{"id":109976,"date":"2025-05-14T13:07:17","date_gmt":"2025-05-14T13:07:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/109976\/"},"modified":"2025-05-14T13:07:17","modified_gmt":"2025-05-14T13:07:17","slug":"tatort-bremen-wie-schade-dass-dieser-tatort-ein-krimi-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/109976\/","title":{"rendered":"Tatort Bremen: Wie schade, dass dieser \u201eTatort\u201c ein Krimi ist"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Fangen wir mal, weil man das vielleicht gerade in dieser Woche ganz besonders braucht, mit dem Positiven an. Also mit jenen ungef\u00e4hr 75 Minuten, um derentwillen man \u201eSolange du atmest\u201c, den Bremer \u201eTatort\u201c unbedingt sehen muss. <\/p>\n<p>Der ist ja gewisserma\u00dfen die B\u00e4rbel Bas, also das Arbeits- und Sozialministerium, des deutschen Sonntagabendkrimis. Die Kommissarinnen Linda Selb und Liv Moormann, die h\u00f6here Tochter von der aufrechten Gestalt und die Stra\u00dfeng\u00f6re mit der proletarischen Oberlippe, sind gern \u00fcberall da unterwegs, wo es brennt in Bremen. Und in Bremen brennt es \u2013 das wissen wir, seit Luise Wolfram (Selb) und Jasna Fritzi Bauer (Moormann) zusammengespannt wurden \u2013 an allen Ecken und Enden. Selbst in Schwachhausen, wo Selb herkommt und in jedem Wohnzimmer ein Fl\u00fcgel steht. <\/p>\n<p>Da kommen wir in \u201eSolange du atmest\u201c nat\u00fcrlich nicht hin. Judith Westermann, die auch das Buch zur skurrilen neuen Wiener Bestatter-Serie \u201eDrunter und Dr\u00fcber\u201c geschrieben hat, macht ja sichtbar, wie es auf der anderen Seite der sozialen Schere aussieht, wie es sich dort anf\u00fchlt, wie man dort die Welt sieht, wie man da Opfer seiner \u00c4ngste wird und Spielball seiner Sorgen \u2013 als Alleinerziehende in einer Gesellschaft, der prek\u00e4re Existenzen so lange v\u00f6llig egal sind, wie sie selbst nicht prek\u00e4r wird. <\/p>\n<p>Es beginnt mit einem Albtraum: eine Frau auf einem Spielplatz \u2013und ihr Kind ist weg. Rani Ewers hei\u00dft die Frau. Mia hei\u00dft die Tochter, die allerdings bald wieder da ist. Zwischendurch ist die Kamera herumgeirrt, als sei sie Rani. Das wird sie noch h\u00e4ufig tun in den folgenden neunzig Minuten, ob man von Schwachhausen aus zuschaut oder von der Vahr, dem sozialen Brennpunkt des Stadtstaates, man wird von Regisseurin Franziska Margarete Hoenisch hineingezogen in Wahn und Welt der Rani Ewers. Schaut zu, wie sie, zittert mit ihr, f\u00fchlt sich bedroht, verfolgt. <\/p>\n<p>Ein fast \u00fcberfl\u00fcssiger Toter<\/p>\n<p>Womit wir bei der Leiche w\u00e4ren, die braucht es ja im \u201eTatort\u201c, der schlie\u00dflich kein filmisches Sozialamt, sondern der Sonntagabendkrimi ist. Was man diesmal besonders bedauert, weil die Geschichte ohne Kommissarinnen und sogar ohne den Toten am Strand vielleicht besser geworden w\u00e4re. Aber wir greifen vor. <\/p>\n<p>Der Tote also liegt am Weserstrand, als Rani \u00fcber den Spielplatz irrt. Sieht nicht gut aus, der Mann. Tr\u00e4gt eine komische Jacke. War mal Investigativ-Journalist. Und hat Rani verfolgt. Marek Korschak war mal mit Rani zusammen. Und muss sie irgendwie als seinen Besitz missverstanden haben. Diesen Wahn teilte er mit leider immer noch vielen M\u00e4nnern. Jetzt k\u00f6nnte man wieder das Wort toxisch verwenden f\u00fcr ihre Beziehung, aber das haben wir auf den Index der nicht mehr verwendbaren W\u00f6rter gesetzt. <\/p>\n<p>\u201eSolange du atmest\u201c jedenfalls zeigt in grandiosen R\u00fcckblenden, \u00fcberfallartigen Flashbacks die ganze Zerr\u00fcttung, die Gift in Beziehungen hinterl\u00e4sst. Das w\u00fcrde einem dennoch nicht so nah gehen, w\u00fcrde sich Via Jikeli in ihrer ganzen Zerbrechlichkeit und St\u00e4rke nicht so derart unter die Haut und ins Herz spielen. Man m\u00f6chte ein Reservat bauen f\u00fcr diese Frau vom Rand, die sich verrennt zwischen Wahn und Wahrnehmung. <\/p>\n<p>W\u00e4re \u201eSolange du atmest\u201c nur ihre Geschichte, h\u00e4tte sie zwar einen anderen Sendeplatz und nur ein Drittel der Zuschauer, w\u00e4re aber sicherlich die bessere Geschichte geworden. Sie ist aber nun mal eine Mord-und-Totschlagsstory und Teil einer linearen Bremer \u201eTatort\u201c-Geschichte. Teil einer Zickenkriegsgeschichte, die sich allm\u00e4hlich aufgebaut hat und in \u201eSolange du atmest\u201c so giftig wird wie die Beziehungsgeschichte von Rani Ewers. <\/p>\n<p>Ein Fall von Ressourcenverschwendung<\/p>\n<p>Dass Jonathan Berlin, einer der hochbegabten jungen Schauspieler, als Marek Korschak nur in R\u00fcckblenden lebendig wird, sollte man beim hohen Filmgericht als Fall von schauspielerischer Ressourcenverschwendung zur Anklage bringen. Schlimmer noch ist allerdings die schlamperte Weitererz\u00e4hlung der horizontalen Beziehungskiste zwischen Selb und Moormann. <\/p>\n<p>Horizontal erz\u00e4hlte \u201eTatort\u201c-Geschichten sind gerade bei Sonntagabendkrimis aus kleineren Sendeanstalten, die an ihrem Personal nur einmal im Jahr weiterfeilen d\u00fcrfen, ohnehin ein Kreuz. In Saarbr\u00fccken ist das so, in Bremen nicht anders. Westermann und Hoenisch geben sich zwar redlich M\u00fche, Ranis Kreuzweg mit dem dornenreichen Zickenkriegspfad zu verbinden, auf dem Selb und Moormann unterwegs sind. Man sp\u00fcrt aber gleich von Beginn der teilweise spiegelbildlich zu Ranis Ringen um ihr Leben inszenierten Parallelaktion an die Absicht und ist verstimmt. <\/p>\n<p>Dabei war das mal eine gute Idee, die beiden zusammenzuspannen. Anfangs waren es Funken, die flogen, und man war froh, dass man die beiden hatte. Inzwischen ist es \u00fcberwiegend Gift, was zwischen ihnen und von ihnen gespritzt wird, und man ist froh, wenn man sie eine Zeit lang nicht sieht, nicht an der Unterforderung von Luise Wolfram und Jasna Fritzi Bauer teilhaben muss und nicht am Fortschreiben einer Geschichte, der es gar nicht bed\u00fcrfte und die wirklich erfolgreiche, wirklich langlebige \u201eTatort\u201c-Teams wie die in M\u00fcnchen, in K\u00f6ln, in Ludwigshafen auch nie gebraucht haben. <\/p>\n<p>Vielleicht sollte man damit aufh\u00f6ren, solange einen das Gerangel von Selb und Moormann noch nicht v\u00f6llig zerr\u00fcttet hat. Bevor wir jetzt mit etwas Negativem enden, von dem es ohnehin schon viel zu viel gibt: \u201eSolange du atmest\u201c ist der Beweis, wie ein Sonntagabendkrimi \u00fcber seine selbst gew\u00e4hlte Beschr\u00e4nkung triumphiert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Fangen wir mal, weil man das vielleicht gerade in dieser Woche ganz besonders braucht, mit dem Positiven an.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":109977,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1824],"tags":[2420,3364,29,24813,30,1594,24807,45],"class_list":{"0":"post-109976","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-bremen","8":"tag-bremen","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-fernsehkrimis","12":"tag-germany","13":"tag-krekeler-elmar","14":"tag-tatort-ard-krimi","15":"tag-texttospeech"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114506343664596329","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109976","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=109976"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109976\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/109977"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109976"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=109976"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109976"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}