{"id":1100111,"date":"2026-06-17T03:22:26","date_gmt":"2026-06-17T03:22:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100111\/"},"modified":"2026-06-17T03:22:26","modified_gmt":"2026-06-17T03:22:26","slug":"nimmermueder-unendlich-erfindungsreicher-maler-david-hockney-im-alter-von-88-jahren-gestorben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100111\/","title":{"rendered":"Nimmerm\u00fcder, unendlich erfindungsreicher Maler David Hockney im Alter von 88 Jahren gestorben"},"content":{"rendered":"<p>Der Brite David Hockney war einer der ber\u00fchmtesten und popul\u00e4rsten K\u00fcnstler der Welt. Seine Pop-Art, die er zuletzt auch auf dem iPad malte, verneinte alles Besserwisserische der modernen Kunst. Nun ist er im Alter von 88 Jahren gestorben.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Zuletzt war es, als vergl\u00fchte das Werk in den Farben, von denen es nie genug haben konnte. Blumenstillleben, mit der Brush-App auf dem iPad gemalt. Sonnenlandschaften im Kinoformat. Gr\u00fcne Felder, bl\u00fchende B\u00e4ume, lichte W\u00e4lder, Himmel mit Wattewolken. Dabei hat David Hockney nie ein trostloses Bild gemalt. <\/p>\n<p>Immer war ihm Malerei sinnlicher Aufstand gegen die kunstlose Welt. Und wenn er mit seinem Strickpullover und der ewigen Schieberm\u00fctze durch seine Ausstellungen spazierte, dann h\u00e4tte man auch meinen k\u00f6nnen, der freundliche alte Herr k\u00e4me vom Tennisspielen. Jedenfalls scheint in diesem zug\u00e4nglichen und bei allen gelegentlichen Experimenten ungemein popul\u00e4ren Werk die ewig besserwisserische, behauptungss\u00fcchtige Kunst der Moderne sich noch einmal ihre ganze Unschuld bewahrt zu haben.\u00a0<\/p>\n<p>In West Yorkshire in England geboren, ist Hockneys Begabung fr\u00fch aufgefallen und entsprechend gef\u00f6rdert worden. Am Royal College of Art in London lernte er Peter Blake und R. B. Kitaj kennen und gab seinen fr\u00fchen Figurenbildern das schwerm\u00fctig surrealistische Design, das er an Francis Bacon bewunderte. Dass er sich weigerte, als Abschlussarbeit eine weibliche Aktzeichnung vorzulegen und mit einer homosexuellen Szene vorstellig wurde, hat ihm an der noch immer in viktorianischer Gesittung verharrenden Akademie zu einiger Ber\u00fchmtheit verholfen.\u00a0<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen Sechzigerjahren \u00fcbersiedelte Hockney nach Kalifornien in die N\u00e4he von Los Angeles, wo er die Bilder malte, die seinen Weltruhm begr\u00fcnden sollten. Dass sich die Tage doch einmal eintr\u00fcben k\u00f6nnten, erscheint angesichts der verschwenderischen Verf\u00fcgbarkeit von Sonne, Wasser und nackten K\u00f6rpern g\u00e4nzlich unwahrscheinlich. Und wenn sich in der Feier des banalen Alltags, den die amerikanische Pop-Art in jener Dekade feierte, doch immer auch ein m\u00f6glicher Vorbehalt versteckt hielt, dann schien der Maler am Pool ohne allen Arg vom schieren Diesseits zu erz\u00e4hlen. <\/p>\n<p>Es wird geduscht, gebadet, gesonnt, geraucht, ged\u00f6st, geschlafen und herumgesessen. Der Sonnenschirm wirft lange Schatten, die Balkont\u00fcr steht weit offen, Blumen werden gegossen, Rasen gesprengt, D\u00e4mmerung ist nie. Als sei Matisse, der auch so eine runde Brille wie David Hockney trug, noch einmal auferstanden, um die Bilder seiner Jugend ein zweites Mal zu malen: \u201eLuxe, calme et volupt\u00e9\u201c, \u201eLa joie de vivre\u201c\u00a0\u2026<\/p>\n<p>Ganz sicher war man sich ja nie. 1967: Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen Nachbarn, Milit\u00e4rputsch in Griechenland, Demonstrationen gegen den Schah-Besuch in Berlin, Rassenunruhen in den USA. M\u00fcssten es nicht doch ironische Reflexe sein, die sich da im chlorblauen Wasser brechen? Ist so viel offensichtliche Zustimmung zum Genussleben nicht doch ein Verrat an der moralischen Verantwortung, die die Malerei auch in ihren heitersten Fluchten nicht verliert? <\/p>\n<p>Aber wer meinte, Palmen, blauen Himmel, Bungalow, Sprungbrett und Platsch doch irgendwie zum Spottvers auf die b\u00fcrgerlichen Sehns\u00fcchte in der Kalten-Kriegs-\u00c4ra reimen zu k\u00f6nnen, dem hat der Maler artig vom besonderen Reiz erz\u00e4hlt, \u201ebewegtes Wasser in einer sehr langsamen und sorgf\u00e4ltigen Manier zu malen\u201c. Und man stand etwas ungl\u00e4ubig da und kam sich ziemlich verloren vor mit all den spritzigen Way-of-life-Geschichten, die einem im Kopf umgingen.\u00a0<\/p>\n<p>\u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/A_Bigger_Splash\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/A_Bigger_Splash&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">A Bigger Splash<\/a>\u201c, 1967. Acryl auf Leinwand, Zweimetervierzig auf Zweimetervierzig. Gibt es ein zweites Bild mit solcher Haftgarantie, als sei es mit Superkleber ein f\u00fcr alle Mal an die Erinnerungsw\u00e4nde gedr\u00fcckt worden? W\u00fcrde uns von Pablo Picasso bis zu Gerhard Richter ein vergleichbares Werk einfallen, in dem das eine unvergessliche Bild einen schier grenzenlosen Bilderzusammenhang erschlie\u00dft? Ein Bild wie \u201eSplash\u201c, vor dem David Hockneys malerisches Selbstverst\u00e4ndnis wie im Brennglas anschaulich wird.\u00a0<\/p>\n<p>Hockney war nach Kalifornien gekommen \u2013 auch der Liebe wegen. Aber vor allem, weil er hier am Pool alle Bild-Ingredienzien f\u00fcr die bestangepasste Erfolgsgeschichte der westlichen Welt vorgefunden hat. Also malte er sie wie eine Ode an die unverg\u00e4ngliche Gegenwart, die sich l\u00e4ssig gegen den Verschlei\u00df durch die hastende Zeit wehrt. Was nicht hei\u00dft, dass es in der wunderbar geduldigen, unst\u00fcrmischen Entwicklungsgeschichte des Werks sehr wohl auch tristere Jahreszeiten gibt. Und der Traum vom ewig durchsonnten Leben ist keineswegs gegen das Virus Melancholie und all seine Mutanten gefeit.\u00a0<\/p>\n<p>Und doch kann man es nicht anders sagen: David Hockney hatte vom Leben nichts Schlechtes zu berichten, und den Bildern, die er gemalt hat, fehlt jene romantische Melancholie, die in den Sehnsuchtszeichen immer auch die Unerf\u00fcllbarkeitszeichen versteckt. Das Seufzen, das den Abendhimmel-Guckern anzuh\u00f6ren ist, die Caspar David Friedrich zur Weltinnenschau aufbietet, war dem Maler fremd. <\/p>\n<p>Wenn er in der flachen oder welligen Landschaft seiner nordenglischen Heimat sa\u00df, in die er zur\u00fcckgekehrt war, und in der Tradition der Pleinair-Malerei des 19. Jahrhunderts die unhandliche Leinwand auf die Staffelei stellte, dann geriet ihm die Verwandlung des Seheindrucks in die eigene Optik fast zwanghaft zum Jubel. Das ist schon von gro\u00dfer Faszination, wie da das zeichenlos Sch\u00f6ne seine B\u00fchnenerfolge ganz ohne schlechtes Gewissen auskostet.\u00a0<\/p>\n<p>Die Suggestion vor den wandf\u00fcllenden Panoramen, die im alterslosen Alterswerk entstanden sind \u2013 die \u201eBigger Trees\u201c messen stattliche zw\u00f6lf mal vier Meter und sind aus 50 einzelnen Bildelementen zusammengesetzt\u00a0\u2013 ist enorm. Man wird buchst\u00e4blich hineingezogen, erlebt sich gleichsam auf dem schmalen Weg mit den gestapelten Holzst\u00e4mmen am Rand, umw\u00f6lbt von den Baumreihen links und rechts, die ihre kahlen Astfinger mit choreografischer Eleganz \u00fcber einem kr\u00fcmmen.\u00a0<\/p>\n<p>Das klassische Landschaftsbild ist verschlossen. Es will Ansicht sein, nicht betreten werden. Wer wollte sich auch zu den Abendhimmel-Guckern dazugesellen? Es w\u00e4re, wenn man so von hinten k\u00e4me, wie eine peinliche St\u00f6rung der stillen Seance. Man hat diskreten Abstand zu halten, auch das sagen die alten Bilder, wenn sie Mensch und Landschaft sagen. Dass man ihm zusieht, Caspar David Friedrichs M\u00f6nch am Meer, dem kann er nicht wehren, aber er braucht keine Begleitung auf seinen Klippen.<\/p>\n<p> Hockneys Bilder sind unbewohnt. Der Maler war ein vorz\u00fcglicher Portr\u00e4tist, aber Figuren baute er nie in seine Landschaften ein. Und wenn man vor seinen gr\u00fcnen Feldern, bl\u00fchenden B\u00e4umen, lichten W\u00e4ldern, Himmeln mit Wattewolken steht, dann ist man so \u00fcberw\u00e4ltigt wie der M\u00f6nch am Meer.\u00a0<\/p>\n<p>Jetzt ist der nimmerm\u00fcde, unendlich erfindungsreiche Maler im Alter von 88 Jahren in seiner Londoner Wohnung gestorben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Brite David Hockney war einer der ber\u00fchmtesten und popul\u00e4rsten K\u00fcnstler der Welt. 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