{"id":110027,"date":"2025-05-14T13:34:13","date_gmt":"2025-05-14T13:34:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/110027\/"},"modified":"2025-05-14T13:34:13","modified_gmt":"2025-05-14T13:34:13","slug":"ein-kurzes-buch-zum-froehlichen-untergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/110027\/","title":{"rendered":"\u201eEin kurzes Buch zum fr\u00f6hlichen Untergang\u201c."},"content":{"rendered":"<p>Und wupps \u2013 da war es geschehen: Die Erde erlebt eine Unwucht globalen Ausma\u00dfes! Denn skrupellose Gro\u00dfm\u00e4chte bauen im Eiltempo gewaltige Mengen Rohstoffe ab und verursachen viele Hohlr\u00e4ume im Erdinneren und Ausbuchtungen der Erdh\u00fclle. <br \/>Mit drastischen Folgen: <\/p>\n<blockquote><p>\n                            Die Erde begann zu kippen. Das hie\u00df, ihre Drehachse verlie\u00df die halbwegs aufrechte Haltung zur Ebene, auf der die Erde um die Sonne kreiste. Die Erde legte sich glatt hinein, auf den Bauch, um nun \u00fcber den \u00c4quator abzurollen wie eine betrunkene Kom\u00f6dienfigur. Anders gesagt: Die Erde war einfach umgefallen.\n                          <\/p><\/blockquote>\n<p>Weil dadurch der Ablauf von Tag und Nacht sowie der Jahreszeiten durcheinanderger\u00e4t, gibt es Hochwasser, D\u00fcrreperioden, Feuerst\u00fcrme und ein arten\u00fcbergreifendes Massensterben. Die meisten Lebensr\u00e4ume sind unbewohnbar geworden, die \u00dcberlebenden nomadisieren durch die letzten fruchtbaren Regionen des Planeten. Es werden \u00fcberlebenswichtige Dinge gehortet und getauscht, gest\u00f6rt durch marodierende Quadbike-Gruppen. <\/p>\n<p>Durch diese apokalyptische Welt bewegt sich in Olga Flors furios-komischem Roman \u201eEin kurzes Buch zum fr\u00f6hlichen Untergang\u201c die Mittvierzigerin Armanda auf der Suche nach ihrer Tochter Nora. Die sucht als Naturwissenschaftlerin irgendwo in Norwegen zusammen mit anderen nach L\u00f6sungen f\u00fcr dieses Desaster. <\/p>\n<p>Ausgestattet mit Tauschwaren und Essenskonserven macht sich Armanda auf den Weg, den GPS-Koordinaten ihrer Tochter folgend: Der Roman wird zu einem literarischen Road-Endzeit-Movie!<\/p>\n<p>Diese wilde Geschichte der Suche einer Mutter nach ihrer verlorenen Tochter \u2013 das Thema Frau- und Muttersein wird en passant mitreflektiert \u2013 durch eine aus dem Lot geratene Welt pr\u00e4sentiert Olga Flor mit reichlich Witz. Und sarkastischen Spitzen gegen die Menschheit. Besonders gegen deren Umgang mit dem sie ern\u00e4hrenden Planeten \u2013 und damit auch dem Klimawandel: <\/p>\n<blockquote><p>\n                            \u201eEin paar Eifrige versuchten noch ein bisschen was zur\u00fcckzuschaufeln, aber, wie immer bei dieser Menschheit: zu wenig und viel zu sp\u00e4t, und \u00fcberhaupt, was ist das f\u00fcr ein Anspruch, gestaltend eingreifen zu wollen?\u201c\n                          <\/p><\/blockquote>\n<p>Flors Sprache ist dabei genauso rasant wie die abenteuerliche Geschichte, die vor skurrilen Einf\u00e4llen nur so spr\u00fcht. Etwa wenn die Autorin unseren, medial gerne gef\u00f6rderten, Appetit nach Katastrophen aufs Korn nimmt, indem sie die dramatische Schieflage der Erde just in die, wie sie schreibt, \u201ePandemiepause\u201c hineinkullern l\u00e4sst, wodurch \u201eKrankheit, Krieg und Klimakatastrophen\u201c in den Hintergrund treten. <\/p>\n<p>Doch es gibt Hoffnung in Form von spezies\u00fcbergreifender Teamarbeit, wie es Algen, Pilze, Pflanzen, Bakterien und Wirbeltiere schon lange praktizieren. So lernt Flors neuer Mensch etwa seine Haut mit Flechten zu sch\u00fctzen, die ihm gleichzeitig als Nahrung dienen. <\/p>\n<p>Freilich flunkert Flor auch hier. Zu Armanda etwa gesellt sich ein aufs Land gekrakelter\/ meinst Du gekrabbelter? Krakeln bedeutet f\u00fcr mich \u201eschlecht schreiben, zeichnen\u201c, recht neugieriger Oktopus, der sich je nach Gem\u00fctslage farblich ver\u00e4ndert. Was zu herrlich komischen Szenen f\u00fchrt, etwa wenn der Oktopus Psychopharmaka ausprobiert und seine Haut \u201epsychedelisch\u201c zu schimmern beginnt.<\/p>\n<p>Allerdings stellen auch diese Interessengemeinschaften keine \u201estimmige Endkonfiguration\u201c dar, wie es im Text hei\u00dft, denn sie erzeugen neben Kultur immer auch Krieg. Was best\u00e4tigt, dass \u2026<\/p>\n<blockquote><p>\n                            \u2026 das mit der Weltaneignung durch den Menschen als gescheitertes Experiment betrachtet werden musste.\n                          <\/p><\/blockquote>\n<p>Die 1968 in Wien geborene Olga Flor ist f\u00fcr ihre bitterb\u00f6se zeit- und gesellschaftskritische Literatur mehrfach ausgezeichnet worden. Mit viel schwarzem Humor bringt die studierte Physikerin in ihrem neuen Roman die Welt zum Schwanken, g\u00e4nzlich fallen aber l\u00e4sst sie sie noch nicht.<\/p>\n<p>Flors satirisch \u00fcbersteigerte Dystopie bringt einen anderen Ton in das allzu oft mit krachenden Schockeffekten arbeitende Climate-Fiction-Genre. Ohne das Bedrohliche der Erdenlage zu relativieren. Vielleicht aber hilft gerade auch kluger Witz wie dieser, dass wir endlich aktiver werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Und wupps \u2013 da war es geschehen: Die Erde erlebt eine Unwucht globalen Ausma\u00dfes! 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