{"id":1100652,"date":"2026-06-17T08:45:17","date_gmt":"2026-06-17T08:45:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100652\/"},"modified":"2026-06-17T08:45:17","modified_gmt":"2026-06-17T08:45:17","slug":"tierschutz-in-stuttgart-zerquetscht-oder-erschoepft-fische-im-neckar-sterben-leise-und-unsichtbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1100652\/","title":{"rendered":"Tierschutz in Stuttgart: Zerquetscht oder ersch\u00f6pft \u2013 Fische im Neckar sterben leise und unsichtbar"},"content":{"rendered":"<p>Viele Fische geraten in Turbinen oder bleiben am Rechen h\u00e4ngen. Besonders beim Aal ist die Lage dramatisch. L\u00f6sungen gegen den massenhaften Tod? Am Neckar in Stuttgart schwierig.<\/p>\n<p> Es ist ein lautloser und unsichtbarer Tod, den unz\u00e4hlige Fische in den Kraftwerken entlang des Neckars erleiden: Sie werden in den Turbinen zerquetscht oder sterben vor Ersch\u00f6pfung an den vorgeschalteten Rechen, weil sie dem Wassersog nicht mehr entkommen k\u00f6nnen. Das alles passiert seit Jahrzehnten, und doch haben die meisten Menschen noch nie davon geh\u00f6rt. Und leider ver\u00e4ndert sich zumindest am <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Neckar\" title=\"Neckar\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Neckar<\/a> auch wenig, da dort technische L\u00f6sungen besonders schwierig und teuer sind.<\/p>\n<p>Entlang des schiffbaren Teils des Neckars gibt es 29 Wasserkraftwerke sowie sechs Gas- und Kohlekraftwerke. Da viele Fischarten, vor allem str\u00f6mungsliebende oder wandernde Arten wie Aal, Barben oder Nasen, immer der st\u00e4rksten Str\u00f6mung folgen, geraten sie unweigerlich zu den Rechen an den Kraftwerken. Am Neckar gibt es wegen der Staustufen und Schleusen kaum eine andere Str\u00f6mung.<\/p>\n<p>Die Fische landen am Ende mit M\u00fcll im Container <\/p>\n<p>\u201eFische haben aber nur Kondition f\u00fcr drei Sekunden\u201c, erkl\u00e4rt Hans-Hermann Schock, der Vorsitzende des W\u00fcrttembergischen Anglervereins &#8211; die Tiere entk\u00e4men deshalb dem Sog am Rechen nicht und w\u00fcrden gegen die Stangen gedr\u00fcckt, bis der dazugeh\u00f6rende Kran das angesammelte Material samt Fischen abr\u00e4umt und in Container l\u00e4dt. Kleinere Fische passieren den Rechen und k\u00f6nnen in den Wasserkraftwerken in den Turbinen verletzt oder get\u00f6tet werden. Durch den Druck platzt h\u00e4ufig auch die Schwimmblase.<\/p>\n<p>In den sechs Gas- und Kohlekraftwerken am Neckar, die im vergangenen Jahr zusammen 96 Millionen Kubikmeter <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Wasser\" title=\"Wasser\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wasser<\/a> zur K\u00fchlung angesaugt haben, ist die Situation etwas anders. Dort gibt es meist eine ganze Reihe hintereinandergeschalteter Rechen, damit die Pumpen nicht durch \u00c4ste oder Plastikteile besch\u00e4digt werden. Da dort die Kraft des st\u00fcrzenden Wassers nicht ben\u00f6tigt wird wie in einem Wasserkraftwerk, kann viel besser die Flie\u00dfgeschwindigkeit verringert werden; die Fische k\u00f6nnen also auch wieder zur\u00fcckschwimmen. Wie Franziska Fahrbach von der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/EnBW_Energie_Baden-W%C3%BCrttemberg\" title=\"EnBW\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">EnBW<\/a> betont, seien auch vielerorts Feinrechen installiert worden, die sehr viele Fische nicht passieren k\u00f6nnen, und auch Fischscheuchanlagen, die die Fische etwa durch optische Signale oder durch einen leichten Stromfluss davon abhalten, zu den Rechen zu schwimmen.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/media.media.e8abfcfb-95df-4c5f-b63f-8af543065467.original1024.media.jpeg\"\/>     Am Rechen eines Wasserkraftwerkes liegt ein toter   <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Fisch\" title=\"Fisch\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fisch<\/a>.    Foto: RP <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Karlsruhe\" title=\"Karlsruhe\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Karlsruhe<\/a>    <\/p>\n<p>Wie viele Fische in den Kraftwerken am Neckar umkommen, wei\u00df aber niemand genau. Die einzige bekannte Untersuchung ist schon \u00e4lter als ein Jahrzehnt: Frank Hartmann, der Leiter der Fischereibeh\u00f6rde am Regierungspr\u00e4sidium Karlsruhe, hat von 2011 bis 2014 ein Monitoring an der K\u00fchlwasserentnahme des ehemaligen AKWs <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Philippsburg\" title=\"Philippsburg\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Philippsburg<\/a> geleitet. In den vier Jahren wurden 6,6 Millionen Fische gez\u00e4hlt. Hartmanns Fazit: \u201eDer Gro\u00dfteil der gez\u00e4hlten Fische ist zu Tode gekommen.\u201c Damals habe die EnBW aber auch dort den neuesten Stand der Technik etabliert. Das Unternehmen selbst \u00e4u\u00dfert sich zur Todesrate von Fischen in ihren Kraftwerken nicht, weder zu Philippsburg noch anderswo.<\/p>\n<p>Weitere Sch\u00e4tzungen, welcher Prozentsatz der Fische umkommt, bewegen sich zwischen f\u00fcnf und 100 Prozent, je nach Fischart, Flusssystem und Turbine. Aber bei 29 Wasserkraftwerken am Neckar d\u00fcrfte kaum ein wandernder Fisch heil im <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Rhein\" title=\"Rhein\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rhein<\/a> ankommen &#8211; ein Tier, das es selbst durch zehn Turbinen unbeschadet schafft, hat immer noch 19 weitere vor sich. Das r\u00e4umt auch Susanne Sch\u00fcle ein; sie ist Projektleiterin Umwelt bei der Neckar AG. Der Neckar AG, eine hundertprozentige Tochter der EnBW, geh\u00f6ren 26 Wasserkraftwerke.<\/p>\n<p>Kaum ein Aal schafft den langen Weg in die <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Nordsee\" title=\"Nordsee\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nordsee<\/a> <\/p>\n<p>Gerade beim Aal ist die Lage dramatisch. Die Anglervereine setzen zwar viele Aale ein, und das sei auch gut so, meint der bekannte Fischbiologe Ralf Haberbosch. Denn die Aale blieben zehn bis 20 Jahre in ihrem Gew\u00e4sser: \u201eDer Besatz nutzt also vor Ort dem Bestand.\u201c Irgendwann aber wollen die Aale in die Nordsee: \u201eAber die Kraftwerke \u00fcberlebt kein Aal &#8211; der Besatz nutzt also f\u00fcr den langfristigen Arterhalt gar nichts.\u201c Es gibt aber zumindest einen Berufsfischer, der im Auftrag der Neckar AG Aale an Staustufen herausholt und per Lastwagen in den Rhein f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Nicht \u00fcberall ist die Situation so schlecht wie am Neckar. Die Nebenfl\u00fcsse wie Enz oder Kocher weisen trotz der Wasserkraftwerke noch eigene Str\u00f6mungen auf, denen die Fische folgen k\u00f6nnen. Dort gibt es auch Fischtreppen. Am Neckar seien vor vielen Jahrzehnten zwar auch Fischtreppen gebaut worden, sagt Felix Hertenberger vom Regierungspr\u00e4sidium <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a>, aber sie funktionierten schlicht nicht. An den Nebenfl\u00fcssen sind daneben auch sonstige technische L\u00f6sungen einfacher m\u00f6glich. Fischschonende Rechen etwa seien dort mittlerweile Standard, sagt Susanne Sch\u00fcle.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/media.media.33203d5b-118f-4b85-9756-c2329b2fe653.original1024.media.jpeg\"\/>     Neuere Anlage mit Feinrechen an einem kleineren Wasserkraftwerk    Foto: RP Karlsruhe    <\/p>\n<p>Am Rhein sind die Wasserkraftwerke oft zehn Mal gr\u00f6\u00dfer als jene am Neckar. Die Turbinen sind riesig, und sie drehen sich langsamer: \u201eDie Gefahr von Sto\u00df- und Quetschverletzungen bei der Passage ist deshalb geringer\u201c, sagt Frank Hartmann. Er will aber keinesfalls Entwarnung geben: \u201eEs treten auch am Rhein erhebliche Sch\u00e4digungen an Fischen auf.\u201c<\/p>\n<p>Am Neckar dagegen seien solche fischschonende Rechen kaum einsetzbar, weil meist die notwendige Fl\u00e4che fehle, sagt Susanne Sch\u00fcle. Dabei m\u00fcsste der Rechen horizontal oder vertikal stark schr\u00e4g gestellt werden. Den Fischen gelingt es dann, entlang des Rechens oder bei vertikalen Rechen nach oben zu schwimmen; so gelangen sie in eine R\u00f6hre, die um das Kraftwerk herumf\u00fchrt &#8211; die Fische w\u00e4ren gerettet. Problem sei aber oft auch, dass der Rechen oder die Abwanderungsr\u00f6hre durch Treibgut verstopfe, so Sch\u00fcle.<\/p>\n<p>Am Wasserkraftwerk Aldingen plant die Neckar AG derzeit erstmals am Neckar einen solchen neuen Rechen &#8211; der Kostenpunkt f\u00fcr die gesamte \u00f6kologische Durchg\u00e4ngigkeit, also inklusive Fischauf- und -abstieg, liegt bei 23 Millionen Euro.<\/p>\n<p>Eine weitere M\u00f6glichkeit, die Fische besser zu sch\u00fctzen, sind moderne Turbinen. Die Kanten k\u00f6nnen weniger scharf gemacht werden, und der Zwischenraum zwischen der eigentlichen Turbine und dem Mantel kann m\u00f6glichst klein gearbeitet sein, damit dort Fische nicht mehr eingequetscht werden k\u00f6nnen. Daneben werden in den USA erstmals Maschinen gefertigt, die weniger Druck erzeugen &#8211; wom\u00f6glich sind letztlich sogar die hohen Dr\u00fccke sch\u00e4dlicher f\u00fcr die Fische als die direkten mechanischen Einwirkungen.<\/p>\n<p> Neue Turbine senkt Mortalit\u00e4t um 37 Prozent <\/p>\n<p>Am Wasserkraftwerk Hirschhorn, kurz vor Heidelberg, hat die Neckar AG bereits eine von zwei baugleichen Turbinen entsprechend umger\u00fcstet: \u201eDie Mortalit\u00e4t der Fische hat sich dadurch um rund 37 Prozent verringert\u201c, sagt Sch\u00fcle. Daneben wurde dort auch eine Fischscheuche installiert. Ein Problem bei der Kontrolle der Wirksamkeit sei aber gewesen, dass man au\u00dfer der invasiven Art der Schwarzmeergrundel kaum andere Fische angetroffen habe &#8211; auch das ist ein alarmierendes Ergebnis.<\/p>\n<p>Frank Hartmann und Ralf Haberbosch bescheinigen der Neckar AG, offen zu sein f\u00fcr Ver\u00e4nderungen. An der Murg bei Forbach hat die EnBW etwa einen einzigartigen Fischaufzug verwirklicht. Aber am Neckar stehe alles noch sehr in den Anf\u00e4ngen, meint Ralf Haberbosch.<\/p>\n<p> Wasserrechte laufen 2034 aus &#8211; wie geht es dann weiter? <\/p>\n<p>Ein gewisses Hindernis f\u00fcr den Fischschutz ist auch die politische Situation. Die Wasserrechte der Neckar AG f\u00fcr alle Wasserkraftwerke laufen nach hundert Jahren bald aus, konkret Ende 2034. Und der Bund hat sich noch nicht entschieden, wie es danach weitergeht. Solange halte sich die Neckar AG mit gr\u00f6\u00dferen Investitionen zur\u00fcck, hei\u00dft es.<\/p>\n<p>Susanne Sch\u00fcle betont, dass man trotzdem vieles mache. Rolf Haberbosch und Hans-Hermann Schock finden sogar, dass man jetzt grunds\u00e4tzlich \u00fcber die Wasserkraftwerke nachdenken sollte: Ihr Beitrag zur Stromerzeugung liege insgesamt bei wenigen Prozent &#8211; das rechtfertige die gro\u00dfen \u00f6kologischen Sch\u00e4den nicht mehr. Susanne Sch\u00fcle sieht es naturgem\u00e4\u00df anders. Die Wasserkraftwerke gebe es seit hundert Jahren am Neckar, der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.wildtiere-in-stuttgart-die-fische-verschwinden-immer-mehr-aus-dem-stuttgarter-neckar.61c6e2ed-0709-4eac-9cce-c5440e9849a3.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">dramatische R\u00fcckgang der Fische<\/a> sei aber ein Ph\u00e4nomen der letzten Jahrzehnte: \u201eEs muss also noch andere bedeutende Faktoren geben.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Viele Fische geraten in Turbinen oder bleiben am Rechen h\u00e4ngen. Besonders beim Aal ist die Lage dramatisch. 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