{"id":1100539,"date":"2026-06-17T07:38:26","date_gmt":"2026-06-17T07:38:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100539\/"},"modified":"2026-06-17T07:38:26","modified_gmt":"2026-06-17T07:38:26","slug":"berlin-zdf-doku-ueber-die-hiv-krise-mit-aussergewoehnlichem-ansatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100539\/","title":{"rendered":"Berlin | ZDF-Doku \u00fcber die HIV-Krise mit au\u00dfergew\u00f6hnlichem Ansatz"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; Am Abend des 9. November 1989 fiel nicht nur die Mauer in Berlin, im Kino International an der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin feierte an jenem Abend auch der erste Schwulenfilm der DDR seine Kinopremiere.\u00a0<\/p>\n<p>Obwohl das Thema Aids damals auch in der DDR schon Kreise zog und auch mit Homosexuellen in Verbindung gebracht wurde, blieb das Thema in dem Film bewusst ausgespart, um nicht noch mehr zu stigmatisieren.\u00a0<\/p>\n<p>Eine interessante Randnotiz, die Zuschauerinnen und Zuschauer in dem dreiteiligen ZDF-Dokudrama \u00abAids \u2013 In Zeiten der Liebe\u00bb mitbekommen.\u00a0<\/p>\n<p>Die Doku unter dem ZDF-Kulturlabel \u00abAspekte\u00bb ist ein kleiner Schatz im \u00f6ffentlich-rechtlichen Streaming-Angebot. Denn so was hat man noch nie gesehen. Die Aids-Krise der 80er wird hier deutsch-deutsch erz\u00e4hlt.\u00a0<\/p>\n<p>Teils arbeiteten die verfeindeten Systeme der Bundesrepublik und der DDR im Zuge der HIV-Krise hinter den Kulissen sogar zusammen.<\/p>\n<p>\u00abBislang hat die Doku-Serie \u00fcber 150.000 Abrufe insgesamt\u00bb, sagt eine ZDF-Sprecherin auf Nachfrage, etwa einen Monat nach Ver\u00f6ffentlichung. Teil eins der drei Teile von je rund 30 Minuten sei das bislang erfolgreichste Video des Jahres bei \u00abAspekte\u00bb.<\/p>\n<p>Nichelmann zeigt die politische Dimension einer privaten Geschichte<\/p>\n<p>Die von HIV und Aids in den 80er und 90er Jahren besonders gebeutelten Schwulen, das ist f\u00fcr viele ein Nischenthema, aber bekanntlich lernt man viel \u00fcber Gesellschaften, wenn man sich anschaut, wie sie mit Minderheiten und verletzlichen Gruppen umgehen.<\/p>\n<p>Die Doku von Johannes Nichelmann (\u00abNachwendekinder \u2013 Die DDR, unsere Eltern und das gro\u00dfe Schweigen\u00bb) w\u00e4hlt diesen spannenden Weg.<\/p>\n<p>Ost-Berlin Anfang der 80er: Der junge K\u00fcnstler Heiko Zolchow, der zun\u00e4chst eine Frau geheiratet hat und auch Vater zweier Kinder ist, hat sein Coming-out. Er macht als B\u00fchnenbildner Karriere. Er lernt seine gro\u00dfe Liebe, den Schauspieler Dirk Nawrocki, kennen.\u00a0<\/p>\n<p>Die DDR sieht die M\u00e4nner \u00abzu asozialen Lebensweisen neigen\u00bb<\/p>\n<p>1984 d\u00fcrfen die beiden M\u00e4nner die DDR erstaunlich schnell verlassen: Die Beh\u00f6rden wollen die beiden, die recht offen ihr Schwulsein leben, loswerden, da sie eine \u00abverfestigte feindlich-negative Grundeinstellung zur DDR\u00bb haben, wie es in erhaltenen Unterlagen hei\u00dft.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung in den DDR-Papieren damals: \u00abDa beide zu asozialen Lebensweisen neigen, sind Aussprachen vonseiten staatlicher Organe bisher ergebnislos gewesen, und es ist nicht damit zu rechnen, dass Z. und N. zu k\u00fcnftigem gesellschaftsm\u00e4\u00dfigem Verhalten zu bewegen sind.\u00bb<\/p>\n<p>Neu im Westen leben Heiko und Dirk ihren Traum: am Theater, im Sex und Exzess. Dann der Alptraum: Die Diagnose Aids bringt Heiko Zolchows Leben rasch an ein Ende. Er stirbt 1987, sein Partner 1994.<\/p>\n<p>Das Bewegende an der Doku sind die Freunde und Weggef\u00e4hrten, die sich liebevoll an die beiden M\u00e4nner und ihr wildes, experimentelles Leben erinnern.<\/p>\n<p>\u00abZum Gl\u00fcck sind diese Biografien nicht einfach verschwunden\u00bb, sagt der Autor und Filmemacher Nichelmann. \u00abSie sind noch da, in den Erinnerungen der vielen Menschen, deren Leben Heiko und Dirk ber\u00fchrt haben. Auch nach all den Jahren erz\u00e4hlen sie mit einer erstaunlichen Klarheit von diesem Paar, von der Tragik ihrer Geschichte, aber eben auch von der Kraft, die darin liegt.\u00bb<\/p>\n<p>Einige Reenactments &#8211; nachgespielte Szenen &#8211; mit Schauspielern lassen neben den Zeitzeugen und Originalaufnahmen ein Panorama von Zolchow und Nawrocki und ihrer Zeit entstehen.<\/p>\n<p>\u00abWas h\u00e4tte ich ihnen vorwerfen sollen? Dass sie schwul sind?\u00bb<\/p>\n<p>Beeindruckend ist etwa Sabine Zolchow, die einstige Ehefrau von Heiko. Sie akzeptierte mit verbl\u00fcffender Toleranz die Liebe ihres Mannes zu einem anderen Mann: \u00abWas h\u00e4tte ich ihnen vorwerfen sollen? Dass sie schwul sind?\u00bb<\/p>\n<p>Zu Wort kommen beispielsweise auch der Regisseur und langj\u00e4hrige Freund der beiden M\u00e4nner, Jean-Claude Kuner, der Theaterregisseur Frank Castorf, der Szenenbildner Karl-Hermann Reith und der Schauspieler Bernd Stegemann.<\/p>\n<p>Der Historiker Henning T\u00fcmmers ordnet ein, wie etwa angesichts von Aids einige Politiker und Presseorgane und selbst Virologen im Westen das Bild einer apokalyptischen Katastrophe mit einem hetzerischen Schulddiskurs gegen Schwule entwarfen, sogar Safer Sex nicht als L\u00f6sung begriffen. In der DDR wurde die Krankheit dagegen zun\u00e4chst totzuschweigen versucht.<\/p>\n<p>\u00abHamsterhaftes Sexualleben\u00bb<\/p>\n<p>Der CSU-Politiker Peter Gauweiler, damals Staatssekret\u00e4r in Bayerns Innenministerium, wird in einer Talk-Runde von 1987 gezeigt. Dabei unterstellt er Schwulen ein \u00abhamsterhaftes Sexualleben\u00bb. Beh\u00f6rden m\u00fcssten \u00aboffene Seuchenquellen, zum Beispiel Saunaclubs von Homosexuellen, in denen massenhaft Analverkehr betrieben wird\u00bb, schlie\u00dfen.\u00a0<\/p>\n<p>Gegenkraft ist damals die in diesem Jahr gestorbene CDU-Politikerin Rita S\u00fcssmuth, die als Gesundheitsministerin unerschrocken und pragmatisch nicht moralisierte, sondern unter anderem f\u00fcr die Nutzung von Kondomen warb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; Am Abend des 9. 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