{"id":1100317,"date":"2026-06-17T05:25:15","date_gmt":"2026-06-17T05:25:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100317\/"},"modified":"2026-06-17T05:25:15","modified_gmt":"2026-06-17T05:25:15","slug":"selenskyj-ehrung-das-bandera-problem-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100317\/","title":{"rendered":"Selenskyj-Ehrung: Das Bandera-Problem der Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>Wolodymyr Selenskyj ehrt Soldaten im Namen des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera. Damit setzt der ukrainische Staatspr\u00e4sident ein verheerendes Zeichen missratener Geschichtspolitik.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Kleine Ursache, gro\u00dfe Wirkung. Der ukrainische Staatspr\u00e4sident hat getan, was zu seinen Verpflichtungen als oberster Kriegsherr geh\u00f6rt: Er hat eine Spezialeinheit der ukrainischen Armee f\u00fcr ihren Einsatz im Kampf gegen die russischen Aggressoren <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6a195a5ebf5b78f90d007c64\/ukraine-krieg-selenskyj-loest-mit-helden-einheit-eklat-in-polen-aus-wir-haben-ein-ernstes-problem-sagt-tusk.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6a195a5ebf5b78f90d007c64\/ukraine-krieg-selenskyj-loest-mit-helden-einheit-eklat-in-polen-aus-wir-haben-ein-ernstes-problem-sagt-tusk.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ausgezeichnet<\/a>. Am 26. Mai verlieh er der Einheit auf deren Bitten hin den Ehrentitel \u201eHelden der UPA\u201c. Damit setzte Selenskyj, in guter Absicht, ein verheerendes Zeichen missratener Geschichtspolitik. Und l\u00f6ste einen gravierenden Konflikt mit dem benachbarten Polen und insbesondere mit dessen Staatspr\u00e4sidenten Karol Nawrocki aus.<\/p>\n<p>UPA ist die Abk\u00fcrzung f\u00fcr die \u201eUkrainische Aufst\u00e4ndige Armee\u201c. Sie wurde 1942 als milit\u00e4rischer Fl\u00fcgel der \u201eOrganisation Ukrainischer Nationalisten\u201c (OUN) gegr\u00fcndet. Die OUN k\u00e4mpfte seit den 1920er-Jahren f\u00fcr die staatliche Unabh\u00e4ngigkeit eines ukrainischen Staates. Ihr Gegner war die Sowjetunion, die dem gerade erst gegr\u00fcndeten ukrainischen Staat ein Ende machte und sich dessen Territorium einverleibte.<\/p>\n<p>Als der Zweite Weltkrieg begann und Hitler die Eroberung des Ostens in Angriff genommen hatte, verb\u00fcndete sich die UPA zeitweilig mit der Wehrmacht. Und zwar in der irrigen Hoffnung, die Deutschen \u2013 von der UPA als Befreier wahrgenommen \u2013 w\u00fcrden der Ukraine zur Selbstst\u00e4ndigkeit verhelfen, gewisserma\u00dfen eine Hilfe von Nationalisten f\u00fcr Nationalisten. K\u00e4mpfer der UPA beteiligten sich an der Ermordung von Juden. Im Westen der heutigen Ukraine, in dem vor dem Krieg <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus254534774\/Wolhynien-Polen-und-Ukraine-streiten-ueber-ein-Massaker-das-in-Deutschland-kaum-jemand-kennt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus254534774\/Wolhynien-Polen-und-Ukraine-streiten-ueber-ein-Massaker-das-in-Deutschland-kaum-jemand-kennt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">zu Polen geh\u00f6renden Wolhynien<\/a>, war die UPA f\u00fcr die Ermordung von etwa 100.000 polnischen Zivilisten verantwortlich. Und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs k\u00e4mpfte die UPA bis Anfang der 1950er-Jahre aus dem Untergrund heraus gegen die Sowjetunion.<\/p>\n<p>Diese Geschichte ist ein Grund f\u00fcr das bis heute belastete Verh\u00e4ltnis Polens zur Ukraine. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Ukraine Anfang der 1990er-Jahre unabh\u00e4ngig. Und die geschichtspolitischen Schleusen \u00f6ffneten sich augenblicklich. Unter sowjetischem Regiment hatte jedes Bestreben nach nationaler Unabh\u00e4ngigkeit als faschistisch gegolten. Nun fiel ein anderes Licht auf die j\u00fcngere Geschichte. Die UPA galt nun vielen als Vork\u00e4mpfer der ukrainischen Souver\u00e4nit\u00e4t. Man betonte ihren Widerstand gegen die sowjetische Zwangsherrschaft \u2013 und unterschlug systematisch den Mord an Juden und Polen.<\/p>\n<p>Seit den fr\u00fchen 1990er-Jahren wurden im Westen der Ukraine zahlreiche Denkm\u00e4ler errichtet, die an Stepan Bandera, den Anf\u00fchrer der OUN, erinnerten. Die Bandera-Ehrung war kein staatliches, sondern ein zivilgesellschaftliches Projekt. Der Staat duldete sie aber ausdr\u00fccklich. Von au\u00dfen betrachtet war die Botschaft klar: Im Kampf um die nationale Unabh\u00e4ngigkeit darf man nicht zimperlich sein. Und: Nationalisten haben zur Not das Recht, anderen Nationalisten \u2013 etwa polnischen \u2013 den Garaus zu machen.<\/p>\n<p>Weil der Nationalismus (im Verbund mit dem Katholizismus) eine wesentliche Kraft war, die Idee von der polnischen Nation \u00fcber die Ostblockzeit hinweg zu bewahren, hat er bis heute in Polen einen guten Ruf und starken R\u00fcckhalt. Die radikalen Nationalisten Polens haben bis heute nicht verwunden, dass Wolhynien nie wieder Teil Polens wurde und heute Teil der Ukraine ist. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als erstaunlich, wie sich das offizielle Polen und die polnische Gesellschaft zum russischen Angriffskrieg auf den ungeliebten Nachbarn Ukraine positioniert haben. Gerade auch in den Regierungszeiten der rechtskonservativen PiS hat Polen wie kaum ein anderer Staat zur Ukraine gestanden. Polen hat die Ukraine massiv unterst\u00fctzt, die eigene Infrastruktur zur Verf\u00fcgung gestellt und fast eine Million Ukrainer bei sich aufgenommen.<\/p>\n<p>Das polnische Wolhynien-Trauma<\/p>\n<p>Das wird gemeinhin damit erkl\u00e4rt, dass man in Polen \u2013 wie in der Ukraine \u2013 ein genaues und mit viel historischer Erfahrung fundiertes kollektives Wissen davon hat, was von Russland zu erwarten ist: nie etwas Gutes. Wenn man aber bedenkt, wie tief gerade in Osteuropa lange tabuisierte Wunden reichen, dann ist es schon erstaunlich und bewundernswert, dass die gro\u00dfe Mehrheit der Polen nach dem russischen \u00dcberfall auf die Ukraine ihr Wolhynien-Trauma entschlossen zur\u00fcckstellte und die Ukraine unterst\u00fctzte. Es schien, als sei man in Polen zu der Einsicht gekommen, dass Russlands Krieg ein Angriff auf alle Errungenschaften der postsowjetischen \u00c4ra ist. Und dass der richtige Zeitpunkt gekommen sein k\u00f6nnte, den alten Streit um ethnische Zugeh\u00f6rigkeit zu begraben und die Gegenwart siegen zu lassen. Viele in Polen sprangen \u00fcber ihren Schatten.<\/p>\n<p>Wolodymyr Selenskyj hat dieser \u00fcberf\u00e4lligen Normalisierung der Beziehungen mit seiner zumindest unbedachten Ehrung im Namen der UPA einen schweren Schlag versetzt. Er hat nicht bedacht, wie <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus69fc88ca122b28e67b1def6f\/polen-der-praesident-der-das-44-milliarden-euro-angebot-fuer-sein-land-blockiert.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus69fc88ca122b28e67b1def6f\/polen-der-praesident-der-das-44-milliarden-euro-angebot-fuer-sein-land-blockiert.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Polens Pr\u00e4sident Karol Nawrocki<\/a> darauf reagieren w\u00fcrde. Nawrocki k\u00fcndigte an, er werde wom\u00f6glich Selenskyj den Orden des Wei\u00dfen Adlers aberkennen, die h\u00f6chste Auszeichnung der Republik Polen. Nawrocki droht damit, weil er gerne provoziert und Konflikte s\u00e4t. Er hat etwas von dem Zauberlehrling, dem der Meister nicht mehr Herr wird.<\/p>\n<p>Nawrocki ist deutlich radikaler als die PiS-Partei, die in zwei Legislaturperioden Rechtsstaat und Medien beschnitten hat. Dennoch wurde der parteilose Nawrocki Pr\u00e4sidentschaftskandidat der PiS. Denn diese f\u00fcrchtete, andernfalls im konservativsten Teil ihrer W\u00e4hlerschaft Verluste zu erleiden, sie wollte sich nicht rechts \u00fcberholen lassen. Nawrocki, seit August vergangenen Jahres im Amt, zeigte aber schnell, dass er sich an die Parteir\u00e4son der PiS nicht gebunden f\u00fchlt. Er radikalisierte den Anti-EU-Kurs. Und vor allem begann er, die Hilfe f\u00fcr die Ukraine infrage zu stellen.<\/p>\n<p>So beginnen sich die politischen Gewichte in Polen zu verschieben. Bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr k\u00f6nnte dem liberal-konservativen Parteienb\u00fcndnis von Ministerpr\u00e4sident Donald Tusk entweder eine unter Nawrockis Druck noch weiter radikalisierte PiS gegen\u00fcberstehen. Oder eine neue nationalkonservative Partei, die noch entschiedener als die PiS bereit ist, europ\u00e4ische \u00dcbereink\u00fcnfte aufzuk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Selenskyj t\u00e4te gut daran, die Ehrung der Spezialeinheit der ukrainischen Armee schnell zur\u00fcckzunehmen und einen besseren Titel zu finden. Das w\u00fcrde in der Ukraine sicher zu Konflikten f\u00fchren. Diese sind aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter unvermeidlich. In den Kampf gegen Russland flie\u00dfen auch tr\u00fcbe ethnisch-nationalistische Motive ein. Solange die Ukraine noch Krieg gegen Russland f\u00fchren muss, ist das sicher kein idealer Zeitpunkt, um sich \u00fcber Schuld und geschichtspolitische Fragen zu verst\u00e4ndigen. In Deutschland geschah das ja auch erst mit Nachdruck, als die T\u00e4tergeneration die B\u00fchnen des aktiven Lebens schon verlassen hatte.<\/p>\n<p>Aber im Gegensatz zu Nazi-Deutschland f\u00fchrt die Ukraine \u2013 \u00fcberraschend erfolgreich \u2013 einen ganz und gar legitimen Abwehrkampf gegen ein brutalisiertes Regime, das sich keinen Regeln verpflichtet f\u00fchlt. Es klingt pathetisch, aber es stimmt: Die Ukraine verteidigt am \u00f6stlichen Rand Europas die westliche Zivilisation. Es tut ihrer Mission nicht gut, wenn sie die Glorifizierung dunkler Kapitel ihrer Geschichte um der nationalen Einheit willen weiterhin duldet.<\/p>\n<p>Die eiserne Hand der Sowjetunion<\/p>\n<p>Adolf Hitler hat unter Duldung Gro\u00dfbritanniens und Frankreichs 1938\/39 die Tschechoslowakei zerschlagen, 1939 Polen \u00fcberfallen und 1941 den Vernichtungsfeldzug gegen den Osten begonnen. Die Sowjetunion hat nach 1945 ihre eiserne Hand auf den Osten des europ\u00e4ischen Kontinents gelegt und die Geschichte der okkupierten L\u00e4nder eingefroren.<\/p>\n<p>Es darf niemanden wundern, dass auch Jahrzehnte nach dem Zerschmelzen des sowjetischen Eises in den \u00f6stlichen Staaten Europas die Furien der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts noch immer nicht gebannt sind. Ein halbes Jahrhundert Verbot der freien Rede wirkt nach. Das sollte man in der EU, die noch immer ganz vom \u00fcberraschenden westeurop\u00e4isch-karolingischen Erfolg der europ\u00e4ischen Einigung gepr\u00e4gt ist, endlich begreifen, anerkennen und in Rechnung stellen. Und etwas genauer, neugieriger und aktionsbereiter in Richtung Osten blicken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wolodymyr Selenskyj ehrt Soldaten im Namen des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera. 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