{"id":1091935,"date":"2026-06-13T17:38:21","date_gmt":"2026-06-13T17:38:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1091935\/"},"modified":"2026-06-13T17:38:21","modified_gmt":"2026-06-13T17:38:21","slug":"unter-der-oberflaeche-eines-menschen-gelangen-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1091935\/","title":{"rendered":"Unter der Oberfl\u00e4che eines Menschen gelangen \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcberlebensgro\u00df begr\u00fc\u00dft er die Ankommenden in der Deutschen B\u00fccherei. Er l\u00e4chelt, leicht verschmitzt, mit seiner Rolleiflex in der Hand und Fototasche \u00fcber der Schulter. Aufgenommen wurde das Bild ungef\u00e4hr 1954 in New York von Lilo Stein, der Frau des Fotografen Fred Stein. <\/p>\n<p>Er wird 1909 als Alfred Stein in Dresden geboren, sein Vater Leopold ist Rabbiner und stirbt 1915, seine Mutter Eva arbeitet als Religionslehrerin. Stein studiert Jura, in Leipzig schlie\u00dft er sein Erstes Staatsexamen 1933 ab. Er engagiert sich politisch, heiratet im August 1933 Lilo Salzburg (1910\u20131997), Tochter eines j\u00fcdischen Arztes in Dresden, die in den USA sp\u00e4ter als Professorin f\u00fcr Deutsche Literatur und Theaterwissenschaft arbeiten wird. Sie bekommen eine Leica I, eine Kleinbildkamera, zur Hochzeit geschenkt. Im Gegensatz zu den damals gro\u00dfen Fotoapparaten k\u00f6nnen damit Aufnahmen ohne gro\u00dfe Vorbereitungen und fast unbemerkt gelingen, innen wie au\u00dfen. Unter dem Vorwand der Hochzeitsreise verlassen Lilo und Fred Stein Anfang Oktober 1933 Dresden und gehen nach Paris. Ab 1934 arbeitet er als freier Portr\u00e4t- und Pressefotograf gemeinsam mit seiner Frau als Studio Stein. 1938 wird die Tochter Ruth geboren, 1941 emigriert die Familie in die USA, zwei Jahre sp\u00e4ter kommt Sohn Peter auf die Welt. Er verwaltet heute das Archiv seines 1967 in New York gestorbenen Vaters, arbeitete selbst als Kameramann (u. a. bei \u00bbFriedhof der Kuscheltiere\u00ab). <\/p>\n<p>Daniel Siemens beschreibt das Leben Fred Steins in seinem Buch und in Leipzig zeigen zwei Ausstellungen unter dem gemeinsamen Titel \u00bbFred Stein \u2013 Der Mensch im Fokus\u00ab das vielschichtige und immer noch neu zu entdeckende Werk des Fotografen, der mit seinen Aufnahmen nicht an, sondern unter die Oberfl\u00e4che der Abgebildeten gelangen wollte.<\/p>\n<p>In der Deutschen Nationalbibliothek zeigt \u00bbOut of the Exile\u00ab elf Tafeln in den Foyers im Erdgeschoss, in der ersten und zweiten Etage. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Exilarchiv 1933\u201345 und dem Fred-Stein-Archiv \u2013 und basiert auf dem Dokumentarfilm \u00bbOut of Exile \u2013 The Photography of Fred Stein\u00ab seines Sohnes aus dem Jahr 2021. Fotografien und Texte verweisen vor allem auf die vielen Themen, die Stein mittels Fotografie verhandelte. Als \u00bbPionier der Kleinbildkamera\u00ab pr\u00e4gte er ab den vierziger Jahren das wichtige Genre der Stra\u00dfenfotografie, nimmt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven den Alltag jenseits von inszenierten Situationen auf.<\/p>\n<p>Im Bestand des Deutschen Exil-Archivs befinden sich allerdings die Portr\u00e4ts der Menschen, die wie er und seine Frau aus Deutschland fliehen und in Paris oder den USA neu beginnen mussten. Mehr als hundert Portr\u00e4taufnahmen \u00fcbergab seine Frau Lilo Stein in den Siebzigern an das Archiv. Hier sind stellvertretend Anna Seghers, Klaus Mann, Thomas Mann oder der recht keck in die Kamera guckende Willy Brandt zu sehen. Brandt war wie Stein Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), die sich im Herbst 1931 von der SPD abspaltete, und besuchte die Steins einige Male in Paris. Ebenso sind Aufnahmen aus Paris, vom Montmartre, zu sehen wie auch eine Draufsicht einer Demonstration der Volksfront \u2013 einer Allianz aus Kommunisten, Sozialisten und b\u00fcrgerlichen Linken \u2013 aus dem Jahr 1936. In New York entstanden dann Aufnahmen der Stadt, der Skyline und einzelner Bauten sowie Portr\u00e4ts von Albert Einstein, Max Horkheimer, Hannah Arendt oder Marlene Dietrich.<\/p>\n<p>Mit der SAPD, die auch in Leipzig aktiv war, sympathisierte auch Gerda Taro (1910\u20131937), die wie Stein vor ihrer Flucht nach Frankreich 1933 antifaschistische Flugbl\u00e4tter verteilte. <\/p>\n<p>Das f\u00fcr Leipziger Verh\u00e4ltnisse bekannteste Foto von Gerda Taro d\u00fcrfte das mit Robert Capa auf der Terrasse des Pariser Caf\u00e9 du D\u00f4me sein \u2013 aufgenommen 1935\/36 von Fred Stein. Es ziert das Buch \u00bbFreiheit im Fokus. Gerda Taro und Robert Capa in Leipzig\u00ab von Irme Schaber, das 2024 im Leipziger Verlag Hentrich &amp; Hentrich erschienen ist. Wie auch die Steins arbeiteten Taro und Capa in einer Studiogemeinschaft in Paris zusammen.<\/p>\n<p>Im Capa-Haus zeigt das Stadtgeschichtliche Museum ebenfalls gemeinsam mit dem Fred-Stein-Archiv sowie Peter Stein die Ausstellung \u00bbFred Stein und der Spanische B\u00fcrgerkrieg\u00ab. Sie widmet sich ebenfalls unterschiedlichen Epochen und Motiven in Steins Werk. Zu sehen sind hier die erst vor wenigen Jahren aufgetauchten Kontaktabz\u00fcge mit Portr\u00e4ts von Taro. Ebenso wird eine Aufnahme der im Spanischen B\u00fcrgerkrieg schwer verletzten Taro sterbend im Krankenhaus gezeigt. <\/p>\n<p> Auf der anderen Seite sind spielende und turnende Kinder und Jugendliche zu sehen, die Stein in Frankreich aufnahm. Sie zeigen die Auswirkungen des Spanischen B\u00fcrgerkrieges auf die Kinder, die hier in Obhut genommen gesunden sollten. Daneben zeigt eine Projektion eine Auswahl an Motiven von Stein mit Stadtansichten aus Paris und New York oder Portr\u00e4ts.   <\/p>\n<p>&gt; \u00bbOut of the Exile. The Photography of Fred Stein\u00ab: bis 4.7., Deutsche Nationalbibliothek<\/p>\n<p>&gt; \u00bbFred Stein und der Spanische B\u00fcrgerkrieg\u00ab: bis 31.7., Capa-Haus<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00dcberlebensgro\u00df begr\u00fc\u00dft er die Ankommenden in der Deutschen B\u00fccherei. 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