{"id":1093387,"date":"2026-06-14T08:54:16","date_gmt":"2026-06-14T08:54:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1093387\/"},"modified":"2026-06-14T08:54:16","modified_gmt":"2026-06-14T08:54:16","slug":"premiere-im-alten-schauspielhaus-milch-und-honig-aber-zu-wenig-lohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1093387\/","title":{"rendered":"Premiere im Alten Schauspielhaus: Milch und Honig, aber zu wenig Lohn"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t      \t\t            \t\t             \t\t\t\t   \t\t\t\t\t   <img decoding=\"async\" id=\"article-image\" fetchpriority=\"high\" alt=\"Premiere im Alten Schauspielhaus: Milch und Honig, aber zu wenig Lohn\" title=\"Premiere im Alten Schauspielhaus: Milch und Honig, aber zu wenig Lohn\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/media.media.32d8b9fe-dfac-4d06-981c-9fbc1e9b0e3f.16x9_700.jpg\" data-linkto=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/javascript:void(0);\"\/>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\tMut zum Widerstand, von links: Selda Falke, Melisa Melek \u00d6zel, Ursula  Berlinghof, Murat \u00adYeginer, Yasemin Cec\u00a0Foto: Schauspielb\u00fchnen\/Tobias Metz\t\t\t<\/p>\n<p>Da geht die Post ab: Das Alte Schauspielhaus zeigt in \u201eDie Optimistinnen\u201c selbstbewusste Gastarbeiterinnen der 70er Jahre.<\/p>\n<p>Schon komisch. Wenn von Gastarbeitern in Deutschland die Rede ist, denkt man nie an Gastarbeiterinnen, obgleich sie Anfang der Siebzigerjahre drei\u00dfig Prozent der ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte ausmachten. \u00dcber 700.000 Frauen waren das damals, davon rund vierzig Prozent ledig oder \u201elediggehend\u201c, das hei\u00dft verheiratet, aber ohne ihren Ehemann in Deutschland. Es ist ein Verdienst der Berliner Autorin G\u00fcn Tank, mit ihrem 2022 erschienenen Roman \u201eDie Optimistinnen\u201c ein Schlaglicht auf diese Frauen gerichtet zu haben. <\/p>\n<p>Jetzt ist im Alten Schauspielhaus eine B\u00fchnenfassung des Romans zu sehen, die Murat Yeginer erarbeitet hat, der auch Regie f\u00fchrte und dazu noch als Vater der Hauptperson auf der B\u00fchne agiert, gemeinsam mit Enkelin Su (Yasemin Cec) die mutigen Aktivit\u00e4ten seiner Tochter Nour kommentierend. 1972 ging sie in das Land, \u201ewo Milch und Honig flossen\u201c, erkl\u00e4rt der Vater sarkastisch. Gemeint ist nat\u00fcrlich Westdeutschland. Auch Azize Tank, die aus der T\u00fcrkei stammende Mutter der 1975 in Berlin geborenen Autorin, arbeitete 1972 in einer bayrischen Fabrik; sp\u00e4ter wurde sie Bundestagsabgeordnete. <\/p>\n<p>Parodistischer Furor <\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne geht gewaltig die Post ab. Gastarbeiterinnen? Damals, 1972, hie\u00df es so, heute ist das nur noch ein historischer Begriff. Jedenfalls wehren sich im St\u00fcck vier Gastarbeiterinnen 1972 heftig gegen ihre Eingruppierung in sogenannte \u201eLeichtlohngruppen\u201c (was f\u00fcr ein perfider Euphemismus!). Die aus diversen L\u00e4ndern angeworbenen Frauen verdienten damals 30 bis 40 Prozent weniger als die M\u00e4nner, der damalige Gender Pay Gap war also noch erheblich gr\u00f6\u00dfer als heute. <\/p>\n<p>Ganz selbstbewusst und entschlossen stehen drei T\u00fcrkinnen und eine Spanierin auf der B\u00fchne und fordern auf Transparenten vehement gleichen Lohn: \u201eEine Mark mehr!\u201c Sehr temperamentvoll verk\u00f6rpern Selda Falke die T\u00fcrkin T\u00fclay und Sorina Kiefer die Spanierin Mercedes. Hauptperson ist die T\u00fcrkin Nour, Melisa Melek \u00d6zel spielt sie als sehr bestimmt argumentierende und trotzdem lockere Frau, die den Protest der Frauen anschiebt. Hinzu kommt Ursula Berlinghof, die sowohl die deutsche Kollegin Ira als auch \u00e4u\u00dferst k\u00f6stlich mit Kopftuch und Handtasche die t\u00fcrkische Kollegin Cemile mimt. Letzteres mit geradezu parodistischem Furor. Gut, es geht um eine ernste Sache, doch Yeginers Inszenierung gelingen auch diverse ulkige Augenblicke.<\/p>\n<p>Fulminante musikalische Untermalung <\/p>\n<p>Vor allem aber musikalisch geht im Alten Schauspielhaus die Post ab. Vier Musiker, Eren Ak\u015fahin (musikalische Leitung), Sinan Arat, Till Menzer und Apostolos Naumis intonieren mit Gitarre, Querfl\u00f6te, Percussion, Bass und einigen hierzulande nicht bekannten Instrumenten absolut fulminante Kl\u00e4nge, hinrei\u00dfend in Melodie und Rhythmus. Dazu singen und tanzen die vier widerst\u00e4ndigen Frauen, dass es eine Art hat. Sie singen t\u00fcrkische Lieder aus den Jahren 1930 bis 2008. Auf t\u00fcrkisch, ob sie nun t\u00fcrkische Wurzeln haben oder nicht. Ursula Berlinghof bekommt das gut und gekonnt schr\u00e4g hin, und Melisa Melek \u00d6zel singt richtig sch\u00f6n und bewegend ein 1930 erschienenes Lied von einer Krokusblume. Die Texte werden auf Deutsch eingeblendet und kommen romantisch-poetisch und bisweilen philosophisch daher. \u201eGnadenlose Weiten vor meinen versiegelten Augen\u201c, das hat schon literarisches Niveau. Beate Zoff (Ausstattung) hat dazu stimmige Kost\u00fcme der Siebzigerjahre gestaltet. Auf die B\u00fchne hat sie ein gewaltiges Quadrat quer und als schiefe Ebene gelegt, wechselnde Bildprojektionen illustrieren das Spielgeschehen, zum Beispiel trostlose Gastarbeiterinnen-Unterk\u00fcnfte mit Stockbetten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bei\u00dfen die beherzt protestierenden Frauen, die schlichtweg gleichen Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit einfordern, bei ihrem Arbeitgeber auf Granit. Er droht, sie aus der Unterkunft herauszuwerfen, was dann auch das Ende der Arbeitsgenehmigung bedeutete. Frederik Leberle verk\u00f6rpert den eisigen Fabrikdirektor und noch f\u00fcnf weitere deutsche Figuren, darunter einen Polizisten, der \u201edreckiges Ausl\u00e4nderpack!\u201c br\u00fcllt. Doch zuletzt erreichen die Frauen, die irgendwann streiken und sogar von M\u00e4nnern Solidarit\u00e4t erfahren, doch noch 65 Pfennig mehr pro Stunde. \u00dcbrigens ist dieser Erfolg historisch grundiert, durch einen Streik der ausl\u00e4ndischen Arbeiterinnen bei der Neusser Firma Pierburg 1973. \u201eDie M\u00e4rchenform macht es ertr\u00e4glicher\u201c, erkl\u00e4rt der Gro\u00dfvater und Regisseur und meint das Theaterst\u00fcck. Was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Satz! Volksst\u00fcckhaft-burlesk hat Murat Yeginer den Roman auf die B\u00fchne gebracht. Im Alten Schauspielhaus jubelt das Publikum am Schluss heftig. Schon allein die Musik lohnt einen Besuch dieser Inszenierung. <\/p>\n<p> <b>Die Optimistinnen.<\/b> Das St\u00fcck l\u00e4uft bis zum 18. Juli.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mut zum Widerstand, von links: Selda Falke, Melisa Melek \u00d6zel, Ursula Berlinghof, Murat \u00adYeginer, Yasemin Cec\u00a0Foto: Schauspielb\u00fchnen\/Tobias Metz&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1093388,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1830],"tags":[63557,1634,3364,29,66943,30,66941,80,226584,1441],"class_list":["post-1093387","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-stuttgart","tag-altes-schauspielhaus","tag-baden-wuerttemberg","tag-de","tag-deutschland","tag-die-optimistinnen","tag-germany","tag-guen-tank","tag-kultur","tag-murat-yeginer","tag-stuttgart"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116747625359070431","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1093387","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1093387"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1093387\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1093388"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1093387"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1093387"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1093387"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}