesetzt, doch vorher machte sie eine Ausbildung zur Heilgymnastin, \u201ezur finanziellen Absicherung\u201c, so Fehlemann.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ihre Studien von 1963 bis 1967 in K\u00f6ln und M\u00fcnchen waren ein Rundumschlag in Kunstgeschichte, Philosophie, Romanistik, Arch\u00e4ologie und Musikwissenschaft, 1974 wurde sie mit einer Arbeit \u00fcber den Maler-Architekten Anton Hallmann promoviert. In die praktische Museumsarbeit stieg sie 1974 f\u00fcr drei Jahre als Volont\u00e4rin in den Staatlichen Museen Berlin ein. 1977 ging sie zum Museum Abteiberg in M\u00f6nchengladbach, profilierte sich dort beim Museumsneubau und der Pr\u00e4sentation zeitgen\u00f6ssischer K\u00fcnstler.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Voller Tatendrang kam sie 1985 in Wuppertal an, stand aber erst einmal ohne Haus da. Denn das Von der Heydt-Museum wurde von 1986 an drei Jahre umgebaut. Sabine Fehlemann nutzte die Zeit zum eindrucksvollen Werbefeldzug f\u00fcr ihre neue Wirkungsst\u00e4tte. Sie schickte 100 Meisterwerke um die Welt, unter anderem in Ascona, Madrid, Tel Aviv, Bratislava, Istanbul, Barcelona und Oklahoma k\u00fcndeten sie von der hochrangigen Sammlung in Wuppertal \u2013 und die kannten am Ende 1,3 Millionen Zuschauer.<\/p>\n<p>Sie wollte die Kunst<br \/>zum Erlebnis werden lassen      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Auch hier wusste sie zu gl\u00e4nzen. In ihren 21 Jahren an der Wupper organisierte die Frau Direktor 232 Ausstellungen, 133 davon waren lebenden K\u00fcnstlern gewidmet. Sie wollte \u201edie Kunst zum Erlebnis werden lassen\u201c \u2013 das gelang ihr gut. Denn mit ihrer facettenreichen Ausstellungspolitik zog sie rund 150\u2005000 Besucher im Jahr an, davon kann man heute nur noch tr\u00e4umen. <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Sie zeigte unter anderem international beachtete Retrospektiven von Carl Spitzweg, Max Pechstein, Egon Schiele, Max Liebermann, Wassily Kandinsky und Otto Mueller, pr\u00e4sentierte aber auch \u00f6rtliche K\u00fcnstler wie Dietrich Maus, Guido Jendritzko und Renate L\u00f6bbecke. 1997 zeigte sie Malerinnen als Wegbereiterinnen der Moderne, 1999 ging es um Rot in der russischen Kunst, 2001 um Fotos aus 100 Jahren Schwebebahn.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Zum 100-j\u00e4hrigen Bestehen des Museums krempelte Fehlemann die st\u00e4ndige Sammlung um, provozierte einen neuen Blick. Denn sie pr\u00e4sentierte die Werke dicht an dicht neben- und \u00fcbereinander in Petersburger H\u00e4ngung, und das nicht nach Epochen, sondern nach Themen geordnet wie \u201eArbeitswelten\u201c oder \u201eWir bitten zu Tisch\u201c.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Kunsthistorikerin hatte aber auch Sinn f\u00fcr die vermeintlich leichteren Gattungen. So widmete sie der Karikaturistin Franziska Becker im Jahr 2000 eine Ausstellung in der Kunsthalle Barmen. Wolf Erlbruch, den feinsinnigen Wuppertaler Illustrator zahlreicher Kinderb\u00fccher, holte sie 2005 ins Museum, stellte ihn in ihrer Rede in eine Reihe mit Max Ernst, Paul Klee und Alexander Calder. <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Angst vor scheinbar unpopul\u00e4ren Entscheidungen hatte sie nicht. Als sie die Bergischen L\u00f6wen vor dem Eingang durch zwei Werke von Tony Cragg ersetzte, erntete sie zun\u00e4chst einen Sturm der Entr\u00fcstung \u2013 was denn die \u201eColadosen\u201c da sollten? Die Museumschefin hielt dem stand, \u201edenn Frau Dr. Fehlemann spielte die L\u00f6win ohnehin lieber selbst\u201c, so Heinz Theo J\u00fcchter.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Angesichts des stetig sinkenden st\u00e4dtischen Etats hat sie kluge und wegweisende Entscheidungen getroffen. So band sie die Stiftungen von Wuppertaler Unternehmern eng ans Haus. Die Brennscheidt-Stiftung \u00fcbernahm ab 2003 zun\u00e4chst den gesamten Ausstellungsetat. Die Renate und Eberhard Robke-Stiftung stellt seit 2005 Mittel f\u00fcr den Ankauf von Gegenwartskunst zur Verf\u00fcgung, daf\u00fcr hatte die Stadt das Geld schon 1994 gestrichen. Und sie fand neue Einnahmequellen: rief den Museumsshop ins Leben, \u00f6ffnete das Haus f\u00fcr Trauungen und private Feiern.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das Museum und seine vorhandenen und verlorenen Werke hatten f\u00fcr sie immer Vorrang vor allem anderen. Doch in ihrer zuweilen verbissenen Kompromisslosigkeit verlor sie gelegentlich die historische Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit aus dem Blick, setzte sich zumindest moralisch ins Unrecht und schadete damit auch dem Ansehen des Museums.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Bundesweite Aufmerksamkeit erregte sie 2003 mit ihrer Weigerung, drei unter der Naziherrschaft zwangsversteigerte Werke an die Erben der j\u00fcdischen Vorbesitzer zur\u00fcckzugeben \u2013 die Pastellzeichnung von Adolph von Menzel sowie je ein Gem\u00e4lde von Hans von Mar\u00e9es und Otto Scholderer waren bei unklaren Besitzverh\u00e4ltnissen vom Museum gekauft oder ihm geschenkt worden. \u00dcber Jahre weigerte sich Fehlemann kategorisch, die Bilder zur\u00fcckzugeben. 2003 kam dann der entsprechende Ratsbeschluss, ohne sie je \u201ekonsultiert zu haben\u201c, wie sie erkl\u00e4rte. Sie wolle weiter f\u00fcr ihre Bilder k\u00e4mpfen, weil sie f\u00fcrchtet, der Rat habe \u201egetrieben von der Angst, etwas falsch zu machen\u201c, die drei Arbeiten voreilig zur\u00fcckgegeben. Man h\u00e4tte noch juristische Gutachten abwarten m\u00fcssen oder mit den Erben verhandeln k\u00f6nnen. In einer Presseerkl\u00e4rung unterstellte sie der Stadt \u201efalsch verstandenen Wiedergutmachungseifer\u201c. Zwei Jahre konnte sie die R\u00fcckgabe noch herausz\u00f6gern, dann erfolgte sie doch.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ausgerechnet auf ihrem Schreibtisch landete 1997 ein fehlgeleitetes Fax aus dem Louvre, in dem es um eine Zeichnung des Impressionisten Auguste Renoir ging. Sie sei einst im Besitz des Wuppertaler Museums gewesen und von den Franzosen \u201enach 1945 entsch\u00e4digungslos eingezogen\u201c worden.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Sabine Fehlemann fuhr undercover nach Paris und fand noch acht weitere verloren geglaubte Werke, unter anderem von Eug\u00e8ne Delacroix und Jean-Auguste-Dominique Ingres. Umgehend organisierte sie eine Pressekonferenz und erkl\u00e4rte: \u201eWir wollen die Werke wiederhaben.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ihr Museum habe die Bilder zwischen 1940 und 1942 rechtm\u00e4\u00dfig erworben. Formal schon, aber den historischen Hintergrund lie\u00df sie au\u00dfer acht: Denn unter der deutschen Besatzung war der Kunstmarkt in Frankreich ein oft rechtsfreier Raum, Tausende Kunstwerke wechselten ohne Beleg den Besitzer, Best\u00e4nde von j\u00fcdischen H\u00e4ndlern wurden beschlagnahmt. Fehlemann berief sich darauf, dass nicht alle Transaktionen kriminell gewesen seien. Doch f\u00fcr ihre Forderungen fand sie weder in der Politik noch bei Kollegen Resonanz. Die Franzosen lie\u00dfen sie ohnehin schmallippig abblitzen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Geradezu r\u00fchrend wirkt ihr Einsatz um das Gem\u00e4lde \u201eAkrobat und junger Harlekin\u201c von 1905. Es war 1911 das erste Picasso-Werk gewesen, das ein Museum gezeigt hat \u2013 der Elberfelder Museumsverein hatte es in Paris gekauft. Im Jahr 1937 wurde es von den Nationalsozialisten als \u201eentartete Kunst\u201c beschlagnahmt. Als das Gem\u00e4lde 1988 bei Christie\u2019s in die Auktion kam, sammelte die Museumschefin durchaus beeindruckende 15 Millionen Mark bei Sponsoren ein. Doch diese Summe war nur das Einstiegsgebot, verkauft wurde das Werk letztlich f\u00fcr 66 Millionen Mark an ein japanisches Unternehmen.<\/p>\n<p>2006 ging Sabine Fehlemann<br \/>in den Ruhestand       <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Als Sabine Fehlemann im April 2006 mit 65 Jahren in den Ruhestand ging \u2013 aus Altersgr\u00fcnden gehen musste, denn sie w\u00e4re gern l\u00e4nger geblieben \u2013, sprach sie von zahlreichen Anfragen f\u00fcr ihre Mitarbeit. Doch nur weniges konnte sie umsetzen. Mit gerade einmal 66 Jahren ist sie am 6. Februar 2008 an Krebs gestorben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sie galt als ebenso charmante wie energische Powerfrau der deutschen Museumslandschaft: Sabine Fehlemann wurde 1985 Direktor \u2013 die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1087036,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1840],"tags":[18063,87033,3364,29,31436,38961,34855,39100,30,29127,18517,10007,18286,2075,60222,7804,29314,230801,98882,230800,43144,4818,50482,2264,108450,140951,113174,202398,183245,141909,141907,141910,1209,230799,10421,4418],"class_list":["post-1087035","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-wuppertal","tag-kunsthalle","tag-87033","tag-de","tag-deutschland","tag-direktor","tag-direktorin","tag-entscheidungen","tag-gegenwartskunst","tag-germany","tag-ging","tag-heydt","tag-historische","tag-historischen","tag-kunst","tag-kuenste","tag-kunstgeschichte","tag-kunsthistorikerin","tag-kunsthistorischen","tag-kunstinteressierten","tag-kunstkatalogen","tag-kunstmarkt","tag-kunstwerke","tag-meisterwerke","tag-museum","tag-museums","tag-museumsarbeit","tag-museumschefin","tag-museumslandschaft","tag-museumsneubau","tag-museumsshop","tag-museumsverein","tag-museumsvereins","tag-nordrhein-westfalen","tag-sabine-fehlemann","tag-werk","tag-wuppertal"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":"Validation failed: Text character limit of 500 exceeded"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1087035","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1087035"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1087035\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1087036"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1087035"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1087035"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1087035"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}