{"id":1088129,"date":"2026-06-12T05:09:20","date_gmt":"2026-06-12T05:09:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1088129\/"},"modified":"2026-06-12T05:09:20","modified_gmt":"2026-06-12T05:09:20","slug":"der-kanzler-soll-weg-eine-frau-soll-seinen-platz-einnehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1088129\/","title":{"rendered":"Der Kanzler soll weg: Eine Frau soll seinen Platz einnehmen"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Beschauliche Stunden auf dem Bismarckplatz im Stuttgarter Westen bevor die Sonne untergeht. Es ist warm. Vor diversen Kneipen stehen St\u00fchle und Tische im Freien. Musik klingt aus Lautsprechern. Bier, Wein, Aperol oder sonst etwas wird getrunken. Aber dieses Feierabend-Vergn\u00fcgen ist nicht der Grund f\u00fcr den Besuch auf dem Platz. Es geht um dessen Namen, welchen zudem auch noch eine weiterf\u00fchrende Stra\u00dfe tr\u00e4gt. Eine \u00f6rtliche, politisch links stehende Initiative will ihn n\u00e4mlich weg haben. Sie sieht in Otto von Bismarck eine historisch vergiftete Person.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Warum aber? Als geschichtlich interessierter Mensch erlebt man beim ersten Nachfragen bei zuf\u00e4lligen Begegnungen auf dem Bismarckplatz gleich mal eine schwere Entt\u00e4uschung. \u201eBismarck? Wer war denn das? Irgendein alter Typ, oder?\u201c, kommt als Antwort von einem t\u00e4towierten P\u00e4rchen, das unweit einer Eisdiele bei der St. Elisabeth-Kirche zusammen mit zwei Kindern abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Fehlende historische Bildung<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Wobei die Tattoos nicht als Klischee f\u00fcr eher bescheidene Bildung stehen sollen. Solche K\u00f6rperkunst haben hier viele der Flanierer und Kneipeng\u00e4ste auf der Haut: Totenk\u00f6pfe, Blumen, fern\u00f6stliche Schriftzeichen. Einer hat sich sogar den kommunistischen Helden Ernesto Che Guevara auf den Oberarm stechen lassen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Fast ist man in diesem Zusammenhang froh, dass nicht auch Bismarck von einer Haut herunter gr\u00fc\u00dft, vielleicht sogar von einem blo\u00df liegenden Bierbauch aus. Aber dazu m\u00fcssten die entsprechenden Leute sowieso erst mal wissen, wer der Mensch \u00fcberhaupt war.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Ganz kurz formuliert, l\u00e4sst sich sagen, dass er ma\u00dfgeblich vor rund 150 Jahren jenes Deutsche Reich geformt hat, auf welches das moderne <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Deutschland\" data-rtr-id=\"6c48d7d5b099c64b41367070a52ae27833560fd5\" data-rtr-score=\"39.047918797702415\" data-rtr-etype=\"location\" data-rtr-index=\"33\" href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/thema\/deutschland\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Deutschland<\/a> zur\u00fcckgeht. Mit anderen Worten: Bismarck wird als Reichsgr\u00fcnder ger\u00fchmt, als jener Mann, der die deutsche Kleinstaaterei beendete.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/0c8c3367-0eef-4fc7-ae3c-68b26f688685.jpeg\" alt=\"Otto von Bismarck,\u00a0 Gr\u00fcnder und erster Kanzler des Deutschen Reiches.\" fetchpriority=\"auto\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"data:image\/svg+xml,%3csvg%20width='48'%20height='48'%20viewBox='0%200%2048%2048'%20fill='none'%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%3e%3crect%20width='48'%20height='48'%20rx='24'%20fill='white'%20fill-opacity='0.8'\/%3e%3cmask%20id='mask0_13797_3251'%20style='mask-type:alpha'%20maskUnits='userSpaceOnUse'%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%3e%3crect%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%20fill='%23D9D9D9'\/%3e%3c\/mask%3e%3cg%20mask='url(%23mask0_13797_3251)'%3e%3cpath%20d='M15%2033V25H17V29.6L29.6%2017H25V15H33V23H31V18.4L18.4%2031H23V33H15Z'%20fill='%231C1B1F'\/%3e%3c\/g%3e%3c\/svg%3e\"\/><\/p>\n<p>Otto von Bismarck,\u00a0 Gr\u00fcnder und erster Kanzler des Deutschen Reiches. (Foto: Steffen Range)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Daf\u00fcr hatte er schon zu Lebzeiten vielfache Ehrungen erhalten. Nach seinem Tod 1898 setzte sich dies fort. Wobei nicht nur Stra\u00dfen oder Pl\u00e4tze nach ihm benannt wurden. Es entstanden Denkm\u00e4ler, darunter im ganzen Reich fast zahllose sogenannte Bismarck-T\u00fcrme. Der Mann entwickelte sich zum patriotischen Mythos.<\/p>\n<p>Tausende Gedenkst\u00e4tten<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Im heutigen, nach zwei Weltkriegen wesentlich kleiner gewordenen Deutschland existieren noch rund 3000 Pl\u00e4tze, Stra\u00dfen, Denkm\u00e4ler oder Geb\u00e4ude, die seinen Namen tragen. In Stuttgart sind es neben dem Bismarckplatz die Bismarckstra\u00dfe, das dort befindliche Bismarckhaus, die Bismarckb\u00fcste in der benachbarten Vogelsangstra\u00dfe, die Bismarckschule im Stadtteil Feuerbach und der Bismarckturm auf dem G\u00e4hkopf im Norden der Stadt.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Letzteres Denkmal wurde 1904 fertiggestellt. Das im Stil der Zeit klobig gehaltene Bauwerk geht auf eine Initiative der Studentenschaft der Technischen Hochschule Stuttgart zur\u00fcck. Heutzutage ist es ein bekannter Aussichtspunkt. In lauen Sommern\u00e4chten sammelt sich beim Turm gerne wildes Party-Volk und l\u00e4sst laut Klagen von Anliegern nur zu oft seinen M\u00fcll zur\u00fcck. Zudem erinnern Graffiti daran, dass sich Schmierfinken einfinden.<\/p>\n<p class=\"tw-text-neutral-10 tw-py-2 tw-border-t tw-mb-0 tw-text-title-md tw-font-medium tw-border-solid tw-border-b-neutral-10 tw-font-primary\">Empfohlene Artikel<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Anders als beim Bismarck-Platz und der Bismarck-Stra\u00dfe scheint es aber keine Absichten zu geben, den Turm zu beseitigen. Vielleicht liegt er zu abseits. Bei einer nachmitt\u00e4glichen Stippvisite dort oben kann aber festgestellt werden, dass es eine gleiche Ignoranz wie unten in der Stadt gibt. \u201eDer Turm ist ein Denkmal? Das war mir nicht klar\u201c, sagt eine junge Frau, die sich Karla nennt. Sie sonnt sich zusammen mit einer Freundin auf einem Mauerst\u00fcck. Diese meint dann noch: \u201eVon dem Bismarck haben wir mal was in der Schule geh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Immerhin. Aber vielleicht muss man bei Bismarck doch ein wenig ausholen. Die Geschichte f\u00fchrt nicht nur ins 19. Jahrhundert, sondern ebenso ins damalige K\u00f6nigreich Preu\u00dfen, Bismarcks Heimat. Sie war neben dem \u00f6sterreichischen Habsburgerreich seinerzeit der m\u00e4chtigste deutsche Staat. Daneben gab es einige Dutzende kleinere L\u00e4nder, meist ebenso Monarchien, die mit den beiden Gro\u00dfm\u00e4chten in einem losen Bund zusammengeschlossen waren.<\/p>\n<p>Die preu\u00dfische Macht st\u00e4rken<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Vor allem im B\u00fcrgertum existierte aber der Traum von einem einigen deutschen Gesamtstaat. Dieser Traum beinhaltete auch eine republikanische Regierungsform. Er platzte jedoch mit dem Scheitern der b\u00fcrgerlichen Revolution von 1848\/49. Doch die Idee einer deutschen Einigung war nicht tot. 1862 kam Bismarck an entscheidender Stelle ins Spiel. Er wurde Preu\u00dfens Ministerpr\u00e4sident, ein Monarchist und ausgefuchster Machtpolitiker. Letzteres brachte ihm sp\u00e4ter den Ruf des \u201eeisernen Kanzlers\u201c ein.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Bismarck griff den Nationalgedanken auf. Er verstand ihn als M\u00f6glichkeit, die preu\u00dfische Macht zu st\u00e4rken. Gleich nach seinem Amtsantritt kam es in einer Rede vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin zu seinem wohl bekanntesten Zitat: \u201eNicht durch Reden und Majorit\u00e4tsbeschl\u00fcsse werden die gro\u00dfen Fragen der Zeit entschieden \u2013 das war der gro\u00dfe Fehler von 1848 und 1849 \u2013, sondern durch Eisen und Blut.\u201c<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Es folgten die drei sogenannten Einigungskriege. 1864 verdr\u00e4ngten preu\u00dfische und \u00f6sterreichische Truppen D\u00e4nemark aus Norddeutschland. 1866 kam es zum deutschen Bruderkrieg. \u00d6sterreich verlor gegen die Preu\u00dfen. Es schied aus Deutschland aus.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/87114e11-10c8-4587-8ef9-b6f34f2976f8.jpeg\" alt=\"Die Proklamation Wilhelms I. zum Kaiser im Spiegelsaal von Versailles 1871 gilt als Geburtsstunde des Deutschen Reichs. Otto von Bismarck ist in der Bildmitte in wei\u00dfer Uniform zu sehen.\" fetchpriority=\"auto\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"data:image\/svg+xml,%3csvg%20width='48'%20height='48'%20viewBox='0%200%2048%2048'%20fill='none'%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%3e%3crect%20width='48'%20height='48'%20rx='24'%20fill='white'%20fill-opacity='0.8'\/%3e%3cmask%20id='mask0_13797_3251'%20style='mask-type:alpha'%20maskUnits='userSpaceOnUse'%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%3e%3crect%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%20fill='%23D9D9D9'\/%3e%3c\/mask%3e%3cg%20mask='url(%23mask0_13797_3251)'%3e%3cpath%20d='M15%2033V25H17V29.6L29.6%2017H25V15H33V23H31V18.4L18.4%2031H23V33H15Z'%20fill='%231C1B1F'\/%3e%3c\/g%3e%3c\/svg%3e\"\/><\/p>\n<p>Die Proklamation Wilhelms I. zum Kaiser im Spiegelsaal von Versailles 1871 gilt als Geburtsstunde des Deutschen Reichs. Otto von Bismarck ist in der Bildmitte in wei\u00dfer Uniform zu sehen. (Foto: wikipedia)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Worauf der Blick nach Westen ging. Einer Einigung der verbliebenen deutschen L\u00e4nder stand nur noch das auf europ\u00e4ische Dominanz bedachte franz\u00f6sische Kaiserreich unter Napoleon III. im Wege. 1870\/71 sprachen wieder die Waffen. Unter Preu\u00dfens F\u00fchrung siegten die Deutschen. Bismarck konnte die Reichsgr\u00fcndung vollziehen. Preu\u00dfens K\u00f6nig Wilhelm I. wurde deutscher Kaiser. Bismarck r\u00fcckte zum Reichskanzler auf.<\/p>\n<p>Viel Schwertgeklirr und Pulverdampf<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">F\u00fcr heutige mitteleurop\u00e4ische Ohren mag diese Geschichte viel zu viel Schwertgeklirr und Pulverdampf beinhalten. In Bismarcks Epoche f\u00fchrten gr\u00f6\u00dfere Staaten jedoch immer wieder Krieg. Dies galt als ihr legitimes Recht. Insofern war der 1815 geborene Bismarck nur ein Kind seiner Zeit.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">So tut es beispielsweise in Frankreich dem ehrenden Gedenken an den ersten, 1821 im Exil verstorbenen Kaiser Napoleon Bonaparte keinen Abbruch, dass er unabl\u00e4ssig Schlachten geschlagen hat. Wobei dieser wilde Krieger auch eine andere Seite hatte: die des Staatsreformers. So hat er den \u201eCode Civil\u201c eingef\u00fchrt, das B\u00fcrgerliche Gesetzbuch.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Bei Bismarck l\u00e4sst sich \u00c4hnliches finden. Er wurde Sozialreformer im neu gegr\u00fcndeten Deutschen Reich. Auf ihn gehen die Kranken-, Unfallversicherung und Rentenversicherung zur\u00fcck. Wie so oft dachte Bismarck in diesem Zusammenhang strategisch. Mit diesen Wohltaten sollte der Einfluss der aufstrebenden Sozialisten auf die Arbeiterschaft einged\u00e4mmt werden.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/98bcb36a-d7cd-4cb0-a8d8-225cab82ef1b.jpg\" alt=\"Blick\u00a0 auf den Bismarckplatz in Stuttgart. Im Hintergrund ist die St. Elisabeth-Kirche zu sehen.\" fetchpriority=\"auto\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"data:image\/svg+xml,%3csvg%20width='48'%20height='48'%20viewBox='0%200%2048%2048'%20fill='none'%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%3e%3crect%20width='48'%20height='48'%20rx='24'%20fill='white'%20fill-opacity='0.8'\/%3e%3cmask%20id='mask0_13797_3251'%20style='mask-type:alpha'%20maskUnits='userSpaceOnUse'%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%3e%3crect%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%20fill='%23D9D9D9'\/%3e%3c\/mask%3e%3cg%20mask='url(%23mask0_13797_3251)'%3e%3cpath%20d='M15%2033V25H17V29.6L29.6%2017H25V15H33V23H31V18.4L18.4%2031H23V33H15Z'%20fill='%231C1B1F'\/%3e%3c\/g%3e%3c\/svg%3e\"\/><\/p>\n<p>Blick\u00a0 auf den Bismarckplatz in Stuttgart. Im Hintergrund ist die St. Elisabeth-Kirche zu sehen. (Foto: Uwe Jau\u00df)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Neben den roten Bestrebungen sah der wie die gesamte preu\u00dfische F\u00fchrung protestantisch gepr\u00e4gte Reichskanzler noch einen weiteren innenpolitischen Gegner: Katholiken. Auch deren Einfluss versuchte er zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Die Wahl der Mittel: obrigkeitsstaatliche Bedr\u00e4ngung. Was scheiterte. Bismarck akzeptierte dies.<\/p>\n<p>Ein n\u00fcchterner Machtpolitiker<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Er war ein Politiker des M\u00f6glichen, der sprichw\u00f6rtlichen n\u00fcchternen Realpolitik.\u00a0 Streit um des Streites Willen, Ideologie oder vision\u00e4re Schw\u00e4rmerei waren dagegen nicht sein Ding.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">So hat sich Bismarck in seiner Zeit als Reichskanzler bis 1890 unter anderem immer dagegen gewandt, aus nationalem \u00dcberschwang weitere Gebiete in Europa zu erobern. Das Reich sei saturiert, hie\u00df es. Sonst w\u00fcrde es an einem \u00dcberma\u00df an Feinden zugrunde gehen. Eine wahre Erkenntnis, wie der sp\u00e4tere Fortgang der Geschichte zeigte.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Anders als konkurrierende europ\u00e4ische M\u00e4chte wie etwa Frankreich oder Gro\u00dfbritannien hielt der Reichskanzler auch nichts von Kolonien. Der Trend der Zeit ging jedoch in die andere Richtung. F\u00fchrende Kreise in Deutschland wollten es den anderen M\u00e4chten gleichtun. Sie schielten auf \u201eeinen Platz an der Sonne\u201c, wie die imperialistischen Bestrebungen beworben wurden.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Es ging ihnen vor allem um die Teilnahme des europ\u00e4ischen Wettlaufs zur Aufteilung Afrikas. Bismarck gab dem Druck 1884 nach und lie\u00df zu, dass sich das Reich erste Gebiete in Schwarzafrika sicherte. Um weitere internationale Streitereien bei der Aufteilung des Kontinents zu vermeiden, lud Bismarck im selben Jahr die Vertreter von 13 Staaten der n\u00f6rdlichen Hemisph\u00e4re zur Kongo-Konferenz nach Berlin ein. Auf diesem Treffen wurden die Spielregeln f\u00fcr die weitere Kolonialisierung Afrikas verhandelt.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/5e16aa44-a3f8-495e-bb70-1af884f2c773.jpg\" alt=\"Der Bismarckturm auf dem G\u00e4hkopf in Stuttgart.\" fetchpriority=\"auto\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"data:image\/svg+xml,%3csvg%20width='48'%20height='48'%20viewBox='0%200%2048%2048'%20fill='none'%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%3e%3crect%20width='48'%20height='48'%20rx='24'%20fill='white'%20fill-opacity='0.8'\/%3e%3cmask%20id='mask0_13797_3251'%20style='mask-type:alpha'%20maskUnits='userSpaceOnUse'%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%3e%3crect%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%20fill='%23D9D9D9'\/%3e%3c\/mask%3e%3cg%20mask='url(%23mask0_13797_3251)'%3e%3cpath%20d='M15%2033V25H17V29.6L29.6%2017H25V15H33V23H31V18.4L18.4%2031H23V33H15Z'%20fill='%231C1B1F'\/%3e%3c\/g%3e%3c\/svg%3e\"\/><\/p>\n<p>Der Bismarckturm auf dem G\u00e4hkopf in Stuttgart. (Foto: Stuttgart Tourismus)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Was \u00fcbrigens recht erwartbar zu den Punkten geh\u00f6rt, welche die Anti-Bismarck-Front dem Reichskanzler ankreiden. Damit zur\u00fcck nach Stuttgart und dem Namensstreit. Zugegeben: Das facettenreiche Leben des Reichskanzlers bietet aus heutiger Sicht zahlreiche Angriffsm\u00f6glichkeiten \u2013 wie auch das Dasein anderer historischer Personen.\u00a0 Man blicke blo\u00df auf die w\u00fcrttembergischen K\u00f6nige oder Herz\u00f6ge, deren Namen sich auch auf Stuttgarts Stadtplan wiederfinden.<\/p>\n<p>Linke machen mobil<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Eine gute Frage ist es deshalb, warum \u00fcberhaupt eine Umbenennungsdiskussion losgetreten worden ist? Eigentlich fing alles harmlos an \u2013 und zwar mit Pl\u00e4nen f\u00fcr die Neugestaltung des Bismarckplatzes vor mehr als zehn Jahren. Die Idee dabei: weniger Verkehr, daf\u00fcr eine weitere st\u00e4dtebauliche Aufwertung durch mehr Botanik.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Solche Arbeiten lassen zwar weiter auf sich warten. Daf\u00fcr wird jedoch seit ungef\u00e4hr 2020 der Gedanke propagiert, bei einer Sanierung auch gleich Bismarcks Namen verschwinden zu lassen. Zu seinen Gegnern geh\u00f6ren unter anderem die Gr\u00fcnen im Stuttgarter Gemeinderat. Ihre Meinung: Wegen \u201eeiner undemokratischen Haltung\u201c sei der bisherige Namensgeber nicht mehr tragbar. Die Gemeinderatsfraktion \u201eLinke\/S\u00d6S\/Plus\u201c sekundiert dabei.<\/p>\n<p class=\"tw-text-neutral-10 tw-py-2 tw-border-t tw-mb-0 tw-text-title-md tw-font-medium tw-border-solid tw-border-b-neutral-10 tw-font-primary\">Empfohlene Artikel<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Mit im Spiel ist ebenso die linke B\u00fcrgerinitiative \u201eDie AnStifter\u201c. F\u00fcr sie steht Bismarck f\u00fcr Unterdr\u00fcckung, Kolonialismus und das Vorgehen gegen politische Gegner. Aus den \u201eAnStiftern\u201c heraus soll schlie\u00dflich die Bewegung \u201eEin Platz f\u00fcr Betty Rosenfeld\u201c entstanden sein. Sie will Bismarck gegen diese Frau austauschen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Rosenfeld wird als Ikone des Widerstands gegen die historischen Nazis stilisiert. Sie war J\u00fcdin. Ihr Elternhaus stand in der Stuttgarter Breitscheid-Stra\u00dfe und damit unweit des Bismarckplatzes. 1942 wurde Rosenfeld von den Nazis in Auschwitz ermordet. Doch die gelernte Krankenschwester ist auch politisch aktiv gewesen. Bereits in den 1920er Jahren suchte sie den Kontakt zu den Kommunisten, die wie die Nazis entschlossene Gegner der Weimarer Republik waren.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/96502501-7231-41cb-94ef-35476102481f.jpg\" alt=\"Ein vergilbtes Passbild der aus Stuttgart stammenden Kommunistin Betty Rosenfeld. Die J\u00fcdin wurde 1942 von den Nazis in Auschwitz umgebracht. Nun will eine linke Initiative, dass der Bismarckplatz nach dieser Frau benannt wird.\" fetchpriority=\"auto\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"data:image\/svg+xml,%3csvg%20width='48'%20height='48'%20viewBox='0%200%2048%2048'%20fill='none'%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%3e%3crect%20width='48'%20height='48'%20rx='24'%20fill='white'%20fill-opacity='0.8'\/%3e%3cmask%20id='mask0_13797_3251'%20style='mask-type:alpha'%20maskUnits='userSpaceOnUse'%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%3e%3crect%20x='12'%20y='12'%20width='24'%20height='24'%20fill='%23D9D9D9'\/%3e%3c\/mask%3e%3cg%20mask='url(%23mask0_13797_3251)'%3e%3cpath%20d='M15%2033V25H17V29.6L29.6%2017H25V15H33V23H31V18.4L18.4%2031H23V33H15Z'%20fill='%231C1B1F'\/%3e%3c\/g%3e%3c\/svg%3e\"\/><\/p>\n<p>Ein vergilbtes Passbild der aus Stuttgart stammenden Kommunistin Betty Rosenfeld. Die J\u00fcdin wurde 1942 von den Nazis in Auschwitz umgebracht. Nun will eine linke Initiative, dass der Bismarckplatz nach dieser Frau benannt wird. (Foto: Foto: CDMH Salamanca)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">W\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs stie\u00df Rosenfeld 1937 zu den Internationalen Brigaden, die gegen den rechtsgerichteten General Francisco Franco und seine Unterst\u00fctzer aus dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland k\u00e4mpften. Diese Freiwilligentruppe war seinerzeit bereits stalinistisch unterwandert, stand also unter dem Einfluss des verbrecherischen Sowjet-Diktators Josef Stalin. In Spanien beantragte Rosenfeld zudem die Aufnahme in die von Moskau gesteuerte Kommunistische Partei Deutschlands.<\/p>\n<p>Die Furcht vor den Kosten einer Umbenennung<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Auch ihr Schicksal in Auschwitz \u00e4ndert nichts daran, dass sie keine Anh\u00e4ngerin freiheitlicher demokratischer Vorstellungen war, sondern offenbar geistig einem grausamen Diktator nahestand.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Aber wohin geht jetzt die Debatte? Die zum Stuttgarter Kulturamt geh\u00f6rende Koordinierungsstelle Erinnerungskultur hat k\u00fcrzlich zu einer Diskussionsrunde eingeladen, einem B\u00fcrgerdialog. Das Ergebnis: ein andauerndes F\u00fcr und Wider in Sachen Bismarck \u2013 mit angek\u00fcndigtem Fortgang der Debatte.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Palavert man am Bismarckplatz und drumherum mit weiteren zuf\u00e4llig anzutreffenden Menschen, wird eher der Eindruck vermittelt, dass das Thema kaum jemandem unter den N\u00e4geln brennt. Am sp\u00fcrbarsten reagieren vielleicht noch Gesch\u00e4ftsleute: \u201eDas soll alles beim alten bleiben. Eine Umbenennung bedeutet f\u00fcr uns eine gesch\u00e4ftliche Adress-\u00c4nderung. Das m\u00fcssen wir teuer bezahlen, das schadet dem Betrieb\u201c, meint ein Schuster in seinem Reparaturladen.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Am Schluss hat er aber dann doch noch einen Vorschlag: \u201eWenn schon eine Umbenennung, dann in G\u00e4nsebl\u00fcmchen-Platz. Das w\u00e4re definitiv unbelastet \u2013 auch in 100 Jahren noch.\u201c<\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Beschauliche Stunden auf dem Bismarckplatz im Stuttgarter Westen bevor die Sonne untergeht. Es ist warm. 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