{"id":1100505,"date":"2026-06-17T07:18:22","date_gmt":"2026-06-17T07:18:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100505\/"},"modified":"2026-06-17T07:18:22","modified_gmt":"2026-06-17T07:18:22","slug":"berlin-linda-berlin-wie-franziska-mascheck-aus-dem-landkreis-leipzig-in-den-bundestag-kam-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100505\/","title":{"rendered":"Berlin\u2013Linda\u2013Berlin: Wie Franziska Mascheck aus dem Landkreis Leipzig in den Bundestag kam \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Wie wird man eigentlich Mitglied des Bundestages \u2013 und was braucht es, um diesen Schritt wirklich zu gehen? In einer Interview-Reihe sprechen wir mit Franziska Mascheck \u00fcber ihren ungew\u00f6hnlichen Weg in die Bundespolitik. Vom Ballettstudium \u00fcber soziale Arbeit bis hin zur Kandidatur im l\u00e4ndlichen Sachsen. Im ersten Teil des Interviews geht es um die Frage: Wie kommt man \u00fcberhaupt in den Bundestag? Weitere Teile widmen sich unter anderem dem politischen Alltag, dem Leben nach der gro\u00dfen Politik sowie dem Spannungsfeld zwischen \u201edenen da oben\u201c und \u201euns hier unten\u201c.<\/p>\n<p><strong>Hallo Frau Mascheck, erste Frage: Wie sah Ihr Leben vor dem Bundestag aus?<\/strong><\/p>\n<p>Mein erster Beruf, den ich gelernt habe, das war sehr fr\u00fch. Ich habe mit 17 an der Palucca-Schule in Dresden angefangen und dort Ballett studiert. Danach war ich lange solo-selbstst\u00e4ndig. Mein Mann und ich haben vier Kinder bekommen und ich habe mich dann entschieden, soziale Arbeit zu studieren \u2013 also, aus der Selbstst\u00e4ndigkeit herauszugehen und in ein Angestelltenverh\u00e4ltnis zu wechseln. In dieser Zeit war ich in verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit unterwegs.<\/p>\n<p>Dann habe ich mein Masterstudium in Mittweida gemacht. W\u00e4hrend dieser Zeit habe ich angefangen, mich politisch zu engagieren, weil ich gemerkt habe: Wenn wir uns hier nicht selbst einbringen, passiert eigentlich nicht so richtig etwas. Deswegen bin ich irgendwann in die SPD eingetreten, habe mich f\u00fcr den Stadtrat aufgestellt und war dort t\u00e4tig. Inzwischen war ich wieder selbstst\u00e4ndig \u2013 mit sozialer Arbeit in verschiedenen Beteiligungsprojekten. Irgendwann fiel dann die Entscheidung, dass ich kandidiere.<\/p>\n<p>Und kurz vor der Bundestagswahl sah mein Leben ungef\u00e4hr so aus: Ich habe meine Masterarbeit zum Thema Jugendarbeit im l\u00e4ndlichen Raum in Sachsen geschrieben und Ende Juni vor der Wahl abgegeben. Also alle haben schon Wahlkampf gemacht \u2013 nur ich nicht (lacht). Gleichzeitig hatten wir ein Vierseitenhof-Projekt mit mehreren Wohnparteien und einer Hofgemeinschaft. Wir haben vier Kinder \u2013 es war einfach kunterbunt. So haben wir ein alternatives, ein bisschen zerpfl\u00fccktes, aber immer sehr engagiertes Leben gelebt.<\/p>\n<p><strong>Sie haben den Moment Ihrer Kandidatur schon angesprochen. Eine Zeitung schrieb damals, dass Sie aus dem lauten Berlin ins beschauliche s\u00e4chsische Linda zogen.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, so ganz frisch war das nicht. Die Bundestagswahl fiel genau in die Zeit, als wir seit f\u00fcnf Jahren in Frohburg lebten. Die Entscheidung zu kandidieren war da nat\u00fcrlich schon l\u00e4ngst gefallen \u2013 \u00fcber ein Jahr vorher. Das war eine ziemlich lustige Situation: Ich war gerade mit einem unserer Kinder in Berlin. Unser Sohn spielte immer mal wieder in Filmen mit, auch in Kinofilmen. Gerade hatte er einen gedreht \u2013 einen wundersch\u00f6nen Film, der hei\u00dft \u201eTr\u00e4ume sind wie wilde Tiger\u201c. Wir haben dann einen Spaziergang mit Freunden gemacht und sind vor dem Bundestag entlanggelaufen.<\/p>\n<p>In diesem Moment ruft meine Kreisvorsitzende an. Und irgendwann sagt sie: \u201eFranziska, ich wollte dich fragen, ob du f\u00fcr den Bundestag kandidieren willst.\u201c Ich drehe mich um und sage: \u201eDu Birgit, ich stehe hier gerade vor dem Paul-L\u00f6be-Haus vor der U-Bahn-Station Bundestag. Ich muss aber kurz nachdenken\u2026 Ich kann das eigentlich nur machen, wenn ich nicht gew\u00e4hlt werde und wenn ich nicht so viel Wahlkampf machen muss.\u201c Denn ich musste noch meine Masterarbeit schreiben und wollte danach eigentlich promovieren. Darauf meinte sie: \u201eJa, das kann ich dir beides versprechen.\u201c (lacht)<\/p>\n<p>Dann haben wir das tats\u00e4chlich zu Hause noch einmal besprochen. Ich habe das mit meiner Familie abgestimmt. Denn f\u00fcr die SPD im l\u00e4ndlichen Raum in Sachsen zu kandidieren, ist ehrlicherweise nicht ganz ungef\u00e4hrlich. Wir haben \u00fcberlegt, was passiert, wenn die Kinder angep\u00f6belt oder angegriffen werden \u2013 allein weil ich kandidiere und mein Gesicht mit SPD-Logo an Laternen h\u00e4ngt. Wir haben auch dar\u00fcber gesprochen, ob unser Hof in der Dorfgemeinschaft Ziel werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und dann gab es so eine halb lustige Antwort: Mein Mann ist in der Feuerwehr und meinte: \u201eDu, ich bin in der Feuerwehr \u2013 bei uns schmei\u00dft keiner einen Brandsatz rein.\u201c (lacht kurz, wird dann ernst)<\/p>\n<p>Aber so richtig lustig ist das nicht. Wir haben Freunde in Brandenburg, die bei den Gr\u00fcnen sind \u2013 bei denen wurde tats\u00e4chlich ein Brandsatz auf den Hof geworfen. Letztendlich haben wir gesagt: Okay, wir machen das \u2013 weil irgendjemand muss ja Gesicht zeigen. Also das war eigentlich die einzige Entscheidung: Jemand muss Gesicht zeigen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielte Ihre Familie \u2013 vier Kinder \u2013 bei dieser Entscheidung? Einen Teil haben Sie schon beschrieben, aber wie ging das konkret?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben uns gefragt, ob wir das schaffen. Aber ehrlich gesagt: Mit vier Kindern hangelt man sich sowieso irgendwie durchs Leben. Es h\u00e4ngt auch von den Berufen ab \u2013 bei uns jedenfalls. Soziale Arbeit und Kunst, das ist ohnehin immer viel Improvisation. Und dann haben wir gesagt: Wir machen das jetzt. Auch, weil die Idee war, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich einen Listenplatz bekomme, \u00fcber den ich am Ende tats\u00e4chlich gew\u00e4hlt werde.<\/p>\n<p>Uns ging es wirklich darum, Position zu zeigen, Gesicht zu zeigen und pr\u00e4sent zu sein. Wir wussten, dass viele blaue Plakate h\u00e4ngen w\u00fcrden. Und wir wollten sagen: Wir sind auch da. Wir machen gute Projekte, wir engagieren uns, ich bin im Stadtrat. Das sind meine Werte \u2013 soziale und demokratische Werte. Ich bin Sozialdemokratin. Und ich mache das nicht obwohl, sondern genau deswegen. Das wollten wir ernsthaft machen. Aber es war eine wichtige Diskussion, ob das f\u00fcr uns so in Ordnung ist.<\/p>\n<p><strong>Welche Vorstellung hatten Sie davon, wie Politik funktioniert \u2013 und was hat sich sp\u00e4ter als Illusion herausgestellt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, das Gute an meiner Biografie ist, dass ich selten feste Vorstellungen habe. Es gibt da einige lustige Beispiele. Ich habe mit siebzehn die Aufnahmepr\u00fcfung an der Palucca-Schule bestanden \u2013 und vorher praktisch kein Ballett gemacht. Ich hatte also keinerlei Vorstellung davon, was mich erwartet. Ich bin an die Schule gekommen und musste einfach ins kalte Wasser springen.<\/p>\n<p>Und genauso war es im Bundestag auch. Ich war zwar kommunalpolitisch aktiv, aber unser Stadtrat war nicht besonders diskussionsfreudig \u2013 was auch am damaligen B\u00fcrgermeister lag. Da war wenig von lebendiger Demokratie, das h\u00e4tte man anders gestalten k\u00f6nnen. Das hei\u00dft: Ich war nicht wirklich politikge\u00fcbt. Ich kannte weder die Fachbegriffe noch die wichtigen Personen. Ich hatte nur dieses Anliegen: Ich will mich engagieren. Entsprechend hatte ich auch kaum Vorstellungen davon, wie Politik funktioniert. Ich bin einfach wieder ins kalte Wasser gesprungen \u2013 und habe unglaublich viel gelernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>\u00dcber ihre Erfahrungen im Bundestag berichten wir morgen an dieser Stelle im zweiten Teil des Interviews.<\/p>\n<p><strong>Franziska Mascheck<\/strong> wurde 1979 geboren und ist in Sachsen aufgewachsen. Politisch engagierte sie sich zun\u00e4chst auf kommunaler Ebene und war Mitglied im Stadtrat von Frohburg. F\u00fcr die SPD kandidierte sie bei der Bundestagswahl 2021 im Wahlkreis Leipzig-Land und zog \u00fcber die Landesliste Sachsen in den Deutschen Bundestag ein. Sie war eine von zwei SPD-Bundestagsabgeordneten aus Sachsen w\u00e4hrend der Ampel-Koalition 2021-2025.<\/p>\n<p>Das Interview entstand im Rahmen des Projektes <a href=\"http:\/\/www.sozphil.uni-leipzig.de\/institut-fuer-kommunikations-und-medienwissenschaft\/newsdetail\/artikel\/buerger-machen-journalismus-ein-leipziger-projekt-staerkt-medienvertrauen-im-laendlichen-raum-2025-08-20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">B\u00fcrger machen Journalismus<\/a> vom Zentrum Journalismus und Demokratie der Universit\u00e4t Leipzig (JoDem) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Journalisten-Verband Sachsen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie wird man eigentlich Mitglied des Bundestages \u2013 und was braucht es, um diesen Schritt wirklich zu gehen?&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1100506,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[19490,1180,3364,29,30,2134,71,859,184],"class_list":["post-1100505","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-bundespolitik","tag-bundestag","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-interview","tag-leipzig","tag-sachsen","tag-spd"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116764233349956209","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1100505","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1100505"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1100505\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1100506"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1100505"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1100505"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1100505"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}